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Ritualberater

Ein himmlisches Geschäft

Text:
  • Urs von Tobel
Bild:
  • Archiv
Ausgabe:
7/06

700'000 Menschen in der Schweiz haben sich von der Kirche verabschiedet, auf kirchliche Zeremonien wollen viele trotzdem nicht verzichten. Die Ritualberater freuts: Sie sorgen bei Trauungen und Beerdigungen der «Abtrünnigen» für Feierlichkeit.

(Bild: Archiv)

Nicole und Chaspar Wanner setzen sich - die Braut ganz in Weiss, der Bräutigam in feiner Schale. In der schlichten Kapelle des Ritterhauses in Uerikon ZH erklingt eine Sonate von Carl Philipp Emanuel Bach. Die katholische Theologin Susanna Meier referiert über Liebe, eine Verwandte von Wanners liest aus «Der kleine Prinz». Am Altar giessen die Brautleute aus kleinen Gefässen Wasser in eine grosse Schale, entzünden schwimmende Kerzen und legen zuletzt eine Rose ins Wasser. Die Blume steht für Thilo, den drei Monate alten Sohn des Musikerehepaars.

Die Feierlichkeiten klingen mit einem Cellospiel aus - danach trinkt die Gesellschaft Champagner an den Gestaden des Zürichsees und geniesst den Blick in die Alpen. Susanna Meier verabschiedet sich mit Küsschen von den beiden Frischvermählten. Die traditionelle Heirat ist perfekt - oder fast perfekt.

Keine herkömmliche Zeremonie

Ein Trauungsritual, wie es die Gäste von Nicole und Chaspar Wanner erlebten, weicht stark von einer herkömmlichen Hochzeitszeremonie ab. Susanna Meier aus Rüttenen SO arbeitet nicht im Dienst der Kirche, sondern als freischaffende Ritualberaterin. Sie organisierte die Feier nach den Wünschen von Wanners und regte dabei an, in der Kapelle einen «Ehebrief» auszutauschen, in dem die zwei ihre Gedanken zur Partnerschaft schriftlich festhielten. Das Wort «göttlich» beim Segen war die einzige religiöse Komponente während der Trauung. «Das Paar wollte das so», sagt Meier. «Für die beiden ist ihre Liebe das Göttliche.»

Eine Trauung oder eine Abdankung ohne religiösen Hintergrund wünschen sich viele: 700’000 Menschen in der Schweiz - immerhin elf Prozent der Bevölkerung - können mit der Kirche nichts anfangen, gleichwohl mögen viele nicht auf Zeremonien verzichten. Ritualberaterinnen wie Susanna Meier erfüllen dieses Bedürfnis: Zusammen mit 30 Berufskolleginnen und -kollegen hat sie sich im «Ritualnetz» mit Sekretariat in Ruswil LU zusammengeschlossen.

«Vom Zauber des Lebens»

So unterschiedlich der berufliche Hintergrund der Berater - eine starke Fraktion hat eine theologische Ausbildung, eine andere kommt aus dem sozialen Bereich -, so breit gefächert ist das rituelle Angebot: Ob erste Menstruation, Wechseljahre oder Pensionierung - kaum ein Anlass, für den sich nicht ein Ritual organisieren lässt. «Rituale fördern das geistig-emotionale Wachstum», wirbt das Ritualnetz auf seiner Homepage, «sie vermitteln durch die Symbole eine Ahnung vom Wunder, vom Zauber des Lebens.»

Die Mitglieder des Netzwerks weisen weiter darauf hin, dass sie die Zeremonien gemeinsam mit ihren Kundinnen und Kunden entwickeln. Die reformierte Theologin Sylvia Halter jedoch widerspricht in ihrer Lizenziatsarbeit «Weltanschaulich ungebundene Formen von Abschiedsfeiern in der Deutschschweiz». Meistens seien es die Ritualberater, die die Ideen einbrächten, und deshalb würden immer wieder die gleichen Rituale veranstaltet.

Die ausserkirchlichen Zeremonien können ganz schön ins Geld gehen: Für Hochzeitsfeiern empfiehlt das Ritualnetz seinen Mitgliedern Honorarforderungen zwischen 800 und 2’000 Franken, für Bestattungen zwischen 500 und 1’200 Franken - Material- und Fahrkosten nicht inbegriffen. Nicole und Chaspar Wanner liessen sich die kleine Feier in Uerikon immerhin 1’800 Franken kosten.

In der Abdankungshalle des Zürcher Friedhofs Nordheim zündet eine Berufskollegin von Susanna Meier feierlich eine weisse und eine schwarze Kerze an. «Bei der schwarzen Kerze denken wir an die Krisen im Leben des Verstorbenen - an alles Schwere, das er durchstehen musste», sagt Erna Johanna Stössel, Ritualleiterin und einst nebenamtliche Richterin aus Benglen ZH. Die Trauergemeinde verharrt in Stille, einige Anwesende weinen. «Und nun schauen wir die weisse Kerze an. Wir denken an alles Schöne, das wir mit dem Verstorbenen erleben durften.»

Das bescheidene Ritual für 1’000 Franken eignet sich für den Verstorbenen, der es nicht leicht hatte in seinem Leben: vom erfolgreichen Lehrling bis zum Drogensüchtigen, vom kalten Entzug bis zur Hinwendung zum Buddhismus, von der Diagnose «HIV-positiv» bis zu den Qualen der Krankheit und schliesslich zum erlösenden Entschlafen.

Gefallen an kirchlichen Ritualen

Die Angehörigen hatten sich an Stössel gewandt, weil sie eine Ritualberaterin suchten, die auch konfessionslose Personen beerdigt. «Ich bin stark von den katholischen Traditionen geprägt, die ich in meiner Kindheit in Andermatt erlebt habe», erklärt Erna Johanna Stössel. «Obwohl ich nicht mehr in die Kirche gehe, gefallen mir deren Rituale.»

Im Geschäft mit Ritualen mischen auch andere Zeremonienmeister mit. Einer von ihnen ist Markus A. Tschopp aus Oberrieden ZH mit seinem Schweizerischen Verband freischaffender Theologinnen und Theologen. «Romantik im persönlichen Stil des Brautpaars» bietet Tschopp etwa bei Hochzeitsfeiern an - und das nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Norditalien und im Burgund.

Kirche ist kein Selbstbedienungsladen

Derweil operieren in Winterthur die atheistischen Freidenker. Deren Chef Jürg L. Caspar, der nach eigenen Angaben noch die «letzten richtigen Kommunisten» am Grab verabschiedet hat, betritt unter gar keinen Umständen eine Kanzel. An der Konkurrenz rügt Caspar denn auch die Beliebigkeit: «Diese Leute richten sich einfach nach den Wünschen der Kundschaft - einmal christlich, einmal ohne Gott.»

Und was meint die Kirche? Agnell Rickenmann, Sekretär der Schweizer Bischofskonferenz, gesteht zwar all jenen Ehrlichkeit zu, die die Kirche bei wichtigen Ereignissen beiseite lassen. «Das ist besser, als nur wegen des weissen Kleides kirchlich zu heiraten», sagt er. Anderseits sei die Kirche kein Selbstbedienungsladen: «Wir haben kein Interesse, Gotteshäuser für Rituale zur Verfügung zu stellen. Die Kirche ist für uns ein Sakralraum, geschaffen für den Gottesdienst.»

Die reformierte Kirche bemühe sich, die religiösen Rituale mit den persönlichen Wünschen in Einklang zu bringen, sagt Markus Sahli vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund, «aber ich bin reformierter Pfarrer und ich spreche bei Trauungen und Abdankungen von Gott».

Rickenmann und Sahli vertreten die Ansicht, die jahrhundertealten Rituale böten weit mehr als die für einen einzigen Anlass geschaffenen Zeremonien. Zudem stellen die beiden Kirchenvertreter eine Rückbesinnung auf diese religiösen Traditionen fest. Dabei dürfte ihnen die ständig wachsende Zahl von Konfessionslosen kaum folgen.

© Beobachter Ausgabe 7 vom 30. Mär 2006 - Alle Rechte vorbehalten

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