Suchtmittel: «Sicher nicht weniger rauchen»

Text:
  • Birthe Homann
  •  und Ursula Gabathuler
Ausgabe:
18/03

Heute paffen und trinken bereits 15-Jährige regelmässig. Daran werden auch höhere Preise nichts ändern, finden drei Berner Teenager im Gespräch mit dem Beobachter.

Beobachter: Wann habt ihr zuletzt gekifft oder Alkohol

getrunken?

Nicolas: Am Wochenende habe ich mit Kollegen ein paar

Joints rumgehen lassen.

Linda: Letzten November probierte ich an einer Party

Alcopops. Davon wurde mir aber so schlecht, dass ich seither

keinen Alkohol mehr angerührt habe.

Julia: Gestern Abend habe ich Wein und Bier getrunken.

Ich rauche täglich.

Beobachter: Zigaretten kosten bald über fünf

Franken, Alcopops werden teurer. Was macht ihr dann?

Nicolas: Mehr bezahlen. Ich werde sicher nicht weniger

rauchen.

Julia: Zigaretten selber drehen.

Beobachter: Es nützt also nicht viel, wenn

Zigaretten und Alkohol teurer werden?

Nicolas: Genau. Vielleicht fängt man etwas später

mit dem Rauchen an, aber man beginnt trotzdem. Ich werde meinen

Konsum jedenfalls nicht einschränken.

Julia: Wer nur aus Coolness raucht, wird es vielleicht

weniger tun. Ich aber rauche, da ichs gern habe. Etwa ein

Päckchen pro Tag.

Beobachter: Wie finanziert ihr euren Konsum?

Julia: Von meinen Eltern bekomme ich 15 Franken Taschengeld

pro Woche, zudem arbeite ich in einem Kino. So komme ich auf

etwa 300 Franken im Monat.

Nicolas: Ich arbeite ebenfalls, im Coop an der Kasse

für Fr. 11.30 pro Stunde. Monatlich erhalte ich 40 Franken

Sackgeld. Ich bin schon ziemlich knapp dran. Zum Glück

kriege ich ab und zu Zigis von Kollegen, und das Kiffen teilen

wir uns auch.

Linda: Ich erhalte 30 Franken Taschengeld im Monat.

Manchmal babysitte ich auch. Ich brauche das Geld vor allem

für Kleider.

Beobachter: Teilt ihr die Einschätzung von

Experten, dass die Jungen heute immer früher zur Flasche

oder Zigarette greifen?

Julia: Auf jeden Fall. Ich sehe im Ausgang oft Elf-

oder Zwölfjährige, die rauchen oder Alcopops trinken.

Linda: Genau. Viele Junge stehen auf Alcopops. Diese

Mixgetränke sind so süss, dass man den Alkohol kaum

spürt.

Beobachter: Wieso habt ihr denn angefangen?

Nicolas: Wenn alle Kollegen um einen herum rauchen,

ist es sehr schwierig, nicht mitzumachen. Ich habe in der

Schule damit begonnen. Zuerst nur ab und zu einen Zug –

und dann plötzlich habe ich mir ein Päckchen Zigis

gekauft. Am Wochenende kiffe ich im Freundeskreis.

Julia: Ich begann mit 14 zu kiffen. Dann stieg ich

auf Zigaretten um. Seither rauche ich, kiffe aber nicht mehr.

Und du Linda? Hast du wirklich noch nie geraucht?

Linda: Noch nie. Ich finde Rauchen ekelhaft. Auch die

meisten meiner Kollegen rauchen nicht. Mein 16-jähriger

Bruder fährt Motocrossrennen, und ich reite. Das sind

teure Hobbys – die Eltern würden sie uns nicht mehr

finanzieren, wenn wir abstürzten. Ein gutes Druckmittel,

finde ich.

Beobachter: Wissen eure Eltern über euren Drogenkonsum

Bescheid?

Nicolas: Meine Eltern leben getrennt. Meine Mutter

ist vehement gegen das Rauchen und Kiffen. Sie will nicht

wahrhaben, dass ihr Sohn kifft. Mein Vater hat damit keine

Probleme, er verteufelt es nicht. Er hält mein Kiffen

für eine Phase, die wieder aufhört. Wir reden oft

über dieses Thema.

Julia: Meine Mutter findet es nicht gut, dass ich rauche,

und sie sagt mir das auch immer wieder. Alkohol trinke ich

oft gemeinsam mit meinen Eltern, das ist ganz normal bei uns.


Linda: (lacht) Das kann ich mir überhaupt nicht

vorstellen.

Beobachter: Linda ist abstinent. Wieso seid ihr

das nicht?

Nicolas: Kiffen ist einfach «läss»,

es «fägt». Und es entspannt, ist gut gegen

den Schulstress. Wir habens lustig zusammen in der Gruppe,

wenn wir kiffen.

Linda: Wann hast du damit angefangen?

Nicolas: Mit 13.

Julia: Wirst du durchs Kiffen nicht gleichgültiger?

Ich habe auch deshalb damit aufgehört. Ist das kein Problem

für dich?

Nicolas: Nein. Ich kiffe aus Genuss. Aber ich habe

auch Kollegen, die können nicht ohne. Die sind abhängig.

Beobachter: Wird in euren Schulen gekifft?

Linda: Ein paar Schüler gehen jeweils nach dem

Unterricht vom Schulareal weg und hängen vor einem Geschäft

in der Nähe herum, um dort zu kiffen.

Julia: Ich war auch schon bekifft im Unterricht und

sprach in der Englischstunde plötzlich französisch.

Beobachter: Wie reagieren eure Lehrer darauf?

Nicolas: Die merken das oft gar nicht.

Beobachter: Habt ihr im Unterricht nie über

Drogen geredet?

Nicolas: Mit 13 oder 14 hatten wir eine Präventionswoche.

Zwei pro Klasse gingen in ein Lager, wo sie über allerlei

Drogen aufgeklärt wurden, legale und illegale. Da war

ich dabei. Hinterher mussten wir unserer Klasse erzählen,

was wir gelernt hatten.

Julia: So war das auch bei uns.

Beobachter: Genützt hat diese Prävention bei euch beiden, Julia

und Nicolas, offensichtlich nichts.

Julia: Mir machte das Lager keinen Eindruck. Ich trinke,

weil ich Wein und Bier gern habe. Selten greife ich auch mal

zu einem Whisky. Das ist doch nicht schlimm.

Linda: Du sagst, du trinkst, weil du es gern hast.

Hast du denn etwa Eistee nicht gern?

Julia: Doch, aber Wein ist was anderes – das ist

mehr Genuss.

Linda: Das verstehe ich nicht.

Nicolas: Ich rauche und kiffe auch, weil ichs gern

habe. Ich bin jung und will noch vieles ausprobieren.

Linda: Aber man kann es doch auch lustig haben ohne

Hasch oder Alkohol.

Julia: Ja schon, aber für mich gehört Wein

einfach zu einem schönen Abend.

Beobachter: Was sagt ihr zur Liberalisierung von

Hasch?

Julia: Dadurch würde der Reiz des Verbotenen wegfallen.

Aber trotzdem würde wohl mehr gekifft werden.

Nicolas: Aber legal wäre es eh erst ab 18 Jahren.

Vermutlich würde sich nichts ändern. Ich fände

es gut, wenn Hasch liberalisiert würde und Kiffer nicht

mehr als Verbrecher gälten.

Beobachter: Habt ihr keine Angst, dass euch das

Rauchen, Kiffen oder Trinken schadet?

Linda: Ich rauche und trinke vor allem nicht, weil

ich es «gruusig» finde, und nicht, weil es ungesund

ist.

Julia: Die gesundheitlichen Aspekte sind mir momentan

egal – das ist wohl der jugendliche Leichtsinn.

Nicolas: Ich habe Angst, dass das Rauchen und Trinken

meinem Wachstum schadet und ich klein bleibe.

Julia: Ich auch.

Beobachter: Trotzdem trinkt und kifft ihr weiterhin.

Was wäre für euch eine sinnvolle Prävention?

Nicolas: Rauchen hat ganz klar mit Coolsein zu tun.

Als Erstes müsste man Rauchen als uncool verkaufen.

Linda: Ich finde Rauchen gar nicht cool, im Gegenteil.

Julia: Ich habe viel Respekt vor Leuten, die nicht

rauchen. Die meisten, die ich kenne, rauchen und kiffen. Vielleicht

müsste man in der Schule mehr über die Drogenproblematik

reden – und zwar offen und ehrlich, ohne alles verwerflich

zu finden.

Linda: Hast du keine Angst, Alkoholikerin zu werden?

Julia: Nein, absolut nicht. Ich höre auf, wenn

ich lalle oder torkle.

© Beobachter Ausgabe 18 vom 05. Sep 2003 - Alle Rechte vorbehalten

created by snowflake productions gmbh