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Mediation: Weg aus dem Konflikt

Text:
  • Toni Wirz
Ausgabe:
20/00

Wenn zwei sich streiten, brauchts oftmals einen schlichtenden Dritten. Hier setzt die Mediation ein – eine moderne Form der Konfliktbewältigung, bei der beide Parteien ihr Gesicht wahren können.

Plötzlich spielt es keine Rolle mehr, wer Recht oder Unrecht hat, sondern wie die Parteien ihre Zukunft gemeinsam gestalten wollen.» Zu dieser bemerkenswerten Erkenntnis kam 1998 der Zürcher Ständerat Hans Hofmann – damals noch kantonaler Baudirektor. Er hatte vorgeschlagen, den Streit um einen 82-Millionen-Kredit zwischen Stadt und Kanton Zürich mit Mediation statt auf gerichtlichem Weg zu lösen. Es gelang.

Die gütliche Einigung in diesem Streit fand viel Beachtung in der Öffentlichkeit. Dass die Lösung mittels Mediation erreicht wurde, weniger. Dabei steht der Fall als Beispiel dafür, dass dieses Verfahren in immer mehr Bereichen menschlichen Zusammenlebens erfolgreich zur Anwendung kommt: bei Scheidungen, Erb- und Nachbarschaftsstreitigkeiten, in Schule, Strafjustiz, Wirtschaft – und eben auch in der Verwaltung.

Wie bei den alten Griechen

Mediation bedeutet Vermittlung in Streitfällen durch neutrale, speziell dafür ausgebildete Fachleute. Sie ist weder ein neues Wundermittel noch eine zeitgeistige Modeerscheinung. Sie ist als Technik und Haltung uralt. Schon der griechische Staatsmann Solon entwickelte 500 Jahre vor Christus eine Art politische Mediation und vermittelte bei Streitigkeiten unter Bürgern.

Die heutige Zeit ist wieder reif für Mediation. Konflikte nehmen an Zahl und Schwere zu. Gleichzeitig sehen immer mehr Menschen ein, dass eine ausschliesslich mit juristischen Waffen geführte Auseinandersetzung zerstörerisch sein kann und zu viele Verlierer hinterlässt. Neue Formen der Konfliktbewältigung werden gesucht. Formen, die es erlauben, konfliktverschärfende Strategien und blockierende Kommunikations- und Beziehungsmuster zu erkennen und zu verändern. Formen, die es allen Parteien ermöglichen, fair zu verhandeln.

Damit eine Mediation gelingen kann, braucht es den Willen der Parteien, für beide Seiten eine gute Lösung zu finden. Beide müssen in der Lage sein, sich für ihre Interessen eigenverantwortlich einzusetzen; zugleich müssen sie aber auch bereit sein, die Wirklichkeit der anderen zu respektieren.

Katharina und Markus Zimmermann aus dem Kanton Zürich erfüllen diese Voraussetzungen. Bereits bei der Scheidung vor zehn Jahren hatten sie gemeinsam und mit Hilfe einer Scheidungsberaterin eine Konvention ausgearbeitet und sich über die Betreuung der beiden Kinder und die Bezahlung der Unterhaltsbeiträge geeinigt. Und sie sicherten sich zu, wieder in eine Beratung zu gehen, falls neue Abmachungen nötig werden sollten.

Vor zwei Jahren war es dann so weit. Katharina Zimmermann: «Im Lauf der Zeit habe ich gemerkt, dass die damalige Abmachung über die Unterhaltszahlungen und die Aufteilung der Kinderbetreuung für mich nicht mehr stimmte.» Also bat sie Markus Zimmermann, in eine Mediation einzuwilligen. Der war bereit, denn die fruchtlosen Diskussionen über die strittigen Punkte machten auch ihm zu schaffen. Und er sah, dass Katharina nicht zufrieden war mit ihrer Situation – das bedeutete Motivation genug für ihn.

Wie geht es nun in einer Mediation zu und her? Der Mediator oder – wie bei Zimmermanns – ein Mediatorenpaar schliesst mit den Medianten ein Arbeitsbündnis. Die Eignung für die Mediation wird überprüft, Rahmenbedingungen und Gesprächsregeln werden vereinbart, ein Ziel wird ins Auge gefasst. Im zweiten Schritt werden die strittigen Themen aufgelistet und nach Prioritäten geordnet. Dann werden die offenen Fragen und Konflikte bearbeitet. In dieser Phase geht es um eine wechselseitige Definition der Probleme und darum, Entscheidungskriterien beider Parteien sicht- und verstehbar zu machen.

Negativgefühlen Raum geben

Zu diesem Zeitpunkt der Mediation werden die Verhandlungen oft durch Angst, Wut und Trauer blockiert. Wenn dem so ist, helfen die Mediatoren, diesen Gefühlen Raum zu geben, ohne die zuvor vereinbarten Fairnessregeln zu verletzen. Schliesslich kommt es zum Kernstück der Mediation, der Einigungsphase. Hier werden möglichst viele Lösungsmöglichkeiten gesucht, deren Vor- und Nachteile erwogen, und schliesslich wird eine Einigung erzielt. Am Schluss wird das Ergebnis in einer rechtsverbindlichen Form festgehalten, beispielsweise in einer Scheidungskonvention.

Katharina und Markus Zimmermann haben sich für die Mediation sieben Sitzungen und insgesamt ein Jahr Zeit genommen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Sie haben eine neue Balance in der Gestaltung der Kinderbetreuung und eine situationsgerechtere Aufteilung der Unterhaltszahlungen vereinbart.

Aussichtsreiches Verfahren

Nicht zuletzt haben die zwei in der Mediation gute Erfahrungen mit sich gemacht: «Wir waren beide fähig zu sehen, wo der andere leidet, und konnten uns gegenseitig mit unseren Argumenten ernst nehmen, ohne in Streit zu geraten», sagt Katharina Zimmermann. Und für Markus Zimmermann liegt der Gewinn vor allem darin, dass seine Exfrau nun zufriedener mit der Situation ist: «Das kommt vor allem auch unseren Kindern zugute.»

Wenn die Parteien die Voraussetzungen erfüllen und die Mediation von ausgewiesenen Fachleuten ausgeführt wird, ist sie ein aussichtsreiches Verfahren. Aber sie ist kein Patentrezept und auch nicht einfach ein Ersatz für herkömmliche Streiterledigung. Sie kann ungeeignet sein, wenn zum Beispiel eine Partei eindeutig die schlechteren Karten hat und die eigenen Interessen nicht wahrnehmen kann. In solchen Fällen kann ein Anwalt, der eindeutig Partei ergreift, mehr erreichen.

© Beobachter Ausgabe 20 vom 28. Sep 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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