Editorial Null Toleranz für Rotzlöffel

Rotzlöffel
Freche Bengel und verzogene Gören: Die konservative Wende ist auch in der Erziehung angekommen.

Sind Kinder heute so schlimm wie noch nie? «Mir kommt es vor, als ob sie eine Lektion allzu gut gelernt hätten: dass man mit Egoismus bestens durchkommt», sagt Martin Vetterli im Editorial zum neuen Beobachter.

Martin Vetterli, stv. Chefredaktor
Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süssspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.

Bei den Recherchen für unsere Titel­geschichte «Generation Nervensäge» haben meine beiden Kolleginnen Birthe Homann und Tanja Polli Unglaubliches gehört. Selbst erfahrene Pädagoginnen erklärten: «So schlimm wie heute war es noch nie!» Als wären die Kleinen von heute allesamt Monster.

Und alle haben das passende Rezept gegen freche Bengel und verzogene Gören: klare Regeln, klare Ansagen, klare Strafen. Wer keine Grenzen setze, lasse die Kinder orientierungslos zurück und mache sie unglücklich, so der Tenor. Die konservative Wende ist auch in der Erziehung angekommen.

«Nicht die Rotzlöffel sind das Problem, sondern die egozentrischen Erzieher. Das sitzt.»

Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

Zu den Verfechtern der neuen Härte zählt der deutsche Kinder- und Jugendpsychologe Michael Winterhoff, seine Bücher sind Bestseller. Aber selbst wenn man nicht mit ihm einverstanden ist, lohnt es sich, ihm zuzu­hören. Im Interview stellt er gleich zu Beginn klar: «Bevor wir über die Kinder sprechen, müssen wir die Erwachsenen anschauen. Sie sind in den allermeisten Fällen der Grund dafür, dass Kinder auffällig werden.»

Nicht die Rotzlöffel sind das Problem, sondern die egozentrischen Erzieher. Das sitzt.

Eltern sehen sich als Kumpel ihrer Kinder

Auch sonst liefert Winterhoff Stoff zum Nachdenken: Eltern wollen nicht mehr Eltern sein, sondern Kumpel ihrer Kleinen. Sie leben mit ihnen symbiotisch und solidarisieren sich so sehr, dass sie jede Distanz verlieren. Wenn die Lehrerin eine Strafaufgabe erteilt, fühlen sich die Eltern bestraft, eine schlechte Schulnote verunsichert die Mutter, ein Pfiff des Schiedsrichters nach einem Foul provoziert den Vater. Auch das trifft.

Trotzdem nerven mich die Dauerklagen, Kinder seien noch nie so verzogen, frech und ichbezogen gewesen wie heute. Mehr Distanz täte gut. Wenn sich Kinder als Sterne im Universum begreifen, um die sich die Welt dreht, sagt das mehr über uns Erwachsene aus als über die Kids. Das heisst nicht, dass man nicht auch einem fremden Kind mal sagen darf, es störe und solle bitte ruhig sein.

Aber statt die So-schlimm-wie-heute-war-es-noch-nie-Platte aufzulegen, würde man manchmal besser über sich nachdenken. Mir jedenfalls kommt es vor, als hätten unsere Kinder eine Lektion allzu gut gelernt: dass man mit Egoismus bestens durchkommt.

Falls Sie es nicht gemerkt haben sollten: Der erste Abschnitt ist ein 2400 Jahre altes ­Zitat. Es stammt vom griechischen Philo­sophen Sokrates.

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Der Beobachter 21/2016 erscheint am Freitag, 14. Oktober. Sie erhalten die Ausgabe am Kiosk, als E-Paper oder im Abo.

Autor:
  • Martin Vetterli
Bild:
  • Hanna Jaray
  •  und Vanessa Bachmann
14. Oktober 2016, Beobachter 21/2016

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