Tierfriedhof
Ein Platz für Tiere
- Text:
- Bild:
- Ausgabe:
- 18/10
Auf ihrem Tierfriedhof kümmern sich Urs und Marlies Mörgeli um verstorbene Haustiere und ihre Hinterbliebenen.

«Manchmal bin ich auch nachts hier»: Opernsänger Enzo Manzoni besucht regelmässig das Grab seiner Schäferhündin Alzira.

In Stein gemeisselt: ewiger Dank für treue Freundschaft

Erschütternd: Mahnmal für einen zu Tode gequälten Hund

Wöchentliche Pflege: Käthi Moor am Grab ihres Lieblings Xenya

Mit Leib und Seele: Urs und Marlies Mörgeli sind Bestatter, Friedhofsgärtner und Trauerbegleiter.

Sanft gebettet: Andrea Schön (2. von rechts) und drei ihrer Freundinnen geben dem Rüden Robi das letzte Geleit.

Alles ist möglich: Ausser religiösen Symbolen ist jeder Grabschmuck gestattet.

Carina Dieterich beerdigt Valérie: Wenn sie eines Tages selbst stirbt, will sie neben ihrer Katze die letzte Ruhe finden.
Enzo Manzoni schätzt es, seiner toten Kameradin hin und wieder die Ehre erweisen zu können. Er kommt ein- bis zweimal monatlich auf den Friedhof. «Manchmal bin ich auch nachts hier», sagt der Rentner. Manzoni giesst die Blumen auf dem Grab seiner Schäferhündin Alzira, die er an einem Winterabend vor zwei Jahren hier beerdigte. «Das war die bisher ergreifendste Bestattung», sagt Tierfriedhofbetreiber Urs Mörgeli. Schon dunkel sei es gewesen und bitterkalt, als Manzoni und seine Frau ihren Hund auf den Friedhof brachten – er im Anzug, sie im Pelz. Während Mörgelis Frau Marlies unten im Grab das Tier bettete, stimmte der ausgebildete Opernsänger Manzoni ein Ave Maria an. «Absolut ergreifend», sagt Urs Mörgeli. Seine Stimme bricht, wenn er die Szene schildert.
Das Ehepaar Mörgeli betreibt seit 2001 einen Tierfriedhof am Wisenberg bei Läufelfingen BL. «Tod und Trauer waren für mich nie etwas Abschreckendes», sagt Marlies Mörgeli. Schon als Kind trieb sie sich auf Friedhöfen herum, rechnete aus, wie lange die Toten gelebt hatten, oder stibitzte Blumen von reich geschmückten Gräbern und legte sie auf jene der Vergessenen.
Auch auf dem Tierfriedhof gäbe es Ausgleichsbedarf. Ein Herrchen hat seinem Buddy einen schwarzen Marmorblock mit eingraviertem Knochen gewidmet. Und ein reinrassiger Kampfhund mit dem Adelstitel Tosca von Fürstenberg ruht standesgemäss unter einem mächtigen Grabstein. Manche halten in ein paar Zeilen ihre Abschiedsgedanken fest: «Nie wieder wirst du vor lauter Freude über den ersten Schnee am Abend Durchfall haben», schreibt ein Hinterbliebener seiner Cassy.
Auf anderen Gräbern erinnern verwitterte Plüschtiere, blasse Fotos und spröde Plastikzäunchen daran, dass auch Andenken vergänglich ist. In Flöcklis Käfig mümmelt längst ein anderes Meerschweinchen sein Heu. Den Leuten sei vor allem das Beerdigungsritual wichtig, sagt Marlies Mörgeli. Gerade Kindern könne eine Bestattung helfen abzuschliessen: «Ist das Grab einmal zugeschüttet und geschmückt, ist die Sache erledigt.»
Das Standardangebot umfasst ein kleines Holztäfelchen, die Erstbepflanzung und die Grabmiete für drei Jahre. Meistens wird diese einmal verlängert, dann wird das Grab aufgegeben. Wer die Ruhestätte nicht selbst unterhalten will, kann Mörgelis mit einem Pflegeauftrag betrauen. Ein anonymes Grab für Kleintiere gibt es ab 90 Franken, für einen grossen Hund mit Sarg kostet die Bestattung um die 1000 Franken.
Es geht auch ausgefallener. Auf Wunsch verewigt eine befreundete Künstlerin den verblichenen Liebling bildlich. Solche Grabbilder – Acryl auf Schiefer – kosten gegen 800 Franken. «Bei uns ist alles erlaubt – ausser christlichen Kreuzen», sagt Marlies Mörgeli. Sie möchten keine religiösen Gefühle verletzen. Grundsätzlich sei Religion auf dem Tierfriedhof zwar kein grosses Thema – «aber wir haben auch schon einen Hund nach Mekka ausgerichtet».
Urs Mörgeli ruckelt in seinem kleinen Bagger durch die Anlage. An einem brachen Fleck reisst er an den Hebeln und lässt die Schaufel in den Boden beissen. «Alles Lehm», sagt der 63-Jährige. «Mit dem Spaten ist hier nichts zu wollen.» Einen Meter tief wird die Grube, ein ganzer Kubikmeter Erdreich soll die Totenruhe sichern. Nicht, dass sich ein Fuchs an der Tierleiche zu schaffen macht.
Den Grabplatz hat Marlies Mörgeli ausgesucht. Sie spüre, wo der richtige Ort für das Tier sei, sagt sie. «Ich bin aber keine Esoteriktante – nur gspüürig.» Während ihr Mann die Grube baggert, sammelt Marlies Grabschmuck: Lindenzweige, Efeuranken und Rosenblütenblätter.
Mörgelis betreiben den Tierfriedhof aus innerster Überzeugung. Um diesen Traum zu verwirklichen, haben sie ihre Werbeagentur verkauft. Ideengeber war die eigene Not: 2001 starb Seppli, Mörgelis 15-jähriger Yorkshireterrier. Dass der gemeinsame Weg für Seppli nicht in der Tierkadaversammelstelle enden durfte, war für die beiden schon vorher klar: «Die Körper werden dort zerkleinert, zu einer Suppe verkocht, dann getrocknet und anschliessend in einer Zementfabrik verbrannt.» Niemand wünscht sich so was für sein Tier.
In Läufelfingen stiess das Ehepaar auf das Areal einer ehemaligen Gipsfabrik: Gewerbezone, Hanglage, etwas abseits des Dorfs, aber nicht zu weit weg. Als Urs Mörgeli sein Vorhaben an einer Gemeindeversammlung vorstellte, gab es keinen Widerstand, «höchstens ein bisschen Bauernneid». Mittlerweile figuriert der Tierfriedhof auf der Läufelfinger Gemeinde-Homepage als Sehenswürdigkeit.
Mörgelis führen den Friedhof als Generalunternehmung: 24-stündiger Abholservice, 365 Tage im Jahr, Sterbe- oder Trauerbegleitung, Kremation und Beisetzung. Sie sind Bestatter, Friedhofsgärtner und Seelsorger in einem.
In den neun Jahren seit der Gründung haben die beiden rund 1000 Tiere bestattet. Die Nachfrage ist gross – denn der Tierfriedhof am Wisenberg ist schweizweit der einzige seiner Art. Ungefähr die Hälfte der Kunden kommt aus der Nordwestschweiz, ein Drittel aus dem Kanton Bern und der Rest von überall her: «Wir haben ein Hängebauchschwein aus dem Elsass.»
Der Friedhof soll mehr sein als eine Ruhestätte, sagt Marlies Mörgeli: «Er ist auch ein Ort der Begegnung.» Die 53-Jährige träumt von Vernissagen auf dem Friedhof. An Wochenenden treffen sich bereits Angehörige zum Austausch unter Gleichgesinnten; hin und wieder führen Mörgelis auch interessierte Schulklassen durch die Anlage. Und eine Sitzbank sei schon ganz von allein zur Begegnungsstätte geworden – dort trifft sich die Läufelfinger Dorfjugend zu nächtlichen Tête-à-Têtes.
Einziges Gebäude auf dem Friedhofsgelände ist eine alte Trafostation. Das Erdgeschoss des Türmchens dient als Aufbahrungshalle und Kaffeestübli. Auf dem Vorplatz händigt Urs Mörgeli einer älteren Dame die Urne mit der Asche ihres Hundes aus. Er ist beim Spielen in einen Baum gehetzt, als er zurückschaute, um nach dem Stock zu sehen. Genickbruch.
Im Kaffeestübli liegt tiefgefroren Rüde Robi. Der Hund wurde 16 Jahre alt. Die trauernde Besitzerin Andrea Schön streicht ihrem Hund übers rote Fell und knetet die angetauten Ohren. Innert weniger Wochen ist es mit ihm zu Ende gegangen – kein Krebs, sondern Borreliose von einem Zeckenbiss. Es blieb nur die Einschläferung.
«Ich wollte ein gutes Plätzchen für ihn», sagt die 47-Jährige, «als Dankeschön.» Nach einem schweren Motorradunfall sei sie durch die täglichen Spaziergänge mit Robi wieder fit geworden. Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit ist ein häufiges Motiv, um einen Grabplatz bei Mörgelis zu suchen.Nicht alle verstehen das. «Einige werfen uns vor, mit der Beisetzung auf einem Friedhof würden die Tiere vermenschlicht», sagt Marlies Mörgeli.
Dass es manche Leute anders halten, zeigt das Mahnmal am Eingang. Die Statue ist einer Sennenhündin gewidmet, die vor sechs Jahren bei Pratteln aus dem Rhein gezogen wurde. Jemand hatte sie gequält, ihr zwei sieben Kilogramm schwere Steine am Halsband festgebunden und sie in den Fluss geworfen. Zu sehr vermenschlichen erscheint da als kleines Übel.
Ausserdem seien Tiere schon vor Jahrtausenden in verschiedensten Kulturen bestattet worden, fährt Marlies Mörgeli fort – «auch gemeinsam mit Menschen». Am Wisenberg ist auch das heute möglich: Eine demenzkranke Dame, die in einem wachen Moment darum bat, neben ihrem Hund beigesetzt zu werden, ruht nun auf dem Tierfriedhof – so wie eine junge Frau, die sich kurz nach dem Tod ihres Lieblings das Leben genommen hat.
Bei der Trafostation hat sich Andrea Schön von Robi verabschiedet, zusammen mit drei Freundinnen, die sie an der Beisetzung begleiten. Urs Mörgeli zieht den Hund auf einem Handwagen über den Friedhof, die Trauergesellschaft trottet hinterher.
Am Grab wickeln Andrea Schön und Marlies Mörgeli den Hund in ein Tuch und lassen ihn in die Grube hinab. «Bei uns kommt das Tier nie in einen Plastiksack», sagt Urs Mörgeli. Auch nicht in der Tiefkühltruhe, wo es bis zur Bestattung gelegen hat. Es gehe darum, stets die Würde des Lebewesens zu wahren. Andrea Schön wirft eine Handvoll Erde aus dem heimischen Garten ins Grab. «Es ist mir wichtig, einen Ort zum Trauern zu haben.» Dann geht sie zur Trafostation zurück, wo Kaffee und Kuchen warten.
Es sei klar, dass nur Kuscheltiere in den Genuss eines solchen Begräbnisses kommen, sagt Mörgeli, während Nutztiere weiterhin zerkleinert und gekocht werden. Er isst trotzdem noch Fleisch, «aber bewusster und weniger».
Im Kaffeestübli hat Marlies Mörgeli bereits Valérie aufgebahrt, eine fast 15-jährige Katze. Besitzerin Carina Dieterich legt ihr ein Marienfigürchen und einen Rosenkranz in den Sarg. «Den Rosenkranz hat Papst Johannes Paul geweiht, 20 Jahre ist das her» , erzählt die 37-Jährige. Sie ist seit Jahren Mitglied im Förderverein des Tierfriedhofs. Deshalb bekommt Valérie den «exklusivsten Platz» direkt beim Biotop.
Als Grabschmuck liegen weisse Engelfiguren bereit. Ein steinernes Herz soll folgen, auf dem stehen wird: «Ich bin nicht fortgegangen, nur vorausgegangen.» Das solle keine Floskel bleiben, sagt Carina Dieterich. Irgendwann werde sie auch hier liegen. «Ich will bei meinen Katzen sein.» Sie hofft, dass der Friedhof bis dahin durch Spenden erhalten bleibt – «aber wer soll denn dieses Gelände schon kaufen wollen? Hier liegen ja überall tote Tiere.»
Zurück
© Beobachter Ausgabe 18 vom 01. Sep 2010 - Alle Rechte vorbehalten
Tierfriedhof
Ein Platz für Tiere
Auf ihrem Tierfriedhof kümmern sich Urs und Marlies Mörgeli um verstorbene Haustiere und ihre Hinterbliebenen.
«Manchmal bin ich auch nachts hier»: Opernsänger Enzo Manzoni besucht regelmässig das Grab seiner Schäferhündin Alzira.
In Stein gemeisselt: ewiger Dank für treue Freundschaft
Erschütternd: Mahnmal für einen zu Tode gequälten Hund
Wöchentliche Pflege: Käthi Moor am Grab ihres Lieblings Xenya
Mit Leib und Seele: Urs und Marlies Mörgeli sind Bestatter, Friedhofsgärtner und Trauerbegleiter.
Sanft gebettet: Andrea Schön (2. von rechts) und drei ihrer Freundinnen geben dem Rüden Robi das letzte Geleit.
Alles ist möglich: Ausser religiösen Symbolen ist jeder Grabschmuck gestattet.
Carina Dieterich beerdigt Valérie: Wenn sie eines Tages selbst stirbt, will sie neben ihrer Katze die letzte Ruhe finden.
Enzo Manzoni schätzt es, seiner toten Kameradin hin und wieder die Ehre erweisen zu können. Er kommt ein- bis zweimal monatlich auf den Friedhof. «Manchmal bin ich auch nachts hier», sagt der Rentner. Manzoni giesst die Blumen auf dem Grab seiner Schäferhündin Alzira, die er an einem Winterabend vor zwei Jahren hier beerdigte. «Das war die bisher ergreifendste Bestattung», sagt Tierfriedhofbetreiber Urs Mörgeli. Schon dunkel sei es gewesen und bitterkalt, als Manzoni und seine Frau ihren Hund auf den Friedhof brachten – er im Anzug, sie im Pelz. Während Mörgelis Frau Marlies unten im Grab das Tier bettete, stimmte der ausgebildete Opernsänger Manzoni ein Ave Maria an. «Absolut ergreifend», sagt Urs Mörgeli. Seine Stimme bricht, wenn er die Szene schildert.
Das Ehepaar Mörgeli betreibt seit 2001 einen Tierfriedhof am Wisenberg bei Läufelfingen BL. «Tod und Trauer waren für mich nie etwas Abschreckendes», sagt Marlies Mörgeli. Schon als Kind trieb sie sich auf Friedhöfen herum, rechnete aus, wie lange die Toten gelebt hatten, oder stibitzte Blumen von reich geschmückten Gräbern und legte sie auf jene der Vergessenen.
Auch auf dem Tierfriedhof gäbe es Ausgleichsbedarf. Ein Herrchen hat seinem Buddy einen schwarzen Marmorblock mit eingraviertem Knochen gewidmet. Und ein reinrassiger Kampfhund mit dem Adelstitel Tosca von Fürstenberg ruht standesgemäss unter einem mächtigen Grabstein. Manche halten in ein paar Zeilen ihre Abschiedsgedanken fest: «Nie wieder wirst du vor lauter Freude über den ersten Schnee am Abend Durchfall haben», schreibt ein Hinterbliebener seiner Cassy.
Auf anderen Gräbern erinnern verwitterte Plüschtiere, blasse Fotos und spröde Plastikzäunchen daran, dass auch Andenken vergänglich ist. In Flöcklis Käfig mümmelt längst ein anderes Meerschweinchen sein Heu. Den Leuten sei vor allem das Beerdigungsritual wichtig, sagt Marlies Mörgeli. Gerade Kindern könne eine Bestattung helfen abzuschliessen: «Ist das Grab einmal zugeschüttet und geschmückt, ist die Sache erledigt.»
Grabbilder aus Acryl auf Schiefer
Das Standardangebot umfasst ein kleines Holztäfelchen, die Erstbepflanzung und die Grabmiete für drei Jahre. Meistens wird diese einmal verlängert, dann wird das Grab aufgegeben. Wer die Ruhestätte nicht selbst unterhalten will, kann Mörgelis mit einem Pflegeauftrag betrauen. Ein anonymes Grab für Kleintiere gibt es ab 90 Franken, für einen grossen Hund mit Sarg kostet die Bestattung um die 1000 Franken.
Es geht auch ausgefallener. Auf Wunsch verewigt eine befreundete Künstlerin den verblichenen Liebling bildlich. Solche Grabbilder – Acryl auf Schiefer – kosten gegen 800 Franken. «Bei uns ist alles erlaubt – ausser christlichen Kreuzen», sagt Marlies Mörgeli. Sie möchten keine religiösen Gefühle verletzen. Grundsätzlich sei Religion auf dem Tierfriedhof zwar kein grosses Thema – «aber wir haben auch schon einen Hund nach Mekka ausgerichtet».
Urs Mörgeli ruckelt in seinem kleinen Bagger durch die Anlage. An einem brachen Fleck reisst er an den Hebeln und lässt die Schaufel in den Boden beissen. «Alles Lehm», sagt der 63-Jährige. «Mit dem Spaten ist hier nichts zu wollen.» Einen Meter tief wird die Grube, ein ganzer Kubikmeter Erdreich soll die Totenruhe sichern. Nicht, dass sich ein Fuchs an der Tierleiche zu schaffen macht.
Den Grabplatz hat Marlies Mörgeli ausgesucht. Sie spüre, wo der richtige Ort für das Tier sei, sagt sie. «Ich bin aber keine Esoteriktante – nur gspüürig.» Während ihr Mann die Grube baggert, sammelt Marlies Grabschmuck: Lindenzweige, Efeuranken und Rosenblütenblätter.
Mörgelis betreiben den Tierfriedhof aus innerster Überzeugung. Um diesen Traum zu verwirklichen, haben sie ihre Werbeagentur verkauft. Ideengeber war die eigene Not: 2001 starb Seppli, Mörgelis 15-jähriger Yorkshireterrier. Dass der gemeinsame Weg für Seppli nicht in der Tierkadaversammelstelle enden durfte, war für die beiden schon vorher klar: «Die Körper werden dort zerkleinert, zu einer Suppe verkocht, dann getrocknet und anschliessend in einer Zementfabrik verbrannt.» Niemand wünscht sich so was für sein Tier.
Anzeige:
Eine Sehenswürdigkeit für die Gemeinde
In Läufelfingen stiess das Ehepaar auf das Areal einer ehemaligen Gipsfabrik: Gewerbezone, Hanglage, etwas abseits des Dorfs, aber nicht zu weit weg. Als Urs Mörgeli sein Vorhaben an einer Gemeindeversammlung vorstellte, gab es keinen Widerstand, «höchstens ein bisschen Bauernneid». Mittlerweile figuriert der Tierfriedhof auf der Läufelfinger Gemeinde-Homepage als Sehenswürdigkeit.
Mörgelis führen den Friedhof als Generalunternehmung: 24-stündiger Abholservice, 365 Tage im Jahr, Sterbe- oder Trauerbegleitung, Kremation und Beisetzung. Sie sind Bestatter, Friedhofsgärtner und Seelsorger in einem.
In den neun Jahren seit der Gründung haben die beiden rund 1000 Tiere bestattet. Die Nachfrage ist gross – denn der Tierfriedhof am Wisenberg ist schweizweit der einzige seiner Art. Ungefähr die Hälfte der Kunden kommt aus der Nordwestschweiz, ein Drittel aus dem Kanton Bern und der Rest von überall her: «Wir haben ein Hängebauchschwein aus dem Elsass.»
Der Friedhof soll mehr sein als eine Ruhestätte, sagt Marlies Mörgeli: «Er ist auch ein Ort der Begegnung.» Die 53-Jährige träumt von Vernissagen auf dem Friedhof. An Wochenenden treffen sich bereits Angehörige zum Austausch unter Gleichgesinnten; hin und wieder führen Mörgelis auch interessierte Schulklassen durch die Anlage. Und eine Sitzbank sei schon ganz von allein zur Begegnungsstätte geworden – dort trifft sich die Läufelfinger Dorfjugend zu nächtlichen Tête-à-Têtes.
Einziges Gebäude auf dem Friedhofsgelände ist eine alte Trafostation. Das Erdgeschoss des Türmchens dient als Aufbahrungshalle und Kaffeestübli. Auf dem Vorplatz händigt Urs Mörgeli einer älteren Dame die Urne mit der Asche ihres Hundes aus. Er ist beim Spielen in einen Baum gehetzt, als er zurückschaute, um nach dem Stock zu sehen. Genickbruch.
Im Kaffeestübli liegt tiefgefroren Rüde Robi. Der Hund wurde 16 Jahre alt. Die trauernde Besitzerin Andrea Schön streicht ihrem Hund übers rote Fell und knetet die angetauten Ohren. Innert weniger Wochen ist es mit ihm zu Ende gegangen – kein Krebs, sondern Borreliose von einem Zeckenbiss. Es blieb nur die Einschläferung.
«Ich wollte ein gutes Plätzchen für ihn», sagt die 47-Jährige, «als Dankeschön.» Nach einem schweren Motorradunfall sei sie durch die täglichen Spaziergänge mit Robi wieder fit geworden. Dankbarkeit für die gemeinsame Zeit ist ein häufiges Motiv, um einen Grabplatz bei Mörgelis zu suchen.Nicht alle verstehen das. «Einige werfen uns vor, mit der Beisetzung auf einem Friedhof würden die Tiere vermenschlicht», sagt Marlies Mörgeli.
Dass es manche Leute anders halten, zeigt das Mahnmal am Eingang. Die Statue ist einer Sennenhündin gewidmet, die vor sechs Jahren bei Pratteln aus dem Rhein gezogen wurde. Jemand hatte sie gequält, ihr zwei sieben Kilogramm schwere Steine am Halsband festgebunden und sie in den Fluss geworfen. Zu sehr vermenschlichen erscheint da als kleines Übel.
Ein Grab für Hund und Halterin
Ausserdem seien Tiere schon vor Jahrtausenden in verschiedensten Kulturen bestattet worden, fährt Marlies Mörgeli fort – «auch gemeinsam mit Menschen». Am Wisenberg ist auch das heute möglich: Eine demenzkranke Dame, die in einem wachen Moment darum bat, neben ihrem Hund beigesetzt zu werden, ruht nun auf dem Tierfriedhof – so wie eine junge Frau, die sich kurz nach dem Tod ihres Lieblings das Leben genommen hat.
Bei der Trafostation hat sich Andrea Schön von Robi verabschiedet, zusammen mit drei Freundinnen, die sie an der Beisetzung begleiten. Urs Mörgeli zieht den Hund auf einem Handwagen über den Friedhof, die Trauergesellschaft trottet hinterher.
Am Grab wickeln Andrea Schön und Marlies Mörgeli den Hund in ein Tuch und lassen ihn in die Grube hinab. «Bei uns kommt das Tier nie in einen Plastiksack», sagt Urs Mörgeli. Auch nicht in der Tiefkühltruhe, wo es bis zur Bestattung gelegen hat. Es gehe darum, stets die Würde des Lebewesens zu wahren. Andrea Schön wirft eine Handvoll Erde aus dem heimischen Garten ins Grab. «Es ist mir wichtig, einen Ort zum Trauern zu haben.» Dann geht sie zur Trafostation zurück, wo Kaffee und Kuchen warten.
Es sei klar, dass nur Kuscheltiere in den Genuss eines solchen Begräbnisses kommen, sagt Mörgeli, während Nutztiere weiterhin zerkleinert und gekocht werden. Er isst trotzdem noch Fleisch, «aber bewusster und weniger».
Im Kaffeestübli hat Marlies Mörgeli bereits Valérie aufgebahrt, eine fast 15-jährige Katze. Besitzerin Carina Dieterich legt ihr ein Marienfigürchen und einen Rosenkranz in den Sarg. «Den Rosenkranz hat Papst Johannes Paul geweiht, 20 Jahre ist das her» , erzählt die 37-Jährige. Sie ist seit Jahren Mitglied im Förderverein des Tierfriedhofs. Deshalb bekommt Valérie den «exklusivsten Platz» direkt beim Biotop.
Als Grabschmuck liegen weisse Engelfiguren bereit. Ein steinernes Herz soll folgen, auf dem stehen wird: «Ich bin nicht fortgegangen, nur vorausgegangen.» Das solle keine Floskel bleiben, sagt Carina Dieterich. Irgendwann werde sie auch hier liegen. «Ich will bei meinen Katzen sein.» Sie hofft, dass der Friedhof bis dahin durch Spenden erhalten bleibt – «aber wer soll denn dieses Gelände schon kaufen wollen? Hier liegen ja überall tote Tiere.»
Zurück
© Beobachter Ausgabe 18 vom 01. Sep 2010 - Alle Rechte vorbehalten