Sprachentwicklung

Wie die Wörter laufen lernen

Text:
  • Conny Schmid
  •  und Gabriele Herfort
Ausgabe:
9/09

Je geschliffener das Mundwerk, desto besser: Für ein gesundes Selbstwertgefühl und gute Schulleistungen ist die Sprachentwicklung zentral. Eltern sollten deshalb die Lust am Kommunizieren bei ihren Kindern schon im Babyalter wecken.

66 Prozent der befragten Mütter nannten «Mama» als häufigstes Wort im Sprachschatz ihrer einjährigen Babys.

Mit gesenktem Blick geht die kleine Marie auf Barbara Reinhart zu. Die Logopädin am Zürcher Kinderspital sitzt auf dem Boden und telefoniert mit einem Spielzeugtelefon aus Plastik. Das Mädchen möchte mitspielen und streckt die Hand nach dem Hörer aus. Die Therapeutin fordert Marie auf, zum anderen Telefon zu gehen und dessen Hörer zu nehmen. Die Kleine versteht nicht, nimmt auch keinen Blickkontakt auf und gibt unverständliche Laute von sich. Marie ist drei Jahre alt, und nach weiteren Abklärungen steht fest: Das Mädchen hat eine Spracherwerbsstörung.

Nicht allen Kindern wird die Sprache in die Wiege gelegt. Etwa zehn Prozent aller Kinder haben im Alter von drei Jahren deutliche Probleme: Sie verstehen den Sinn sprachlicher Äusserungen nicht, reagieren zum Beispiel nur auf einzelne Schlüsselwörter und reimen sich den Rest zusammen. Sie haben Mühe mit der Grammatik und setzen etwa das Verb an die falsche Stelle. Andere sprechen so, dass nur die Eltern sie verstehen. «Die Ursachen sind meist unklar und oft genetisch bedingt», sagt Barbara Reinhart.

Meist äussern sich Spracherwerbsstörungen nicht nur über mangelnde Kommunikationsfähigkeit, sondern die betroffenen Kinder seien häufig auch in anderer Hinsicht auffällig, erklärt die Logopädin und Entwicklungspsychologin Barbara Zollinger. Viele können sich nicht gut mit sich selber beschäftigen und alleine spielen, sie zeigen Mühe im Umgang mit anderen Kindern, sind aggressiv oder sehr scheu. Wer sich nicht verständigen kann, entwickelt kein gesundes Selbstwertgefühl; und wer nicht versteht, ist unsicher. «Bei manchen Kindern bewirkt dies den totalen Rückzug, andere sind auf immer gleiche Abläufe fixiert, wieder andere werden wütend, weil sie sich nicht ausdrücken können», so Expertin Reinhart.

Die Sprachentwicklung wirkt sich später auch direkt auf die kognitiven Fähigkeiten aus: Wer die Sprache nicht beherrscht, versteht beispielsweise Rechenaufgaben nicht, auch wenn er oder sie mathematisch begabt wäre. Reinhart legt Eltern deshalb vor allem eines ans Herz: Sie sollen bei ihren Kindern die Lust an der Kommunikation wecken, und zwar so früh wie möglich. Denn der Spracherwerb beginnt nicht mit dem ersten gesprochenen Wort, sondern viel früher. Die ersten drei Lebensjahre sind in dieser Beziehung entscheidend.

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Die Sprache mit Spass verbinden

Voraussetzungen für das Sprechenlernen sind gutes Hören und Sehen, keine Schädigungen im Mund-Rachen-Raum und die Fähigkeit, die Sprache aufzunehmen und zu verarbeiten. «Ein wichtiger Schritt geschieht am Ende des ersten Lebensjahres, wenn das Kind anfängt, Gegenstände mit Personen in Verbindung zu bringen, indem es schaut, was der andere dazu meint», erklärt Barbara Zollinger, die sich auf die Sprachentwicklung bei Kleinkindern spezialisiert hat. Auf diese Weise lernen Kinder, Wörter mit bestimmten Handlungen zu verbinden und zu erkennen, dass Worte etwas bewirken können. Im dritten Lebensjahr entdecken Kinder, dass andere mehr oder anderes wissen als sie selbst – und stellen viele Fragen.

In den meisten Fällen geschieht all dies wie von allein. Eltern können den Spracherwerb aber unterstützen, indem sie deutlich und langsam mit dem Kind sprechen und sich Zeit nehmen. «Eigentlich geht es weniger um Sprache als um die Beziehung zu den Eltern und anderen Bezugspersonen», meint Barbara Zollinger.

Eltern sollten auf ihr Kind eingehen, neue Worte dann ins Spiel bringen, wenn es die Aufmerksamkeit gerade auf einen Gegenstand richtet und aufnahmefähig ist. Im Alltag ergeben sich zahllose geeignete Situationen. Gemeinsam Bilderbücher anschauen und beschreiben, was zu sehen ist, Verse aufsagen oder Lieder singen sind nur einige gute Möglichkeiten, die Sprache mit Spass zu verbinden.

«Ganz wichtig sind Wiederholungen. Und dass man möglichst aktive Wörter benützt», rät Logopädin Reinhart. «Baum», «Auto» oder «Haus» lösen weniger Reaktionen aus, Ausdrücke wie «komm» oder «runter» aber lassen sich durch konkrete Handlungen veranschaulichen und sind deshalb viel einprägsamer.

Nicht korrigieren, sondern wiederholen

Vor allem sei es wichtig, überhaupt erst kommunikative Situationen zu schaffen. «Wenn ein Kind mir stumm eine Dose hinstreckt, die es nicht selber aufmachen kann, so nützt es wenig, wenn ich diese einfach nehme und den Deckel öffne.» Sinnvoller sei es, die Aktion sprachlich zu untermalen, zu warten, bis das Kind Blickkontakt aufnimmt, und mit etwas übertriebener Betonung «Aufmachen?» zu fragen. «So bleibt dem Kind die Bedeutung des Wortes viel eher in Erinnerung», erklärt Reinhart. Solche Übungen sollten stets mit jenen Gegenständen erfolgen, die das Kind gerade interessieren. «Motivation ist zentral fürs Lernen.» Und: «Eltern sollten Kinder auf gar keinen Fall bei der Aussprache belehren und Worte wiederholen lassen.» Spricht ein Kind etwas falsch aus, gilt die Regel: nicht korrigieren, sondern das Wort mit dem Satz wiederholen und es nochmals richtig aussprechen. Ein Kind hört bei den Bezugspersonen die korrekte Aussprache und eignet sich diese mit der Zeit an.

Nicht jedes Kind, das mit zwei Jahren erst wenig spricht, braucht gleich eine Therapie. «Jedes Kind entwickelt sich sehr individuell», betont Entwicklungspsychologin Zollinger. Der Gang zur Logopädin sei dann angezeigt, wenn ein Kind in diesem Alter noch gar nicht spreche oder wenn ein Kind mit drei bis dreieinhalb Jahren so spricht, dass es nur von den Eltern verstanden wird.

Eltern, die sich Sorgen machen, sollten sich auf jeden Fall beraten lassen.

Den Eltern der kleinen Marie empfiehlt Barbara Reinhart am Kinderspital ein Elterntrainingsprogramm. Dabei lernen sie, ihrer Tochter die Sprache spielerisch näherzubringen. Reinhart ist trotz allen Schwierigkeiten zuversichtlich, dass Marie den Rückstand aufholen und Freude am Sprechen entwickeln kann.

«Mama» schlägt sie alle

Die häufigsten 15 Wörter von einjährigen Babys im deutschsprachigen Raum. 66 Prozent der befragten Mütter nannten «Mama» als häufigstes Wort im Sprachschatz ihrer einjährigen Babys.

66%Mama
63%Papa
23% Nein
15% Hund
14% Ball
12%Danke
8%Baby
7%Puppe
7%Auto
7%Bitte
6%Bär
4%Kuh
3%Schaf
3%Ente
2%Essen

 

Buchtipps


  • Barbara Zollinger: «Die Entdeckung der Sprache»; Haupt-Verlag, 2007, 236 Seiten, Fr. 32.90
  • Gisela Szagun: «Das Wunder des Spracherwerbs. So lernt Ihr Kind sprechen»; Beltz-Verlag, 2007, 224 Seiten, Fr. 28.90

© Beobachter Ausgabe 9 vom 29. Apr 2009 - Alle Rechte vorbehalten

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