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Schulkrise

Dreimal nachsitzen

Text:
  • Daniel Benz
  •  und Birthe Homann
Bild:
  • Andreas Eggenberger
Ausgabe:
6/05

Die Schule braucht keine weiteren Experimente, sondern den Mut, endlich Konsequenzen aus den Erfahrungen zu ziehen. Der Beobachter zeigt die drei wichtigsten Reformpunkte – und wie die Schule der Zukunft aussehen muss.

Die Schuldige in der jüngsten Debatte um die anhaltende Lehrstellenkrise war schnell ausgemacht. Die Volksschule gebe den Jungen zu wenig mit auf den Weg, fand SVP-Präsident Ueli Maurer und forderte: «Leistung darf an unserer Schule nicht länger verpönt sein.»

Spätestens seit der Pisa-Studie 2000, bei der die vermeintlich überlegenen Schweizer Schülerinnen und Schüler nur im Mittelfeld landeten, ist es an der Tagesordnung, sich in maurerscher Manier über die Schwächen des Schulsystems zu mokieren. «Die Schule ist zum Störfall unserer Gesellschaft geworden», bestätigt die Freiburger Bildungsforscherin Margrit Stamm. Tatsächlich hat Pisa klar gemacht, dass die hiesige Volksschule in verschiedenen Bereichen ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat. Die Kinder lesen schlecht und rechnen mässig, sie haben je nach Herkunft und sozialem Hintergrund ungleiche Bildungschancen. Und sie werden mit Fähigkeiten in die Berufswelt entlassen, die dort nicht genügen.

Kein Zweifel: Will die Schweizer Schule der Entwicklung im Bildungsbereich nicht weiter hinterherhinken, braucht sie gezielte Nachhilfe. Expertin Margrit Stamm warnt vor blindem Aktionismus. Durch die Defizite, die Pisa zutage gefördert habe, sei das zuvor schon rege Reformtreiben im Schulbereich noch weiter angeheizt worden. «Doch das blockiert mehr, als dass es die Probleme löst», sagt sie, denn die Umsetzung von Ergebnissen aus Schulversuchen brauche nicht nur Geld, sondern auch Zeit. Weil beides nicht ausreichend vorhanden ist, fällt Stamms Plädoyer unmissverständlich aus: «Weniger wäre mehr. Dafür das Wenige richtig.»

Der Hebel ist in drei zentralen Reformgebieten anzusetzen:

1. Einschulung: Der Start in die Schulkarriere soll sich nicht mehr starr nach dem Alter der Kinder richten, sondern flexibel nach deren Reife.

2. Chancengleichheit: Schüler mit besonderem Unterstützungsbedarf sollen nicht mehr ausgesondert, sondern im Klassenverbund gefördert werden.

3. Berufseintritt: Schulabgänger sollen sich gezielter auf die Anforderungen der Wirtschaft vorbereiten können.

Unterstützung erhält die Wissenschaftlerin von der Basis in den Schulzimmern. «Das sind ganz wesentliche Punkte, um unser Schulsystem weiterzubringen», sagt Beat W. Zemp, Zentralpräsident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer. Voraussetzung sei allerdings, dass die Rahmenbedingungen entsprechend angepasst würden, namentlich beim Betreuungsaufwand und den Pflichtpensen: In Finnland, Pisa-Musterschüler, unterrichten im Schnitt zwei Lehrpersonen pro Klasse, in der Schweiz lediglich 1,2. Zudem haben finnische Lehrer wegen der bis zu 40 Prozent kleineren Unterrichtsverpflichtung mehr Zeit für die Vorbereitung und die Schülerberatung. «Die laufenden Schulversuche zeigen, dass wir hier nachziehen müssen», sagt Zemp, «sonst werden die Reformen nicht gelingen.»

Im Nebenartikel «Die Zukunft hat begonnen: Drei Schulversuche, die Erfolg versprechen» sehen Sie, wies funktioniert: drei Beispiele, die Schule machen werden.

© Beobachter Ausgabe 6 vom 17. Mär 2005 - Alle Rechte vorbehalten

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