Erziehung
Es tut mir leid!
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- 23/09
Fehler zu machen ist menschlich – sie zu verzeihen auch. Wie Eltern und Kinder damit umgehen sollten.
Mit üblen Ausdrücken habe sie der Sohn beschimpft, erzählt die Mutter. Und jetzt habe er sich in seinem Zimmer verbarrikadiert. Eine unschöne Situation – und jetzt platze auch ich noch herein. Ich bin gekommen, um meinen 13-jährigen Göttibuben Louis und seine Familie übers Wochenende zu besuchen. Die Mutter erzählt weiter: Sie habe Louis dann angeschrien und ihm nicht ganz stichhaltige Vorwürfe gemacht. Kleinlaut fügt sie an: «Das war sicher falsch, aber sein Verhalten war unmöglich.»
Leben Menschen so eng zusammen wie in einer Familie, ist es logisch, dass es ab und an zu heftigen Zusammenstössen kommt. Das gehört zum Leben – und schadet den Kindern nicht. Im Gegenteil: Kinder brauchen Konflikte, um angemessenes soziales Verhalten einzuüben. Wichtig ist nur, dass hinterher die «Scherben» aufgelesen werden und ein guter Neuanfang möglich ist.
Dazu braucht es eine aufrichtige und ernst gemeinte Entschuldigung. Für eine wirkliche Versöhnung muss man in sich gehen, sich hinterfragen und das eigene Verhalten erklären. Es braucht auf der anderen Seite aber auch die Fähigkeit, verzeihen zu können. Das ist für viele Menschen nicht ganz leicht, besonders wenn sie in ihrem Selbstwertgefühl getroffen wurden. Psychologen sind sich einig: Verzeihen können setzt ein gut entwickeltes Selbstwertgefühl voraus und muss als innerer Vorgang erfolgen, von ganzem Herzen.
Eltern verlieren übrigens auch nicht ihr Gesicht, wenn sie sich beim Kind entschuldigen und sagen, dass ihnen ihr Verhalten leidtut. Das bietet auch die Gelegenheit, darüber zu sprechen, wie schwer es ist, mit der eigenen Wut und dem eigenen Zorn umzugehen.
Kinder verzeihen Fehler in der Regel. Es entlastet sie, zu erleben, dass nicht nur sie lernen müssen, mit ihren Emotionen umzugehen. Zudem erleben Kinder ihre Eltern als Vorbild. In empirischen Studien des deutschen Psychotherapeuten Reinhard Tausch zum Thema Verzeihen gaben 40 Prozent aller Befragten an, dass sie das Vergeben durch das positive Vorbild ihrer Eltern gelernt hätten. Es zeigt also Wirkung, wenn Eltern zu Fehlern stehen, um Entschuldigung bitten, verzeihen und sich dann wieder versöhnen. Das fördert die Beziehung, stärkt die Bindung und erleichtert das friedliche Zusammenleben.
«Fehler zu vergeben ist heilsam für die Seele», so Experte Tausch. Im Groll zu verharren schadet der Gesundheit, das zeigen Resultate der «Forgiveness»-Forschung in den USA. Wenn Eltern Kindern keine Vorwürfe machen, sie nicht herabwürdigen und mit Schuldzuweisungen frustrieren, können Kinder sich eher zu selbstbewussten, sozialen Personen entwickeln.
Haben Louis und seine Mutter das auch geschafft? Sich entschuldigt und einander verziehen? Am nächsten Morgen höre ich als Erstes ein fröhliches Trällern des Jungen. Die Mutter erzählt: «Als ich zu Bett gehen wollte, hörte ich, wie Louis den Schlüssel an seiner Zimmertür drehte.» Sie nahm das als Aufforderung, anzuklopfen und auf sein leises «Herein» einzutreten. Und dann hätten sie geredet und geredet. Jeder konnte sagen, was ihn verletzt hatte. «Und das Schöne war, am Ende haben wir uns ganz fest aneinandergekuschelt und uns verziehen.»
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© Beobachter Ausgabe 23 vom 12. Nov 2009 - Alle Rechte vorbehalten
Erziehung
Es tut mir leid!
Fehler zu machen ist menschlich – sie zu verzeihen auch. Wie Eltern und Kinder damit umgehen sollten.
Mit üblen Ausdrücken habe sie der Sohn beschimpft, erzählt die Mutter. Und jetzt habe er sich in seinem Zimmer verbarrikadiert. Eine unschöne Situation – und jetzt platze auch ich noch herein. Ich bin gekommen, um meinen 13-jährigen Göttibuben Louis und seine Familie übers Wochenende zu besuchen. Die Mutter erzählt weiter: Sie habe Louis dann angeschrien und ihm nicht ganz stichhaltige Vorwürfe gemacht. Kleinlaut fügt sie an: «Das war sicher falsch, aber sein Verhalten war unmöglich.»
Leben Menschen so eng zusammen wie in einer Familie, ist es logisch, dass es ab und an zu heftigen Zusammenstössen kommt. Das gehört zum Leben – und schadet den Kindern nicht. Im Gegenteil: Kinder brauchen Konflikte, um angemessenes soziales Verhalten einzuüben. Wichtig ist nur, dass hinterher die «Scherben» aufgelesen werden und ein guter Neuanfang möglich ist.
Dazu braucht es eine aufrichtige und ernst gemeinte Entschuldigung. Für eine wirkliche Versöhnung muss man in sich gehen, sich hinterfragen und das eigene Verhalten erklären. Es braucht auf der anderen Seite aber auch die Fähigkeit, verzeihen zu können. Das ist für viele Menschen nicht ganz leicht, besonders wenn sie in ihrem Selbstwertgefühl getroffen wurden. Psychologen sind sich einig: Verzeihen können setzt ein gut entwickeltes Selbstwertgefühl voraus und muss als innerer Vorgang erfolgen, von ganzem Herzen.
Eltern verlieren übrigens auch nicht ihr Gesicht, wenn sie sich beim Kind entschuldigen und sagen, dass ihnen ihr Verhalten leidtut. Das bietet auch die Gelegenheit, darüber zu sprechen, wie schwer es ist, mit der eigenen Wut und dem eigenen Zorn umzugehen.
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Groll schadet der Gesundheit
Kinder verzeihen Fehler in der Regel. Es entlastet sie, zu erleben, dass nicht nur sie lernen müssen, mit ihren Emotionen umzugehen. Zudem erleben Kinder ihre Eltern als Vorbild. In empirischen Studien des deutschen Psychotherapeuten Reinhard Tausch zum Thema Verzeihen gaben 40 Prozent aller Befragten an, dass sie das Vergeben durch das positive Vorbild ihrer Eltern gelernt hätten. Es zeigt also Wirkung, wenn Eltern zu Fehlern stehen, um Entschuldigung bitten, verzeihen und sich dann wieder versöhnen. Das fördert die Beziehung, stärkt die Bindung und erleichtert das friedliche Zusammenleben.
«Fehler zu vergeben ist heilsam für die Seele», so Experte Tausch. Im Groll zu verharren schadet der Gesundheit, das zeigen Resultate der «Forgiveness»-Forschung in den USA. Wenn Eltern Kindern keine Vorwürfe machen, sie nicht herabwürdigen und mit Schuldzuweisungen frustrieren, können Kinder sich eher zu selbstbewussten, sozialen Personen entwickeln.
Haben Louis und seine Mutter das auch geschafft? Sich entschuldigt und einander verziehen? Am nächsten Morgen höre ich als Erstes ein fröhliches Trällern des Jungen. Die Mutter erzählt: «Als ich zu Bett gehen wollte, hörte ich, wie Louis den Schlüssel an seiner Zimmertür drehte.» Sie nahm das als Aufforderung, anzuklopfen und auf sein leises «Herein» einzutreten. Und dann hätten sie geredet und geredet. Jeder konnte sagen, was ihn verletzt hatte. «Und das Schöne war, am Ende haben wir uns ganz fest aneinandergekuschelt und uns verziehen.»
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