Religion

Ist da jemand?

Text:
  • Martin Müller
  •  und Gian Signorell
Bild:
  • Elke Wetzig, Wikimedia
Ausgabe:
6/08

(Bild: Elke Wetzig, Wikimedia)

Warum glauben? Pascal - der französische Philosoph aus dem 17. Jahrhundert - dachte nach und kam zum Schluss: weil ich nur gewinnen kann. Wenn es einen Gott gibt und ich habe an ihn geglaubt, ist mir ewiges Seelenheil gewiss. Und wenn es ihn nicht gibt, habe ich nichts verloren. Anders sieht es aus, wenn ich nicht geglaubt habe: Dann droht mir ewige Verdammnis. Es ist also immer vorteilhafter, an Gottes Existenz zu glauben.


Wie viele Ungläubige sich von Blaise Pascals Argumentation zum Glauben bekehren liessen, ist natürlich nicht bekannt. Er jedenfalls hoffte, mit seiner bauernschlauen Überlegung jene zu überzeugen, die für theologische Argumente nicht zugänglich waren.


Bei Gereon Wolters beisst er dabei aber auf Granit. Wolters lehrt am Fachbereich Philosophie der Universität Konstanz. Ein Atheist, der klare Worte nicht scheut. «Schauen Sie, das Argument von Pascal hat viele Mängel. Es macht beispielsweise nur Sinn, wenn die Existenz Gottes zur Debatte steht. Dem ist aber nicht so. Es sprechen mehr Gründe gegen eine Existenz Gottes als dafür.» Und dann amüsiert den Professor der Wetteinsatz des Gottgläubigen: «Er bezahlt mit der Mühsal eines christlichen Lebens!»


Wichtig: Kraft und Trost in Notlagen

Worte, mit denen Rosmarie Wicki wohl wenig anzufangen weiss. Die 77-Jährige aus Auw im Kanton Aargau glaubt, seit sie ein Kind ist. Zweifel? Kenne sie nicht, sagt sie. In einem katholischen Dorf sei sie aufgewachsen, dort habe man nichts anderes gekannt.


In diesen Tagen fällt es ihr noch leichter zu glauben. Der Papst, so wurde Anfang März bekannt, wird die in Auw geborene Maria Bernarda heiligsprechen. Bislang gilt Niklaus von Flüe als einziger Heiliger der Schweiz. Rosmarie Wicki kennt das Leben und Wirken von Maria Bernarda bis ins kleinste Detail - sie ist nämlich Bernardas Grossnichte und wohnt im Haus der Heiligen in spe. 1848 wurde hier die spätere Ordensgründerin Bernarda geboren. Rund 40 Jahre, bis zu ihrem Tod 1924, kümmerte sich Maria Bernarda in Ecuador und Kolumbien um kranke und arme Menschen.


Rosmarie Wickis Vater starb früh, ihr Mann nach langer Leidenszeit. «Da musste man versuchen, nach vorne zu schauen und nie zurück, nie zurück.» So manches Mal habe sie sich gefragt, wie sie das wohl durchgehalten hätte, wenn sie nicht Kraft im Gebet, Trost in der Kirche gefunden hätte.


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In einer Notlage Kraft und Trost zu erfahren - das ist es, was die meisten Gläubigen aus ihrem Glauben schöpfen, wie eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Beobachters ergeben hat: Das Institut Konso befragte Ende Februar rund 700 Personen in der Deutschschweiz und der Romandie. Mehr als die Hälfte, 57 Prozent, gaben an, der Glaube sei für sie wichtig respektive sehr wichtig. Ältere Leute messen dem Glauben mehr Bedeutung zu als jüngere: Bei den über 50-Jährigen beurteilten ihn 31 Prozent als sehr wichtig, 36 Prozent immerhin als wichtig.


Auf die Frage, wo sich die Bedeutung des Glaubens am ehesten zeige, antworteten 64 Prozent «bei der Frage nach dem Sinn des Lebens», 60 Prozent «bei der Bewältigung von Lebenskrisen», 59 Prozent «bei wichtigen Entscheidungen, wo es um Moral und Gewissensfragen geht».


Gottes Güte und das Böse in der Welt

Was sagt der Atheist dazu: Gehen all diese Menschen fehl? Nein, sagt Wolters, das Resultat zähle: Wenn es den Gläubigen wohl sei, wolle er ihnen nicht missionarisch den Glauben ausreden. Allerdings: «Diese Menschen kommen mir vor wie jemand, der ein homöopathisches Mittel in D30-Verdünnung nimmt. Das ist eine Verdünnung, bei der die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, dass auch nur ein Molekül der wirkenden Substanz enthalten ist», sagt der Philosophieprofessor. Wenn es nütze, umso besser, aber das liege dann nicht an der Medizin.


Wolters’ wichtigstes Argument gegen die Existenz zumindest des christlichen Gottes ist in der Philosophie bekannt unter dem Begriff «Theodizee-Problem». Nach der christlichen Lehre ist Gott allwissend, allmächtig und allgütig. Diese Zuschreibungen aber führen zu einem Widerspruch: Ein allgütiger Gott würde den Menschen jegliches Leid ersparen, sonst wäre er nicht allgütig. Ein allmächtiger Gott hätte die nötige Macht dazu. Wie aber kommt dann das Leiden in die Welt? Es scheint offensichtlich: Der Gott, wie ihn die Christen anbeten, ist eine logische Unmöglichkeit.


Diese Überlegungen beeindrucken jedoch längst nicht alle Menschen. So gab in der Beobachter-Umfrage knapp die Hälfte der Befragten an, nämlich 47 Prozent, ihr Glaube zeige sich darin, dass sie beten. Vielleicht vermag ein Gebet, ähnlich wie der Glaube selbst, Kraft und Trost zu spenden, eine objektive Wirkung des Betens kann die Wissenschaft jedoch nicht nachweisen. Oder banaler formuliert: Beten für andere bringt nichts. Das Fachmagazin «American Heart Journal» veröffentlichte 2006 die bislang grösste Studie dazu. Das Fazit: Bypasspatienten, für deren Gesundheit regelmässig gebetet wurde, ging es nicht besser als anderen.


Längeres Leben, weniger Suizide

Unbestritten aber ist: Auf die eigene Gesundheit hat der religiöse Glaube einen positiven Einfluss. Ein Team unter der Leitung von Peter la Cour an der Uni Kopenhagen untersuchte eine Gruppe von rund 700 Däninnen und Dänen mit Jahrgang 1914. Zweimal wurde ihr Gesundheitszustand erhoben: 1984 und 2004. Resultat: Wer regelmässig zum Gottesdienst ging, lebte im Schnitt 83,4 Jahre. Die Gruppe, die der Messe fernblieb, brachte es nur auf einen Schnitt von 81,8 Jahren. «Der Kirchgang senkte das Todesfallrisiko signifikant, und zwar auch wenn alle anderen bekannten Faktoren berücksichtigt werden. Bei den Frauen ist der Einfluss grösser als bei den Männern», schreibt la Cour. Das Forscherteam untersuchte auch die Frage, ob das blosse Ansehen oder Anhören eines Gottesdienstes am Fernsehen oder am Radio einen positiven Einfluss habe. In diesem Fall konnte aber kein lebensverlängernder Effekt festgestellt werden.


Am Public-Health-Kongress vor zwei Jahren in Montreux präsentierte Adrian Spörri vom Berner Institut für Sozial- und Präventivmedizin seine Forschungsergebnisse zum Thema Suizidrate. Konfessionslose, so das Resultat, bringen sich häufiger um als Gläubige: Bei den 65-Jährigen ist die Quote doppelt so hoch wie bei den gleichaltrigen Protestanten. Diese wiederum haben, verglichen mit Katholiken, ein rund 15 Prozent höheres Suizidrisiko.


«Eine intensive religiöse Aktivität verlängert das Leben. Das ist Konsens in der Forschung», sagt Ralph Kunz, Theologieprofessor an der Universität Zürich. Zurückzuführen sei dieser Effekt darauf, dass gläubige Menschen zum einen eine höhere Bereitschaft und Motivation hätten, mit schwierigen Situationen umzugehen. Zum anderen könnten sie aber auch ihre Ressourcen besser mobilisieren und besässen eine höhere Widerstandskraft.


Die Sünden des Christentums

Religion also als Allheilmittel, als Rezept für eine gesündere, bessere Gesellschaft? Professor Wolters hat kein Ohr für solche Ideen. «Was unsere Gesellschaft bestimmt nicht braucht, sind mehr Gläubige», sagt der Atheist. Dafür sei der Leistungsausweis der Religionen, etwa des Christentums, viel zu gering. «Lassen Sie mich ein paar Sünden aufzählen: der Dreissigjährige Krieg, die Unterstützung des Kolonialismus durch die Mission, die rigide Sexualmoral, der religiöse und nationale Fanatismus.» Das Christentum sei wenigstens durch die Aufklärung, durch die Trennung von Kirche und Staat, ein wenig gezähmt worden. Religiöser Fanatismus sei im heutigen Christentum ein Randphänomen, im Islam aber ein zentrales Problem, das als solches vom Mainstream-Islam noch nicht wahrgenommen werde.


Seit einigen Jahren interessiert sich auch die Hirnforschung näher für das Phänomen Glauben. Neurotheologie heisst die junge Richtung der Neurowissenschaft. Die Neurotheologie will religiöse Erlebnisse wie die Wahrnehmung einer höheren Existenz als neurowissenschaftliche Phänomene beschreiben und erklären. Manche ihrer Experimente sind so skurril wie erstaunlich. So setzte der kanadische Neurowissenschaftler Michael Persinger seinen Probanden einen umgebauten Motorradhelm auf, in dem acht Magnetspulen schwache, fluktuierende magnetische Felder rund um den Schläfenlappen erzeugten. Rund 80 Prozent der Probanden berichteten daraufhin von spirituellen, übernatürlichen Empfindungen: Ihr Körper schien zu schweben oder zumindest zu vibrieren, lebhafte Erinnerungen spulten sich vor ihrem geistigen Auge ab, sie vernahmen innere Stimmen oder gar Instruktionen oder spürten die mystische Gegenwart eines fremden Ego, Gottes oder Schutzengels. Gott, so die Folgerung Persingers, sei nur ein Produkt des Gehirns. Bislang hat allerdings niemand versucht, Persingers Experiment zu wiederholen.


Die «Gläubigen» und die «Skeptiker»

Beteiligt am religiösen Empfinden scheint auch der Teil des Gehirns, der limbisches System genannt wird: «Menschen mit erhöhter bioelektrischer Aktivität im limbischen System neigen dazu, in grossen, kosmologischen Zusammenhängen zu denken und sich viele, vor allem auch philosophische Fragen zu stellen», erklärt Peter Brugger, Neurowissenschaftler und Leiter der neuropsychologischen Abteilung des Unispitals Zürich. Man spreche in diesem Zusammenhang von Hyperreligiosität. Das limbische System ist zuständig für die Gefühlsregulation und das Triebverhalten. Es gehört zu den stammesgeschichtlich ältesten Teilen des Gehirns. Die Neigung zu religiösen Gefühlen begleitet den Menschen somit seit dem Beginn seiner Geschichte.


Allerdings verspüren nicht alle diese Neigung in gleichem Mass. Es scheint unter den Menschen «Gläubige» und «Skep-tiker» zu geben. Brugger stellte fest, dass Menschen, die an die Möglichkeit aussersinnlicher Wahrnehmungen wie Hellsehen oder Geistheilung glauben, ganz anders denken als Skeptiker. Wo Letztere bloss den Zufall am Werk sehen, entdecken «Gläubige» in Wahrnehmungs- und Assoziationstests verborgene Zusammenhänge. So assoziieren sie zum Begriff «Fluss» neben «Bach», «See» und «Meer» schneller und mit höherer Wahrscheinlichkeit als der Skeptiker auch Begriffe wie «Zeit» oder «Leben», die eher eine indirekte oder metaphorische Verarbeitung verraten.


Brugger konnte experimentell nachweisen, dass diese schnellen und «schrägen» Assoziationsfolgen auf einer Beteiligung der rechten Hirnhälfte an assoziativen Sprachprozessen beruhen. Dabei konnte er zeigen, dass sich das Verhalten der Skeptiker nach Verabreichung des Medikaments L-Dopa, das im Hirnstoffwechsel den Neurotransmitter Dopamin freisetzt, dem Verhalten der Gläubigen annähert.


«Eine gigantische Selbsttäuschung»

Ungewöhnliche Assoziationsfolgen sind gemäss Brugger einerseits typisch für den kreativen Geist, aber auch für Menschen, die an Schizophrenie leiden. So schreckte laut dem Zürcher Neurowissenschaftler ein schizophrener Patient im Restaurant mitten im Lesen der Speisekarte auf und verliess fluchtartig das Lokal. Das Wort «Spaghetti» hatte ihm über die assoziative Brücke «Italien» ins Gedächtnis gerufen, dass ja die Mafia hinter ihm her sei.


Vielleicht also hätte der Philosoph Pascal die Gültigkeit seiner Argumentation zugunsten des Glaubens selber verneint, wenn er die aktuellen Ergebnisse der neurologischen Forschung gekannt hätte: Vielen Menschen scheint es demnach gar nicht freigestellt zu sein, ob sie einen religiösen Glauben entwickeln können. Auch in schwierigen Lebenssituationen ungläubig zu sein ist für Professor Wolters kein Grund zur Traurigkeit: «Ich bin ein zufriedener und sehr gut gelaunter Atheist. Krisen habe ich auch. Die löse ich aber selber und mit mir nahestehenden Menschen. In schwierigen Situationen Gott anzurufen, würde ich als eine gigantische Selbsttäuschung empfinden.»


Die Wissenschaft hat noch eine weitere - frohe - Botschaft für streng Ungläubige: Die Untersuchungen zum Einfluss des Glaubens auf die Gesundheit haben auch ergeben, dass Menschen, die sich als überzeugte Atheisten bezeichneten - ebenfalls länger leben. Ungesund scheint also vor allem fehlendes Engagement in philosophischen Dingen zu sein, ein lauwarmer Glaube oder ein zaghafter Atheismus. Oder wie es in der Bibel heisst, bei Jakobus: «Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.»


Ein Besinnungsweg? Eine Wallfahrt?

In Auw überlegt man sich derweil, wie man die vom Papst angekündigte Heiligsprechung von Schwester Bernarda feiern will. Die Rede ist von einem Besinnungsweg, den man realisieren möchte, und von einer Wallfahrt wie anlässlich der Seligsprechung Bernardas 1995, als sich rund 200 gläubige Freiämterinnen und Freiämter nach Rom begaben. Paul Leu, Gemeindeammann von Auw, freut sich: «Die Heiligsprechung wird ein sehr schöner und spezieller Anlass für die Gemeinde.» - Wer es bislang nicht glaubte, hat jetzt den Beweis: Glauben kann selig machen.

 

 

Beobachter-Umfrage: Viel Vertrauen in Gott, wenig in die Kirche

Welchen der folgenden Aussagen stimmen Sie zu?
Befragte, die zustimmten, in Prozent
Glaube hat mir schon manchmal aus einer Krise geholfen
78%
Meine Art zu glauben hat vor allem damit zu tun, wie ich erzogen wurde
69%
Glaube gibt Kraft im Alltag
62%
Glaube ist wichtig, wenn man an den Tod denkt
58%
Das wirklich Wahre auf der Welt ist der Glaube
31%
Welche Bedeutung hat Glauben für Sie?
Das Total entspricht 100%.
Ist etwas sehr wichtiges
21%
Ist ziemlich wichtig
36%
Ist eher weniger wichtig
24%
Ist überhaupt nicht wichtig
20%
Wieviel Vertrauen haben Sie in Vertreter der Kirche wie z.B. in Pfärrer?
Das Total entspricht 100%.
Sehr viel Vertrauen
7%
Viel Vertrauen
32%
Nicht so viel Vertrauen
35%
Sehr wenige Vertrauen
26%
Quelle:<br/>Institut Konso<br/>Februar 2008 Bei der repräsentativen Beobachter-Umfrage wurden 705 Personen im Alter über 15 Jahren befragt

© Beobachter Ausgabe 6 vom 19. Mär 2008 - Alle Rechte vorbehalten

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