Mädcheninternat Zucht und Unordnung

Im Institut St. Josef im freiburgischen Hinterland prallen zwei Welten aufeinander: Sittenstrenge Ordensschwestern erziehen pubertierende Mädchen. Trotz grossem Erfolg muss das Internat bald schliessen.

Hier hat der Pfarrer jeweils seine Mahlzeiten eingenommen. Allein. Er sass im schmalen Séparée zwischen dem Esszimmer der Mädchen und demjenigen der Schwestern. Sass bei seinem Fläschchen Gamay, löffelte seine Suppe, sinnierte über den Gang der Zeit. Es war still im Internat. Essenszeit war Schweigezeit. Und die wurde rigoros durchgesetzt. Manches Mal wird der Pfarrer über dem Essen eingenickt sein. Einsamer Mann Gottes.

Heute ist es mittags laut in der Guglera. Die Mädchen schnattern beim Essen fröhlich, und auch die Schwestern tauschen sich rege aus über den Vormittag. Es gibt keinen Pfarrer mehr im Institut St. Josef. Als der letzte Aumônier starb, wollten die Schwestern auf einen Nachfolger verzichten. «Die hätten uns einfach wieder einen alten Mann geschickt», sagt Schwester Imelda. Das gab Krach. Doch die Frauen haben sich durchgesetzt. «Ein alter Geistlicher in einem Mädcheninternat – das wäre heutzutage schwierig», sagt Schwester Imelda. Jetzt kommt jeweils Pfarrer Riedo zur Messe. Dann, wenn es die Schwestern wünschen. Die Mädchen nehmen am Gottesdienst kaum mehr teil.

Imelda Steinegger ist Schulleiterin des Instituts St. Josef in der Guglera, einem Mädcheninternat der «Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz, Ingenbohl». Das Institut besteht seit 1861, seit 1969 ist es Mädchen vorbehalten. Teenager mit schwierigem familiärem Umfeld oder Schulproblemen absolvieren hier die Sekundarschule, aber auch Mädchen aus guten Häusern kommen in das angesehene Internat im freiburgischen Hinterland.

In zwei Jahren muss das traditionsreiche Institut in Giffers FR schliessen – trotz guter Auslastung. Dem Schwesternorden fehlt es an Nachfolgerinnen. Und die Beschäftigung von externen Lehrkräften ist zu einer finanziellen Belastung geworden, die das Mutterhaus nicht mehr tragen kann. Der Kanton Freiburg hat bislang jede Unterstützung verweigert.

Die Internatsschule Guglera – das ist ein hässlicher Betonklotz aus den sechziger Jahren inmitten der lieblichen Hügellandschaft des Senseoberlands. Die Umgebung ist grün, auf Nachbars Weide grasen schwarze Schafe, darüber kreist der Rotmilan. Von der alten Schulanlage – ursprünglich ein Waisenhaus – ist nichts geblieben. Wo der historische Bau gestanden hat, blüht heute der Löwenzahn. Auch der alte Führungsstil hat die Zeit nicht überdauert. Wenn auch eine gewisse Strenge heute noch gelebt wird.

«Was ist denn der Vorteil, wenn bei der Hose die Schamhaare rausschauen?», fragt die Schwester schon mal Mädchen, die sich zu freizügig geben. Auch Gewalt ist ein Thema. Vergangenes Jahr sind zwei Mädchen mit den Fäusten aufeinander losgegangen. Einige haben einen sehr unachtsamen Umgang mit dem Material und Mobiliar. «Wenn etwas kaputt ist, sagen sie, das könne man ja einfach ersetzen», sagt Schwester Imelda. Sie schüttelt den Kopf.

Die Internatsschule – das ist wie das richtige Leben. Nur konzentrierter. In der Guglera leben 100 Sekundarschülerinnen auf engem Raum. Junge Frauen, von denen einige nichts anderes im Kopf haben als Ausgehen, Sex, Kleider und SMS. Mädchen, die – «huere gottverdammti Schiissi», «arschgeil», «Maaaan, gaaaats no?» – reden, wies Gott verboten hat. Mädchen, die gerne Bauch und Nabel zeigen. Die das volle Leben wollen. Jetzt.

Die Guglera – das ist keine heile Welt. Hier müssen Antworten gefunden werden auf die erzieherischen Herausforderungen unserer Zeit. Eine gewisse Rigorosität beherrscht denn auch heute noch den Internatsbetrieb: Unter der Woche werden die Handys eingeschlossen, bauchfreie T-Shirts und tiefe Ausschnitte sind verboten, wer dennoch zu knapp bekleidet erscheint, muss ein Schlabber-T-Shirt überziehen. Rauchen ist verboten. Um 21 Uhr 30 ist Lichterlöschen, um 22 Uhr Nachtruhe. Ausgang gibt es nicht. Die Regeln sind klar und verbindlich – sie durchzusetzen indes ist bisweilen schwierig. Die Mädchen haben da so ihre Tricks. Da kann es schon mal Razzien geben.

«Als ich meinen Freunden erzählte, dass ich in eine von Schwestern geführte Internatsschule gehe, dachten die, dass ich Nonne werde», erzählt Farah. Die 16-Jährige kam im August vor zwei Jahren an einem Sonntagabend in der Guglera an. Rein und nicht so schnell wieder raus. 100 fremde Mädchen, es war der Beginn eines neuen Lebens – sie habe nicht geweint. «Ich musste lernen, mich mit anderen zu arrangieren, selbst auf mein Zeugs aufzupassen. Ich bin erwachsen und selbstsicherer geworden», sagt sie. Die Schwestern mögen das bisweilen anders sehen. So muss das sein zwischen den Generationen.

«Ich glaube nicht an Gott»


Um sechs Uhr früh versammeln sich die Schwestern in der Kapelle zur Morgenmesse. Als sie ihre melancholischen Choräle anstimmen, fallen die ersten Sonnenstrahlen auf die uralten drei Eichen vor dem Haus. Die Mädchen schlafen noch. «Jetzt ist der Tag noch unser», sagt Schwester Imelda.

1966, im Alter von 22 Jahren, legte sie die Profess ab. Gehorsam, arm und ehelos – ein Leben im Dienst der Menschen in einem Frauenorden, der in den damals mausarmen katholischen Kantonen Kranken- und Altenpflege, Kinderheime und Dorfschulen unterhielt. Dass Mädchen in die Sekundarschule gingen, sei keine Selbstverständlichkeit gewesen, erzählt Schwester Imelda, die selbst eine Schwesternschule besucht hat. Zeit ihres Lebens hat sie sich für Ausbildungschancen für Mädchen eingesetzt. «Ich wollte die Welt verändern. Etwas für die Menschen tun. Mit christlichem Glauben an das Gute.»

«Ich glaube nicht an Gott», erklärt Farah. Wenige der Mädchen hier täten das. Glauben sei kaum mehr ein Thema heute. «Ich glaube schon, dass da etwas ist. Aber nicht, dass das verkörpert sein muss.»

Um sieben Uhr kommt Leben ins Haus. Die Mädchen sind aufgestanden und schlendern die Treppen herunter. Es herrscht eine spürbare Vorfreude. Ein langes Wochenende steht an. Es ist die Freude auf einen Ausflug in ein anderes Leben, in dem alles nachgeholt werden muss, was unter der Woche nicht möglich ist. Es ist ein ungeheurer Kontrast: die bunten jungen Frauen neben den grau-weiss gewandeten Schwestern.

Als «blöde Nonne» oder «Pinguin» habe man sie während ihres Studiums an der Universität bezeichnet. Wie eine Aussätzige behandelt zu werden sei grausam gewesen, erzählt Schwester Imelda, die in Zürich das Lehrerpatent gemacht hat. Seit zehn Jahren trägt sie kein Ordenskleid mehr – als eine der wenigen. Doch auch die Zivilkleidung sorgt für Kontroversen. «Ich habe schon Schülerinnen gehabt, die fanden, ich sei keine richtige Nonne», sagt die Direktorin. Sie trägt ein dezentes Parfum.

Kajal betont Farahs Augen, sie trägt Bluejeans und ein unauffälliges Shirt. Sie hat langes kastanienbraunes Haar, darin eine rosa Spange. Sie sei für ihre Altersgruppe sehr brav angezogen, und das sei gut so, meint sie. «An öffentlichen Schulen braucht man zu viel Zeit, um sich schön zu machen», erklärt sie. Das sei anstrengend. In manchen Dingen ist die junge Schülerin angepasster als ihre Lehrerin.

Über Farahs Bett hängen Poster von Popstars, über demjenigen einer ihrer Zimmernachbarinnen ein Stop-Aids-Plakat. Neben jedem der fünf Betten steht eine abschliessbare kleine Kiste für die Wertsachen. Zu Hause habe sie ein Zimmer für sich, sagt Farah. Und einen Fernseher. Sie könne weitgehend selbst entscheiden, wann sie was tue. Hier hingegen teile man alles: die Duschen, das Lavabo, das Zimmer, die Zeit. Man sei kaum je allein. Das habe auch schöne Seiten. «Wer beispielsweise Kummer hat, ist hier bestens beraten», sagt sie. Eines der 100 anderen Mädchen wisse immer eine Lösung.

Ab August wird Farah ins Gymnasium gehen und wieder die ganze Woche bei ihrer Mutter leben. Sie freut sich, künftig wieder selbst entscheiden zu können. Und wird gleichzeitig die Gemeinschaft der Guglera vermissen. «Es wird komisch sein, wieder allein in einem Zimmer zu schlafen», sagt sie.

«Ist es sinnvoll, was ich hier mache? Will ich diesen Weg wirklich weitergehen?» Immer wieder habe sie sich diese Fragen gestellt, erzählt Schwester Imelda. Und sie habe mehr als einmal erwogen, diese Arbeit hier abzubrechen. «Natürlich habe ich ewig gelobt. Aber früher dauerte ewig viel kürzer», sagt sie.

Die grosse Ernüchterung


Es sei die Idee der Autonomie gewesen, die sie so fasziniert habe. Als Frauengruppe etwas bewirken. Das 2. Vatikanische Konzil sei ein grosser Aufbruch gewesen. Die Ernüchterung kam später. Als klar wurde, dass Frauen keine Möglichkeit erhalten würden, den Gang der Kirche offiziell zu beeinflussen. «Heute weiss ich aber, dass ich die Kirche mitpräge – egal, was der Papst verkündet», sagt sie.

«Wir bekommen immer alles. Immer das neuste Mobiltelefon, immer die neusten Schuhe. Wie sollen wir denn Bescheidenheit lernen?», fragt Farah. Sie sei voller Bewunderung dafür, was die Schwestern hier leisteten, sagt sie. Es sei schade, dass die Schule aufgegeben werden müsse. Die Guglera sei für viele Mädchen eine Chance gewesen. Gerade wegen der Abgeschiedenheit. Viele Mädchen in einer schwierigen Situation hätten hier wieder auf den Boden zurückgefunden. Und für manche Schwester sei die Schule vielleicht das Einzige, wofür sie sich ein Leben lang engagiert hätten. «Die Schwestern sind nicht die Monster, wie wir manchmal denken», sagt die Schülerin.

«Ich hätte mir gewünscht, einmal mehr Zeit für die Betreuung der Ehemaligen zu haben», sagt Schwester Imelda. Schon bald wird sie selbst eine Ehemalige sein. Unfreiwillig und wehmütig. «Schliesslich ist das nicht einfach ein Job gewesen», sagt die Schulleiterin, die wie alle Ordensfrauen für Kost und Logis arbeitet – Arbeit für Gotteslohn. «Manchmal sogar für weniger», meint Schwester Imelda. Manche Schwester musste früher noch einen Garten bewirtschaften, um sich die Versorgung zu sichern. Was nach der Guglera komme – sie habe keine Ahnung.

Bleibt einzig die Hoffnung, dass rechtzeitig jemand gefunden wird, der die Anlage übernimmt und die Schule weiterführt. Dass zumindest ein Teil der Tradition, die hier während 150 Jahren gewachsen ist, weitergegeben werden kann.

Text:
  • Lukas Egli
07. Juli 2005, Beobachter 14/2005