Frühförderung Bald ein Pisa-Test für Babys?

Zählen lernen: Das Zürcher Kinderhaus Artergut orientiert sich bei der Frühförderung an deutschen Richtlinien.
Wo will ich heute hin? Im Zürcher Kinderhaus Artergut wählen Kinder ihre Aktivitäten selbst.
So lernen die Kinder die Sachen richtig zu benennen.
Das Instrument ganz rechts heisst «Doppel Caxixi». Hätten Sie das gewusst?
Der Berliner Bildungsplan sieht unter anderem vor, dass die Kleinen «Kenntnisse über gesunde Umwelt und ökologische Kreisläufe erlangen».

Für Krippenkinder zwischen null und vier Jahren werden neu Bildungsziele formuliert. Ist es nun endgültig vorbei mit der unbeschwerten Kindheit?

«Guetä Morgä, good morning, buenos días…», singen die Kinder im Zürcher Kinderhaus Artergut. Vor dem nächsten Lied zählen sie zusammen mit den Erzieherinnen bis zehn, nach dem nächsten lauthals in Zehnerschritten bis 100. Vier Monate alt sind die Jüngsten, die hier versammelt sind, die Ältesten stehen kurz vor dem Kindergarteneintritt.

Das Kinderhaus Artergut ist eine so­genannte Bildungskrippe. Hier gehört es zum Alltag, sich mit frühkindlicher Entwicklung auseinanderzusetzen und diese gezielt zu fördern. «Mit Drill und Verschulung hat das gar nichts zu tun», sagt Regula Keller, Leiterin des Kita-Verbunds Artergut. Sie ist kritische Fragen gewohnt. Fallen «Kleinkind» und «Förderung» hierzulande in einem Satz, werden Ängste wach. Soll nun auch noch die letzte Bastion der ­«freien Kindheit» gestürmt werden?

Wer heute in der Schweiz einen Betreuungsplatz für sein Kind sucht, steht einer grossen Auswahl von privaten und öffentlichen Krippen gegenüber. Jede mit eigenem Leitbild, eigenen erzieherischen Grund­sätzen. Die Bestimmungen für eine Krippenbewilligung unterscheiden sich von Kanton zu Kanton. Und sie definieren vor allem strukturelle Aspekte wie Raumgrösse oder Hygienevorschriften. Anders als in den meisten anderen westlichen Ländern fehlen in der Schweiz verbindliche Leit­bilder oder eben Bildungspläne für Be­treuungseinrichtungen. Genaugenommen fehlte bis anhin sogar die Vorstellung davon, wie diese auszusehen hätten.

In anderen Ländern selbstverständlich

Was brauchen kleine Kinder, um sich optimal zu entwickeln? Wie lernen sie, und was lernen sie wann? Diese Fragen sollen sich bald alle Erwachsenen stellen müssen, die Kinder von null bis vier Jahren betreuen. Ein sogenannter Orientierungsrahmen für die frühkindliche Bildung soll dabei Richtschnur sein und langfristig für mehr Qualität in der Kinderbetreuung sorgen.

Was in der Schweiz zu grossen Kontroversen führen wird, ist in vielen westlichen Ländern seit langem selbstverständlich. Neuseeland führte bereits 1991 Bildungspläne für Kinder zwischen null und vier Jahren ein. Kurz darauf folgten die skandinavischen Länder und England, zwischen 2002 und 2006 auch die deutschen Bundesländer. Diese Bildungspläne umfassen nicht nur klassische Lernziele wie die Fähigkeit, mit der Schere schneiden zu können, sondern definieren auch Dinge wie «Normen und Werte», «Partizipation des Kindes» oder die Kooperation zwischen Krippe, Kindergarten, Schule und Eltern.

Das Schweizer Netzwerk Kinderbetreuung, dem unter anderem grosse Städte und Kantone sowie Arbeitgeber wie die Credit Suisse oder die Zürcher Kantonalbank angehören, präsentiert nun am 24. Mai dieses Jahres solche Leitlinien für Schweizer Kindertagesstätten. Vorerst soll der sogenannte Schweizer Orientierungsrahmen nur unverbindliche Leitlinie für Krippenpersonal und Eltern sein.

Aufwind bekamen die Netzwerkmitglie­der durch eine grossangelegte Studie der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD), die der Schweiz in Sachen Frühförderung 2011 ein schlechtes Zeugnis ausstellte. Die OECD empfahl, vorschulische Erziehung und sprachliche Förderung auszubauen.

Gezielte Bildung für Babys und Kleinkinder? Da sind sie wieder, die Ängste. 
Pisa-Tests für Zweijährige und Lerntherapien für Dreijährige? «Die Auseinander­setzung mit den Ansprüchen von Klein­kindern ist viel Arbeit für die Kitas – nicht für die Kinder», beschwichtigt Artergut-Leiterin Keller. Sie selber hat sich bei der Raumgestaltung und der Materialauswahl in ihrer Kita am «Berliner Bildungsprogramm für die Bildung, Erziehung und 
Betreuung von Kindern in Tageseinrichtungen bis zu ihrem Schuleintritt» orientiert. Das hiess zum Beispiel, es den Kindern zu ermöglichen, eigene körperliche Grenzen auszuloten, ein Zeitverständnis zu entwickeln oder Gelegenheiten zu bieten, andere für etwas zu begeistern.

Fixe Gruppeneinteilung ist passé

Julian gibt im Morgenkreis der Kita Artergut gerade sein Bestes. Der bald Vierjäh­rige steht an einer Tafel und erklärt den ­anderen Kindern, welche Räume im Haus heute offen sind. Das Baustellenzimmer zum Beispiel, der Kreativraum, das Rollenspielzimmer, die Bibliothek und das Wasserlabor. Kaum ist Julian fertig, stürmen die los, die schon gehen können. Heute Morgen wollen fast alle etwas basteln und malen. Nur eine kleine Gruppe Jungs rennt die Treppe hoch und verschwindet auf der Baustelle. «Das ist das Kernanliegen unseres Konzepts», sagt Keller, «dass die Kinder selber bestimmen können, mit welchen Themen sie sich auseinandersetzen wollen.» Früher waren alle Kinder in fixe Gruppen eingeteilt. Die jeweilige Gruppen­leiterin entschied, ob gebastelt oder gespielt wurde. Heute sind die Erzieherinnen den verschiedenen Bereichen zugeteilt. Die Kinder bewegen sich frei im Haus und wählen sowohl ihre Beschäftigung als auch ihre Gspäändli selber.

Die zweite grosse Neuerung, die das neue Konzept mit sich brachte, sind die ­sogenannten Kinderbeobachtungen. Erziehende beobachten jedes Kind regelmäs­sig beim Spielen. Das Ziel: herauszufinden, welches Thema das Kind gerade beschäftigt. Versucht es zum Beispiel, Klötze zu stapeln, und will damit mehr über das Verhalten der Dinge im Raum erfahren? Ficht es Kämpfe mit Dinosauriern aus und setzt sich damit vielleicht mit der eigenen Stellung in der Kindergruppe auseinander? Sind sich Erzieherin und Team einig, was gerade das entwicklungspsychologische Thema des Kindes ist, überlegen sie gemeinsam, mit welchen Materialien oder Angeboten sie ihm eine vertiefte Auseinandersetzung ermöglichen könnten. Doch: «Wenn es unser Angebot nicht nutzen will, muss es nicht», sagt Regula Keller.

Mit vier Jahren einen Computer bedienen?

Womit wir bei zentralen Fragen in der Debatte um die Bildungspläne wären: Führen sie zur Verschulung der Krippen? Müssen die Kinder in einer vorgegebenen Zeit fixe Fähigkeiten lernen? Der erwähnte Berliner Bildungsplan macht da misstrauisch; unter «Sachkompetenzen» steht: «Körperteile benennen können», «den eigenen Namen schreiben», «Grundkenntnisse im Umgang mit Computer» oder «Kenntnisse über gesunde Umwelt und ökologische Kreisläufe erlangen». Was passiert dann mit jenen, die sich die Namen der Körperteile nicht merken können?

Laut Thomas Jaun haben sie nichts zu befürchten. «Der Schweizer Orientierungsplan wird offen formuliert sein», sagt er. ­Alles andere sei im föderalistischen Bildungssystem der Schweiz innert nützlicher Frist gar nicht umsetzbar. Jaun ist Präsi­dent des Netzwerks Kinderbetreuung sowie Schul­leiter der Höheren Fachschule für Kindererziehung in Zug. Auch er betont, dass es im Moment vor allem darum gehe, die Diskussion um die erforderliche Qualität von frühkindlicher Bildung und Betreuung voranzutreiben.

Angst vor einem Leistungsdruck für Kleinkinder hat er nicht: «Wenn dieser Druck kommt, dann von einer bestimmten Schicht Eltern.» Die meisten professionell Erziehenden seien da fast übervorsichtig, wollten nicht überfordern. Man müsse ­ihnen eher sagen, dass es schon in Ordnung sei, wenn sich ein dreijähriges Kind für Buchstaben interessiere. «Tatsache ist: Kinder bilden sich in den ersten Lebensjahren, ob wir das so wahrnehmen und wahrhaben wollen oder nicht», sagt Jaun.

Apropos Bildung: Die meisten Kinder des Kinderhauses Artergut werden beim Kindergarteneintritt wohl zählen können, schreiben und sich mit vielen Dingen des Lebens auskennen. Sie werden sich all das en passant angeeignet haben. Und sie sind gleich doppelt im Vorteil. Sie haben eine Krippe besucht, die sich gezielt um ihre Förderung bemüht hat, und sie kommen statistisch gesehen aus einer sogenannt bildungsnahen Familie. Denn auch wenn immer wieder betont wird, dass vor allem sozial benachteiligte Kinder von einem Krippenbesuch profitieren, sind es die ­anderen, die hingehen. Eine Analyse der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung 2008 zeigt, dass vor allem gut ausgebildete Eltern ihre Kinder in eine Krippe schicken.

Führen also Bildungspläne in Krippen dazu, dass sich die Schere zwischen Kindern aus bildungsnahen und bildungs­fernen Familien noch mehr auftut? «Diese Gefahr besteht tatsächlich», sagt Thomas Jaun, hängt aber gleich eine Frage an: ­«Sollen wir deswegen die Qualität der Betreuung in den Krippen verschlechtern? Oder dafür sorgen, dass Kitas auch jenen zugänglich werden, die am stärksten davon profitieren würden?»

Dass Letzteres sinnvoller wäre, ist wohl unumstritten. Aber auch der beste Bildungsplan wird benachteiligten Familien den Zugang zur Krippe nicht erleichtern. Und damit muss auch in Frage gestellt ­werden, ob er zu einer Verbesserung der Chancengleichheit beitragen wird oder nicht viel eher das Gegenteil bewirkt.

Vielversprechender sind in dieser Hinsicht Modelle wie das «selektive Obliga­torium», mit dem die Stadt Basel schlecht integrierten Familien vorschreiben will, 
ihre Kinder zwei halbe Tage pro Woche in einer Krippe oder einer Spielgruppe betreuen zu lassen. Oder der parlamenta­rische Vorstoss der Zürcher SP-National­rätin Jacqueline Fehr. Sie will die Kantone verpflichten, ein kostenloses, freiwilliges Vorkindergartenjahr anzubieten. FDP-Politiker und Unternehmer Otto Ineichen plant derweil ein Netz von 100 Billigkrippen. Er geht im Gegensatz zu den Fachleuten des Netzwerks Kinderbetreuung davon aus, «dass eine Krippe auch dann funktionieren kann, wenn nicht die Hälfte des Personals staatlich ausgebildet ist».

«Die besten Pädagogen überhaupt»

Wobei wir wieder bei der längst fälligen Diskussion um die Qualität der Betreuung in Schweizer Kindertagesstätten wären. Ist es, wie Jacqueline Fehr sagt, «unbestritten, dass kleine Kinder die besten Pädagogen überhaupt brauchen», oder reicht es, wenn ihre Betreuerinnen einfach ein «Flair für Kinder» haben, wie das andere fordern?

Die Diskussion ist eröffnet. Sie wird, hält man sich die Kontroverse um Harmos vor Augen, emotional geführt werden und mehrere Jahre dauern. Aber sie wird weder Mütter zurück an den Herd bewegen noch dazu führen, dass alle Kinder ab sechs 
Monaten von pädagogisch ausgebildetem Personal betreut werden.

In der Zwischenzeit werden die Kinder in der Kita Artergut weiter Bilder malen, Bauklötze stapeln oder in der grossen Eingangshalle herumrennen, wo sie vor allem eines geniessen: viel Platz und Freiraum zum Spielen.n

Frühförderung: Der neue 
Plan für Krippenkinder

Die Schweiz hat Nachholbedarf in ­Sachen Frühförderung. Wie es in vielen umliegenden Ländern bereits geschah, soll nun auch hier öffentlich diskutiert werden, was kleine Kinder brauchen, um sich optimal zu entwickeln. Im Auftrag des Netzwerks Kinderbetreuung Schweiz hat das Zürcher Marie-Meierhofer-Institut für das Kind einen sogenannten Orientierungsrahmen für die frühkindliche Bildung in der Schweiz ­erarbeitet. Dieser wird am 24. Mai ­präsentiert und soll bereits im Sommer 2012 in Pilotprojekten in ausgewählten Kindertagesstätten getestet werden.

Autor:
  • Tanja Polli
Bild:
  • Gabi Vogt
27. April 2012, Beobachter 9/2012

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