Zauberhaftes ist «in»: Spätestens am 31. Oktober, an Halloween, entdecken auch spirituell unbefleckte Gemüter ihre Vorliebe für Hokuspokus. Doch echte Magie ist kein Spiel, warnt Hexe Diana im Schnellkurs.

(Bild: Stefan Walter)
Das Haus ist wacklig, das Dach windschief, Krähen umkreisen den Kamin, aus dem grüner Rauch aufsteigt. Die Tür schwingt knarzend in den Angeln. «Nur hereinspaziert», heisst eine Kröte die Gäste willkommen. So muss es wohl sein, wenn zum Hexenkurs geladen wird.
Samstagvormittag, unweit von Zürich. Sechs Frauen und ein Mann versammeln sich «beim alten Turm», dem vereinbarten Treffpunkt. Sie alle warten auf den Beginn von «Sybillas Hexenkurs». Susi Grob, Goldschmiedin aus Luzern, hat sich erst nach langem Zögern angemeldet. «Mich interessieren viele Weltanschauungen, auch das Hexentum. Ich musste aber erst etwas Scheu überwinden.»
IT-Spezialist Bruno Gassmann aus Schwerzenbach hatte weniger Mühe. «Was Übersinnliches angeht, bin ich vorbelastet», verrät er. «Meine Grossmutter war eine Kräuterfrau, mein Vater Pendler.» Er selber sei oft im Grünen unterwegs. «Im Wald kommt es mir häufig vor, als ob die Bäume mich zum Verweilen einladen. Dann lausche ich der Natur», erzählt er.
Die anderen hat vor allem Neugierde in den Kurs getrieben. Sie sind Floristin, Verwaltungsangestellte, Werberin. «Je älter ich werde, umso erdverbundener fühle ich mich», erklärt Esther. «Dafür suche ich nach Gründen.» Ganz anders Natascha: «Ich lege Tarot. Meine Freundinnen sagen oft, ich sei eine Hexe», gesteht sie. «Dabei weiss ich gar nicht, was eine Hexe ist. Wenn es allerdings bedeutet, mit den Elementen in Einklang leben zu wollen, dann bin ich wohl eine.»
«Auf Hexenbesen, Tieren, ihren Hausgeistern oder behexten Menschen flogen die Hexen des Nachts über weite Entfernungen hin zum Ort der Versammlungen.»*
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Den beiden Wagen, die schliesslich vorfahren, entsteigen eine zierliche Frau in dunklem, mittelalterlichem Kleid und eine eher alternativ gekleidete Rotblonde, das lange Haar lose zusammengebunden. «Herzlich willkommen zum Hexenkurs», begrüsst Sybil Renggli, die Frau in Schwarz, ihre Gäste. Sie ist die Kursveranstalterin. Ein kunstvolles keltisches Pentagramm, das auf dem Dekolleté von Rengglis Begleiterin ruht, ist das Einzige, was Diana Rajtar als Hexe verrät. Von Warze und Buckel keine Spur. Diana ist Heilpraktikerin, verheiratet, geboren im Zeichen des Skorpions mit Aszendent Zwilling – und hat einen Hexenladen in St. Gallen.
«Hexen treffen sich an magischen Orten, meist an abgelegenen Stellen, Kreuzwegen und heidnischen Steinkreisen.»*
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Powerpoint und Pentagramm
Verhext ist an diesem Samstag eigentlich nur die moderne Technik – das Powerpoint-Intro zum Hexenkurs will anfangs einfach nicht starten. Im schlichten Seminarraum säuseln spirituelle Klänge aus dem Rekorder. «Enchanted Spirits», wie man sie längst nicht mehr nur aus Esoterikläden kennt. Der Hexenkunde-Kurs entpuppt sich als wohlorganisierter Lehrgang, Namensschilder, Notizblock, Kugelschreiber und Mittagspause inklusive. Stünde nicht ein Schautisch im Raum, auf dem sich diverse Literatur, Harze, Zauberstäbe, Pergamentrollen, Dolche, Pentagramme und magische Öle mit so skurrilen Bezeichnungen wie «Wolf’s Eye», «Halte meinen Mann» oder «Geheimnis der Venus» häufen, Frau wie Mann könnte sich geradeso gut im Selbsterfahrungskurs einer Volkshochschule wähnen. Nix mit Esoterik-Hokuspokus.
Seit gut einem Jahr bietet Sybil Renggli «Sybillas Hexenkurs» an, ein Sammelsurium von Elementen mit esoterischem Touch: Tierkommunikation, Selbstfindung, Schamanismus, Numerologie – und natürlich Hexenkunde. «Mit den meisten Themen befasse ich mich selber», sagt die 38-Jährige. «Ich möchte auch anderen die Möglichkeit geben, sich einer Welt aus uraltem Wissen und modernen Erkenntnissen zu nähern.» Ihr schwarzes Outfit allerdings sei Marketing. «Von Hexen habe ich wenig Ahnung.» Warum dann die Marke «Hexenkurs»?
«Hexen liegen im Trend», analysiert die Kursveranstalterin. Umfragen geben ihr Recht. Der Esoterikmarkt boomt und mit ihm das Interesse am Hexenwesen. Je schlechter die Zeiten, umso grösser die Sehnsucht nach Spirituellem, erklären sich Experten dieses Phänomen. Die Evangelische Informationsstelle Schweiz verweist auf «eine massive Zunahme der Hexenliteratur und der Hexen-Websites». Tatsächlich spuckt die Internet-Suchmaschine Google zum Stichwort Hexen mehr als eine Million Treffer aus; darunter Austauschforen en masse. Vor allem jugendliche Hexenfans suchen im Netz nach Gleichgesinnten.
Zahlen über praktizierende Hexen in der Schweiz gibt es nicht. Weltweit soll es einige zehntausend Hexen geben, die in so genannten Covens, Hexenzirkeln unterschiedlicher Organisation und Struktur, gebunden sind. Frei praktizierende Hexen, wie Diana eine ist, exklusive. Die wenigsten Hexen erfüllen die äusseren Merkmale des Märchen- oder Mittelalterklischees. «Wir haben es nicht nötig, uns mit auffälligen Symbolen und Kleidern zu erkennen zu geben», winkt Diana ab.
Zurück zum Kurstag. Schon nach zehn Minuten ist klar: Hier kommt man nicht als Frau von nebenan hinein und als Liebessäfte brauende Hexe wieder heraus. Statt praktischen Hexenzaubers und voyeuristischer Befriedigung erwartet einen Theorie zu Hexenverfolgung und Heidenglauben – von 1300 bis zur letzten Hinrichtung 1782 sollen je nach Quelle zwischen 100000 und neun Millionen Frauen, Männer und Kinder unter Beschuldigung der Hexerei getötet worden sein.
Wer beten will, soll beten
Mittelalterlicher Fundamentalismus, wie er der modernen Hexe gänzlich fremd ist: «Dieser Kurs soll euch Anregungen geben und keine Glaubenswelten diskreditieren. Wer beten will, soll das tun. Wer mehr über Magie wissen will, der soll erfahren», erklärt Diana.
Wohl um das Interesse der Damen und Herren noch zu steigern, zieht Sybil Renggli einen ganz anderen Trumpf aus der Tasche. «Das gibt es zum Schluss für alle», sagt sie und präsentiert ein Stück blau marmoriertes Papier – ein «Hexenattest» für den Bilderrahmen.
«Eine Hexe ist jemand, der, obwohl er Gottes Gesetze kennt, dennoch versucht, durch einen Pakt mit dem Teufel einen bestimmten Zweck zu erreichen.»*
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Hexe Diana lächelt milde. Für Hexenatteste hat sie wenig Sinn. Katholisch erzogen, ist Hexe zu sein für sie heute eine Lebenseinstellung. «Eine Hexe ist nicht die bucklige Alte, wie sie dargestellt wurde, um die Angst vor ihr zu schüren. Und der Teufel ist eine Kreation des Christentums. Für uns existiert diese Figur gar nicht», erklärt sie gelassen. Auch seien Heiden, zu denen Hexen zählen, keineswegs gottlos, vielmehr verehrten sie Gott und Göttin, die den Kosmos symbolisieren.
«Allerdings sind wir uns bewusst, dass wir ein Teil des Göttlichen sind und dass wir nicht in den Himmel schauen müssen, um demütig um Hilfe zu bitten. Wir wissen, dass wir selbst Kräfte in uns tragen, um Wünsche zu erfüllen. Und je spiritueller eine Hexe wird, desto näher kommt sie dieser Kraft.»
Betretenes Schweigen und fragende Blicke. «Hexen sind kräuterkundige, selbstbestimmte, weise Frauen, manchmal auch Männer. Sie sind mit sehr altem Wissen vertraut, das man aus der germanischen wie keltischen Mythologie kennt», versucht Diana Klarheit zu schaffen. «Wir verbringen viel Zeit in der Natur, kennen die Bäume, Pflanzen, Tiere und betrachten alle Lebewesen und Äusserungen der Natur als lebendige Botschaften, etwas zu tun oder zu lassen. Grenzen, die die Gesellschaft setzt, anerkennen wir nicht. Wir haben keine Angst vor der Anderswelt und ihren Wesen, die Lichtesoteriker zum Beispiel Engel nennen.» Sprichts und schickt sich an, die Theorie für einige Momente zu verlassen – draussen, unter freiem Himmel.
Die Macht des Willens
Vor der Tür bildet die Gruppe einen Kreis. «Magie ist geleitete Energie und überall um uns. Ihr müsst euch nur darauf einlassen, euch frei machen von Hemmnissen», erklärt Diana. «Hört auf euer Gefühl, nicht auf den Verstand.» Helfen soll ein reinigendes Räucherungsritual. Mit indianischem Salbei nebelt sie jede Teilnehmerin und den Teilnehmer ein und scheint belastende Gedanken mit einer Feder geradezu von jedem einzelnen Körper zu wischen. Atemlose Ruhe liegt über der Gruppe. «Hexen bilden einen Kreis, damit Energie fliessen kann», sagt Diana. «Für wichtige Dinge des Lebens zelebrieren wir verschiedene Rituale, in denen wir durch unseren Willen Naturkräfte bündeln.» Mit Zauberstäben oder Federn lenkten Hexen diesen Willen auf das entsprechende Ziel.
«Wenn ein gesundes Kind dahinwelkt, das Vieh plötzlich zu kränkeln beginnt oder die Milch vor der Zeit gerinnt, dann soll das ein sicheres Zeichen für eine Verrufung sein. Die Mutter erkenne eine Behexung ihres noch ungetauften Kindes, wenn die Stirn des Säuglings salzig schmeckt oder wenn das Kind übermässig weint.»*
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Wieder im Seminarraum, rutscht eine Teilnehmerin unruhig auf ihrem Stuhl umher: «Was können denn moderne Hexen konkret?» Die Frage durchschneidet die Stille. «Im Prinzip alles», kommt die knappe Antwort: Ereignisse und Situationen visualisieren, heilen, schützen, Geldsegen bescheren, Gedanken, Gefühle und Handeln beeinflussen. Voraussetzung: das Ziel mache Sinn. «Wenn der göttliche Wille dagegen spricht, haben auch Hexen keinen Erfolg», sagt Diana und warnt. «Es gibt sehr viele Scharlatane auf unserem Gebiet, vor allem im Internet. Magie ist kein Spiel, sondern eine Sache des Geistes. Wer Magie nutzen und eine Hexe werden will, muss es von ganzem Herzen wollen und lange an sich arbeiten.» Magie sei nicht per se gut oder böse, entscheidend seien die Gedanken der Person, die sie nutze.
Obwohl sich Hexen auch der dunklen Seite, also ihrer Fähigkeit zur schwarzen Magie, bewusst seien, gelte für sie der Grundsatz: «Tu, was du willst, solange es niemandem schadet.» – «Wir glauben an Reinkarnation und daran, dass alles, was wir aussenden, dreifach auf uns zurückkommt», betont Diana. Es scheint, als wolle sie ihren Schülerinnen und Schülern in den Block diktieren: Hexe ist man ganz oder gar nicht. Und: «Hexen sind sich der Verantwortung für die Auswirkungen ihres Tuns stets im Klaren, haben Bewusstsein wie Unterbewusstsein unter Kontrolle und formulieren Wünsche immer exakt.»
Und weil Magie eben Magie und damit kaum beweisbar ist, greift auch Hexe Diana zum Kursabschluss auf ein Beispiel aus dem bodenständigen Leben zurück: Abnehmen. «Sich schlicht zu wünschen, an Gewicht zu verlieren, ist gefährlich. Eine Frau hat das getan. Danach hatte sie einen Autounfall und verlor Gewicht: Ihr Bein musste amputiert werden.»
| *Die Zitate sind nachstehenden Büchern entnommen und geben zusammengefasste Aussagen aus Inquisitionsschriften wieder: «Hexenspruch und Zauberbann. Geschichte des Aberglaubens» von Hermann Frischbier und «Geschichte der Hexenprozesse» von Soldan/Heppe. |
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