Survival-Kurs Einmal Steinzeit und zurück

Wenige Kilometer von der nächsten Beiz entfernt üben Outdoor-Freaks das Überleben in der freien Natur. Sie lernen: Laub ist kostbar, Hagebutten enthalten viel Vitamin C. Und Mäuse sind nicht ganz einfach zu fangen.

Überleben braucht Zeit. Diese Einsicht dämmert den Teilnehmern am Wochenendkurs der Survival Expedition School bald. Seit über einer Stunde versuchen Caroline van der Schraft, 33, und Oliver Engeler, 30, eine improvisierte Mausefalle zum Funktionieren zu bringen. Es sah so einfach aus: drei kurze Aststücke, zur Form einer Vier zusammengefügt. Mal erweist sich aber das Aststück als zu dünn, mal als zu krumm – oder der Köderstecken ist so dick, dass eine ganze Mauskolonie am Köder rütteln könnte, ohne die Falle auszulösen. Caroline legt die Aststücke entschieden beiseite und beginnt einen Löffel zu schnitzen. Ihre Begründung hat viel für sich: «Wenn ich keine Maus fange, muss ich auch keine Maus essen.»

«Ich träumte jede Nacht von Pizza»


«Viel hat man an einem so kleinen Tier ja nicht», sagt Survival-School-Gründer und Kursleiter Roger Bühler. Die Beine etwa liessen sich am Stück abbeissen, so dünn seien die Knochen. Bühler hat selber vor wenigen Monaten in den USA einen Survival-Kurs besucht. Allerdings die harte Variante, so genanntes Steinzeit-Survival. Mit kaum mehr als den eigenen Kleidern am Leib und einem Taschentuch voll Mais als Proviant wurde er in die Wildnis geschickt. Zwei Wochen lang dauerte der Trip. «Ich träumte jede Nacht von Pizza. Am Ende des Kurses wählte ich in einem Restaurant in Las Vegas das «All you can eat»-Menü und ass, bis mir speiübel war», sagt Bühler.

Ganz so hart soll es an diesem Wochenende nicht werden, schliesslich ist der Kurs laut Ausschreibung zum Schnuppern gedacht. Vermittelt werden sollen Techniken, wie man mit möglichst wenigen Hilfsmitteln reisen und in der Wildnis überleben kann. Bühler ist eigentlich Arzt, hat aber eine grosse Schwäche für das Reisen mit leichtem Gepäck. Mit der Gründung der Survival Expedition School hat er vor rund einem Jahr sein Hobby zum Nebenberuf gemacht. Bühler: «Im Winter als Arzt arbeiten, im Sommer Survival-Kurse leiten, das ist meine Idealvorstellung.»

Lange suchte Roger Bühler nach einem geeigneten Gelände für die Kurse. Fündig wurde er im Waadtland, in einem Waldstück wenige Kilometer südlich von Romainmôtier. Die Legende besagt, dass hier die beiden Heiligen Lupicin und Romain im fünften Jahrhundert mit der Gründung des ersten Benediktinerklosters den Grundstein für die Zivilisation des Gebietes legten. Dass Caroline und Oliver den umgekehrten Weg beschreiten wollen, hätte bei den Herren Lupicin und Romain wohl für einiges Erstaunen gesorgt.

Der Wald ist licht, vorwiegend Buchen, einzelne Birken und Fichten. Auf einer flankenartigen Erhebung ragen rundliche, moosbewachsene Steine aus dem Erdreich, die dem Ort etwas Unwirklich-Märchenhaftes verleihen. Oliver hat inzwischen seine Mausefalle fertig gestellt und an einem geeigneten Ort platziert. Die Falle wird – zur grossen Erleichterung aller – die ganzen Tage über leer bleiben.

Zunächst aber geht es auf die Suche nach essbaren Wild- und Heilpflanzen. Bühler gibt sein Wissen weiter: Weissdorn hilft gegen leichte Herzschwäche und Herzrhythmusstörungen, Schafgarbe gegen Menstruationsbeschwerden, Johanniskraut gegen Depression. Ausserdem: Die Blätter des Breitwegerichs enthalten doppelt so viele Kohlenhydrate wie eine Kartoffel, Hagebutten das 25fache an Vitamin C einer Orange und Brennnesseln das 40fache an Eisen im Vergleich zu Spinat. Nur die Degustation der essbaren Wurzeln des Tüpfelfarns verläuft nicht zur Zufriedenheit: Oliver und Caroline spucken die Reste nach kurzer Kauzeit auf den Boden.

Ein Spion von der Konkurrenz


Caroline arbeitet als Gärtnerin in der Ostschweiz. Ihr Lebenstraum aber wäre der Umbau einer alten Hazienda in Chile zu einer Bed-and-breakfast-Pension. Daneben möchte sie als touristische Attraktion Outdoor-Aktivitäten anbieten. Ob sie ihre Begeisterung für die Natur auch mit ihr unbekannten Personen als Outdoor-Guide teilen kann, möchte sie an diesem Kurs herausfinden. Oliver hat diesen Schritt bereits gemacht. Der durchtrainierte Oberstufenlehrer aus der Innerschweiz gründete mit der Natursprung GmbH Anfang Jahr ein eigenes Unternehmen. Die Firma bietet Outdoor-Erlebnisse in allen vier Jahreszeiten an – Übernachtungen im Schnee oder Flusswanderungen. Oliver nimmt am Kurs teil, weil er von der «Konkurrenz» lernen will. «Oliver und Caroline sind typische Kursteilnehmer, weit gereist und naturbegeistert», sagt Bühler.

Im Kampf ums Überleben werden bislang wertlose Dinge auf einmal wertvoll. Etwa das Laub, das am Boden modert: Es ist Baumaterial für einen so genannten Feuerreflektor – zusammen mit Astwerk wird eine Art Paravent hüfthoch im Halbkreis um das Lagerfeuer aufgestellt. Die vom Feuer abgestrahlte Wärme wird reflektiert und wärmt den Rücken – sofern denn das Feuer einmal brennt.

Schutz vor Unterkühlung, so sind die Kursteilnehmer vorgängig unterwiesen worden, ist neben einem starken Willen einer der wichtigsten Faktoren beim Überleben. Bühler kniet an der Feuerstelle und hat einen Magnesiumklotz gezückt, von dem es Späne in eine kleine Papiertüte zu raspeln gilt. Kräftige Messerschläge über einen Feuerstein sollen die Späne entzünden. Die Funken fliegen, doch die Späne liegen plötzlich breit in der Asche verstreut: Oliver hat – «oh, nein!» – in der Hast mit dem Messer das Tütchen umgestossen. Die Gruppe nimmts gelassen. Überleben braucht Zeit.

Schauergeschichten am Lagerfeuer


Nachdem das Feuer zum Brennen gekommen ist, das Fladenbrot gebacken und verspeist: Lagerfeuergespräche, Reiseerlebnisse, Schauermärchen. Outdoor-Freaks unter sich. Bühler erzählt von einem Fisch im Amazonasgebiet namens Candiru: «Der Fisch hat die Unart, angelockt vom Blut oder Urin von Badenden, in die menschliche Harnröhre einzudringen und sich in der Blase mit Widerhaken gesichert einzurichten.» Dass ein Bad im Amazonas einigen Wagemut voraussetzt, weiss auch Caroline: «Als ich im Fluss schwamm, kamen mir all die Fernsehsendungen über den Amazonas und seine tierischen Bewohner in den Sinn.» Ein halbes Jahr reiste sie quer durch Südamerika. Auf einer Kanufahrt begegnete sie einer Anakonda, einer der grössten Schlangen der Erde: «Zum Glück hatte sie schon gefressen.»

Caroline stand schon auf dem Kilimandscharo und reiste mit einer Freundin durch Kanada. Deshalb dreht sich die Diskussion jetzt um die Frage nach dem besten Schutz vor Bären. Bühler meint: Bärenspray – eine Art überdimensionierter Pfefferspray. Man trägt den literflaschengrossen Behälter griffbereit am Gürtel. Selbst der hungrigste Bär soll sich mit dem bis zu zehn Meter weit reichenden Pfefferstrahl fern halten lassen. Oliver reist viel allein: «Bei mir muss immer ein gewisser Leistungsaspekt dabei sein. Das verstehen nicht alle.» Seine letzte Reise führte ihn nach Island, die nächste soll nach Asien gehen – Laos, Kambodscha, Vietnam.

Der Kulturschock bei der Rückkehr


Die unmittelbare Herausforderung in der Dunkelheit ist jetzt das Auffinden der Schlafplätze, die am Nachmittag in Rufweite vom Lagerfeuer eingerichtet wurden. Oliver wünscht eine gute Nacht und macht sich in nördlicher Richtung auf den Weg. Nach rund einer Viertelstunde taucht er wieder auf, aber aus westlicher Richtung. «Ganz schön dunkel», sagt er. Beim zweiten Versuch klappt es: Caroline weist ihm mit ihrer Taschenlampe den Weg.

Am Morgen, noch bevor die Dämmerung durch die Baumkronen dringt, wecken einen die Vögel – die stählernen. Das Gebiet liegt unter einer Anflugschneise des Genfer Flughafens. Caroline hat nicht gut geschlafen: «Ich habe die ganze Nacht gefroren. Aber solange man nicht zittert, ist es in Ordnung», sagt sie. Bald lodert aus der Restglut des Vorabends wieder ein Feuer, der Instantkaffee wärmt und schmeckt, auch wenn in der Metalltasse Laubreste und andere, nicht weiter identifizierbare Bestandteile des Waldbodens schwimmen: Das Essgeschirr wird zu Säuberungszwecken jeweils mit Laub ausgerieben. Das Waldmaterial ist ausgesprochen vielseitig. Bühler empfiehlt es auch zur Benutzung nach den niederen körperlichen Verrichtungen. Was man nicht alles tut, wenn es ums Überleben geht.

Am späteren Sonntagnachmittag, nachdem aus Brennnesseln eine Schnur gefertigt und dann die Grundlagen der Wasserdesinfektion gelernt wurden, hat das Abenteuer ein Ende. Es droht die Rückkehr in die Zivilisation. Überempfindlich sei er dann jeweils gegen den Lärm, sagt Bühler. «Das hängt damit zusammen, dass das Leben in der freien Natur alle Sinne schärft.» Oliver hat jeweils Mühe mit der Hektik auf den Strassen oder in den Einkaufszentren. «Schlimm ist, wenn man von einem Trip zurückkommt und im Zug die Gespräche der Mitreisenden über ein banales Alltagsproblem mit anhören muss.» Misanthrop, Menschenfeind, sei er aber nicht: «Ich brauche beides. Kontakt und Austausch mit den Menschen, aber auch einsame Streifzüge durch die Natur.»

Zuletzt werden alle Spuren der aufgebauten Infrastruktur – Feuerreflektor, Astwerkhütte – beseitigt. Auch der nächste Kurs soll die ganze Härte des Überlebenskampfs zu spüren bekommen. Eine halbe Stunde zerstörerischer Arbeit später wirkt der Platz, als sei er nie besiedelt gewesen. Ruhig liegt er da. In den Baumwipfeln weht kaum ein Hauch. Nur darüber hört man leise die Linienmaschinen.

Text:
  • Gian Signorell
Bild:
  • Stefan Walter
10. November 2005, Beobachter 23/2005