Suchtmittel: «Sicher nicht weniger rauchen»
Heute paffen und trinken bereits 15-Jährige regelmässig. Daran werden auch höhere Preise nichts ändern, finden drei Berner Teenager im Gespräch mit dem Beobachter.

Beobachter: Wann habt ihr zuletzt gekifft oder Alkohol
getrunken?
Nicolas: Am Wochenende habe ich mit Kollegen ein paar
Joints rumgehen lassen.
Linda: Letzten November probierte ich an einer Party
Alcopops. Davon wurde mir aber so schlecht, dass ich seither
keinen Alkohol mehr angerührt habe.
Julia: Gestern Abend habe ich Wein und Bier getrunken.
Ich rauche täglich.
Beobachter: Zigaretten kosten bald über fünf
Franken, Alcopops werden teurer. Was macht ihr dann?
Nicolas: Mehr bezahlen. Ich werde sicher nicht weniger
rauchen.
Julia: Zigaretten selber drehen.
Beobachter: Es nützt also nicht viel, wenn
Zigaretten und Alkohol teurer werden?
Nicolas: Genau. Vielleicht fängt man etwas später
mit dem Rauchen an, aber man beginnt trotzdem. Ich werde meinen
Konsum jedenfalls nicht einschränken.
Julia: Wer nur aus Coolness raucht, wird es vielleicht
weniger tun. Ich aber rauche, da ichs gern habe. Etwa ein
Päckchen pro Tag.
Beobachter: Wie finanziert ihr euren Konsum?
Julia: Von meinen Eltern bekomme ich 15 Franken Taschengeld
pro Woche, zudem arbeite ich in einem Kino. So komme ich auf
etwa 300 Franken im Monat.
Nicolas: Ich arbeite ebenfalls, im Coop an der Kasse
für Fr. 11.30 pro Stunde. Monatlich erhalte ich 40 Franken
Sackgeld. Ich bin schon ziemlich knapp dran. Zum Glück
kriege ich ab und zu Zigis von Kollegen, und das Kiffen teilen
wir uns auch.
Linda: Ich erhalte 30 Franken Taschengeld im Monat.
Manchmal babysitte ich auch. Ich brauche das Geld vor allem
für Kleider.
Beobachter: Teilt ihr die Einschätzung von
Experten, dass die Jungen heute immer früher zur Flasche
oder Zigarette greifen?
Julia: Auf jeden Fall. Ich sehe im Ausgang oft Elf-
oder Zwölfjährige, die rauchen oder Alcopops trinken.
Linda: Genau. Viele Junge stehen auf Alcopops. Diese
Mixgetränke sind so süss, dass man den Alkohol kaum
spürt.
Beobachter: Wieso habt ihr denn angefangen?
Nicolas: Wenn alle Kollegen um einen herum rauchen,
ist es sehr schwierig, nicht mitzumachen. Ich habe in der
Schule damit begonnen. Zuerst nur ab und zu einen Zug
und dann plötzlich habe ich mir ein Päckchen Zigis
gekauft. Am Wochenende kiffe ich im Freundeskreis.
Julia: Ich begann mit 14 zu kiffen. Dann stieg ich
auf Zigaretten um. Seither rauche ich, kiffe aber nicht mehr.
Und du Linda? Hast du wirklich noch nie geraucht?
Linda: Noch nie. Ich finde Rauchen ekelhaft. Auch die
meisten meiner Kollegen rauchen nicht. Mein 16-jähriger
Bruder fährt Motocrossrennen, und ich reite. Das sind
teure Hobbys die Eltern würden sie uns nicht mehr
finanzieren, wenn wir abstürzten. Ein gutes Druckmittel,
finde ich.
Beobachter: Wissen eure Eltern über euren Drogenkonsum
Bescheid?
Nicolas: Meine Eltern leben getrennt. Meine Mutter
ist vehement gegen das Rauchen und Kiffen. Sie will nicht
wahrhaben, dass ihr Sohn kifft. Mein Vater hat damit keine
Probleme, er verteufelt es nicht. Er hält mein Kiffen
für eine Phase, die wieder aufhört. Wir reden oft
über dieses Thema.
Julia: Meine Mutter findet es nicht gut, dass ich rauche,
und sie sagt mir das auch immer wieder. Alkohol trinke ich
oft gemeinsam mit meinen Eltern, das ist ganz normal bei uns.
Linda: (lacht) Das kann ich mir überhaupt nicht
vorstellen.
Beobachter: Linda ist abstinent. Wieso seid ihr
das nicht?
Nicolas: Kiffen ist einfach «läss»,
es «fägt». Und es entspannt, ist gut gegen
den Schulstress. Wir habens lustig zusammen in der Gruppe,
wenn wir kiffen.
Linda: Wann hast du damit angefangen?
Nicolas: Mit 13.
Julia: Wirst du durchs Kiffen nicht gleichgültiger?
Ich habe auch deshalb damit aufgehört. Ist das kein Problem
für dich?
Nicolas: Nein. Ich kiffe aus Genuss. Aber ich habe
auch Kollegen, die können nicht ohne. Die sind abhängig.
Beobachter: Wird in euren Schulen gekifft?
Linda: Ein paar Schüler gehen jeweils nach dem
Unterricht vom Schulareal weg und hängen vor einem Geschäft
in der Nähe herum, um dort zu kiffen.
Julia: Ich war auch schon bekifft im Unterricht und
sprach in der Englischstunde plötzlich französisch.
Beobachter: Wie reagieren eure Lehrer darauf?
Nicolas: Die merken das oft gar nicht.
Beobachter: Habt ihr im Unterricht nie über
Drogen geredet?
Nicolas: Mit 13 oder 14 hatten wir eine Präventionswoche.
Zwei pro Klasse gingen in ein Lager, wo sie über allerlei
Drogen aufgeklärt wurden, legale und illegale. Da war
ich dabei. Hinterher mussten wir unserer Klasse erzählen,
was wir gelernt hatten.
Julia: So war das auch bei uns.
Beobachter: Genützt hat diese Prävention bei euch beiden, Julia
und Nicolas, offensichtlich nichts.
Julia: Mir machte das Lager keinen Eindruck. Ich trinke,
weil ich Wein und Bier gern habe. Selten greife ich auch mal
zu einem Whisky. Das ist doch nicht schlimm.
Linda: Du sagst, du trinkst, weil du es gern hast.
Hast du denn etwa Eistee nicht gern?
Julia: Doch, aber Wein ist was anderes das ist
mehr Genuss.
Linda: Das verstehe ich nicht.
Nicolas: Ich rauche und kiffe auch, weil ichs gern
habe. Ich bin jung und will noch vieles ausprobieren.
Linda: Aber man kann es doch auch lustig haben ohne
Hasch oder Alkohol.
Julia: Ja schon, aber für mich gehört Wein
einfach zu einem schönen Abend.
Beobachter: Was sagt ihr zur Liberalisierung von
Hasch?
Julia: Dadurch würde der Reiz des Verbotenen wegfallen.
Aber trotzdem würde wohl mehr gekifft werden.
Nicolas: Aber legal wäre es eh erst ab 18 Jahren.
Vermutlich würde sich nichts ändern. Ich fände
es gut, wenn Hasch liberalisiert würde und Kiffer nicht
mehr als Verbrecher gälten.
Beobachter: Habt ihr keine Angst, dass euch das
Rauchen, Kiffen oder Trinken schadet?
Linda: Ich rauche und trinke vor allem nicht, weil
ich es «gruusig» finde, und nicht, weil es ungesund
ist.
Julia: Die gesundheitlichen Aspekte sind mir momentan
egal das ist wohl der jugendliche Leichtsinn.
Nicolas: Ich habe Angst, dass das Rauchen und Trinken
meinem Wachstum schadet und ich klein bleibe.
Julia: Ich auch.
Beobachter: Trotzdem trinkt und kifft ihr weiterhin.
Was wäre für euch eine sinnvolle Prävention?
Nicolas: Rauchen hat ganz klar mit Coolsein zu tun.
Als Erstes müsste man Rauchen als uncool verkaufen.
Linda: Ich finde Rauchen gar nicht cool, im Gegenteil.
Julia: Ich habe viel Respekt vor Leuten, die nicht
rauchen. Die meisten, die ich kenne, rauchen und kiffen. Vielleicht
müsste man in der Schule mehr über die Drogenproblematik
reden und zwar offen und ehrlich, ohne alles verwerflich
zu finden.
Linda: Hast du keine Angst, Alkoholikerin zu werden?
Julia: Nein, absolut nicht. Ich höre auf, wenn
ich lalle oder torkle.
© Beobachter Ausgabe 18 vom 05. Sep 2003 - Alle Rechte vorbehalten
