Psychologie

Wunderliche Kinder-Vorstellungen

Text:
  • Daniela Palumbo
Bild:
  • Jupiterimages
Ausgabe:
16/08

Kinder wollen in Bücher steigen, mit Bananen telefonieren oder bringen einen imaginären Freund nach Hause. Doch keine Sorge: Das ist völlig normal.

«Fenster zu!», ruft die zweijährige Stella. Wiederholt versucht sie, den Kopf der Blondine ins Innere der Kutsche zu schieben. Vergeblich. Aschenbrödel blickt weiterhin aus dem Fenster und schaut zurück auf das Schloss, das sie vorhin fluchtartig verlassen hat. «Mama, helfen!» Stella hält das Märchenbuch in der Hand und will, dass ihre Mutter Aschenbrödel überzeugt, das Fenster zuzumachen. Doch Mama hat in der Märchenwelt keine Macht. Sie rät Stella, die Seite umzublättern, dann schliesse sich das Fenster von alleine.

Immer wieder wundert und amüsiert sich die Mutter über das Verhalten ihrer Tochter. Zurzeit müht sich Stella regelmässig ab, Fenster und Türen in Büchern zu schliessen. Als sie einjährig war, wollte sie gar in die Bücherwelten einsteigen: Sie stellte zum Beispiel die Füsse auf eine abgebildete Brücke, weil sie mit den darauf tanzenden Mädchen und Knaben spielen wollte.

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Drei Phasen im Umgang mit Symbolen

Über solch wunderliches Verhalten brauchen sich Eltern in der Regel nicht zu sorgen. «Es handelt sich bei diesen Phänomenen um subjektive Überzeugungen des Kindes, die zeigen, wie das Denken in diesem Alter funktioniert», sagt Claudia Roebers, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Bern. Kinder nehmen ihre Umgebung anders wahr als die Erwachsenen: Sie merken erst im Verlauf ihrer Entwicklung, dass zum Beispiel Bilder oder Spielzeuge nicht nur reale Dinge, sondern auch Symbole sind, also für etwas anderes stehen können als sich selbst.

Entwicklungspsychologen unterscheiden drei Phasen des Symbolverständnisses, die je nach Entwicklungsstand des Kindes früher oder später beginnen oder enden.

  • 1. Phase: kein Symbolverständnis (bis 1½ Jahre)
  • 2. Phase: «So tun als ob»-Spiel (1½ bis 4 Jahre)
  • 3. Phase: Rollenspiel (ab drei Jahren)

Im Krabbelalter (1. Phase) behandeln Kinder Bilder, als wären sie real, und erforschen sie ausgiebig. Sie greifen nach Gegenständen in Bilderbüchern oder wollen in diese Welten eintauchen. «Obwohl Kinder einen Unterschied zwischen realen und abgebildeten Objekten wahrnehmen, verstehen sie die Bedeutung dieses Unterschieds nicht», schreibt die amerikanische Entwicklungspsychologin Judy S. DeLoache, die das Symbolverständnis von Kleinkindern erforscht. Ein weiterer Hinweis darauf, dass Eineinhalbjährige kaum mit Symbolen umgehen können, ist der sogenannte «Scale Error», der Massstabfehler. Die Kleinen versuchen, sich auf winzige Puppenstühle zu setzen, oder wollen in Miniaturautos einsteigen. Sie können noch nicht zwischen der Spielzeugwelt und der realen Welt unterscheiden.

In der «So tun als ob»-Spielphase, in der Stella gerade steckt, beginnen Kinder langsam, Symbole zu erkennen. Sie begreifen, dass Bilder oder Dinge für einen anderen Gegenstand stehen können. Mit zwei Jahren tun Kinder zum Beispiel so, als sei eine Banane ein Telefonhörer, oder sie servieren den Eltern ein Holzklötzchen als Brotscheibe.

Ihr Symbolverständnis ist indes noch nicht völlig entwickelt. Das zeigt ein Experiment, das in vielen Studien auftaucht: Ein Versuchsleiter versteckt vor den Augen eines Kindes einen Miniaturball in einem Puppenhaus. Dann erzählt er, dass er einen zweiten, grossen Ball verbergen werde, und zwar im Raum, in dem sie gerade stehen - an der gleichen Stelle wie im Puppenhaus-Zimmer. Ein Zweieinhalbjähriger ist nicht in der Lage, diesen Ball zu finden. DeLoache erklärt das Versagen der Kinder damit, dass sie in diesem Alter noch Schwierigkeiten mit der Symbolfunktion haben. Sie fokussieren auf das konkrete Objekt (Puppenhaus) und nicht auf die Beziehung (Wohnraum), auf die es auch hinweist.

Erst mit drei Jahren, in der dritten Phase, sehen Kinder ein Puppenhaus als Abbild des Wohnraums. Sie begreifen Symbole. In diesem Alter verstehen sie auch, dass nicht alle die Welt sehen wie sie selbst, sondern dass Menschen unterschiedlich denken und handeln. Die Zeit für Rollenspiele ist reif: Die Kinder verwandeln sich in kleine Schauspieler, stellen andere Personen dar. Pina etwa, ein dreijähriges Mädchen, mimt zuerst ein Baby, dann übernimmt sie die Mutterrolle, und schliesslich verwandelt sie sich wieder in ein Mädchen zurück, das stolz auf seine Schauspielkunst ist. Je älter ein Kind, desto komplexer das Rollenspiel.

Ein neues «Familienmitglied»

«Eltern müssen nicht Einfluss nehmen auf die frühe Denkentwicklung der Kinder», sagt Psychologin Roebers. Vielmehr können sich Eltern an den Vorstellungswelten der Kinder einfach erfreuen, mit Spannung Veränderungen und Fortschritte beobachten und mitspielen.

Sorgen müssen sich Eltern nur, wenn ihr Kind nicht spielen kann und zum Beispiel ständig dasselbe Spielzeugauto phantasielos hin und her schiebt. Dann sollten sie Experten, etwa eine Logopädin, hinzuziehen.

Ein spezielles Phänomen in der Symbolwelt von drei- bis sechsjährigen Kindern ist der imaginäre Freund - ein reines Phantasieprodukt. Gianna zum Beispiel hatte zwei imaginäre Freundinnen. Die erste tauchte auf, als sie drei Jahre alt war. Sie hiess Nano, war lieb und spielte mit ihr. Wenig später gesellte sich die böse Sissi hinzu, die Gianna und Nano immer wieder quälte und schlug. Die Mutter beobachtete, wie ihre Tochter mit den beiden imaginären Freundinnen sprach. Kurz bevor Gianna in den Kindergarten kam, verschwanden Nano und Sissi so plötzlich, wie sie erschienen waren.

Streiten will geübt sein

Zwei Drittel aller Kinder im Alter von sieben Jahren haben «unsichtbare» Begleiter, wie eine amerikanische Studie von 2004 ergab. In dieser Art Rollenspiel üben die Kinder soziales Verhalten - mit einem Freund streiten und sich versöhnen - auf einem sicheren Terrain. Doch der imaginäre Freund kann Eltern auch in Bedrängnis bringen, etwa wenn er zu dominant wird und den Tagesablauf mitbestimmt. Wenn zum Beispiel die Tochter sich weigert, aus dem Haus zu gehen oder Dinge zu tun, weil «er» nicht will.

Eltern müssen mit diesem zusätzlichen «Familienmitglied» leben, ob sie wollen oder nicht, denn: «Kleinkinder können sich unwirkliche Tiere oder Menschen vorstellen und auf ihren falschen Überzeugungen beharren», sagt Entwicklungspsychologin Roebers. «Sie tun dies, weil sie nicht so flexibel denken und versuchen, sich selber zu bestätigen.»

Maria Mögel, Jugendpsychologin und langjährige Erziehungsberaterin in St. Gallen, rät zwar den Eltern, den imaginären Freund mit Respekt zu behandeln - wie eine vertraute Puppe oder den Teddybären des Kindes -, aber nicht wie einen realen Freund und manchmal auch ein Machtwort gegen ihn zu sprechen. Wird er zur Plage, ist eine Beratung angezeigt.

Irgendwann verlieren die Kinder die Lust und das Interesse an den symbolischen Freunden und ersetzen sie mit realen. Sie sind gerüstet für die Auseinandersetzung mit Gleichaltrigen, denn inzwischen haben sie gelernt, mit abstrakten Gedanken und Symbolen umzugehen − und sich selber besser kennengelernt. In der Schulzeit gerät die Phantasiewelt endgültig in den Hintergrund, die realistische Lebensphase beginnt.

© Beobachter Ausgabe 16 vom 06. Aug 2008 - Alle Rechte vorbehalten

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