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Editorial

In den Wald, Eltern!

Text:
  • Matthias Pflume
Ausgabe:
23/09

Fast kein Durchkommen mehr vor lauter Lebkuchen, Geschenkpapier und Christbaumschmuck: Kaum war der Sommer vorbei, begann es bereits sehr zu weihnachten in den Supermärkten.

Ständig wird man daran erinnert, dass es bald Zeit wird für den alljährlichen Geschenkstress. Was soll man Kindern noch kaufen, die schon alles haben und für die Stereoanlage, Fernsehgerät, Computer, Handy, MP3-Player bereits zur selbstverständlichen Grundausstattung zählen? Erwachsene erinnern sich zuweilen gern daran, wie wenig in ihrer Jugend genügte, um glücklich zu sein. Dagegen die Kinder von heute: Sind die nicht viel zu verwöhnt, nie zufrieden und brauchen ständig etwas Neues? Mag sein, aber auch die Erwachsenen von heute sind meist ziemlich materialistisch.

Konsumlust als Erziehungsziel?

Für unsere Titelgeschichte wollten wir wissen, mit welchen Gerätschaften heut­zutage die Kinderzimmer aus­gestattet sind. Mangels entsprechender repräsentativer Unter­suchungen befragte Autor Sven Broder drei Schulklassen in Ilanz, Thun und Zug. Das Ergebnis kann kaum über­raschen: Schon bei den befragten 12- bis 14-Jährigen zum Beispiel ist ein Handy Standard, und ein eigener Computer ist es auch schon fast. Das Aufrüsten der Kinderzimmer ist nicht nur ein teures Vergnügen, es weckt auch zwiespältige Empfindungen. Schliesslich kann man die ungebremste Lust am Konsum nicht gerade als solides Erziehungsziel bezeichnen.

Was also tun angesichts ausufernder Wünsche des Nachwuchses? Einfach Nein sagen? Schwierig, wenn die Werbung immer wieder speziell auf Kinder zielt und wenn die anderen in der Klasse anscheinend alles bekommen.

Der Kinderarzt Remo Largo plädiert für einen radikalen Wechsel der Perspektive: Für ihn sind nicht die Kinder, sondern die Eltern das Problem. Weil sie den Kleinen zu wenig Vorbild sind, zu wenig Zeit schenken und ihnen nicht die Erfahrungsräume bieten, die Kinder brauchen, müssten sie, so seine These, den Nachwuchs mit ständig neuen Spielsachen ­ruhig stellen. Eltern sollten lieber mit ihren Kindern regelmässig in den Wald gehen, empfiehlt er – denn dort werde es denen nie langweilig.

Apropos: Langweilig sind ja nicht nur all jene Spielsachen und Geräte, die Kreativität eher blockieren als freisetzen. Langweilig kann es auch werden, wenn jeder Wunsch problemlos erfüllt wird, und das möglichst subito. Dabei wäre, so altbacken das klingen mag, Vorfreude bekanntlich die schönste Freude. Jedoch scheint es auch für diese in einer Welt des übersteigerten Konsums kaum noch Raum zu geben. Schade, nicht nur für die Kinder. Und höchste Zeit, mal wieder in den Wald zu gehen.

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© Beobachter Ausgabe 23 vom 12. Nov 2009 - Alle Rechte vorbehalten

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