Sandro
Wenn ich ein Buchstabe wäre,
könnte ich nie alleine sein. Ich wäre immer wie mit einer Kette mit meinen Freunden und meiner Familie zusammengebunden. Meine Geschwister würden ganz anders als ich aussehen und mir gar nicht gleichen.

Ich würde von einer modernen oder altmodischen Computertastatur im Google oder MSN eingegeben oder übersetzt werden. Ich würde für Hausaufgaben gebraucht werden. Danach würde ich korrigiert werden. Wenn ich Pech hätte, würde ich gestrichen und ins Merkheft geschrieben. Wenn die Kinder in der Schule Blödsinn machen, könnte ich in einer Strafaufgabe stehen und keinen guten Eindruck machen. Ich würde weltweit pro Tag über eine Million Mal gebraucht werden.
Wenn ich in einem Buch stehen würde, wäre ich spannend, stinklangweilig oder interessant. Ich könnte alle News als Erster erfahren. Vielleicht würde ich auf einer Busse oder auf einem wunderschön glänzenden Pokal stehen. Auf der Busse wäre ich sehr teuer und sehr unbeliebt. Wenn die Busse bezahlt worden wäre, würde sie mit mir zerrissen oder unsorgfältig ins Altpapier geworfen. Wenn die Busse mit mir zerrissen würde, wäre ich tot, würde aber spätestens fünf Sekunden später wieder geboren werden - weil ich irgendwo anders an einem Computer oder so wieder gebraucht werde.
Würde ich ins Altpapier kommen, würde ich gelangweilt herumliegen. Nach fünf öden Tagen würde ich in ein riesiges Gebäude eingeliefert werden. Dort könnte ich rezykliert werden. Und so würde das jeden Tag mindestens 4'000'000'000 Mal geschehen. - Ist das nicht ein wunderschönes, jeweils kurzes, aber einzigartiges Leben?
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© Beobachter Ausgabe 5 vom 05. Mär 2008 - Alle Rechte vorbehalten
