Haustiere
Tierliebe ist kein Kinderspiel
Mit Hund oder Katze aufzuwachsen kann Kindern helfen, sich sozial und emotional besser zu entwickeln. Und sie lernen, Verantwortung zu übernehmen. Ein Haustier stellt aber auch einige Anforderungen an Kinder und ihre Eltern.
Niemand tröstet die achtjährige Michelle Lüscher aus dem bernischen Riggisberg besser als ihre Katze Shila: Die lässt sich ausgiebig streicheln und behält garantiert jedes Geheimnis für sich. Michelles Mutter Sandra Lüscher, selbst mit Katzen aufgewachsen, möchte die Vorzüge von Tieren auch ihren Kindern zuteil werden lassen: «Meiner Meinung nach hat die Haltung eines Haustiers viele Vorteile für die Entwicklung von Kindern.»
Der Verhaltensforscher und Katzenexperte Dennis Turner kann dies nur bestätigen: «Es gibt viele Studien, die zeigen, dass Kinder in ihren Haustieren eine grosse emotionale Stütze suchen und finden.» So ergab eine Umfrage des Instituts für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung (IEMT) unter Schweizer Primarschülern, dass vier von fünf Kindern das Spielen mit ihren Tieren besonders geniessen. Zwei Drittel fühlen sich dank den kleinen Mitbewohnern «nie allein», und die Hälfte von ihnen sieht das Tier als geduldigen Zuhörer oder gar als Beschützer. «Kinder, die mit Tieren aufwachsen, entwickeln sich sozial, emotional und geistig besser als solche ohne Tiere», sagt Turner.
Michelle und ihr sechsjähriger Bruder Nicolo haben schon viel von ihren Katzen gelernt. Zum Beispiel, was die tägliche Pflege bedeutet. Oder dass es nötig ist, die Büsis auch mal in Ruhe zu lassen, dass man ihnen nicht wehtun darf, weil sie sonst kratzen. «Mir ist es wichtig, dass die Kinder unseren Tieren mit Achtung und Respekt begegnen», erklärt Sandra Lüscher.
Für Tierforscher Turner ist es unbestritten, dass sich dieses Lernen nicht nur auf den Umgang mit Tieren beschränkt: «Kinder, vor allem Knaben, zeigen mehr Mitgefühl für andere Menschen, wenn sie daheim ein Haustier haben.» Deshalb werden sie, so belegen mehrere internationale Untersuchungen, von ihren Mitschülern gegenüber Kindern aus tierlosen Haushalten sogar bevorzugt. Offenbar stärkt der tägliche Umgang mit Tieren die Befähigung, korrekt zu interpretieren, was andere Menschen und Tiere einem ohne Worte mitteilen möchten.
Bei allen Vorteilen für die Entwicklung der Kinder: Der Entscheid für ein Haustier will gut bedacht sein (siehe unten: «Ist Ihre Familie reif für ein Haustier?»). Denn oft verflüchtigt sich die Euphorie der Kinder für die neuen Mitbewohner innert kurzer Zeit. «Falsche Ernährung, zu wenig Bewegung und Einsamkeit machen vielen Tieren schwer zu schaffen», mahnt Turner.
Besonders ungeeignet sind Tiere als Überraschungen, sei es als ein Geschenk oder als Belohnung. «Ein Kind sollte ausreichend Zeit haben, um sich aufs Zusammenleben einstellen zu können», rät Erziehungsberaterin Sarah Renold. «Dies ist eine wichtige Phase, um zu spüren, wie ernst der Wunsch nach einem Tier ist.»
Auch sollte diese Zeit genutzt werden, um sich mit Büchern, übers Internet oder im Gespräch mit Züchtern, Vereinen und anderen Tierhaltern ein Bild zu machen von der Tierart, die in Frage kommt. Denn längst nicht jede Art passt in einen Haushalt mit Kindern. Hamster beispielsweise sind vor allem in der Nacht aktiv, und Kaninchen können mit zunehmendem Alter aggressiv werden.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie viel Verantwortung ein Kind für ein Tier übernehmen kann oder will. Laut der IEMT-Erhebung füttern 70 Prozent der Schüler ihre Haustiere regelmässig. In Familien mit Hunden gehen drei Viertel mit ihnen spazieren, fast die Hälfte übernimmt die Fellpflege. Und rund ein Drittel der Kinder mit Katze hilft mit, das Katzenklo zu reinigen.
Die Eltern sind besonders gefordert
Gleichwohl führt die Tierpflege in fast jeder Familie früher oder später zu Diskussionen. Zumal «Kinder im Vorschulalter nicht in der Lage sind, die ganze Tierpflege selbstständig zu übernehmen», meint Erziehungsberaterin Renold. Vielmehr brauche es ständige Motivation und Anleitung durch die Eltern. «Grundsätzlich gilt: Je kleiner das Kind, desto einfacher sollte die Haltung des Haustiers sein.»
Kinder ab etwa acht Jahren können mit einem Vertrag dazu angehalten werden, bestimmte Teilaufgaben rund ums Haustier zu übernehmen (siehe unten: «Das gehört in einen Haustiervertrag»). Eltern sollten ihnen anschaulich erklären, weshalb dies nötig ist und was passieren kann, wenn die Pflichten vernachlässigt werden: Das Tier könnte erkranken, oder es muss an einen anderen Platz.
Besonders genau und verbindlich sollten die Regeln gemäss Sarah Renold bei Jugendlichen sein: «Diese setzen sich oft für ein grösseres und aufwändiges Tier wie einen Hund oder sogar ein Pferd ein.» Komme dann aber die erste grosse Liebe ins Spiel, sei das Tier plötzlich zweitrangig, und Zeit habe man ohnehin keine mehr.
Letztlich müssen also nicht nur die Kinder reif sein für ein Haustier, sondern auch die Eltern. «Obwohl sich Michelle und Nicolo rührend um die Katzen kümmern, bin ich mir bewusst, dass die Verantwortung bei mir liegt», sagt Sandra Lüscher. Es gehe nicht an, dass ein Tier darunter leiden müsse, wenn ein Kind sein Ämtchen vergesse – eine Einstellung, die ihr umso leichter fällt, «weil mein Mann und ich die Tiere um keinen Preis missen möchten».
Ist Ihre Familie reif für ein Haustier?
Wenn Sie die folgenden Fragen mit Ja beantworten können, sollte das Zusammenleben mit einem Haustier kaum mehr Probleme bereiten:
- Hat Ihr Kind lange Freude an etwas, das es sich sehr gewünscht hat? Verleidet ihm das neue Spielzeug schnell, wird dies bei einem Tier kaum anders sein. Das Kind sollte den Wunsch nach einem Haustier längere Zeit äussern.
- Geht Ihr Kind liebevoll und achtsam mit Tieren um? Hat es Angst vor Tieren, sollte zuerst diese abgebaut werden. Ebenso muss es verstehen, was es heisst, einem Tier wehzutun.
- Ist Ihr Kind gewillt und fähig, auch die unangenehmeren Tätigkeiten rund um sein Haustier zu übernehmen? Streicheln und liebkosen reichen nicht. Das Tier will gefüttert, geputzt und gepflegt sein oder es braucht Auslauf.
- Hat Ihr Kind genug Zeit für ein Tier? Katzen leben bis zu zwanzig Jahre, Hunde gut und gerne zehn. Ausgang und Hobbys werden für Jugendliche mit zunehmendem Alter wichtiger, auch die Schule fordert.
- Ist Ihr Kind frei von Allergien? Tierhaarallergien sind oft ein Grund, dass Haustiere wieder weggegeben werden müssen. Informieren Sie sich beim Kinderarzt.
- Übernimmt Ihr Kind zuverlässig die Verantwortung für persönliche Sachen und Aufgaben? Für ein Haustier sollten diese Verantwortlichkeiten in einer Vereinbarung festgelegt werden. Dazu gehören auch die Konsequenzen, falls das Kind die Regeln missachtet.
- Sind Sie als Eltern bereit, sich um das Tier zu kümmern, falls Ihr Kind seine Aufgaben nicht erfüllt? Dies setzt voraus, dass Sie motiviert und in der Lage sind, ein Tier zu halten.
- Ist die ganze Familie bereit, zugunsten des Haustiers Abstriche in der Freizeitgestaltung und bei Ferien auf sich zu nehmen? Ein Hund ist am Strand so fehl am Platz wie im Museum.
- Lässt das Familienbudget ein Haustier zu? Die Kosten für Haustiere summieren sich selbst bei Kleintieren rasch auf 1000 Franken im Jahr; bei einem grösseren Hund sind es leicht 2000 Franken.
- Ist die Wohnung oder das Haus geeignet für ein Haustier? Ausserdem muss die geplante Tierhaltung mit dem Mietvertrag und anderen rechtlichen Gegebenheiten, zum Beispiel tierschützerischen Vorschriften, vereinbar sein.
Weitere Informationen finden Sie auf der Website www.iemt.ch
Das gehört in einen Haustiervertrag
Schliessen Sie in den Haustiervertrag mit Ihrem Kind folgende Punkte ein:
- Wem gehört das Tier?
- Wer ist für welche Aufgaben zuständig (Füttern, Putzen und Pflege, Streicheln und Zuwendung, Auslauf, Einkauf von Futter)?
- In welchem Rhythmus sind diese Aufgaben zu erfüllen?
- Wer kontrolliert, ob und wie die Aufgaben ausgeführt werden?
- Welche Konsequenzen hat es, wenn die Aufgaben mehrmals nicht oder schlecht erfüllt werden?
- Wer schaut in den Ferien zum Haustier?
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© Beobachter Ausgabe 11 vom 26. Mai 2005 - Alle Rechte vorbehalten









