Therapie Musik für Frühchen

Friederike Haslbeck ist Musiktherapeutin für Frühgeborene: «Zum Glück überwiegen die schönen Momente».

Friederike Haslbeck hilft Frühgeborenen im Zürcher Unispital beim schweren Start ins Leben: Sie singt und musiziert für die fragilen Winzlinge.

Aufgezeichnet von Birthe Homann:

Obwohl Wiegenlieder eine alte Tradition haben, sind sie vielen Menschen nicht mehr präsent. Das erstaunt mich immer wieder. Schon unsere Urahnen haben ihren Babys Melodien vorgesummt oder einfache Lieder zum Einschlafen vorgesungen. «Bajuschki baju» (Schlaf mein Kindlein, schlaf), ein russisches Wiegenlied mit einer wunderschön sanften Moll-Melodie, ist eines meiner liebsten.

Auf der Station piept es schrill

Einfache Melodien haben viel mit meiner musiktherapeutischen Arbeit mit den Frühgeborenen hier auf der Neonatologie zu tun. Auf der Station ist es manchmal recht laut, die Frühchen sind meist an viele Maschinen angeschlossen, manche müssen künstlich beatmet werden, das Piepen der Monitore ist hoch und schrill – Geräusche, die sie so im Mutterleib nicht kannten.

So tönt Musik für Frühgeborene:

Ab der 24. Schwangerschaftswoche ist das Gehör der Babys so weit ausgebildet, dass sie Geräusche bewusst hören können. Sie sind der Lärmkulisse schutzlos ausgeliefert, da sie ja nicht weghören können. Hier setze ich mit der Musiktherapie an: Musik beruhigt und entspannt die Kleinen.

Übrigens auch die Eltern, für die ist es ja meist auch ein Schock, dass ihr Kind das Licht der Welt so viel zu früh erblickt hat. Das Gefühlskarussell der Eltern ist enorm: Es schwankt zwischen Freude, Angst, Hilflosigkeit und Sorge um die Zukunft.

Die Frühchen reagieren auf mein Summen und Singen, ihre Atmung beruhigt sich, wird tiefer und ruhiger. Das kann man deutlich am Monitor sehen. Oft werden sie dabei aufmerksam, öffnen die Augen, lächeln und bewegen die Fingerchen; diese Interaktionen sind wunderschön, auch für die Eltern. Wenn sie dabei sind, arbeite ich oft mit dem Monochord, einem einfachen Saiteninstrument, dessen Schwingungen sich auf Eltern und Kind übertragen. Ich summe im Atemrhythmus des Babys, später singe ich auch. So trete ich mit den Kleinen in Verbindung, denn Atemrhythmus und Herzschlag sind ursprüngliche musikalische Elemente, die bei Frühgeborenen aber noch sehr störungsanfällig sind.

«Die Frühchen reagieren auf mein Summen und Singen. Es wirkt bei Babys positiv auf die Atmung und den Puls.»

Friedericke Haslbeck, Musiktherapeutin

Wenn ich die Therapie mit dem Frühchen allein mache, berühre ich es zuerst sanft und langsam und beginne zu summen, ohne Instrument. Es ist wissenschaftlich bestätigt, dass sich Musik positiv auf die Sauerstoffsättigung, die Atmung und den Puls auswirken kann sowie auf Schlaf, Nuckeln und Essverhalten.

Das kleine Gehirn mit Musik anregen

Wie Musiktherapie auch die Entwicklung des Gehirns unterstützt, möchten wir in unserer aktuellen Studie untersuchen. Bei Frühgeborenen sind gewisse Bereiche des Hirns weniger gut ausgeprägt als bei termingeborenen Kindern. Genau dann, wenn die Kleinen hier auf der Neonatologie-Station sind, befinden sie sich in einer äusserst sensiblen Phase der Gehirnentwicklung. Im Mutterleib ist die Sinneswelt auf jeden Entwicklungsschritt des Kindes abgestimmt, hohe Töne erreichen etwa das Gehör des Fötus nicht, da die Mutterwand sie abdämpft. Gleichzeitig werden die Ungeborenen vom Rhythmus des Herzschlags und der Stimme der Mutter angeregt. Es verbinden sich Synapsen – oder sie verkümmern. Musik aktiviert und regt viele Bereiche im Gehirn gleichzeitig an, etwa den Hirnstamm sowie kognitive und emotionale Bereiche.

Mit Hilfe der Musiktherapie wollen wir das Hirn der Frühchen adäquat stimulieren, damit sich die wichtigen Synapsen bilden können. Ich arbeite dafür nur mit Babys zusammen, die vor der 32. Woche zur Welt gekommen sind. So haben wir im Durchschnitt zwei Monate Zeit für die Therapie.

Die Eltern hatten Tränen in den Augen

Ich betreue etwa sechs bis acht Frühgeborene pro Tag, dreimal die Woche. Eine Sitzung dauert rund 20 Minuten. Am schönsten ist es, wenn die Eltern ihrem Kind selber regelmässig vorzusingen beginnen. Viele Eltern haben Lieblingslieder, die wir für die Therapie manchmal etwas umschreiben. Oft summe ich auch orientalische oder afrikanische Melodien. Einmal sangen zwei grosse Geschwister ihrem winzigen Brüderchen im Brutkasten den Kanon «Bruder Jakob» vor, die Eltern sangen später ebenfalls mit. Sie hatten Tränen in den Augen.

Manchmal schreiben mir Eltern Jahre später, ihr Kind lerne jetzt ein Instrument – das freut mich natürlich sehr. Am traurigsten ist es, wenn ein Kind trotz allen intensivmedizinischen Bemühungen stirbt. Vor einiger Zeit habe ich ein Baby fast drei Monate betreut, am Schluss nur noch palliativ. Auf Wunsch der Eltern sang ich auch im Aufbahrungsraum. Zum Glück überwiegen aber die schönen Erlebnisse. Meine Tochter und mein Sohn musizieren auch, ich bin studierte Geigerin, mein Mann sammelt leidenschaftlich Schallplatten – bei uns daheim spielt Musik eine grosse Rolle. Ohne Musik könnte ich nicht leben.

Autor:
  • Birthe Homann
Bild:
  • Sophie Stieger
11. Dezember 2015, Beobachter 25/2015

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