Alkoholismus Mein Papi, der Säufer

Mein Papi, der Säufer
Die Forschung geht davon aus, dass genetische beziehungsweise biologische Faktoren, die Persönlichkeitsmerkmale des Kindes sowie Umwelteinflüsse für die Entwicklung einer Suchtproblematik entscheidend sind.

Wenn der Alkohol den Familienalltag bestimmt, gerät die Welt der Kinder ins Wanken. Die Anklage eines Geschwisterpaars – und das Schuldeingeständnis einer Mutter, die dem Treiben ihres Mannes zu lange zugesehen hat.

Manchmal war er auch nüchtern. Dann konnten die Kinder mit ihm spielen, guetsle, es lustig haben. Doch meist war er es nicht, sondern war auswärts und betrank sich. Irgendwo. In der Garage, im Auto, am liebsten für sich allein im Schrebergarten. Zuletzt kam er nur noch zum Ausnüchtern nach Hause. Wenn die Kinder Glück hatten, schliefen sie dann bereits. Papa blutverschmiert. Papa mit verpissten Hosen. Papa mit hochrotem Kopf, mal aggressiv, mal apathisch – immer unberechenbar. Ein Blindgänger, der beim geringsten Anstoss in die Luft gehen konnte. Oder das Gegenteil: willkürlich alle und jeden übergoss mit Lob und Liebkosungen. Den Kindern waren beide Seiten ihres Vater suspekt, ja zuwider.

Hatten sie das Glück nicht, bereits zu schlafen, wenn ihr Vater in die Wohnung torkelte, dann verzogen sie sich. Leandra (Namen der Betroffenen geändert), die Schüchterne, ging ins Elternzimmer, suchte Schutz im Schoss der Mutter. Raus oder auf die Toilette traute sie sich erst, wenn der Vater eingeschlafen war und schnarchte. Schnarchen war gut, das Signal für Entspannung. Luis verkroch sich jeweils in sein Zimmer und starrte ins Aquarium. Manchmal stundenlang. Luis sagt: «So lange ich mich erinnern kann, bestimmte Papis Alkoholpegel unseren Alltag.» «Ich nahm fast nie Freundinnen mit nach Hause», sagt Leandra. «Ich wusste ja nicht, ist er zu Hause – und wenn ja, in welchem Zustand.»

Wie den Geschwistern Luis und Leandra, 14 und 11 Jahre alt, geht es vielen Kindern in der Schweiz. Gemäss einer «eher konservativen» Schätzung von Sucht Schweiz wachsen mehrere Zehntausend Kinder und Jugendliche mit einem alkoholabhängigen Elternteil auf. Dennoch sind die betroffenen Kinder im schweizerischen Hilfesystem ein «blinder Fleck». Selbst wenn sich ihre Eltern in Behandlung begeben, fragt nach ihnen meist niemand. Dabei leiden sie mitunter genauso, wenn nicht sogar noch stärker als die Alkoholkranken selbst, unter der Situation.

Scham, Stress, Leid, Schuldgefühle, Einsamkeit und nicht selten auch Gewalt prägen ihre Kindheit. Die Prognosen sind bedrückend: Viele werden verhaltensauffällig, haben Lernprobleme und drohen zu verwahrlosen. Im Vergleich zu «normalen» Kindern haben Kinder von Alkoholikern zudem ein bis zu sechsmal höheres Risiko, später selber in die Sucht abzurutschen.

Die Forschung geht davon aus, dass genetische beziehungsweise biologische Faktoren, die Persönlichkeitsmerkmale des Kindes sowie Umwelteinflüsse für die Entwicklung einer Suchtproblematik entscheidend sind. Dabei gilt, dass Buben aufgrund ihrer biologischen Anlagen gefährdeter sind als Mädchen. Und dass die mütterliche Abhängigkeit problematischer ist als die väterliche. Denn Alkoholikerinnen sind in der Regel alleinerziehend. Bei einer Alleinerziehenden ist das Kind gänzlich isoliert und muss sehr oft Verantwortungen und Funktionen übernehmen, für die es eigentlich noch viel zu klein sei. Es gibt Kinder, die erledigen den ganzen Haushalt und kümmern sich nebenbei noch um die Geschwister – und um die alkoholkranke Mutter.

Es nützt nichts, die Sucht totzuschweigen

Obwohl der Vater von Luis und Leandra aus Scham oder vermeintlicher Rücksicht nie vor seinen Kindern trank und die Bierflaschen gut versteckt hielt, roch Luis stets, woher der Wind wehte. Und mit jeder Alkoholfahne zog die Angst auf. Die Angst vor dem Vater, vor allem aber die Angst um ihn. «Ich machte mir ständig Sorgen», sagt er. «Denn wenn er trank, dann masslos.» Gewalt hat der Vater den Kindern nie angetan – jedenfalls keine physische. «Nur einmal flog ein Finken», erinnert sich Leandra.

Auch sie, die Jüngere, hat schon im Kindergarten «gespürt, dass mit dem Papi etwas nicht stimmt». Kinder können das Problem vielleicht nicht benennen, doch sie sehen es und leiden darunter. Und je mehr nach innen und aussen der Schein der Normalität gewahrt und gepredigt wird, desto stärker beginnen die Kinder an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln, igeln sich ein – oder geben sich selbst die Schuld: «Wäre ich nur besser in der Schule, netter zu meinen Eltern oder gar nicht erst auf die Welt gekommen», solche Schuldgefühle werden häufig von Kindern alkoholkranker Eltern geäussert.

In der Zürcher Fachstelle für Alkoholprobleme (ZFA) finden alle zwei Wochen Treffen für Kinder zwischen 8 und 14 Jahren statt, an denen sie über ihre Probleme reden und sich mit Gleichaltrigen austauschen können. Bei den Treffen geht es in erster Linie darum, die Kinder in ihren Ängsten und Nöten ernst zu nehmen. Die Kinder sollen ein vertieftes Bewusstsein entwickeln für ihre jeweilige Situation. Sie sollen sehen, was in der Familie warum wie läuft. Und sie sollen sehen, dass sie mit ihrem Schicksal nicht allein sind. Das allein kann schon viel helfen.

Wie gesagt, manchmal war der Vater von Luis und Leandra auch nüchtern. Manchmal drei Monate am Stück. Es war die Zeit der Entschuldigungen, der guten Vorsätze – und der leeren Versprechen. Denn irgendwann kam stets der Rückfall. Und mit jedem Absturz wurden die Narben tiefer und die Auseinandersetzungen zwischen den Eltern heftiger. Mit der Zeit nahm Luis die allabendlichen Streitereien gar nicht mehr wahr. Sie machten ihn auch nicht mehr traurig, «nur noch hässig», wie er sagt. Zu oft war der Streit unnötig, entzündete sich an Kleinigkeiten – und natürlich am Alkohol. Wenn der Alkohol ein Tier wäre, was für eines wäre er? «Kein Tier», sagt Luis. «Eher ein Pilz; er geht und kommt immer wieder.»

Während Luis und Leandra ihre Kindheit schildern, sitzt ihre Mutter Monika Schild daneben und schweigt. Was sie hört, kommt ihr gleichermassen bekannt wie beschämend vor. Heute frage sie sich oft, warum sie nicht früher die Notbremse gezogen habe. «Warum habe ich ihm immer wieder das Versprechen abgenommen, er werde sich ändern?»

«Es ist wohl das Umfeld, das mich anzieht»

Monika Schild hätte es besser wissen müssen. Schon ihr Vater war alkoholabhängig und kam bis zu seinem Tod nicht davon weg. Ebenso ihr Bruder und ihre beiden Schwestern. Und wie sie selbst war auch ihre Mutter jahrelang zu schwach – oder zu feige –, um sich aus eigener Kraft aus dem Strudel zu befreien, in den Angehörige umso heftiger geraten, je näher sie den alkoholkranken Personen stehen. Doch warum hat sie sich überhaupt eingelassen auf einen Mann, von dem sie von Anfang an wusste, dass er ein Alkoholproblem hat? «Ich weiss, es klingt seltsam. Aber es ist wohl das Umfeld, das Menschen wie mich anzieht.»

Ein paradoxes, aber bekanntes Phänomen. Während ein Drittel der Kinder aus suchtbelasteten Familien später selbst eine Alkoholabhängigkeit entwickelt und ein Drittel keine Beeinträchtigungen davonträgt, wählt ein Drittel später einen Partner oder eine Partnerin mit einer Suchtproblematik. Denn: Die bekannten Verhaltensweisen und gewohnten Beziehungsmuster aus der Herkunftsfamilie wirken anziehend und nicht nur abstossend – auch wenn es etwas Negatives ist.

Doch jemandem verfallen ist das eine. Bei ihm zu verharren das andere. Was also hat Monika Schild gefesselt? Sie hält kurz inne und meint dann: «Die Kinder, die Hoffnung – und natürlich die Liebe.» Und ein weiteres Mal sucht sie in ihrer eigenen Biographie nach einer Erklärung. Sie habe beides erleiden müssen, sagt sie: den saufenden Vater, aber auch die Trennung der Eltern. «Beides hat enorm wehgetan. Ich habe meinen Vater nach der Scheidung stark vermisst.» Beides wollte sie ihren Kindern ersparen. Also tat sie das vermeintlich Einfachste, nämlich nichts. Und harrte aus.

«Ko-Abhängigkeit» nennen Fachleute dieses Verhalten; bis zur Aufopferung ihrer eigenen Bedürfnisse und der eigenen Würde entschuldigen sie das suchtkranke Verhalten ihres Partners, erklären es, decken es und machen es somit fast unangreifbar. So beschreibt es der renommierte Kölner Psychologe und Suchtforscher Michael Klein. Und: «Es entwickelt sich ein Prozess zunehmender Selbstverleugnung. Schuld- und Schamgefühle entstehen, oft auch gekoppelt mit Angst und Depressionen.»

Die Mutter: Stützpfeiler und Fussabtreter

Ein alkoholabhängiger Vater und eine nicht suchtkranke, aber ko-abhängige Mutter, die meint, nicht mit, aber noch weniger ohne ihren Mann leben zu können: In dieser Konstellation vernachlässigen Eltern fast zwangsläufig ihre Pflichten als Erzieher. Er, fixiert auf das Suchtmittel, nimmt die Kinder ohnehin kaum mehr wahr. Die Mutter braucht all ihre Kräfte, um den Familienbetrieb halbwegs am Laufen zu halten und für die Wahrung einer vermeintlich intakten Fassade nach aussen. Und die Kinder? Die gehen irgendwo zwischen Schnapsglas und Schmutzwäsche vergessen.

Luis bekam irgendwann Probleme in der Schule. «Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren. Dachte immer daran, was mein Vater jetzt wohl wieder macht.» Der Mutter gegenüber wurde er zunehmend vorlaut, oft auch aggressiv. Und wenn ein schwieriges Kind auf eine leicht reizbare Mutter trifft, sind Probleme programmiert. «Zuletzt habe ich meine Kinder nur noch angeschrien», gibt Monika Schild zu. Sie hat sich alleingelassen gefühlt, überfordert. Die Leute im Haus beschwerten sich, weil ihr Mann überall seine Bierflaschen versteckte. Die Nachbarskinder foppten ihre Kinder, weil der Vater mal wieder auf der Parkbank geschlafen hatte – «beim Bahnhof, wo doch alle im Dorf vorbeigehen». Und sie sollte für alles und jeden verantwortlich sein – Klagemauer, Stützpfeiler und Fussabtreter in einem? «Dafür fehlte mir irgendwann die Kraft.»

Kam hinzu: Je mehr ihr die Zügel in der Erziehung entglitten, desto verbissener zog sie daran. Ihr Mann jedoch, statt sie zu unterstützen in ihren Bemühungen, konsequent zu sein, auch streng, vor allem aber verlässlich, machte ausgerechnet dann auf gut Kumpel. Im Ringen um Anerkennung, aus Scham, schlechtem Gewissen oder als Kompensation für seine häufige Abwesenheit liess er bei den Kindern alles durchgehen. Wenn sie Nein sagte, sagte er Ja und umgekehrt – und damit entzog er der Mutter noch den letzten Rest an Autorität. Den ältesten Sohn glaubt sie deswegen «verloren» zu haben. 19-jährig ist Erich und lebt ebenfalls noch zu Hause. Doch «bei ihm geht nichts mehr. Er lässt mich gar nicht mehr an sich heran», sagt Monika Schild.

Mit Selbstvertrauen aus dem Teufelskreis

«Trinker zeugen Trinker», glaubte der altgriechische Philosoph Plutarch bereits vor knapp 2000 Jahren zu wissen. Doch so simpel ist die Sache nicht. Denn nicht alle Kinder von Alkoholikern werden zwangsläufig selber süchtig oder psychisch gestört. Die Widrigkeiten, denen sie im Alltag ausgesetzt sind, können – so paradox es klingt – auch stimulierend wirken. Im familiären Sumpf aus Unberechenbarkeit, Willkür und chronischem Stress strampeln sich einige Kinder stark – und reifen just zu stabilen, belastbaren und anpassungsfähigen Menschen heran. Resilienz nennt man diese Widerstandskraft im Fachjargon.

Entscheidend dafür ist, so betont der deutsche Suchtforscher Michael Klein, dass das Kind versteht, dass Schmerz und Leiden in der Familie ungerecht sind und dass es in keinem Falle daran schuld ist. Neben Einsicht und emotionaler Unabhängigkeit helfen Beziehungen zu gesunden Menschen, aber auch sportliche oder kreative Herausforderungen, ein stabiles, von den Eltern unabhängiges Wertesystem und – Humor: In Form von Sarkasmus oder Ironie schaffen manche Kinder eine gesunde Distanz zum erlebten Elend.

Tatsächlich ist es erstaunlich, wie gesund und munter viele dieser Kinder werden. Doch das darf Eltern nicht dazu verleiten, sich einfach zurückzulehnen und abzuwarten. Denn Resilienz ist nicht einfach gegeben oder eben nicht, Resilienz kann man trainieren: Das ist auch ein Ziel der Gruppentherapie bei der ZFA. Es wird versucht, diese Widerstandskraft zu stärken, indem man am Selbstwertgefühl der Kinder arbeitet. Denn es ist wichtig, dass die Kinder lernen, ihren Gefühlen und Wahrnehmungen zu trauen. Sie sollen erfahren, dass sie ein Recht haben zu sagen: «Es geht mir nicht gut» oder «Etwas läuft nicht so, wie ich will».

Das ist ein Lernprozess, der im Austausch mit anderen Betroffenen und in einer fachlichen Begleitung unterstützt werden kann. Doch leider ist es nicht leicht, die Kinder mit dem Angebot zu erreichen. Denn es setzt voraus, dass die Eltern ihre Probleme nicht mehr länger verharmlosen und unter dem Deckel behalten, sondern eingestehen, dass sie Hilfe benötigen. Und nicht nur sie, sondern insbesondere auch ihre Kinder.

Monika Schild hat es irgendwann «den Deckel gelupft», wie sie sagt. Sie erinnert sich, wie sie sich an jenem Abend mit Leandra mal wieder im Elternzimmer verschanzt hatte, während draussen vor der Tür der Vater tobte. Doch diesmal beliess er es nicht wie sonst beim Schreien, sondern stieg im Rausch über den Balkon vor das Fenster und rüttelte wie von Sinnen an den Jalousien. «Ich hatte Todesangst», erinnert sich Monika Schild. «Und mir wurde schlagartig bewusst, dass ich meinen Kindern nicht mehr den Schutz bieten konnte, wie ich es hätte tun müssen und auch gewollt hätte.» Einige Tage später wandte sie sich ans Blaue Kreuz in ihrer Wohngemeinde.

Einige Wochen später, es war Ostern, trennte sie sich von ihrem Mann. Und: Sie vergass dabei ihre Kinder nicht. Denn, so viel hat sie aus ihrer eigenen Biographie gelernt: «Es sind doch sie, die gewöhnlich auf der Strecke bleiben.» Mittlerweile haben Luis und Leandra den ersten Gruppenzyklus an der ZFA hinter sich. Ihr Fazit fällt durchwegs positiv aus: «Es hat gut getan zu sehen, dass wir nicht die Einzigen sind, die so etwas erlebt haben», sagt Luis. Und Leandra meint: «Früher konnte ich mit niemandem über Papis Alkoholsucht reden. Jetzt kann ich es. Das tut gut.»

Ihren Vater sehen sie heute wieder ab und zu. Er hat unterdessen einen Entzug gemacht und «ist trocken», wie Luis meint. Ob er es bleiben wird? «Vielleicht. Ich hoffe es. Er hat eingesehen, dass er einen Fehler gemacht hat. Das hatte er vorher nie.» Und wie ist es zu Hause? Ist es ruhiger geworden? «Es gibt schon noch ab und zu Streit mit Mami.» Perfekt sei es noch nicht, meint Luis, «aber fast gut». «Wir sind noch nicht über den Berg», räumt auch seine Mutter ein. «Aber es geht aufwärts.»

Weitere Informationen

Gesprächsgruppe für Kinder aus suchtbelasteten Familien. Auskunft und Anmeldung: Zürcher Fachstelle für Alkoholprobleme (ZFA), Josefstrasse 91, 8005 Zürich, Telefon 043 444 77 00, www.zfa.ch

Informationsmaterial, Ratschläge und Adressen bei Sucht Schweiz: www.suchtschweiz.ch

Webseiten für Kinder von «Sucht Schweiz»:

Autor:
  • Sven Broder
Bild:
  • Getty Images