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Aussenseiter

Schluss mit den Schikanen

Text:
  • Gabriele Herfort
Bild:
  • Daniel Müller
Ausgabe:
8/09

Wenn ein Kind von Schul- und Spielkollegen abgelehnt und systematisch gepiesackt wird, ist das Mobbing. Eltern und Lehrer müssen eingreifen.

Mit hängenden Schultern und versteinertem Gesichtsausdruck steht der klein gewachsene Timo, 9, abseits der lärmenden Kindergruppe. Gern würde er mitspielen, aber die anderen lassen ihn nicht. Er solle doch zu den Babys gehen und die Windeln wechseln, bekommt er regelmässig zu hören. Aus Wut schlägt er gelegentlich zu. Dabei zieht er logischerweise den Kürzeren: Am Ende der Balgerei steht er mit blauen Flecken und zerrissener Hose da. Dabei soll doch seine Mutter nichts davon erfahren.

Treffen kann es jeden und jede

Timo ist ein Aussenseiter, wie es ihn in fast jeder Kindergruppe gibt. Den eigentlichen Grund dafür kann sich der Neunjährige nicht erklären, auch wenn er realisiert, dass die anderen viel grösser und stärker sind als er. Die Eigenheit eines Kindes, seine Kleidung, seine Hautfarbe oder seine Grösse sind oft Anlass genug, es abzulehnen, lächerlich zu machen oder zu schikanieren. Letztlich geht es aber nicht um Timos Aussehen. Kinder finden immer einen Kameraden, den sie ablehnen und ausgrenzen, um sich dadurch ­selber stärker zu fühlen. Der Anführer will sich dabei in der Gruppe profilieren oder Macht ausüben. Die anderen sind meist «nur» Mittäter, Mitläufer oder applaudierende Statisten.

Wird ein Kind über mehrere Wochen oder gar Monate in der Schule systematisch schikaniert, beschimpft oder lächerlich gemacht, handelt es sich nicht mehr um Hänseleien oder Streitereien, sondern um Mobbing. Das typische Opfer gibt es nicht, es kann jeden treffen, Buben wie Mädchen. «Kinder brauchen den Kontakt zu Gleichaltrigen. Wenn sie ausgeschlossen werden, bleiben wichtige kognitive und emotionale Fähigkeiten auf der ­Strecke», so die deutsche Psychologin und Mobbingforscherin Mechthild Schäfer. Wer unter Mobbing leide, habe oft ein ­gestörtes Selbstbewusstsein und grössere Schwierigkeiten, Freundschaften und ­Beziehungen aufrechtzuerhalten. Sowohl Schulen als auch Vereine müssen gegen systematische Schikanen kompromisslos einschreiten. Für Eltern ist es wichtig, die Signale richtig zu deuten und mit dem Kind ins Gespräch zu kommen. Häufig sträuben sich gemobbte Kinder, in die Schule zu ­gehen oder im Freien zu spielen. Sie beginnen, an körperlichen Beschwerden und Schlafstörungen zu leiden, oder werden immer ängstlicher und unsicherer.

Timos Mutter hat sich nicht mit ausweichenden Antworten abwimmeln lassen, sondern ihren Sohn ermutigt, seine Erlebnisse zu schildern. Sie hat ihn ernst genommen und dadurch sein Vertrauen gewonnen. Sie erzählte ihm sogar von ­eigenen ähnlichen Erfahrungen aus ihrer Kindheit und konnte ihm begreiflich ­machen, dass Scham und Hilflosigkeit in seiner Situation normal sind. Gemeinsam haben Mutter und Sohn überlegt, was er den verbalen Angriffen der Kollegen entgegensetzen kann. Soll er die Provokatio­nen ignorieren und so Stärke beweisen? Zur Diskussion stand auch ein Judo- oder ein Karatekurs. Auf jeden Fall hat sie den Klassenlehrer informiert, damit er im ­Unterricht Mobbing thematisiert und den Schikanen einen Riegel schiebt. Einfach ist dieser Weg nicht, aber wenn Eltern, Lehrpersonen und Kinder am gleichen Strick ziehen, stehen die Chancen gut. 

Weitere Infos

Beratung: Informationen über Mobbing in der Schule und Gegenstrategien ­bietet die Projektgruppe der Schweizer Psychologin Françoise Alsaker: www.praevention-alsaker.unibe.ch.

Kantonale Erziehungs- und Jugendbera­tungsstellen helfen Eltern und Kindern.

Buchtipp: Jo-Jacqueline Eckardt: «Mobbing bei Kindern. Erkennen, ­helfen, vorbeugen»; Kreuz-Verlag, 2008, 128 Seiten, CHF 24.90

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© Beobachter Ausgabe 8 vom 17. Apr 2009 - Alle Rechte vorbehalten

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