Suchtprobleme
Nüchtern über Rauschgift reden
Viele Eltern reagieren panisch, wenn sie ihre Kinder beim Drogenkonsum ertappen – und verschlimmern damit die Situation. Wer sich über Drogen informiert und offen darüber spricht, kann im Ernstfall effizienter handeln.
Ein Blick in die Zeitung oder auf die TV-Mattscheibe genügt, um zu sehen: Drogen sind allgegenwärtig. Ein Viertel der Jugendlichen konsumiert regelmässig Haschisch – und keine Technoparty, an der nicht Ecstasy-Pillen geschluckt werden. Das Alter, in dem Jugendliche erste Alkohol- und Drogenerfahrungen sammeln, ist in den letzten Jahren markant gesunken. Gleichzeitig steigt die Bereitschaft, neue und hochgradig wirksame Stoffe auszuprobieren.
Der Drogenkonsument von heute sucht das High nicht mehr in einer oder einigen wenigen Substanzen, sondern bedient sich mit dem, was gerade erhältlich und erschwinglich ist – und stimmungsmässig passt. Die Vielfalt an Drogen macht es selbst aufgeschlossenen Eltern schwer, den Überblick zu wahren: Am laufenden Band werden neue Designerdrogen lanciert; gleichzeitig erfahren lange vergessene Substanzen Revivals.
Umso wichtiger ist es deshalb, sich als Eltern über die Entwicklungen in Sachen Drogen und Drogenkonsum auf dem Laufenden zu halten und das Thema innerhalb der Familie regelmässig auf den Tisch zu bringen. Tun Sie dies möglichst offen. Die Verteufelung von Drogen und das Verhängen von Verboten wird Sie in keinem Fall weiterbringen. Und denken Sie immer daran: Nicht die Substanzen selbst sind das Problem, sondern die Folgen des Konsums – und die Probleme, die dazu führen. Wesentlich effizientere Präventionsarbeit leistet also, wer Konflikte in der Familie offen und konstruktiv austrägt.
Ob der Konsum einer Substanz schädlich ist, ist vor allem eine Frage des Masses. Wie aber sieht die sinnvolle Reaktion aus, wenn schon dem 12-jährigen Spross ein Duftsäcklein aus der Jackentasche fällt?
«Es ist sicher etwas anderes, wenn ein Kind oder ein Jugendlicher Cannabis konsumiert, als wenn dies ein Erwachsener tut», sagt Bea Goldberg von der Basler Elternvereinigung drogenabhängiger Jugendlicher. «Dennoch ist der Erlass einer generellen Ausgangssperre fehl am Platz. Hier gilt es, ruhig Blut zu bewahren und den Dialog zu suchen.» Frühzeitig das Gespräch suchen Nachfragen wie «Warum kiffst du eigentlich?» oder «Was bringt dir das Haschischrauchen?» sind immer erlaubt – und selbstverständlich auch das Äussern von Sorge und Bedenken. Wird aus dem neugierigen Versuch mehr und mehr eine Gewohnheit, sollten Sie im Gespräch nach den Problemen suchen, die Ihr Kind allenfalls im Haschrauch zu vernebeln sucht. Keine falschen Hemmungen: Kritisches Hinterfragen macht Sie noch lange nicht zum Spiesser.
Der Grundsatz «Ruhe bewahren!» gilt auch für alle anderen Substanzen, unter deren Einfluss ein Zögling aus dem Ausgang heimkehren kann. Sprechen Sie Ihren Sohn oder Ihre Tochter auf den Vorfall an. Fragen Sie, was konsumiert wurde – und aus welchem Grund. Machen Sie sich über die betreffende Substanz und die Auswirkungen des Konsums kundig. Je fundierter Sie über das Thema reden können, desto besser.
Drohen bringt nichts
Schwieriger wird es, wenn harte Drogen wie Heroin oder Kokain im Spiel sind. «Viele Eltern reagieren zuerst einmal panisch», sagt Bea Goldberg. «Man will es nicht wahrhaben, schämt sich, macht sich oder dem Partner Vorwürfe und fragt sich, was man falsch gemacht hat.»
Ebenfalls verbreitet ist die Strategie, den Verdacht zu verdrängen. «So schön das auch wäre – doch das Problem löst sich nicht von selbst», sagt Bea Goldberg. «Vor allem Väter sollten sich der Auseinandersetzung stellen. Leider kommt es oft vor, dass sie sich der Verantwortung entziehen.»
Auch hier gilt: Drohen Sie nicht. Auch Hektik ist unangebracht. «Abhängigkeit entsteht nicht vom einen auf den anderen Tag», sagt Drogenexpertin Bea Goldberg. «Um abhängig zu sein, müsste der Betroffene die Droge über längere Zeit hinweg konsumiert haben. In diesem Fall verschlechtern ein paar Tage mehr die Situation nicht entscheidend.»
Kommt ein Gespräch zustande und verläuft es konstruktiv, ist es wichtig, den Dialog aufrechtzuerhalten. Achten Sie in der folgenden Zeit auf Anzeichen von andauerndem Drogenkonsum. «Versuchen Sie, Ihr Kind für andere Aktivitäten zu interessieren», rät die Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme. «Auf keinen Fall sollten Sie aufgrund eines unbewiesenen Verdachts unverhältnismässige Massnahmen ergreifen.»
Verläuft das Gespräch hingegen negativ und sind die Standpunkte nicht vereinbar, können Eltern mit ihren Kindern klare Abmachungen bezüglich Freizeitgestaltung, Ausgang und Geld treffen.
Verschärft sich die Situation, sollten Sie sich umgehend an externe Fachleute wenden. Nehmen Sie Kontakt mit einer Beratungsstelle auf, und machen Sie Ihr Kind auf entsprechende Angebote aufmerksam. Vor allem aber: Grenzen Sie sich ab, lassen Sie sich nicht zum Komplizen der Sucht machen, indem Sie dem Abhängigen Geld für den Drogenkauf geben. Versuchen Sie, Ihr Kind für eine Therapie zu motivieren, ohne Ihr eigenes Wohl davon abhängig zu machen.
Die wohl effizienteste Unterstützung für Eltern und Angehörige bieten Selbsthilfegruppen. «Die meisten wurden ursprünglich von betroffenen Eltern gegründet. Heute setzen sie sich mehr und mehr aus Angehörigen und auch Partnern zusammen», sagt Jürg Kauer vom Verband der Eltern- und Angehörigen-Vereinigungen Drogenabhängiger (VEV DAJ). Die Zürcher Verbandsfiliale offeriert auch persönliche Beratungen. Sie trägt damit einem Bedürfnis der Betroffenen Rechnung. Denn die Selbsthilfegruppen haben rückläufige Teilnehmerzahlen. «Der Selbsthilfegedanke fusst darauf, dass man sich engagiert und seine eigenen Erfahrungen einbringt», sagt Jürg Kauer. «Wer heute in eine Beratungsstelle kommt, erwartet hingegen eine Lösung im Sinn einer Dienstleistung. Unsere Klienten legen oft eine starke Konsumhaltung an den Tag.»
Beratung bei Suchtproblemen von Jugendlichen
- Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA):
kostenlose Beratung unter 021 321 29 11, E-Mail: info@sfa-ispa.ch; Internet: www.sfa-ispa.ch
- Adressen von Selbsthilfegruppen für Eltern und Angehörige in der ganzen Schweiz vermittelt die Beratungsstelle des Verbands der Eltern- und Angehörigen-Vereinigungen Drogenabhängiger (VEV DAJ): Telefon 0800 104 004, E-Mail: helpomail@who-needs-spam.vevdaj.ch; Internet: www.vevdaj.ch
- Informationen zu Suchtmitteln und ihrer Verbreitung sowie zu Formen und Folgen des Konsums finden Sie auch beim Bundesamt für Gesundheit
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© Beobachter Ausgabe 8 vom 13. Apr 2001 - Alle Rechte vorbehalten





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