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Ein Ort, eine Frage

Die Kunst zu erklären

Text:
  • Yvonne Staat
Bild:
  • Yoshiko Kusano
Ausgabe:
17/09

Hodlerstrasse, Bern – Kinder-Workshop im Kunstmuseum: «Willst du später einmal Künstler werden und Bilder malen?»

Können auch sehr aufmerksam sein: die Kinder in der Ausstellung

Neun Kinder vor dem Bild «Ad Parnassum» von Paul Klee. Nico, mit fünf Jahren der Jüngste, probt den Kopfstand. Und zwar so, dass dabei seine coole Frisur, vorne kurz, oben igelig, hinten schulterlang, nicht in Unordnung gerät. Das Ergebnis sind wild ausschlagende Beine. Eine Gruppe Kinder: Das ist, aus der Distanz betrachtet, wie ein zusammenhängender Organismus, ein Urlebewesen mit zappelnden Tentakeln. Franziska, 6, dreht ihre roten Haare zu Kringeln. Celina, 7, hüpft aufgeregt auf und ab.

«Was seht ihr?», fragt Karin Lerch. Die Museumspädagogin liesse sich wohl nicht mal aus der Ruhe bringen, wenn das Gemälde plötzlich zu Boden donnern würde. Für Sekunden erstarrt das Urlebewesen.

Während man noch mit der eigenen Ratlosigkeit angesichts der abstrakten Kunst kämpft, hat sich Akrobat Nico als Erster wieder gefangen: «Eine Baustelle, wegen des Krans vorne.» Franziska folgt: «Vorn ein Haus, und da geht ein Ungeheuer vorbei. Ich würde gerne auf dem Ungeheuer reiten.» Liv, 6, sagt: «Ich sehe eine kaputte Brücke, jemand hat die Brücke kaputtgemacht.» So türmt sich eine Geschichte auf die nächste.

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Die eigene Welt im Bild

Später, beim Gang ins Malatelier im Untergeschoss, sagt Pädagogin Lerch: «Wenn Kinder vor einem Kunstwerk stehen, projizieren sie ihre eigene Welt hinein. Sie finden für nahezu alles eine Erklärung.» Kinder seien Erklärungskünstler.

Jetzt sitzen sie an einem grossen Tisch und sollen Quadrate nebeneinander auf eine Folie kleben. Wie das Paul Klee gemacht hat. Nico ist mit Eifer dabei, die Frage, ob er gern im Museum ist, muss man zweimal wiederholen, bis sie zu ihm durchdringt. «Ja. Weil man hier so viele Sachen machen kann. Malen, Kuchen essen…»

Noel, 6, kaut konzentriert auf den Lippen herum. Was er werden will, weiss er noch nicht, aber «sicher, sicher nicht» Künstler. «Ich kann nicht gut malen, und als Künstler muss man das können.» Liv neben ihm sagt: «Ich will im Fall Zoowärterin werden.» Klee hat bei ihr keine Chance. «Er hat sich fest Mühe gegeben, das sieht man. Aber malen ist eher langweilig, Affen sind lustig.»

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© Beobachter Ausgabe 17 vom 19. Aug 2009 - Alle Rechte vorbehalten

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