Verwitwet

«Lieber Galgenhumor als Tränen»

Text:
  • Yvonne Staat
Bild:
  • Vera Hartmann
Ausgabe:
3/10

Krankheit, Unfall, Suizid – plötzlich zerstört der Tod den Traum von der glücklichen Familie. Zwei betroffene Mütter und ein Vater erzählen.

Sie verloren ihren Ehemann und Vater: Karin Regtering, Carol und Lana

Menschen mit Bratwürsten in der Hand und Clownnasen im Gesicht. Alle lachen und schunkeln im Takt der Guggenmusik. Karin Regtering steht mittendrin. Es ist der Nachmittag des 8. Februar 2005, Dorffasnacht, als plötzlich ihr Handy klingelt und ein Arzt aus der Klinik gegen den Lärm anschreit. Er redet viel, aber nur ein Satz ist ihr geblieben: «Ihr Mann wird die kommende Nacht möglicherweise nicht überleben.» Sie denkt: «Hier das Leben, dort Harry, der mit dem Tod kämpft.» Der Spagat zerreisst sie fast. Am 9. Februar 2005, vor Sonnenaufgang, stirbt Harry Regtering an Krebs.

Das ist fünf Jahre her. Inzwischen ist Karin 41 Jahre alt. Das Gefühl, im Spagat zu leben, ist irgendwie immer noch da. «Ein Stück von mir ist hier und weiss, dass Harry tot, weg ist. Ein Stück lebt in der Erinnerung, immer noch und jeden Tag.» Vielleicht ist es das, was verwitwete Menschen von anderen Menschen unterscheidet: diese Zerrissenheit zwischen dem Heute und einer unwiederbringlich verlorenen Vergangenheit, als man noch Teil eines Paars, eines Ganzen war.

Karin und ihre Zwillingstöchter Carol und Lana, 14, sitzen in der Küche ihrer zweistöckigen Wohnung im Dorfzentrum von Magden im Aargau. Es riecht nach Omeletten und Zimt. Die drei wirken selbstbewusst mit ihren weichen, federnden Bewegungen, dem vorsichtigen Lächeln. «Wir sind uns sehr ähnlich. Lieber Galgenhumor als Tränen», sagt Karin. Lieber Sprüche wie «Ich geh mal ins Dorf, Leute in Verlegenheit bringen als trauernde Witwe». Harry würde das genauso machen. Harry, der auf den Fotos an den Wänden grinst wie Popeye, der unverwüstliche Matrose. Harry, der ihr so leidtut, weil er nicht mehr mitkriegt, wie seine Mädchen gross werden.

Harry Regtering starb im Februar 2005 an Krebs.

«Ihr habt einander. Ich bin allein»

Die Mädchen können sich nicht mehr erinnern, wie es war, als ihr Vater starb. Lana sagt: «Ich weiss nur noch, dass unsere Klasse an diesem Tag auf die Schlittschuhbahn durfte. Und dass ich viel lieber mitgegangen wäre als ins Spital, meinen toten Vater anschauen.» Und Carol: «Ich habe vergessen, wie es mit ihm zusammen war. Darum vermisse ich ihn auch nicht so sehr.» Die Fragen bringen sie in Verlegenheit. So viel Brimborium. Wo soll ihr Vater jetzt schon sein? Auf dem Friedhof natürlich, wo denn sonst. Als die beiden weg sind, erzählt Karin Regtering, wie sie zu dritt mal darüber diskutiert hätten, was schlimmer sei: den Vater zu verlieren oder den Mann. Da habe sie geantwortet: «Ihr habt einander. Ich bin allein.»

Jedes Jahr sind in der Schweiz rund 1500 Familien vom Tod eines Elternteils betroffen – über 2000 minderjährige Kinder. «Nach Harrys Krankheit und Tod meinte ich, das Schlimmste überstanden zu haben. Noch schwerer aber ist es, im Alltag, der danach kommt, kein ebenbürtiges Gegenüber mehr zu haben», sagt Karin. Allein zu sein. Die erste Zeit nach Harrys Tod habe sie einfach nur funktioniert.

Statt Hilfe gibts Papierkram

Die erste Zeit – das heisst für viele junge Witwen und Witwer mit kleinen Kindern, gar keinen Platz zu finden für die eigene Trauer. Sorgen und Probleme prasseln auf sie ein wie ein Hagelsturm. Weil ein Todesfall bei uns längst nicht mehr nur eine emotionale Angelegenheit ist, sondern eine finanzielle und eine juristische, bei der viele Behörden mitreden wollen. Vor allem den Umgang mit der Vormundschaftsbehörde empfand Karin Regtering als «anstrengend und überflüssig». Die Behörde ist verpflichtet, genau auszurechnen, was das Kind beim Tod des Vaters oder der Mutter erbt. «Inventar über das Kindsvermögen», so nennt man das. Es soll sicherstellen, dass das Kind bei seiner Volljährigkeit auch alles bekommt, was ihm zusteht. In der Realität ist das aber oft ein mühsamer und komplizierter Papierkram. «Man fühlt sich schlecht, aber statt zu helfen, statt irgendeine menschliche Regung zu zeigen, kommen die Beamten mit ihren Paragraphen.»

Manche Witwen und Witwer geraten darüber hinaus in Geldnot, weil die Hinterbliebenenrente nicht ausreicht. Sie müssen sich um Ergänzungsleistungen kümmern. Vielleicht in eine kleinere Wohnung wechseln. Mehr arbeiten. Karin hatte Glück, sie arbeitete bereits vor Harrys Tod Teilzeit. Witwenrente, Halbwaisenrente und der Lohn als Sekretärin bei einer Werbeagentur reichen.

Wie geht all das, ohne irgendwann aus Überforderung zu kollabieren? Denn da sind ja auch noch die Kinder, denen man irgendwie zeigen muss, dass die Welt nicht zerbricht. Bei Karin Regtering ging es nur, weil sie sich keine Trauer erlaubte. Sie habe sich in Aktivismus gestürzt. Auto verkauft. Harrys Sachen weggeschmissen. «Einige Leute verwechselten das mit mangelnder Trauer.» Das habe sie verletzt, sehr. Auch das ist die Realität vieler Witwen und Witwer: dass man ihnen vorschreibt, wie sie zu trauern haben. Monate nach Harrys Tod schreibt sie einen Rundbrief an Freunde und Bekannte. Manches darin klingt wie eine Rechtfertigung: «Vieles wollte ich schnell erledigen. Ich wusste nicht, wie lange meine Kraft reicht. Einiges hätte vermutlich Zeit gehabt, aber ich musste weiter.»

Seit einigen Monaten hat Karin wieder einen Partner. Wie sehr ihr eine Beziehung fehlte, merkt sie erst jetzt. Sie ist glücklich, sagt, sie könne mit ihrem Freund dort anknüpfen, wo es mit Harry aufgehört habe. Bei dem Gefühl, eine komplette Familie zu sein. Auch die Mädchen mögen den Neuen. Darüber staunt Karin am meisten: wie gut es den Mädchen geht, wie ihre Heiterkeit trotz Harrys Tod ungebrochen ist.

Kinder können Schuldgefühle entwickeln

Hanna Wintsch sitzt in einem Zürcher Café. Familie und Tod sind ihr Fachgebiet. Wintsch ist Kinder- und Familientherapeutin. Sie leitet die Abteilung für Psychoonkologie und die Sprechstunde für Traumata am Kinderspital St. Gallen. Eine resolute Frau mit wilden roten Locken und schnörkellosen Sätzen. «Der Tod eines Elternteils ist für das Kind immer eine Hypothek. Es gibt Kinder, die Jahre später daran zerbrechen.» Aber das muss nicht sein, das ist Wintschs wichtigste Botschaft. Es komme darauf an, ob und wie die Erwachsenen die Trauer des Kindes auffangen. Auffangen – das heisst für sie in erster Linie: «Akzeptieren, dass Kinder anders trauern, aber nicht weniger intensiv.» Sie weinen weniger als Erwachsene. Sind sprunghaft in ihren Gefühlen. Traurig und Minuten später schon wieder lustig. «Kinder wollen leben. Wir dürfen sie nicht aufhalten, indem wir ihnen unsere erwachsene Trauer aufzwingen.»

Wie Kinder trauern, hängt von ihrem Alter ab. Hanna Wintsch spricht von unterschiedlichen «Todeskonzepten». Für einen Zweijährigen ist tot sein nicht endgültig, eher wie schlafen. Fünfjährige wissen zwar, dass der Tod unvermeidlich ist, aber sie glauben, ihm entkommen zu können. Sie müssen sich nur gut genug verstecken oder nachts das Licht brennen lassen. In dieser «magischen Phase», so Wintsch, neigen Kinder zu starken Schuldgefühlen. In ihrer Logik haben sie den Tod des Elternteils durch irgendeine Handlung oder einen Gedanken herbeigeführt. Jugendliche wiederum kapseln sich ab, geraten oft in eine schwere Sinnkrise. Oder sie machen genau das Gegenteil, stürzen sich ins Leben.

Hanna Wintsch seufzt. Das sei ja gerade die Krux, wenn man Müttern und Vätern Ratschläge für den Umgang mit ihren trauernden Kindern geben soll: Das lässt sich nicht verallgemeinern. Jedes Kind reagiert anders, jede Familie hat ihre eigene Form von Trauer. Immer alle Fragen beantworten, ehrlich informieren, den Alltag nach Möglichkeit wie gewohnt weiterführen, die eigene Trauer nicht verheimlichen – das seien die wichtigsten Punkte. Am Schluss, bevor sie geht, sagt die Psychologin noch: «Manchmal müssen wir auch einfach den Selbstheilungskräften der Kinder vertrauen und ihnen Zeit lassen.»

Die Schwiegermutter springt ein

Dieses Vertrauen in die Kinderseele kostet Emil Banz viel Kraft, besonders dann, wenn die Zweifel kommen: Was macht die Trauer mit meinen Söhnen? Geht es ihnen wirklich gut? Fehlt ihnen die Mutter sehr? – Seit dem Tod seiner Frau vor sechs Jahren quälen ihn diese Fragen. Auf manche hat der 62-jährige Ökonom bis heute keine Antwort gefunden. Magdalena – «Leni» nennt er sie – litt an Dickdarmkrebs. Als sie starb, war sie 44. Er sagt über seine Frau: «Sie gestaltete ihr Sterben wie einen Job: diszipliniert und mit dem Willen, es gut zu machen.» In den Momenten, da er noch voller Hoffnung war, dachte sie bereits ganz pragmatisch an die Zeit nach ihrem Tod. Ohne sein Wissen bat sie ihre Mutter, sich später mal um die Kinder zu kümmern, Lukas und Stefan, damals 11 und 9. Seitdem wohnt die Schwiegermutter von Emil Banz mit im Haus, regelt den Haushalt und ist für die Jungs da, während er zur Arbeit geht.

«Meine Frau gestaltete ihr Sterben wie einen Job: diszipliniert und mit dem Willen, es gut zu machen»: Emil Banz, Witwer seit 2004

Das Gespräch mit Emil Banz ähnelt einem weitläufig mäandrierenden Fluss. Manchmal auch einem stillen Labyrinth von Flussarmen. Dann stockt das Gespräch, und es dauert lange, bis er seine Tränen runtergeschluckt hat. Oft, wie um sich Mut zu machen, sagt er diesen Satz: «Lukas, Stefan und ich – wir haben es gut zusammen.» Aber die Zweifel bleiben, immer kehrt er im Gespräch zu ihnen zurück: Genüge ich meinen Söhnen? «Man versucht, einen Teil der Leerstelle auszufüllen, so gut es geht.»

Dann berichtet er von Lukas. Lukas wollte sofort nach dem Tod der Mutter wieder zur Schule. Am Sonntag starb sie, und am Montag stellte er sich vor die Klasse und sagte: Meine Mutter ist gestern gestorben. Das tut sehr weh, aber für sie ist es doch auch gut. So hat sie keine Schmerzen mehr.

Magdalena «Leni» Banz starb 44-jährig an Dickdarmkrebs.

Emil Banz ist stolz auf Lukas, froh um solche Geschichten. Für ihn ist das ein Zeichen, dass es in den Söhnen arbeitet, im positiven Sinn. Dass sie «z Schlaag» kommen werden mit dem Verlust ihrer Mutter.

 

Manchmal scheut er sich, seine Söhne mit seiner eigenen Trauer zu belasten. Wenn ihr Kopf voll ist mit ganz normalen Jungsproblemen. «Und dann komm ich mit meinem Schmerz.» Er schweigt lange. «Wenn ich ihnen aber sage, dass es mir nicht so gut geht, dass ich Leni vermisse, entstehen oft gute Gespräche.» So tastet er sich langsam an Antworten heran, an ein neues Vertrauen.

 

Emil Banz tun die regelmässigen Treffen mit der Selbsthilfegruppe des Vereins Aurora gut. Die anderen Teilnehmer wissen genau, wie es ist, allein fertigwerden zu müssen mit den quälenden Fragen und Zweifeln. Für Emil Banz ist der Verein, der sich speziell an Verwitwete mit Kindern richtet, zu einer Art Heimat geworden. Viele aus der Gruppe sind inzwischen seine Freunde. «Wir brauchen nicht viele Worte» – um das geht es: die Verzweiflung nicht immer erklären, die Trauer nicht immer rechtfertigen zu müssen.

«Ich habe zwei Leben: ein erstes, unbeschwertes davor. Danach das zweite, voller Kampf und Einsamkeit»: Jacqueline Arter, Witwe seit 1999

«Sein Tod wurde plötzlich real»

«Verwitwete Menschen meinen oft, mit ihrer Verzweiflung und ihrem Schmerz eine Last für andere zu sein. Viele ziehen sich deshalb völlig zurück», sagt Jacqueline Arter. Vor einigen Jahren übernahm die 49-jährige Sekretärin das Präsidium des Vereins Aurora. Aus Dankbarkeit, «weil ich, als es mir schlecht ging, unglaublich vom Verein profitiert habe».

Am 25. August 1999 warf sich Markus, ihr Partner, vor den Zug und liess sie mit ihrem zweijährigen Sohn Xeno zurück. Kein Abschiedsbrief. Zehn Jahre bewahrt die Polizei die Akte eines Selbstmörders auf. Dann wird sie vernichtet. Jacqueline Arter wartet bis zum letztmöglichen Zeitpunkt. Kurz vor Markus zehntem Todestag fährt sie zur Polizeistation und lässt sich seine Akte zur Ansicht geben. Zum ersten Mal in all den Jahren wagt sie einen Blick auf das Foto: Markus zerfetzter Körper auf den Gleisen. «Es war befreiend, sein Tod wurde plötzlich real.»

Jacqueline Arters Partner Markus beging im August 1999 Selbstmord.

Jacqueline Arters Stimme ist rauchig und müde, der Blick sehr direkt, misstrauisch. Sie sagt, sie habe zwei Leben: ein erstes, unbeschwertes davor. Danach das zweite, voller Kampf, Misstrauen, Einsamkeit. Im zweiten Leben wurde sie stark. «Und hart.»

Ohne Heirat keine Witwenrente

Witwen und Witwer sind Überlebende eines Unglücks. Das macht sie stark. Manchmal aber verwandelt sich die Stärke in Härte. Wenn die Einsamkeit und der Kampf ums Überleben zu heftig werden. Nach Markus Tod war Jacqueline allein. Der Vater im Pflegeheim. Die Mutter verstorben. Die Schwiegereltern in Deutschland wollten nichts von ihr wissen. Hinzu kam, dass sie mit Markus im Konkubinat gelebt hatte. So erhielt sie keine Witwenrente. Und sie erbte nichts; Markus gesamtes Vermögen ging auf den Sohn über. Jedes Mal, wenn sie Geld benötigte, musste sie die Einwilligung der Vormundschaftsbehörde einholen. Ihr Teilzeitpensum von 50 Prozent erhöhte sie auf 70, weil sie nicht von der Sozialhilfe abhängig werden wollte.

Jacqueline Arter raucht viel während des Gesprächs. Wenn sie raucht, wirkt sie ein bisschen wie eine Rockerlady: tough, lebenshungrig. Obwohl die Strahlen der Wintersonne, die durch die Scheiben des Restaurants fallen, auf der Haut und in den Augen brennen, schiebt sie ihren Stuhl nicht in den Schatten. Sie schliesst nur die Augen.

Hilfe für Witwen und Witwer mit Kindern

Der Verein Aurora richtet sich an Witwen und Witwer mit Kindern. Er bietet Informationen und Kontakt­möglichkeiten mit anderen Verwitweten. Es finden Treffen für Erwachsene oder für ganze Familien statt, gemeinsame Ferienreisen, Trauerseminare. Weitere Infos: www.verein-aurora.ch

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© Beobachter Ausgabe 3 vom 04. Feb 2010 - Alle Rechte vorbehalten

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