Mediation: Nachhilfeunterricht im Konfliktmanagement
Bei Streitfällen unter Erwachsenen spielt Mediation eine immer wichtigere Rolle, an Schulen jedoch ist sie noch Neuland. Dabei hilft Konfliktbewältigung unter Schülern, Gewaltausbrüche zu vermeiden, und stärkt die Eigenverantwortung.
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Turnen würde ich schon gern, doch mit der Bubengruppe aus der anderen Klasse gibt es jedes Mal Streit. Sie provozieren uns ständig», meint Silvan, Oberstufenschüler der dritten Klasse. «Das stimmt nicht», hält Robi dagegen, «ihr versteht keinen Spass und foult bei jeder Gelegenheit.» Der Unterricht ist massiv gestört. Schliesslich nutzen die beiden Gruppen das Angebot der Mediation an ihrer Schule. Zwei «Delegierte» erarbeiten in Rücksprache mit ihrer Gruppe und unter Anleitung eines speziell ausgebildeten Mitschülers Lösungsansätze.
Das geschieht je nach Vorgehen in vier oder fünf Phasen: Zunächst wird das explizite Einverständnis beider Parteien eingeholt, den Konflikt auf diese Weise zu lösen. Auch Regeln für das gemeinsame Gespräch werden festgelegt: Alle sollen ausreden dürfen, Beleidigungen und Beschimpfungen sind tabu. Dann darf jeder seine Sicht der Dinge schildern. Aufgabe des als Mediator tätigen Schülers ist es, so lang nachzufragen, bis er sicher ist, dass jeder jeden verstanden hat.
Sind die Interessen beider Parteien geklärt, werden Lösungsvorschläge erarbeitet. Dies ist Sache der Parteien: Sie allein sind verantwortlich für die Lösung, und es sollen beide Seiten damit einverstanden sein. An einigen Schulen wird die gemeinsam getroffene Vereinbarung am Schluss schriftlich festgehalten, andere begnügen sich mit einem Handschlag.
Mediation wird an Schulen meist eingeführt, um Gewaltausbrüche zu verhindern. So auch im Schulhaus Kirchbühl/Weissenrain in Uetikon am See ZH. Dort sind 13 Lehrpersonen und rund 200 Primarschülerinnen und -schüler der Unterstufe in das Projekt involviert. Professionell begleitet werden sie von der Zürcher Mediatorin Gabi Brugger und von Thomas Hess vom Institut für systemische Entwicklung und Fortbildung, Zürich.
«Voraussetzung für mich ist, dass alle Lehrerinnen und Lehrer eines Schulhauses mitmachen», sagt Gabi Brugger. «Sonst ist eine Änderung der Konfliktkultur nicht möglich.» Sie führt zweitägige Workshops mit den Lehrpersonen durch, um sie mit Haltung und Technik der Mediation vertraut zu machen. Die Lehrkräfte geben dann das Gelernte an ihre Schüler weiter. Bei diesem Prozess begleitet Brugger sie in der Regel ungefähr ein Jahr lang.
Für Stefan Urner, Schulleiter des Schulhauses Kirchbühl/Weissenrain, besteht das Endziel darin, dass die Primarschüler ihre Streitereien anders als mit Schlägen oder Beleidigungen bewältigen können. «Zugleich soll das Vertrauen der Lehrpersonen in die Konfliktlösungsfähigkeiten der Schüler gestärkt werden. Auch wenn die eine oder andere Lösung den Vorstellungen eines Erwachsenen vielleicht widerstrebt: Nur so können Eigenverantwortung und Selbstbewusstsein der Schülerinnen und Schüler wirkungsvoll gestärkt werden.»
Noch steckt die Schule mitten im Projekt. «Ob und wie es letzlich funktioniert», so Urner, «wissen wir noch nicht.»
Ausbildung von «Konfliktlotsen»
Gabi Brugger gestaltet ihre Programme bewusst in zwei Stufen: «Niemand kennt seine Schülerinnen und Schüler besser, niemand hat mehr pädagogische Kompetenz als das Lehrpersonal. Deshalb arbeite ich nicht direkt mit den Kindern, sondern die Lehrkräfte geben das Know-how weiter, das sie bei mir erwerben.»
Einen andern Weg gehen Markus Murbach und Otmar Schneider vom Mediations-Team St. Gallen. In diesem Kanton hat brutalste Gewalt an Schulen wiederholt Negativschlagzeilen gemacht; es bestand daher dringender Handlungsbedarf.
Nach dem Modell von Murbach und Schneider lernen Klassen an so genannten Sensibilisierungsveranstaltungen die Mediation in ihren Grundzügen kennen. Sie bestimmen zwei Schüler, die den vertiefenden Ausbildungskurs besuchen und danach als «Konfliktlotsen» amtieren.
Dabei nutzen Murbach und Schneider die Vorteile von «peer education» (Schulung Gleichaltriger) bereits auf dieser Stufe konsequent: Sie bilden «Konfliktkapitäne» aus Lehrlinge und Lehrtöchter aus Grossbetrieben, die mit den Mediatoren die Sensibilisierungsveranstaltungen bestreiten. Eine davon ist Jeanette Tönges, Lehrtochter bei der Verwaltung der Stadt St. Gallen: «Es ist eine Herausforderung, das Interesse der Schüler zu wecken. Das geht leichter, wenn jemand im gleichen Alter von seinen Erfahrungen berichtet.»
Das Mediations-Team St. Gallen hat bereits 120 Konfliktlotsen aus 51 Klassen ausgebildet. Eines der teilnehmenden Schulhäuser ist das Oberstufenzentrum Engelwies in der Stadt St. Gallen. Sieben Konfliktlotsen stehen für 13 Klassen zur Verfügung. Für die Mediationen wurde ein spezieller Raum eingerichtet. Hier konnten unter Anleitung eines Konfliktlotsen seit letztem Herbst rund sieben Streitfälle gelöst werden.
Theo Schneider, Gesundheitsverantwortlicher der Schule, erzählt: «Am Anfang herrschte eine gewisse Euphorie. Man war der Meinung, dass man nun für alle Konflikte eine schnelle Lösung zur Hand habe. Doch bis sich die Idee der Mediation durchsetzen kann, braucht es Zeit.»
Mediationen von Schülern für Schüler laufen insgesamt weniger komplex ab als bei Erwachsenen. Kinder haben noch nicht die Neigung, Vergangenes endlos durchzukauen. So liegt der Zeitaufwand für Schülermediationen bei ungefähr zehn bis 60 Minuten.
Positive Auswirkungen
Und wie beurteilen die Konfliktlotsen selbst ihre Arbeit? «Das Projekt gefällt mir sehr», sagt zum Beispiel Dusan. «Zudem hat sich mein eigenes Konfliktverhalten geändert. Ich bin ruhiger geworden.» Es stellt ihn zudem auf, wenn er andern Menschen helfen kann. Bereits dreimal hat er erfolgreich in einem Streitfall vermittelt.
Auch Markus findet, dass das Projekt positive Auswirkungen hat: «Man kämpft nicht mehr.» Das gilt auch für ihn selbst. Und Michèle fügt an, dass sie sich seit dem Ausbildungskurs nicht mehr so leicht provozieren lasse.
Dass das Verfahren funktioniert, zeigt das eingangs erwähnte Beispiel: In der Vereinbarung wurde unter anderem festgehalten, dass Spiele vom Turnlehrer und nicht mehr von einem Mitschüler gepfiffen werden sollen. Parteilichkeit und die absehbaren Folgen daraus können so vermieden werden. Ein Sieg für beide Gruppen und für die Mediation.
© Beobachter Ausgabe 12 vom 08. Jun 2001 - Alle Rechte vorbehalten











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