Visa: An der Grenze des Zumutbaren
Um in ein Nachbarland zu reisen, brauchen in der Schweiz lebende Ausländer aus Nicht-EU-Staaten ein Visum. Bevor sie es erhalten, müssen viele Hürden überwunden werden.

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Tatjana Weber (Name geändert) fühlt sich als Mensch zweiter Klasse. Will die Armenierin, die seit zwei Jahren in Winterthur lebt und mit einem Schweizer verheiratet ist, ins europäische Ausland reisen, muss sie einen bürokratischen Spiessrutenlauf auf sich nehmen. Als Nicht-EU-Bürgerin unterliegt sie den rigiden Einreisebestimmungen des Schengener Abkommens.
Vor anderthalb Jahren plante Weber eine Reise nach Avignon. Die Probleme begannen bereits vor dem französischen Generalkonsulat in Zürich. «Es war erniedrigend, was ich auf dem Konsulat erlebt habe», erinnert sich die 26-Jährige. Stundenlang musste sie vor dem Gebäude Schlange stehen, bis sie an der Reihe war. «Danach verweigerte man mir das Visum, weil auf meinem Bankkonto zu wenig Geld war.» Tatjana Weber wurde nach Hause geschickt, um den Bankauszug ihres Ehemannes zu holen.
Weiter verlangte das Konsulat von Webers Krankenkasse eine Bestätigung, dass allfällige Gesundheitskosten übernommen würden. Schliesslich wollte es auch noch einen schriftlichen Beleg der französischen Gastgeber sehen, bei denen Weber und ihr Mann die Ferientage verbringen wollten, sowie eine Kopie der im Voraus bezahlten Rechnung des Hotels, in dem das Ehepaar auf der Hinreise übernachten würde.
«Gegen die Vorschriften können wir nichts machen», rechtfertigt ein Mitarbeiter des französischen Generalkonsulats das aufreibende Prozedere. Um Ärger zu vermeiden, empfehle er, erst beim Konsulat zu erscheinen, wenn alle Dokumente beisammen sind. «Der Andrang ist gross. An einem Tag müssen wir bis zu 50 Anfragen abklären.»
Christoph Müller vom Bundesamt für Zuwanderung, Integration und Auswanderung (IMES) sind die Leiden der ausländischen Bevölkerung in der Schweiz bekannt. «Leider sind uns die Hände gebunden, da es Visumentscheide der Nachbarstaaten sind», sagt er. «Das Problem könnte nur gelöst werden, wenn die Schweiz im Rahmen der bilateralen Verhandlungen mit den Schengen-Staaten neue Konditionen aushandeln würde.»
Davon würde auch Nada Vuic (Name geändert) aus Zürich profitieren. «Ich habe keine Chance, spontan ins Ausland zu reisen.» Letzten Sommer wollte die gebürtige Bosnierin ihre Heimatstadt Banja Luka besuchen. Für die Fahrt durch Italien brauchte sie ein Durchreisevisum. «Vier Monate im Voraus muss man sich beim italienischen Konsulat telefonisch um einen Termin bemühen», klagt sie. «Zwei Wochen lang versuchte ich durchzukommen ohne Erfolg.» Schliesslich ging Vuic persönlich beim Konsulat vorbei, doch man wimmelte sie ab: Es sei zwecklos, ohne Termin im Konsulat vorzusprechen.
«Das ist doch absurd»
Vuic verzichtete schliesslich auf die Reise: «Ich hätte das Visum nicht mehr rechtzeitig gekriegt.» Dieses Jahr hat sie sich bereits im Januar um einen Termin beim Konsulat bemüht. «Das ist doch absurd!»
Anders als alle übrigen Schengen-Staaten sind Österreich und Deutschland den Bedürfnissen der in der Schweiz lebenden Ausländer aus Nicht-EU-Staaten entgegengekommen: Seit letztem Jahr ist ein Visum nicht nur drei Monate, sondern zwei Jahre gültig.
© Beobachter Ausgabe 13 vom 25. Jun 2003 - Alle Rechte vorbehalten











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