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Erziehung

«Was fällt denn diesem Balg ein?»

Text:
  • Sarah Zanoni
Bild:
  • Daniel Müller
Ausgabe:
17/11

Alle Eltern werden früher oder später mit der Frage konfrontiert: 
Darf man ein fremdes Kind tadeln? Und wenn ja, wie?

Erziehung: «Was fällt denn diesem Balg ein?»

Stellen Sie sich vor, Sie seien ein 
kleines Kind. Sie spielen mit einem Kesseli im Sandkasten. Sie schütten gerade einen grossen Sandberg auf. In 
Ihrer Phantasie verwandeln Sie sich in ­einen Bagger, der über Riesenkräfte verfügt und grosse Mengen aufs Mal aufladen kann – um diese dann genüsslich wieder auszuleeren. Da! Direkt vor Ihnen bietet sich ein blondgelocktes Etwas an, das als Auffangbecken wie geschaffen scheint. Platsch! – Sie leeren den Kessel aus. Dass das blonde Etwas nun zu brüllen beginnt, damit konnten Sie ja nicht rechnen.

Szenenwechsel: Wunderbar! Ihr Kind spielt friedlich im Sandkasten. Sie genies­sen derweil die Sonne, checken SMS oder plaudern mit einer Kollegin. Doch die Idylle ist nur von kurzer Dauer. Denn Ihr Kleines schreit los. Ein fremdes Kind steht daneben und schaut verdutzt. Es hat seinen Sandkessel soeben über den blond­gelockten Schopf Ihres Kindes gekippt.

Fehlen Ihnen vor lauter Entrüstung 
die Worte? Holen Sie Ihr Kind flugs aus dem Sandkasten? Oder gehen Sie hin und schimpfen mit dem anderen Kind? Bevor Sie zur Tat schreiten, sollten Sie sich bewusst machen, dass der Grund für das 
Verhalten des fremden Kindes ganz arglos sein könnte. Es wollte vielleicht bloss 
Kontakt herstellen. Oder es war total in seine Phantasiewelt versunken. Oder aber es suchte Aufmerksamkeit von seiner eigenen Bezugsperson, indem es provozierte.

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Den anderen Eltern nicht dreinreden

Trotz allen Erklärungsansätzen bleibt Ihre Entrüstung, der Sie Luft machen möchten. Besonders ärgerlich ist es, wenn die anderen Eltern keine Anstalten machen, ihr Kind auf sein Tun hinzuweisen, geschweige denn es zurechtzuweisen. Wenn Sie nun einfach hingehen und das fremde Kind tadeln, könnten Sie im Handumdrehen in einen Konflikt verwickelt werden. Anderen Eltern unaufgefordert in deren Erziehungsmethoden reinzureden bringt nämlich wenig. Der Reflex, sich gegen jede Kritik zu wehren, ist zu stark.

Und dennoch: Einfach nichts zu tun wäre auch nicht richtig. Schon gar nicht dem eigenen Kind gegenüber, dem man beigebracht hat, andere nicht mit Sand oder Steinen zu bewerfen. Es würde sich unfair behandelt fühlen, wenn das andere Kind ohne Kommentar davonkäme. Und Fairness ist für Kinder extrem wichtig, 
damit sie bereit sind, sich auch künftig an Grenzen und Regeln zu halten.

Mein Tipp für alle Sandkasten- und Spielplatzsituationen, in denen Sie Anlass sehen, ein fremdes Kind auf sein Fehl­verhalten hinzuweisen oder seinen Eltern Ihre Meinung zu sagen: Gehen Sie zu 
Ihrem eigenen Kind hin und trösten Sie es. Dann erklären Sie Ihrem Kind mit ruhiger, aber lauter Stimme – die hoffentlich bis zu den anderen Eltern hörbar ist –, dass man keinen Sand auf die Haare kippen darf. Und dass wir das auch nicht tun. Und ja, dass das nicht in Ordnung war vom anderen Kind.

Et voilà: Sie haben alles getan, was Sie konnten – Ihr Kind fair behandelt und 
getröstet, das andere Kind indirekt getadelt und vielleicht sogar seinen Eltern einen Wink mit dem Zaunpfahl gegeben.

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© Beobachter Ausgabe 17 vom 18. Aug 2011 - Alle Rechte vorbehalten

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