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Sekten

«Beitritt erfolgt stets aus einer Krise heraus»

Text:
  • Andrea Haefely
Bild:
  • Kmarinas86, Commons Wikimedia
Ausgabe:
1/10

Sekten stellen kritiklose Gefolgschaft über alles – die Mitglieder geben ihre Selbstbestimmung auf. Experte Georg Otto Schmid sagt, wie Angehörige reagieren können.

«Beitritt erfolgt stets aus einer Krise heraus»

Anhänger der Rael-Bewegung an einem Festival in Südkorea

Beobachter: Wie merke ich, dass ein Angehöriger oder eine Freundin in eine Sekte abrutscht?
Georg Otto Schmid
: Das ist tatsächlich nicht einfach. Sekten sind Gemeinschaften, die nach aussen ein Werbebild zeigen, das mit dem Sektenalltag und den Inhalten der Gruppe nicht viel gemein hat. Zuerst wird ein Neuling quasi das Sonntagsgesicht der Sekte zu sehen kriegen. Umso schwieriger ist es für Aussenstehende.

Beobachter: Aber es gibt doch typische Sektenmerkmale?
Georg Otto Schmid
: Ja, aber die helfen eher dem angehenden Mitglied, die Gruppe einzuschätzen. Ein Angehöriger ist zu weit entfernt, als dass er diese Merkmale mitbekäme. Das Hauptindiz ist, dass die Führerfigur das absolute Meinungsmonopol hat, die Mitglieder ihr bedingungslos folgen, dass ein totales Kritikverbot gilt. Dieses Kennzeichen weisen alle Sekten auf. Ernährungsregeln oder Kleidervorschriften sind quasi optional. Je mehr solcher Besonderheiten zutreffen, desto radikaler ist die Gruppierung.

Beobachter: Und wie finde ich als Betroffener schon am Anfang raus, ob «meine» Gruppe so tickt?
Georg Otto Schmid
: Fragen Sie die Mitglieder ruhig einmal, ob es irgendwas gebe, bei dem sie anderer Meinung sind als die Sekte, ob sie irgendwas anders machen als ihr Führer. Bei Sektenangehörigen können Sie lange fragen, da kommt nichts. Für Angehörige gilt entsprechend, den gefährdeten Menschen zu ermuntern, selber diesen Test zu machen.

Beobachter: Macht es die Nähe zu etablierten Religionen, etwa bei extremen Freikirchen, für Eltern nicht noch schwieriger, zu merken, dass ihr Kind sich im Sektenumfeld bewegt?
Georg Otto Schmid
: Doch, sicher. Es ist nicht ganz einfach, eine eher harmlose Freikirche von einer gefährlichen zu unterscheiden. Ein wichtiges Merkmal ist aber, dass harmlose Gemeinschaften andere Freikirchen akzeptieren. Problematisch wird es, wenn der Prediger sich selber quasi in der Bibel wiederfindet, plötzlich Moses oder Jesus durch ihn spricht. Aber eben, diese Eigenschaften verheimlichen Sekten anfänglich.

Beobachter: Früherkennung ist also fast nicht möglich?
Georg Otto Schmid
: Es ist schwierig. Indizien für einen möglichen Sektenbeitritt sind aber: Der Betroffene befindet sich ohnehin in einer Krise; die alten Kollegen werden durch neue aus der Gemeinschaft ausgetauscht; langjährige Hobbys werden plötzlich vernachlässigt; der bevorzugte Musikstil ändert sich; die bislang gelesene Literatur wird durch Schriften aus dem Gemeinschaftsumfeld ersetzt.

Beobachter: Ich soll mir anschauen, was die Person liest?
Georg Otto Schmid
: Ja, denn die meisten Sekten haben eigenes Schriftmaterial, Kursunterlagen, Gebetsbüchlein und so weiter. Entdeckt man solche Sachen, lohnt es sich, Titel und Verlag aufzuschreiben. Das erleichtert den Beratungsstellen die Arbeit.

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Beobachter: Soll man versuchen, dem Betroffenen die Sekte auszureden?
Georg Otto Schmid
: Bevor das Mitglied sich im Rosa-Brille-Stadium befindet, sind kritische Informationen hilfreich. Später aber, wenn er sich in der Gemeinschaft aufgehoben fühlt und seine Probleme vermeintlich gelöst sind, wirken sie nicht selten kontraproduktiv.

Beobachter: Was kann ich noch tun?
Georg Otto Schmid
: Auf jeden Fall lieber einmal zu häufig bei einer Beratungsstelle anrufen. Wenn der Betroffene bereits so weit in die Gemeinschaft integriert ist, dass kritische Informationen nicht mehr helfen, kann man mit möglichst vielen Leuten im Umfeld überlegen, wie man das ursächliche Problem, unter dem das Sektenmitglied leidet, konkret aus der Welt schaffen könnte. Denn niemand landet einfach so in einer Sekte. Es passiert stets aus einer Krise heraus.

Beobachter: Und wenn das auch nichts nützt?
Georg Otto Schmid: Dann ist es sehr wichtig, die Person nicht aufzugeben, sondern weiter in Kontakt zu bleiben, denn jeder Kontakt zu einem Aussenstehenden erleichtert den Ausstieg. Es kommt nämlich vor, dass Sektenmitglieder jahrelang in der Sekte bleiben, weil sie ausserhalb niemanden mehr haben.

zur Person

Georg Otto Schmid ist Theologe und Berater bei relinfo.ch.

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© Beobachter Ausgabe 1 vom 06. Jan 2010 - Alle Rechte vorbehalten

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