• Anzeige:

  • Anzeige:

Tagebuch: Aus Satansklimbim wird blutiger Ernst

Ausgabe:
11/01

Urs von Tobel über ein Treffen mit Satanisten.

Ich treffe O. um 20 Uhr am Bahnhof von St. Gallen. O. ist bekennender Satanist und trägt wie üblich schwarze Kleider. «Mein Kollege D. wartet drüben im Auto.» Vor dem Wagen, einem BMW der Luxusklasse, zieht O. eine schwarze Binde aus der Tasche. «Die musst du dir umbinden, damit du D. nicht erkennst und nicht weisst, wohin wir fahren», sagt O. Doch ich bin nicht bereit, auf die Orientierung zu verzichten, und öffne gleich die Wagentür. D. brüllt, das komme nicht in Frage, und verdeckt sein Gesicht.

O. erklärt, ich müsse das verstehen, D. wolle nicht als Satanist erkannt werden. Sein Vater würde das nie dulden. Falls ich an dieser «Session» teilnehmen wolle, müsse ich diese Bedingung unbedingt akzeptieren.

Ich will an diesem Treffen teilnehmen. Ich habe die entsetzlichsten Dinge von den Satanisten gehört – von Grabschändung bis zum Verspeisen von Herzen frühgeborener Kinder. Ich will aus erster Hand wissen, was daran ist. Die Vorbereitungen haben mich einige Zeit gekostet. Und O. hat erst nach langem Zögern eingewilligt, mich teilnehmen zu lassen.

Wir finden eine Lösung. D. fährt allein zum Treffen, O. und ich fahren mit meinem Wagen nach Arbon TG. Den letzten Teil legen wir zu Fuss zurück. In einem älteren Haus treffen wir D. wieder. Er hat den Kopf mit einem schwarzen Stoffband umwickelt. Ich bin enttäuscht: Ausser den beiden Käuzen O. und D. sind keine andern Satanisten anwesend. Nur eine schwarze Katze, doch die sucht mit Schrecken das Weite.

O. hat ein Zimmer ausgeräumt und einen Trunk zubereitet, der nach Zimt riecht und abscheulich schmeckt. Dann löscht er das Licht und fordert mich auf, einen «Kraftplatz» im Zimmer zu suchen. Ich müsse mich nur auf mein Gefühl verlassen, der Platz ziehe mich an. Ich stolpere im Zimmer herum, fühle mich nirgends hingezogen, erkläre aber nach fünf Minuten, den Platz gefunden zu haben.

Nun schaltet O. das Licht wieder ein und zieht eine Wachspuppe aus einer Plastiktasche: zirka dreissig Zentimeter lang und mit einem zwanzig Zentimeter langen erigierten Penis. «Das bist du», sagt O. Ich müsse mich nun ganz in die Puppe versenken und meine Wünsche formulieren. Er zündet eine Kerze an. Nach fünf Minuten erkläre ich, meine Wünsche formuliert zu haben.

Das Ritual geht mit Räucherstäbchen und Kerzen weiter. Als O. nochmals mit einem grauslichen Trunk erscheint und erklärt, ich müsse nun die Augen verbinden und mich von ihm führen lassen, wird mir die Sache zu dumm. Ich spiele ja nicht blinde Kuh. Ausserdem hab ich Schiss. Ich verabschiede mich kühl und fahre nach Hause.

Im Auto lasse ich mir die Sache durch den Kopf gehen. Die beiden sind wohl etwa 25 Jahre alt, doch nicht erwachsen. Wie ein Teenager hat D. den BMW des Vaters geschnappt. O. verdient seine Brötchen beim Vater, findet aber kein gutes Haar an ihm. Handlungsweisen von Pubertierenden. Ich kann sie nicht ernst nehmen. Ich begrabe mein Artikelprojekt.

Das war vor etwa drei Jahren. Die beiden haben sich nun für das Tötungsdelikt an O.s Mutter verantworten müssen. 25-mal hat D. zugestochen. Der Satanskult spielte dabei eine entscheidende Rolle. Was ich als Unreife interpretierte, war tödlicher Ernst.

© Beobachter Ausgabe 11 vom 25. Mai 2001 - Alle Rechte vorbehalten

created by snowflake productions gmbh