Religion
In Teufels Küche
Die evangelikale Gruppe M-28 weist klar sektenhafte Züge auf. Frühere Mitglieder brechen jetzt ihr Schweigen.

(Bild: Gerry Nitsch)
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Sie beten in kleinen Gruppen und feiern Gottesdienste in privaten Wohnungen. Die christliche Mission ist erklärtes Ziel der M-28, die seit Ende 2001 in der Innerschweiz aktiv ist. Der Name der freikirchlichen Hausgemeindebewegung leitet sich von der Bibelstelle Matthäus 28 ab, wo es heisst: «Machet zu Jüngern alle Völker.»
Und genau so, wie sich die Gemeinden vermehren sollen, so sollen es gemäss M-28 auch die Menschen tun. Es sei «genetisch krank und schadhaft», sich nicht zu «multiplizieren», stand etwa noch im April auf der Homepage von M-28. Sie ist mittlerweile offline – nachdem in der Lokalpresse kritisch darüber berichtet worden war. Florian Bärtsch, ein Leitungsmitglied von M-28, hat für das Abschalten der Website eine einfache Erklärung: «Die Texte hatte mein 15-jähriger Sohn ins Netz gehängt, sie sind unreif. Er hat sie nur verwendet, um die Site zu installieren.»
Die strenge Lehre aber wird offenbar von den M-28-Mitgliedern gelebt, auch wenn sie bis in privateste Angelegenheiten eindringt – wie etwa Unterbindung und unerfüllter Kinderwunsch. Dies haben zum Beispiel Monika und Albert F. (Namen geändert) erfahren. Sie waren Mitglieder bei M-28 und wollen anonym bleiben. Genauso wie die anderen rund 20 Ehemaligen, die sich nun zusammenschliessen und ihre Erlebnisse festhalten.
Auch bei der Fachstelle Infosekta in Zürich haben sich in letzter Zeit die Anfragen zu M-28 gehäuft. Infosekta schätzt M-28 als Gruppe mit sektenhaften Zügen ein. «Ein Merkmal ist, dass die Gruppe Erfolge für sich und die eigene Lehre beansprucht, wenn es einem Mitglied besser geht», sagt die Infosekta-Geschäftsleiterin Friederike Geray. «Versagt die Lehre aber, trifft eine Prophezeiung nicht ein, muss das betreffende Mitglied die Schuld bei sich selber suchen und gilt als Versager.»
Grosser psychischer Druck
Unerfüllte «Prophezeiungen» stürzten Albert und Monika F. laut eigenen Aussagen in eine Lebenskrise. Albert F. ist unterbunden. Dies sei ihm von M-28 als «Mord» ausgelegt worden, wofür er Busse tun müsse. Monika F., seine Frau, wünschte sich trotz allem ein Kind. M-28 habe ihr mehrmals Nachwuchs prophezeit. «Die Leiterin sagte, sie sehe einen fünflibergrossen Embryo», sagt Monika F. Dass sie aus biologischen Gründen von ihrem Mann gar nicht schwanger werden konnte, habe die M-28-Leitung nicht gekümmert. Man müsse nur genügend glauben und beten, sei ihr gesagt worden. Die Leiterin habe versprochen, dafür zu beten, dass sich Albert F.s Samenstränge wieder zusammenfügten.
Monika F. stand unter grossem psychischem Druck – «meine Periode blieb tatsächlich aus». Doch fünf Wochen nach dem Fälligkeitstermin entdeckte sie Blut in der Unterwäsche. Offenbar hatte sie nur eine Scheinschwangerschaft gehabt. «Für mich brach eine Welt zusammen. Ich weinte nur noch und fühlte mich leer.» Statt Hilfe habe sie von der Gruppe Schuldzuweisungen erhalten. Sie sei zu stolz gewesen, sei ihr vorgeworfen worden. Und Albert F. habe gesündigt. Darum hätten sie das Kind verloren. «Wir waren am Boden zerstört», sagt Albert F. Er wurde kurz darauf mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Spital eingeliefert. M-28-Leiter Bärtsch: «Dass wir etwas als Mord auslegen, stimmt absolut nicht. Im Übrigen ist der Fall hochkomplex und nicht so einfach zu erklären, da ganz verschiedene Faktoren mitspielen.»
Um Schuldzuweisungen ging es auch bei René L. Bis vor einem halben Jahr war er bei M-28. «Meine Frau war wegen psychischer Probleme in Behandlung», sagt er. «Doch plötzlich hätte ich an allem schuld sein sollen. Zu 100 Prozent – das konnte ich nicht. Ich hätte die Erlebnisse unserer zehn Ehejahre und die Meinungen von Experten ignorieren müssen.» Er sei von der M-28-Leitung mit Anschuldigungen überhäuft und dämonisiert worden.
Bei M-28 wird «Gemeindezucht» geübt. Florian Bärtsch erklärt: «Sündigt ein Mitglied immer wieder, wird es von einem anderen Mitglied zurechtgewiesen. Nützt die Konfrontation nichts, so werden Zeugen hinzugezogen. Im nächsten Schritt wird der Sünder vor der Gemeinde konfrontiert, dann wird er ausgeschlossen.»
Sektenspezialistin Geray dazu: «Hier wird in unzulässiger Weise Druck auf Mitglieder ausgeübt.» Dabei werde auch die Grenze zum privaten Bereich vermischt. Dies kontert Bärtsch: «Bei uns herrscht so viel Freiheit, dass unsere Leute eher das Problem haben, sie auszufüllen. Wir sind sicher nicht sektiererisch.»
René L. sieht das anders. Die Vorkommnisse hätten ihn so weit gebracht, dass er versucht habe, sich das Leben zu nehmen. «M-28 hat sogar unsere Ehe zerstört. Was ich erlebte, ist für mich geistlicher Missbrauch», sagt er. Von der M-28-Leitung werde er heute angehalten, seine Geschichte nicht öffentlich zu machen. Schweigen könne er aber nicht länger: «Viele kamen zu Schaden, weil Machtmenschen massiven geistlichen Missbrauch begehen – im Namen Gottes!»
Die Gruppe sieht sich als Opfer
Es könne nicht stimmen, dass die Gruppe Ehemaligen einen Maulkorb verpassen möchte, sagt Bärtsch. «Da alle Vorwürfe anonym sind, weiss ich nicht, um wen es sich handelt. Wir hatten in den letzten Jahren mit Hunderten von Leuten Kontakt.» Die Mitgliederzahl von M-28 betrage heute etwa 150. Bärtsch sieht seine Gruppe als Opfer der persönlichen Rache eines Betroffenen. Er sagt, er wisse aus direkten Gesprächen mit Aussteigern von keinen, denen es wegen M-28 schlecht gehen soll.
Albert und Monika F. blieben M-28 auch nach der Scheinschwangerschaft treu. Die Hoffnung, dass sie doch noch schwanger würde, wenn sie nur genügend glaubte, lebte bei Monika F. weiter. Sie hatte Ängste. Doch die habe sie mit ihrem Mann nicht teilen dürfen. Denn zuvor, als er im Spital war, habe es geheissen, er sei ihr eigentliches Problem. Monika F. erlitt einen Nervenzusammenbruch, wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.
Albert F. berichtet im Zusammenhang mit M-28 auch von systematischer Dämonisierung und Teufelsaustreibung: Wiederholt habe man an ihm «Befreiungsdienst» vollzogen. Von «aggressiven exorzistischen Dämonenaustreibungen» will M-28-Leiter Florian Bärtsch allerdings nichts wissen: «Wir helfen den Menschen, sich auf ihren Wunsch von Zwängen zu lösen, wie zum Beispiel vom Rauchen.»
Dieter Sträuli, Kopräsident von Infosekta, urteilt: «Falls bei M-28 tatsächlich so etwas wie Dämonenaustreibung stattfindet, kann das bei einzelnen Mitgliedern verheerende psychische Folgen haben. Das ist keine heilsame Art, mit dem Bösen im Menschen umzugehen.» Sein Fazit: «M-28 entwickelt sich in die falsche Richtung.»
Monika und Albert F. haben eine andere Richtung eingeschlagen. Von M-28 haben sie sich vor rund zwei Jahren getrennt – und sie gehen privat getrennte Wege. M-28, so glauben sie, habe ihre Ehe zerstört. Mit psychologischer Hilfe versuchen sie, Ordnung in ihr Leben zu bringen.
Weitere Infos
Wenn Sie den Eindruck haben, dass Teilnehmende in einem Kurs manipuliert werden oder dass Sie einer Gruppe angehören, die sektenhafte Züge aufweist, können Sie sich bei einer der folgenden Beratungsstellen genauer informieren:
- Infosekta, Fachstelle für Sektenfragen, Birmensdorferstrasse 421, Postfach, 8055 Zürich, Telefon 044 454 80 80, Fax 044 454 80 82; Internet: www.infosekta.ch; E-Mail: info@infosekta.ch
- Ökumenische Beratungsstelle religiöse Sondergruppen und Sekten, Neustadtstrasse 7, Postfach 3907, 6002 Luzern, Telefon 041 211 04 33, Fax 041 211 04 34; Internet: www.sektenberatung.ch; E-Mail: info@sektenberatung.ch
- Evangelische Informationsstelle, Kirchen – Sekten – Religionen, Wettsteinweg 9, 8630 Rüti, Telefon 055 260 30 80; Internet: www.relinfo.ch; Mail: info@relinfo.ch
© Beobachter Ausgabe 14 vom 07. Jul 2005 - Alle Rechte vorbehalten











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