SOS Beobachter Verwandtenpflege – Hilfe für Helfer

Angehörige zu pflegen ist ein Job, der an die Substanz geht: Ruth Schütz, 74, mit ihrem demenzkranken Mann Peter, 78

Wer betagte Angehörige pflegt, kann daran zerbrechen. Die Stiftung SOS Beobachter springt punktuell ein – aber es braucht mehr, damit die Helfer nicht selber krank werden.

Früher war Peter Schütz die Kreativität in Person. Der nimmermüde Seminarlehrer riss ein Projekt nach dem anderen an und zog auch in der Freizeit ­Musik- oder Theaterprojekte auf. Ein ­wacher Kopf, immer auf Draht. Nur die schulfreie Zeit war ihm ein Graus. ­«Fe­rien», erzählt seine Frau Ruth, «machten meinen Peter immer etwas traurig.» Nun fehlt 
Peter Schütz die feste Struktur erst recht. Nach der Pensionierung zog er sich immer tiefer in seinen Kokon zurück. Depressive Schübe plagten ihn, später kam die Demenz hinzu.

Die zwei sitzen am Tisch, vor sich frisch gebrühten Kaffee. Die zittrige Hand an der Tasse, sagt Ruth Schütz leise: «Ich bin der Motor für uns beide. Nur bin ich leider kein Elektromotor, der jeden Tag gleich läuft.» Manchmal gehe es ihr gut, manchmal ­fühle sie sich hilflos, traurig, manchmal auch wütend. Die 74-Jährige ist fast nur noch für ihren Mann da, hilft ihm bei der Körperpflege, beim Essen. Und sie spricht für ihren Peter, 78, dem durch die Demenz die Wörter abhandengekommen sind. Doch irgendwann sind auch ihre Batterien leer. Jetzt ist es Ruth Schütz, die Hilfe braucht. Wenn sie keine Erholung findet, zerbricht sie an ihrer Aufgabe.

Lohnausfall wegen der Pflege Angehöriger

Schätzungen zufolge gibt es «Frau Schütz» in der Schweiz 250'000-mal. So viele Personen engagieren sich im privaten Umfeld für pflege- und hilfsbedürftige Angehörige. Im häufigsten Fall kümmern sich ältere Frauen um ihre noch etwas älteren Partner und wenden dafür im Schnitt 64 Stunden pro Woche auf (siehe Grafiken).

Angehörige zu pflegen ist ein Knochenjob, der an die Substanz geht: Fast die ­Hälfte der Pflegenden leidet selber unter gesundheitlichen Problemen, zeigt der Forschungsbericht «Swiss Age Care 2010». Zwei von drei hätten zwischendurch eine Auszeit nötig. Die Aufgabe geht ausserdem ans Portemonnaie. Viele Angehörige müssen in ihrem bezahlten Job zurückstecken und verdienen deshalb weniger, während die Verpflichtungen insgesamt zunehmen.

SOS Beobachter ermöglichte Ferien

Wird ein Erholungsurlaub nötig, muss er aus der eigenen Tasche bezahlt werden. Auch Ruth Schütz aus dem Bernbiet hätte für den Aufenthalt selber aufkommen müssen, doch sie konnte und kann nicht, das Geld dafür ist weg. Die 200'000 Franken, die das Ehepaar vor der Pensionierung gespart hatte, lieh Peter Schütz seinem damals besten Freund. Der kaufte damit ein Ferienhaus, verkaufte es wieder und investierte den Betrag in ein Berliner Musicalprojekt, das scheiterte. Daraufhin machte er sich, wie in einer schlechten Operette, aus dem Staub.

Unterstützt von SOS Beobachter, verbrachte Ruth Schütz mit ihrer Schwester eine Woche im Bündnerland. Ihr Mann war im Heim. «Diese Zeit hat meine Mutter dringend gebraucht», erzählt ihr Sohn Ingo Schütz. Schon vor einem Jahr habe er realisiert, wie die Mutter zunehmend an Grenzen gestossen und ständig erschöpft gewesen sei. Habe er sie gefragt, wie es ihr gehe, habe sie nur noch mechanisch mit einem «Jaja, es geit» geantwortet. Bis es beim besten Willen nicht mehr ging.

Dass eine Stiftung wie SOS Beobachter in die Bresche springt, kann nur fallweise eine Lösung sein – zu gross ist bei der ­Angehörigenpflege der Bedarf an Support. Das Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich hat das vorhandene An­gebot analysiert. Erfreuliches Fazit: Problem erkannt – es tut sich einiges. Weniger erfreulich: Die Unterstützungsleistungen sind oft nicht bekannt oder zu wenig auf indivi­duelle Bedürfnisse zugeschnitten. «Hilfreich wären so etwas wie ‹Care-Manager› als Bindeglied. Also Leute, die pflegenden Angehörigen den richtigen Mix aus Unterstützung, Entlastung und Beratung ver­mitteln können», sagt Caroline Moor, Mitverfasserin der Studie.

Bieler organisieren Freiwilligenarbeit

Viel Potential bietet der niederschwellige Bereich der Nachbarschaftshilfe und der organisierten Besuchsdienste. Ein Beispiel: das Projekt Va Bene der Bieler Fachstelle für Freiwilligenarbeit Benevol. «Es ist vor allem wichtig, die sozialen Kontakte im ­Alter zu fördern», sagt Geschäftsführerin Barbara von Escher. Va Bene bietet Ergänzungen bei der Versorgung betagter und behinderter Menschen, damit sie «so lange wie möglich daheimbleiben können».

Freiwillige engagieren sich ehrenamtlich und helfen den Älteren bei Alltagsproblemen, gehen mit ihnen einkaufen, begleiten sie zu Behörden, lesen ihnen vor. Vier Jahre nach dem Start haben sich 30 bis 40 «Päärli» gefunden. «Wir tragen damit natürlich auch dazu bei, die Angehörigen zu entlasten», sagt von Escher. Einige der freiwilligen Helfer sind selber im Pensionsalter. An Weiterbildungskursen lernen sie, worauf sie bei der Begleitung von betagten Menschen achten müssen.

Marianne Windler hätte sich im Nachhinein gewünscht, jemanden an ihrer Seite gehabt zu haben. Doch als sie vor sieben Jahren von einem Tag auf den anderen 
zur pflegenden Angehörigen wird, hat sie den Kopf nicht frei, um daran zu denken. Denn das Leben der Zürcher Unterländerin gerät bereits zum zweiten Mal komplett aus den Fugen.

Das erste Mal war 1970. Sie war mit ­ihren drei Kindern auf dem Nachhauseweg, als ihr Bub auf die Strasse rannte, ­direkt vor ein Auto. Mit einer Hirnquetschung schwebte der Fünfjährige lange Wochen zwischen Leben und Tod. Er überlebte, ohne jemals wieder richtig ­gesund zu werden. Fünf Jahre später erkrankte er an einer Hirnhautentzündung, die er nicht überlebte.

Und dann dieser schwere Schlaganfall, von dem sich ihr Ehemann nicht mehr erholt. Seither ist Marianne Windler rund um die Uhr für ihn da – fünf Jahre lang ohne jede Unterstützung. Erst dann wendet sie sich an die Spitex. Ihr Mann erkrankt zudem an Demenz. Und wird aggressiv, wenn etwas nicht so funktioniert, wie er es will. Es kommt vor, dass er seine Frau durch die Wohnung schubst, als stünde sie nur im Weg. Er muss ins Pflegeheim.

Von dort ruft er sie an, wenn sie einmal nicht bei ihm ist, wirft ihr vor, sie habe nur auf den Moment gewartet, um ihn endlich abzuschieben. Er kommt zurück nach Hause, ist jedoch so unruhig, dass sie ihn nach drei schlaflosen Nächten endgültig ins Heim geben muss.

Wer kann, lässt es sich etwas kosten

Irgendwann habe «das mit den Zetteln» begonnen, sagt Marianne Windler. Der Pöstler brachte immer mehr. Sie legt die Rechnungen einfach zur Seite. «Ich wusste nicht weiter. Unsere Ersparnisse waren ja längst aufgebraucht.» Forderungen über 15'000 Franken für die Heimkosten häufen sich an. Das Pflegeheim verweist sie an Pro Senectute. Dort merkt man schnell, dass die Frau schon lange Anspruch auf Ergänzungsleistungen und Hilflosenentschädigung gehabt hätte.

Inzwischen verwaltet das Sozialamt Marianne Windlers Finanzen. Sie sind wieder ins Lot gekommen – auch weil SOS Beobachter eine Schuldensanierung unterstützte. Nun bleiben ihr genau 1400 Franken zum Leben. Es reiche gerade, aber das sei sie gewohnt, sagt die 69-Jährige, die als eines von acht Kindern im österreichischen Villach aufgewachsen ist. «Wir hatten nie zu viel», erzählt sie. «Aber ich hätte nie gedacht, dass ich einmal auf fremde Hilfe angewiesen bin.»

Das Beispiel der Windlers zeigt: Ein vermeintlich kleines Problem kann sich rasch zu einem grossen auswachsen, wenn es die Dauerbelastung der Pflege nicht zulässt, sich beizeiten darum zu kümmern. Umso gefragter ist Entlastung, die einem den nötigen Raum dafür lässt.

Wer kann, lässt sich die guten Dienste etwas kosten und engagiert bezahlte Hilfe. Die Firma Home Instead Schweiz kann sich vor Nachfragen jedenfalls kaum retten. Vor fünf Jahren gegründet, beschäftigt sie heute rund 1100 Leute. Die Franchisenehmerin eines US-Unternehmens mit Sitz in Möhlin AG bietet nichtmedizinische ­Betreuung von Senioren, von der Körperpflege bis zum Kochen. Zwischen 31 und 52 Franken pro Stunde kostet die Dienstleistung, je nach Grad der Betreuung, wobei die intensiveren Betreuungsstufen von der Krankenkasse übernommen werden, abhängig von der Versicherungsabdeckung. Die meisten Angehörigen kämen erst, wenn sie am Ende ihrer Kräfte seien, sagt die Kommunikationsverantwortliche Mirja Huber. «Es ist hart, sich einzugestehen, dass man sich eigentlich vierteilen müsste, um alles zu schaffen.»

Im Heim: Fünf Jahre pflegte Marianne Windler ihren Mann Emil zu Hause, bis es nicht mehr ging.

Spitex Gossau zahlt Angehörigen Lohn

Einen anderen Ansatz verfolgt die Spitex in Gossau ZH. Präsidentin Agnes Leu weiss um die «enorme Bedeutung» der privat ­geleisteten Pflege: «Die Betagtenbetreuung wäre ohne das personelle und finanzielle Engagement der pflegenden Angehörigen nicht zu gewährleisten.» Dieses Leistungsvolumen ist allerdings gefährdet. Daher hat die Spitex Gossau versuchsweise damit begonnen, pflegende Angehörige gegen Lohn anzustellen. Die Pflegebedürftigen zahlen für deren Leistung. Das habe zwei Vorteile, sagt Agnes Leu, die an der Universität Basel als Rechtswissenschaftlerin am Institut für Bio- und Medizinethik tätig ist: «Einerseits wird der chronisch unterbesetzte Pflege­bereich personell verstärkt. Anderseits erhalten pflegende Angehörige, meist Frauen, wieder vollen Zugang zur Arbeitswelt – mit entsprechendem Verdienst und sozialversicherungsrechtlicher Absicherung.»

Chancen und Risiken dieses Modells werden in einem Forschungs­projekt untersucht: Verbessert das Anstellen pflegender Angehöriger tatsächlich die familiäre Si­tuation, oder ist es eine zusätzliche Belastung? Auch die Aus- und Weiterbildung der pflegenden Angehörigen wird analysiert.

Von der Kinderbetreuung lernen

Für die Bildung engagiert sich auch Els­ma­rie Stricker-Herrmann. Sie leitet den zweijährigen Diplomstudiengang «Angehörigen- und Freiwilligen-Support» der Berner Fachhochschule. Ausgangspunkt war der Strategiebericht des Bundesrats zur Alterspolitik. Darin wurde gefordert, ein Weiterbildungsangebot in diesem ­«relevanten, notwendigen Themenfeld» zu entwickeln. «Die Absolventinnen bearbeiten ein Pionierfeld, das stark mit sinnhafter Tätigkeit verbunden ist», sagt die Studienleiterin. Inhaltlich geht es vor allem um das Beraten, Anleiten und Begleiten von An­gehörigen sowie um das Koordinieren von Unterstützungsangeboten. Der Studiengang, den fast nur Frauen besuchen, ist laut Stricker-Herrmann einzigartig in der Schweiz und im deutschsprachigen Raum.

Ein solches Vorzeigeprojekt kann die Politik nicht vorweisen. Im Gegenteil: Wohl wurden einzelne kantonale Lösungen gesucht, um die Situation pflegender Angehöriger zu verbessern, doch auf nationaler Ebene blieb das Thema stiefmütterlich behandelt. Langsam kommt Bewegung in die Sache. Noch im laufenden Jahr nimmt eine parlamentarische Subkommission unter der Leitung der Basler SP-Nationalrätin Silvia Schenker ihre Arbeit auf, das Thema «umfassend anzuschauen» (nachfolgendes Interview). Im Fokus steht dabei unter anderem die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenpflege. Gemäss der Studie «Swiss Age Care» investieren pflegende Töchter und Söhne wöchentlich rund 25 Stunden in die Betreuung ihrer unterstützungsbedürftigen Eltern – schwierig, das mit ­einem Job unter einen Hut zu bringen. Was sich bei der Kinderbetreuung langsam ­etabliert hat, muss nun für die ­Begleitung pflegebedürftiger Erwachsener neu gedacht werden.

Arrangements von Firmen und Heimen

Pflegewissenschaftlerin Iren Bischofberger vom Institut Careum F+E hat zukunfts­weisende Modelle im Kopf, durchaus ­inspiriert von der Kinderbetreuung: «Inte­ressant sind etwa Arrangements zwischen Firmen und Heimen, wo Mitarbeiter während der Arbeitszeit einen nahestehenden Pflegebedürftigen in einer flexibel organisierten Tagesstätte betreuen lassen können.» Bereits laufen erste Abklärungen mit Pflegeinstitutionen mit dem Ziel, in absehbarer Zeit mit einer interessierten Firma ein Pilotprojekt auf die Beine zu stellen.

Das St. Galler Modell Zeitvorsorge

In der Schweiz leben nur 20 Prozent der Pflegebedürftigen in einem Heim, der gros­se Rest wird privat durch Angehörige betreut. Bislang funktioniert die familiale Solidarität dafür noch ausreichend. Doch das Heer der genügsamen Helfer droht zu schwinden. Das hat verschiedene Gründe: mehr berufstätige Frauen, höhere geographische Mobilität, zunehmend kleinere Familien, höhere Scheidungsraten auch im mittleren und höheren Alter. Die Stadt 
St. Gallen tritt diesem Trend mit einem für die Schweiz neuartigen Anreizmodell entgegen. Es ist für die Beteiligten rein in der Währung «Zeit» organisiert: Das Projekt Zeitvorsorge sieht vor, dass rüstige Rentner pflegebedürftigen Betagten helfen – beim Einkaufen oder Putzen, durch Spazier­gänge oder mittels Fahrdiensten. Medizi­nische und pflegerische Hilfe bleibt beim Fachpersonal. Jede Stunde freiwillig geleisteter Arbeit wird auf einem persönlichen Zeitkonto gutgeschrieben, von dessen Guthaben die helfenden «jungen Alten» später Zeit abheben können, wenn sie selber Unterstützung benötigen.

«Es geht dabei nicht um die Verdrängung bezahlter Dienste, sondern um deren Ergänzung durch nachbarschaftliche Hilfe», sagt die Projektverantwortliche Katja Meierhans vom St. Galler Amt für Gesellschaftsfragen. Sie rechnet mit 300 Freiwilligen, die wöchentlich bis zu drei Stunden Einsatz leisten. So kämen rund 25'000 ­Betreuungsstunden pro Jahr zusammen. Die anrechenbare Einsatzzeit soll auf 750 Stunden pro Person beschränkt bleiben, denn «der Einsatz soll in erster Linie Spass machen und keine Belastung darstellen». Das Echo von Bevölkerung und Politik sei mehrheitlich positiv. Die Grundlagen des Projekts, das nächsten Sommer starten soll, wurden mit dem Bundesamt für ­So­zialversicherungen erarbeitet. Wenn die Einführung in der Pilotstadt St. Gallen gelingt und das Zeitvorsorgemodell im Praxistest überzeugt, könnten sich wei­tere Städte und Gemeinden anschliessen.

«Es ist erfreulich, dass das Netz von ­Unterstützungsangeboten für pflegende Angehörige endlich dichter wird», sagt Barbara Tschudin, Geschäftsführerin von SOS Beobachter. Und dennoch: «Fälle, in denen unbürokratische Hilfe in einer Notsituation gefragt ist, wird es trotzdem immer geben.» Und hier könne die Stiftung weiterhin ­einen wichtigen Part spielen, so Tschudin. Sie meint Fälle wie jenen von Sabina Schmucki*.

Wenn Vater und Mutter hinfällig werden

Seit der Vater der 49-Jährigen einen schweren Hirnschlag erlitten hat, hat sich alles verändert. Er sei ein anderer Mensch geworden, werde schnell aggressiv, sei oft niedergeschlagen, erzählt Schmucki. Vor allem aber ist er auf fremde Hilfe angewiesen. Ihre Mutter ist überfordert. Sie wird immer öfter hinfällig, erleidet eine leichte Streifung, erkrankt schliesslich an grauem Star. Seither ist Sabina Schmucki jeden Tag für ihre Eltern da. Die studierte Philosophin ist die einzige Tochter. Die gesamte Pflege lastet auf ihr, nur einmal die Woche kommt die Spitex zum Putzen.

Und dann ist da noch dieser Druck von aussen, erzählt die Frau aus dem Luzernischen. «Alle sagen immer: ‹Das kann doch die Sabina machen.› Daneben gibt es jene, die mitfühlend meinen: ‹Ich weiss, wie schwierig es für dich ist.› Aber keinem kommt es in den Sinn, mich zu unter­stützen.» Alle stützten sich auf sie ab. Sie fühle sich wie ein Feuerlöscher, der das Schlimmste immer gerade noch knapp verhindern könne. Dabei ist Schmuckis ­eigene Lage prekär. Ihr befristeter Arbeitsvertrag ist abgelaufen, seither hat sie keinen Job mehr. Gesundheitliche Beschwerden plagen sie. «Und ständig habe ich das Gefühl, etwas falsch zu machen und zu meinen Eltern nicht richtig zu schauen.» Sie isst nicht mehr richtig, trinkt kaum noch, bis sie beinahe zusammenbricht.

Hilfe für die Tochter

Mit Unterstützung von SOS Beobachter konnte Sabina Schmucki diesen Herbst für drei Wochen zur Erholung nach Leukerbad fahren. Ferien, die sie dringend nötig hatte. «Die ersten Tage waren schlimm. Ich ­dachte ständig an meine Eltern.» Erst nach einer Woche wurde es besser, weil sie nicht mehr ständig herumrennen und dies und das erledigen musste. Doch schon nach zehn Tagen holen sie die kleinen Katastrophen wieder ein. Ihr eigener Gesundheits­zustand macht eine ärztliche Kontrolle erforderlich; sie muss zurück. Und daheim muss sie ihre völlig unterzuckerte Mutter notfallmässig ins Spital einliefern.

Nach der Erholung hat der Alltag Sa­bina Schmucki wieder fest im Griff. Aber der Aufenthalt im Wallis bleibt ihr dennoch in der Erinnerung haften: «Das Schönste war, dass ich eine Zeitlang wieder so etwas wie Freiheit schnuppern konnte.»

*Name geändert

SOS-Beobachter-Aufruf

Toni Wirz, Präsident der Stiftung SOS Beobachter

Liebe Leserinnen und Leser

Rund drei Millionen Franken sind 2011 aus Ihren Reihen an Spenden, Erbschaften und Legaten der Stiftung SOS Beobachter zugeflossen. Damit konnten wir helfen – dort, wo es nötig und wirksam ist, und dort, wo niemand sonst mehr hilft. In etwa 3000 Fällen konnten Barbara Tschudin und Susanna Schweizer von unserer Geschäftsstelle nach sorgfältiger Prüfung kleinere oder grössere Beträge an hilfesuchende Menschen ausrichten.

Dank der engen Zusammenarbeit zwischen Redaktion, Beratungszentrum und Stiftung wissen wir vom Beobachter genau, wo Unterstützung nötig ist. Die Menschen, um die es in diesem ­Artikel geht, stehen stellvertretend für all die anderen Personen, die trotz den gut ausgebauten Sozialleistungen in Notlagen kommen. Es gibt sie leider, diese Lücken im Sozialstaat. Der Beobachter deckt sie auf und fordert Verbesserungen. Aber er kann, dank seiner Stiftung und der Solidarität seiner Spenderinnen und Spender, auch direkt Menschen in Not unterstützen. Schnell und unbüro­kratisch. Helfen Sie uns weiterhin, zu helfen. Wir freuen uns über jede einzelne ­Zuwendung und über das damit ­erwiesene Vertrauen. Herzlichen Dank!

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SOS Beobachter ist als gemeinnütziges Hilfswerk anerkannt. Ihre Spende ist steuerabzugsfähig. Weitere Informationen unter www.sosbeobachter.ch

Silvia Schenker: «Es braucht den echten Willen»

Zulagen oder Auszeiten könnten pflegende Angehörige entlasten – doch die Politik windet sich. SP-Nationalrätin Silvia Schenker zur Rolle des Staats in einem privaten Bereich.

Silvia Schenker, 58, ist seit 2003 Nationalrätin der SP. Die Baslerin macht sich seit Jahren dafür stark, die Situation von pflegenden Angehörigen zu verbessern. Soeben wurde sie zur Präsidentin einer parlamentarischen Subkommission ernannt, die sich mit dem Thema befasst. (Bild: parlament.ch)

Beobachter: Pflegende Angehörige fühlen sich häufig alleingelassen – gerade von der Politik. Zu Recht?
Silvia Schenker: Ich kann gut verstehen, dass die Leute das so empfinden. Es ist zwar nicht so, dass niemand im Parlament aktiv wurde, aber es führte nie zur Veränderung der gesetzlichen Grundlagen. Der Bundesrat hat sich sogar wiederholt geweigert, nur schon Berichte zu erstellen, um die Thematik vertieft zu analysieren. Das ist natürlich ein schlechtes Signal.

Beobachter: Wie kann es sein, dass ein Thema, das alle betrifft, in Bundesbern keine Lobby hat?
Schenker: Es ist eine ähnliche Erscheinung wie früher beim Thema Kinderbetreuung. Da dominierte lange die Diskussion, ob das Privatsache sei oder nicht. Diese Frage stellt sich heute wieder in Bezug auf die Angehörigenpflege. Die Haltung, dass sich der Staat nicht in Familienangelegenheiten einzumischen habe, ist weit verbreitet, auch in der Politik.

Beobachter: Liegt das mangelnde Interesse nicht auch ­daran, dass mit diesem Thema kaum Lorbeeren zu holen sind?
Schenker: In der medialen Öffentlichkeit vielleicht nicht. Aber wenn ich mit den Leuten rede, merke ich, dass Fragen rund um die Betreuung von betagten Angehörigen viele stark beschäftigen. Es sind ja auch weit mehr davon betroffen, als man vermuten würde. Zwischen 12 und 24 Prozent der Beschäftigten übernehmen nebenher Betreuungsaufgaben für betagte Angehörige, sagt eine Befragung des Instituts Careum F+E bei mehreren Grossfirmen. Gleichzeitig höre ich aus den Betrieben, dass kaum jemand darüber reden will – dass es fast ein Tabu ist, etwa um zeitliche Entlastung zu bitten oder um eine vorübergehende Freistellung. Das zeigt, wie viel noch zu tun ist.

Beobachter: Wer muss denn was tun? Wie die Familien ­lassen sich auch die Firmen nicht gern vom Staat dreinreden.
Schenker: Ideal wäre, wenn der Druck auf den Staat ein Stück weit von den Arbeitgebern käme, nicht umgekehrt. Wenn sie also formulieren, welche gesetzlichen Grundlagen ihnen helfen könnten, um das Problem der Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und privaten Pflegeaufgaben anzugehen. Denn das ist eine gesellschaftliche Aufgabe, nicht eine, die die Firmen selber lösen müssen.

Beobachter: Was macht die Vereinbarkeit von Pflege und Arbeit so schwierig? Bei der Kinderbetreuung haben sich die Lösungen längst etabliert.
Schenker: Bei pflegebedürftigen Betagten liegen meist Situationen vor, die eine intensive und ständige Betreuung erfordern – anders als beim Fieberschub eines Kindes, wo sich die Eltern nur für zwei, drei Tage organi­sieren müssen. Dieser Aspekt macht neue Lösungen nötig – darüber wurde bisher noch zu wenig nachgedacht.

Beobachter: Welche Unterstützung steht zur Diskussion?
Schenker: Im Vordergrund stehen Betreuungszulagen für pflegende Angehörige. Das Ziel ist, den Lohnausfall zu kompensieren, wenn jemand sein Arbeits­pensum reduziert, um Pflegeaufgaben wahrzunehmen.

Beobachter: Wer sein Pensum um 20 Prozent kürzt, verliert pro Monat schnell einmal 1000 Franken. Reden wir von Beträgen in dieser Höhe?
Schenker: Das ist vermutlich unrealistisch. Es soll nicht eigentlich ein Verdienst sein, sondern ein Beitrag, der einem hilft, die Grund­existenz zu sichern. Auf jeden Fall muss es mehr sein als eine rein symbolische Geste. Es soll eine substantielle Anerkennung ­dafür sein, dass pflegende Angehörige den Staat massiv entlasten.

Beobachter: Was braucht es darüber hinaus?
Schenker: Im Gespräch sind Auszeiten: Wer als Privater Betreuungsaufgaben übernimmt, soll Anspruch auf eine bestimmte Anzahl ­Erholungstage haben. So will man verhindern, dass die Pflegenden selber krank werden und dadurch Kosten verursachen – wie wenn man Geld von der Kranken­kasse bekommt, wenn man sich im Fitnessklub einschreibt und trainiert.

Beobachter: Wie ausgereift sind diese Pläne?
Schenker: Nicht sehr. Immerhin ist es gelungen, entsprechende Vorstösse von CVP-National­rätin Lucrezia Meier-Schatz im Parlament so weit durchzu­boxen, dass sie auf Kommissionsebene weiterverfolgt werden. Ausgehend von den beiden genannten Aspekten – Zulagen und Auszeiten –, wird sich eine Subkommission mit Fragen rund um die Angehörigen­pflege auseinandersetzen.

Beobachter: Subkommission: Das klingt nach kleinem Feuer.
Schenker: Für mich ist es dennoch ein Durchbruch. Denn so hoch wurde das Thema politisch bislang noch nie gehängt. Und es scheint mir zentral, dass auf nationaler Ebene nach Lösungen gesucht wird, statt dass jeder Kanton für sich Instrumente schafft, von denen dann doch nur die wenigsten wissen, dass es sie gibt. Ich stelle in diesem Bereich auch ein Informationsproblem fest. Man muss viel offensiver sein.

Beobachter: Auch der Bundesrat verweist gern auf bereits existierende Leistungen – doch wer kennt schon die «Möglichkeit der Hilflosenentschädigung bei leichter Pflegebedürftigkeit»?
Schenker: Wohl niemand. Ich finde das ärgerlich: Es darf doch nicht sein, dass man ein Angebot schafft, aber eigentlich froh ist, wenn niemand es merkt und in Anspruch nimmt. Es braucht schon den echten Willen, solche Entschädigungen tatsächlich auszurichten, sonst ist das nicht glaubwürdig.

Beobachter: Die neue Pflegefinanzierung hat die Belastung für Betroffene vielfach sogar noch erhöht, etwa durch die zusätzliche Patientenbeteiligung für Spitex-Leistungen.
Schenker: Das ist ein grosses Problem. Ich habe von ­einer Frau einen Brief erhalten, darin stand wörtlich: «Jetzt werde ich auch noch dafür bestraft, dass ich meinen Mann pflege.» Das hat mich getroffen, und ich muss selbstkritisch sagen: Hier haben wir die Konsequenzen zu wenig beachtet.

Beobachter: Muss die Politik bei der Pflegefinanzierung erneut über die Bücher?
Schenker: Reaktionen wie die gerade geschilderte sprechen dafür, dass man nachbessern muss. Dieses Geschäft ist eines der ganz wenigen, bei denen sich der Gesetzgeber – also wir Parlamentarier – nachträglich noch damit beschäftigt, wie das Gesetz umgesetzt wird. Unter­dessen ist ziemlich vielen klar, dass bei der Neuordnung der Pflegefinanzierung Fehler gemacht wurden.

Beobachter: Haben Sie persönlich Erfahrung mit der Pflege von Angehörigen?
Schenker: Meine Mutter hat meinen Vater lange zu ­Hause gepflegt. An ihrem Beispiel habe ich ­erlebt, wie jemand bei dieser Aufgabe weit über die körperlichen Grenzen hinausgegangen ist und wie viel es gebraucht hat, sich das einzugestehen. Wir müssen dahin kommen, dass pflegende Angehörige realisieren, dass sie ein Anrecht darauf haben zu sagen: «Ich kann nicht mehr!»

Interview: Daniel Benz

Adressen und Anlaufstelllen


Zia Info
Die Plattform der Interkantonalen Spitex-Stiftung für pflegende ­Angehörige listet 5000 Adressen von Beratungsstellen und Dienstleistungen in der Deutschschweiz auf. www.zia-info.ch
Infotelefon 041 666 73 73

Pro Senectute

Informationen unter 
www.pro-senectute.ch/...

Schweizerisches Rotes Kreuz
Entlastungsangebote unter www.redcross.ch/...

Autor:
  • Daniel Benz
  • , Birthe Homann
  •  und Martin Vetterli
Bild:
  • Anita Baumann
12. November 2012, Beobachter 23/2012