Porträts

Boris Surber und Silvia Quirici

Text:
  • Anouk Holthuizen
Bild:
  • Renate Wernli
Ausgabe:
15/07

 

Boris Surber:
Er umsorgt Frau und Schwiegermutter - um beruflich kürzerzutreten, fehlt das Geld.


Bild Verwandtenbetreuung 01Ein Bier mit Kollegen hat Boris Surber schon lange nicht mehr getrunken. Zwar ist für den Leiter des Zentrallagers der Verkehrsbetriebe Zürich um 16 Uhr Büroschluss. Doch anschliessend geht er direkt für seine Familie einkaufen. Manchmal zahlt er für die Schwiegermutter auf der Post noch Rechnungen ein. Zu Hause begrüsst Boris Surber seine Schwiegermutter in der Nachbarswohnung, bevor er sich zu seiner Frau ins Wohnzimmer setzt. Seit zwei Jahren ist diese wegen multipler Sklerose an den Rollstuhl gebunden. Hinaus geht sie ungern.

Nur im Wohnzimmer hat es Platz fürs Pflegebett. «Das ist unpraktisch», sagt Surber, «aber eine rollstuhlgängige Wohnung können wir uns nicht leisten.» Es gibt zwar eine Vorrichtung, um mit dem Rollstuhl in den ersten Stock zu gelangen, doch ohne Hilfe kann Surbers Frau sie nicht benützen. Auch den Rollator, die Gehhilfe der Schwiegermutter, muss Surber die Treppen rauf- und runtertragen. Letztes Jahr fuhr er seine Schwiegermutter viermal ins Spital, sie verletzt sich immer wieder bei Stürzen.In ein Pflegeheim möchte sie jedoch nicht, zumal ihre an MS erkrankte Tochter froh um ihre Nähe ist. Boris Surber, die drei Kinder im Alter von 7, 12 und 16 Jahren sowie die Spitex kümmern sich um die beiden Frauen.

Bis alle im Bett sind, hat Surber alle Hände voll zu tun. Er hilft seinen Kindern bei den Aufgaben, kocht das Abendessen, wäscht, bringt den Jüngsten ins Bett und unterstützt seine Frau beim Ausziehen und Zubettgehen. Sein Vorgesetzter hat ihm angeboten, das Pensum von 100 auf 80 Prozent zu reduzieren. Das würde Boris Surber noch so gerne, doch das Einkommen wäre dann zu klein. Froh wäre er, wenn die Kosten für die Haushaltshilfe übernommen würden. Immerhin: Eine zusätzliche Ferienwoche, die ihm sein Arbeitgeber schenkt, verschafft ihm ein wenig Entlastung. Oft ist er todmüde, doch auch dann ist ihm klar: «Das ist meine Aufgabe - und die will ich möglichst gut erfüllen.»

 



 

Silvia Quirici:
Sie erfüllt ihrer 97-jährigen Mutter den Wunsch, daheim zu leben - auf eigene Kosten.


Bild Verwandtenbetreuung 02Wenn Silvia Quirici aus Islisberg AG ihre Mutter zufrieden auf dem Balkon sitzen sieht, ist sie glücklich. «Meine Mutter hat hart gearbeitet und uns Kinder allein grossgezogen. Es ist selbstverständlich, dass ich ihr so viel wie möglich zurückgebe.» Das sagt sie auch den Kritikern in der Verwandtschaft, die die betagte Frau lieber im Pflegeheim sähen als allein zu Hause. Quiricis Mutter kann nur mit einem Rollator gehen, hört und sieht schlecht und wird von Krankheiten geplagt. Ein Umzug ins Pflegeheim komme für die 97-Jährige aber nicht in Frage, sagt Silvia Quirici: «Dort würde sie sich nicht mehr zurechtfinden.»

Gerät die Mutter in Not, zum Beispiel weil sie hinfällt, drückt sie auf einen Alarmsender an ihrem Handgelenk, der sie mit ihrer Tochter und ihrem Enkelsohn verbindet. Silvia Quirici, Sekretärin bei einem Beratungs­unternehmen, ist vom Büro aus in 15 Minuten, von ihrem Zuhause aus in 25 Minuten bei ihr. Mehrmals pro Woche fährt sie in der Mittagspause zur Mutter. Sie essen gemeinsam, anschliessend kümmert sich die Tochter um den Haushalt. Für die Einteilung ihres 80-Prozent-Pensums ist Silvia Quirici selbst verantwortlich. Morgens und abends kümmert sich die Spitex um die Mutter, am Wochenende wieder die Tochter.

Obwohl die Pflegebedürftigkeit ihrer Mutter zunimmt, möchte Silvia Quirici ihr Arbeitspensum nicht reduzieren - sie benötigt das Geld für ihren ­Lebensunterhalt. Zeit für sich bleibt ihr wenig, aber: «Ich kann meiner Mutter den Wunsch erfüllen, daheim zu leben. Das macht alles wett.»

 


Anzeige:

© Beobachter Ausgabe 15 vom 18. Jul 2007 - Alle Rechte vorbehalten

created by snowflake productions gmbh