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Lebensmitte

Das Glück der zweiten Pubertät

Text:
  • Balz Ruchti
Bild:
  • Stock-Kollektion colourbox.com
Ausgabe:
8/10

Im Alter zwischen 40 und 60 muss der Mensch viele Herausforderungen bewältigen. Das dunkle Mittelalter ist diese Zeit aber nicht – im Gegenteil: Sie birgt die Chance zur Renaissance.

Lebensmitte: Das Glück der zweiten Pubertät – Im Alter zwischen 40 und 60 muss der Mensch viele Herausforderungen bewältigen.

Lisa Salomon lebt in einer WG, schliesst im Frühling die Lehre zur Fachfrau Betreuung ab und will danach mit ihrem Freund zusammenziehen. Sie ist nicht 19, sondern 53 Jahre alt und Mutter von zwei erwachsenen Kindern.

Salomon ist nicht untypisch für ihre Altersgruppe. Die Jahre zwischen 40 und 60 sind Wechseljahre, im wahrsten Sinne des Wortes. Und «Lebensmitte» bedeutet: noch einmal fast so lang, dann ist fertig. Diese Zäsur nehmen viele zum Anlass, Bilanz zu ziehen. Sie werden sich verpasster Chancen und geplatzter Träume bewusst – ein unerfüllter Kinderwunsch, eine nicht gemachte Ausbildung. «Das schüttelt jeden durch», sagt Pasqualina Perrig-Chiello. Sie ist Professorin am Institut für Psychologie der Universität Bern und 57 Jahre alt. «Heute befinden sich mehr Menschen in dieser Lebensphase als jemals zuvor», sagt sie. Es sind die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge. Deshalb befasst sich seit ein paar Jahren auch die Forschung mit dem mittleren Alter.

Erreichen Menschen die zweite Lebenshälfte, ändert sich ihre Zeitperspektive. Sie nehmen nicht mehr ihr Alter wahr, sondern die noch verbleibende Lebenszeit. «Mit 43 bin ich eines Morgens erwacht und dachte: ‹Das ist die Mitte deines Lebens.› Das war schon seltsam», sagt Dani Hunziker. Heute ist er 51 Jahre alt und arbeitet als Layouter. Der Anbruch der zweiten Lebenshälfte war für den Vater von zwei Teenagertöchtern aber kein Grund, in Endzeitstimmung zu verfallen: «Es ist viel eher ein neuer Aufbruch.»

«Wer nicht jung sterben will, muss altern»
In der Lebensmitte sind viele beruflich im Zenit. Allerdings musste dafür oft die persönliche Entwicklung zurückstehen. «Deshalb sehnen sich die Menschen nach Zeit, um innezuhalten und sich selbst zu verwirklichen», sagt Perrig-Chiello.

Dani Hunziker zum Beispiel führt seit ein paar Monaten eine «neue, sehr intensive Beziehung» mit einer Frau, die er schon aus seiner Jugend kennt. «Mit ihr geniesse ich wieder Kultur, Kunst und Musik – Dinge, die mir wichtig sind und die ich lange Jahre zurückgestellt habe», sagt er.

Neben dem Wissen, dass die Hälfte des Lebens vorbei ist, führt einem auch der eigene Körper die Vergänglichkeit vor Augen. Früher oder später spüren alle, dass ihre Leistungsfähigkeit abnimmt. «Ich bin nicht mehr so ausdauernd wie früher», sagt Lisa Salomon. «Aber was solls? Wer nicht jung sterben will, muss altern. Also trage ich meine Fältchen mit Stolz.» Das gelinge nicht allen, sagt Perrig-Chiello. Denn das Thema Altern sei in unserer Gesellschaft noch immer negativ besetzt: «Wir haben gelernt, lange jung zu bleiben, aber nicht, wie man ganz normal altert.»

«50 ist das neue 30» und ähnliche Slogans auf T-Shirts von Möchtegern-Junggebliebenen zeugen davon. Gemessen am verlebten Lebensanteil, ist das zwar nicht falsch. Vor 100 Jahren lag die durchschnittliche Lebenserwartung in der Schweiz bei 48 Jahren – 2007 bei rund 80 Jahren. Und die 50-Jährigen sind heute bei viel besserer Gesundheit als die aus der Generation ihrer Eltern. Aber die hormonellen Veränderungen setzen gleichwohl ein. Im Gegensatz zur Pubertät, die dank besserer Ernährung immer früher anfängt, setzen die Wechseljahre bei Frauen in den letzten 100 Jahren unverändert zwischen 40 und 55 Jahren ein. Bei den Männern beginnt derweil der Testosteronspiegel zu sinken. Der damit verbundene Libidoverlust kratzt am Selbstbild. «Wer versucht, den immerpotenten Lover oder das ewig schöne Püppchen zu mimen, macht sich unglücklich», warnt Perrig-Chiello.

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Indem sie neue Bedürfnisse wecken, weichen die hormonellen Veränderungen die Rollenmuster auf: Frauen entdecken ihre Durchsetzungsfähigkeit und ihre kantigen Seiten; Männer verspüren eher den Drang nach mehr Zärtlichkeit. «Mit diesen neuen Bedürfnissen konfrontiert, begeben sich viele auf Sinn- und Identitätssuche», so Perrig-Chiello. «Die Menschen durchleben eine Art zweite Pubertät.» Das kann in manchen Fällen sehr weit gehen. Jeder kennt Geschichten wie jene des gewissenhaften Professors und Familienvaters, der sich mit 45 als homosexuell outet, den Job an den Nagel hängt und nach Australien auswandert, um endlich in Freiheit leben zu können.

«Sandwich»- oder «Scharniergeneration»
Meist sind die Einschnitte weniger dramatisch. Bedeutender sind oft Rollenwechsel, die im mittleren Alter anstehen: Die Kinder werden erwachsen und nabeln sich ab, die einst allmächtigen und allwissenden Eltern werden langsam abhängig und sterben irgendwann. «Ich erinnere mich genau an den Tag, als mein Vater zum ersten Mal nicht mehr vor uns aufstand, um Kaffee zu machen», sagt Lisa Salomon, «und als meine Tochter vor ein paar Jahren auszog, war das ebenfalls sehr schmerzhaft.» Ein gutes Beispiel dafür, weshalb Leute mittleren Alters auch als «Sandwich»- oder «Scharniergeneration» bezeichnet werden: Während sie selbst das Elternhaus früh verliessen, bleiben ihre eigenen Kinder viel länger zu Hause. Sie sind darum gleichzeitig für jüngere und ältere Generationen verantwortlich.

Diese Veränderungen haben auch Folgen für die Paarbeziehung. Nicht selten gehen in dieser Zeit langjährige Beziehungen zu Bruch. Heute wird jede fünfte Ehe, die 20 Jahre gehalten hat, doch noch geschieden. Das liegt einerseits daran, dass Frauen heute finanziell unabhängiger sind. Hinzu kommt die höhere Lebenserwartung. «Bis dass der Tod euch scheidet» verpflichtet heute zu viel längerer Zeit – daran scheitern viele.

Eine Trennung bedeutet aber nicht zwingend Einsamkeit. Auch Lisa Salomon hat seit eineinhalb Jahren einen neuen Partner an ihrer Seite. Trotz dem Frischverliebtsein geniesst sie die Ruhe in der Partnerschaft: «Das Schöne an einer Beziehung in diesem Alter ist, dass man sich nichts mehr vormachen muss. Beide wissen, wer sie sind.»

Diese Ruhe kommt nicht von ungefähr. In gut gemeisterten Krisen kann man Strategien erlernen, die einem helfen, auch spätere Prüfungen gut zu bestehen. Dani Hunziker ging gestärkt aus der Trennung von seiner Frau hervor; Lisa Salomon lernte in schwierigen Zeiten, allein für sich und ihre Kinder zu sorgen. Durch Lebenserfahrung gewinnen die Betroffenen Zuversicht und Vertrauen.

Das gelingt aber nicht allen. Die subjektive Lebenssicht sei entscheidend, sagt Perrig-Chiello. «Es gibt Menschen, die mit den immer gleichen falschen Verhaltensmustern von einer Katastrophe in die nächste stolpern.» Bei ihrer Forschungsarbeit begegne sie immer wieder Leuten mit schwierigen Lebensläufen, die sich glücklich schätzten, während andere mit scheinbar problemlosen Biographien mit ihrem Schicksal haderten.

Das gilt auch für den Umgang mit der eigenen Vergänglichkeit. Viele entwickeln das Bedürfnis, etwas Überdauerndes zu hinterlassen. «Wenn man etwas will, muss man auch etwas geben; für die eigenen Kinder, aber auch für die Gesellschaft», sagt Salomon. Sie engagiert sich in der Stiftung Recht auf Wohnen, unterrichtet Seniorenturnen und betreut bei Engpässen gemeinsam mit ihren Geschwistern die Eltern.

Auf der persönlichen Ebene stellt sich die Frage: «Was kann ich in der verbleibenden Zeit noch realisieren?» Wer ehrlich ist, muss sich von einigen Träumen definitiv verabschieden. Das enger werdende Zeitfenster bietet aber auch Gelegenheit, sich bewusst zu machen, was wirklich wichtig ist. Lisa Salomon hat sich zum 50. Geburtstag einen beruflichen Neuanfang geschenkt. Ihr eigenes Altern nimmt sie gelassen. «Schön wäre es, mit 95 ruhig einschlafen zu dürfen. Aber vorerst freue ich mich auf den Winzerkurs. Mein Freund hat einen Rebberg – und vielleicht machen wir ja irgendwann eine Weinhandlung auf.»

Aktiv in die zweite Lebenshälfte


1. Information und Austausch

Viele Menschen in der Lebensmitte haben ähnliche Fragen und Probleme: Sie verlieben sich neu oder haben das Gefühl, in Beruf oder Beziehung nicht mehr vorwärtszukommen. Sprechen Betroffene diese Themen in einer Gruppe an, stellen sie fest, dass andere ähnlich empfinden und sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Diese Erfahrung kann sehr erleichternd sein.


2. Bewusste Auseinandersetzung

Information ist wichtig, genügt allein aber nicht. Das im Austausch mit anderen gewonnene Wissen muss man nun auf sich selbst anwenden. Wer zu Veränderungen bereit ist, hat Entwicklungsmöglichkeiten und kann aus einer Sackgasse wieder herausfinden.


3. Definition neuer Inhalte

Das mittlere Alter birgt viele Optionen. Das kann zu Desorientierung führen. Deshalb ist es wichtig, Inhalte und erreichbare Ziele zu definieren.


4. Eigenverantwortung

Eigenverantwortung ist in kritischen Lebenssituationen eine hilfreiche Ressource. Wer sich nicht als Opfer von Umständen sieht, sondern als handlungsfähige Person, lässt sich nicht so schnell unterkriegen.


5. Initiative

Initiative Menschen warten nicht ab und reagieren nur. Sie handeln vorausdenkend und überlegt, statt sich überraschen zu lassen. Viele Veränderungen (Auszug der Kinder, Pflegebedürftigkeit der Eltern) sind absehbar.


6. Schöpfungskraft

Im mittleren Lebensalter werden die Interessen oft auf das Gedeihen des Nachwuchses (oder der nachfolgenden Generation allgemein) gerichtet. Das gibt dem eigenen Leben neuen Sinn und Inhalt. Je schöpferischer sich Menschen verhalten, umso grösser sind ihr Selbstvertrauen und ihr psychisches Wohlbefinden.

 

Buchtipp


Pasqualina Perrig-Chiello: «In der Lebensmitte. Die Entdeckung des mittleren Lebensalters»; NZZ Libro, 2010, 160 Seiten, CHF 49.90

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