Psychoaktive Pflanzen wurden seit je zu religiösen und medizinischen Zwecken verwendet. Und auch in unserer Zeit versuchen sinn- oder rauschsuchende Menschen, mit solchen Mitteln ihren Selbsterfahrungshorizont zu erweitern. Doch gerade bei experimentierfreudigen Jugendlichen ist das ein Abenteuer, das fatale Folgen haben kann und von dem dringend abgeraten werden muss.

Wie verbreitet ist der gefährliche Konsum dieser auch bei uns zum Teil wild oder in Gärten wachsenden Kräuter und Pilze? Gemäss der Jugendberatung Streetwork Zürich konsumieren die meisten Jugendlichen in der Schweiz nach wie vor hauptsächlich Alkohol, Cannabis, Ecstasy, Amphetamine und Kokain. Trotz der guten Verfügbarkeit – auch über das Internet – sei der Konsum von Naturdrogen hierzulande aber «noch kein Massenphänomen».

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Ein Befund, der sich statistisch untermauern lässt. So gibt das Toxikologische Informationszentrum in Zürich an, dass seit 1995 lediglich 416 Fälle von Vergiftungen durch bewusst eingenommene Pflanzensubstanzen belegt sind. Die Ursache waren in zwei Dritteln der Fälle Vergiftungen durch Engelstrompete und Stechapfel. Um die Millenniumswende wurden dem Toxikologischen Informationszentrum Zürich vermehrt Probleme mit psilocybinhaltigen Pilzen gemeldet. Diese Pilze waren zu dieser Zeit in Mode gekommen und sogenannten Smartshops erhältlich. Unkundige wurden deshalb vielfach in Versuchung geführt und experimentierten mit den Substanzen.

Unberechenbarer Wirkstoffgehalt

Allein in der Schweiz gibt es über 60 heimische Pflanzenarten, die psychoaktive Wirkstoffe enthalten. Zu Unrecht hält man diese Naturdrogen oft generell für harmloser als synthetische Drogen. Der Gehalt der Wirkstoffe unterliegt je nach Standort, Jahreszeit, Klima und Bodenverhältnissen erheblichen Schwankungen. Auch die Eigenschaften der Pflanze, die Dosierung und die Zubereitung spielen ein grosse Rolle – und nicht zuletzt der Konsument, von dessen Körpergewicht, Tagesform und Sensibilität der Effekt der Droge abhängt: Wirkt eine Dosis mal nur gering, kann die gleiche Menge Wirkstoff an einem anderen Tag eine toxische Wirkung haben. Das macht eine genaue Dosierung schwierig. Nicht zu unterschätzen ist auch die Gefahr der Verwechslung mit anderen Pflanzen.

Auch «Set» und «Setting» spielen laut Experten eine wichtige Rolle: Das Set stellt die innere Einstellung und Konstitution des Konsumenten dar, seine Erwartungen, Wünsche und Ängste. Das Setting bezeichnet die Umgebung, den Ort, die Zeit und den Raum. Besonders gefährlich ist der Mischkonsum – wenn also zusätzlich Alkohol oder unbekannte synthetische Substanzen im Spiel sind. Selbst relativ harmlose Wirkungen können sich so lebensgefährlich verstärken. Aus all diesen Gründen warnen Ärzte mit Nachdruck vor dem Konsum von Naturdrogen.

Neugierige «Psychonauten»

Bei den hiesigen Konsumentinnen und Konsumenten von Naturdrogen handelt es sich um einen eher kleinen Kreis sogenannter «Psychonauten», weiss die Jugendberatung Streetwork Zürich. Diese Gruppe lege eine gewisse Offenheit und Neugier für «andere» Erfahrungen an den Tag. Sie lassen sich keiner speziellen Szene zuordnen und setzen sich meist intensiv mit dem Thema der Bewusstseinserweiterung auseinander. Diese Leute haben meist das nötige Wissen über die Dosierung und kennen oft auch die Nebenwirkungen der Substanzen.

Bei den klassischen Partygängern spielen sie ohnehin eine untergeordnete Rolle, weil beim Feiern eher die enthemmenden als die «bewusstseinserweiternden» Drogen gefragt sind.

Der Begriff «Naturdroge» bezieht sich ursprünglich auf die medizinische Verwendung von getrockneten Arzneipflanzen oder Teilen davon. Heute wird er für natürliche Substanzen benutzt, die bewusstseinsverändernde Wirkungen haben, etwa psilocybinhaltige Pilze, Stechapfel, Engelstrompete, Tollkirsche, Kakteen und viele andere.

Zahlreiche dieser Pflanzen wachsen in heimischen Gefilden. Mit einigen Vorkenntnissen findet man psychoaktive Stoffe aber auch in Tee- oder Gewürzmischungen und in Vogelfutter. Durch den Verkauf von Essenzen und Naturmedikamenten sind selbst Apotheken und Reformhäuser mögliche Bezugsquellen.

Dieses Problem haben auch die Behörden erkannt. Die meisten Smartshops, die in den Neunzigern wie Pilze aus dem Boden schossen, mussten wegen verschärfter Gesetze schliessen: Im Jahr 2002 hat die Arzneimittel-Kontrollstelle Swissmedic die verbreitetsten halluzinogenen Pflanzen ins Betäubungsmittelgesetz aufgenommen. Dazu gehören Pilze der Gattungen Conocybe, Panaeolus, Psilocybe und Stropharia, ebenso meskalinhaltige Kakteen wie der Peyote- und der San-Pedro-Kaktus. Auch «substanzhaltige Zubereitungen», also Mischungen wie etwa das südamerikanische Ayahuasca, unterstehen dem Betäubungsmittelgesetz. Wo dieses nicht greift, regelt das Lebensmittelgesetz den Verkauf.

Psilocybinhaltige Pilze

Bekannteste Sorten
Spitzkegeliger Kahlkopf (Psilocybe semilanceata; Bild), Kubanischer Kahlkopf (Psilocybe cubensis), Blauender Düngerling (Panaeolus cyanescens)

Verbreitung
Weltweit. Halluzinogene Pilze mit den Wirkstoffen Psilocybin und Psilocin werden in verschiedenen Kulturen als Heilmittel und Psychedelika genutzt.

Wirkung
Der Effekt setzt nach zirka 30 Minuten ein und dauert drei bis sechs Stunden, je nach Sorte und Zubereitung. Bei niedriger Dosierung phantasieanregend, leicht halluzinogen; hohe Dosen wirken psychedelisch, die Umgebung wird traumartig empfunden, oft mit Gefühlen starker Naturverbundenheit.

Gefahren
Stimmungsschwankungen und Horrortrips; oft wird Herzrasen beschrieben. Schwer zu dosieren, da der Wirkstoffgehalt schwankt.

Spitzkegeliger Kahlkopf (Bild: Dohduhdah)

Quelle: Thinkstock Kollektion
Fliegenpilz

Verbreitung
Europa, Afrika, Asien und Amerika

Wirkung
Zirka 30 Minuten bis drei Stunden nach der Einnahme kommt es zu einem Trunkenheitsgefühl mit Schwindel und Euphorie, Bewegungsstörungen, Enthemmtheit und Sinnestäuschungen.

Gefahren
Die Grenze zwischen der erwünschten und der problematischen Dosis ist sehr schmal. Bereits die 1,5-fache Menge wirkt giftig. Bei schweren Vergiftungen kommt es häufig zu angstbesetzten Halluzinationen, Bewusstseinstrübung, motorischer Unruhe, Herzproblemen, Muskelzuckungen und Krampfanfällen. Tödlich ist der Fliegenpilz erst ab relativ grossen Mengen.

Fliegenpilz (Bild: H. Krisp)

Quelle: Thinkstock Kollektion
Meskalinhaltige Kakteen

Bekannteste Sorten
San-Pedro-Kaktus (Trichocereus pachanoi) und Peyote-Kaktus (Lophophora williamsii)

Verbreitung
Süden der USA und Mexiko (Peyote), Peru und Ecuador; in anderen Ländern kultiviert (San Pedro)

Wirkung
Die halluzinogene Wirkung hält zwei bis zwölf Stunden an. Häufig kommt es zu religiös gefärbter Euphorie, mystischen Erfahrungen, gesteigerter Sinneswahrnehmung.

Gefahren
ausgeprägte Übelkeit und Erbrechen, besonders in der ersten Stunde nach der Einnahme. Üble Horrortrips sind keine Ausnahme; Meskalin kann latente Psychosen aktivieren. Bei zu hoher Dosierung können Leberschäden und Atemlähmung auftreten.

Peyote-Kaktus (Bild: Frank Vincentz)

Quelle: Thinkstock Kollektion
Familie der Nachtschattengewächse

Bekannteste Sorten
Stechapfel (Datura), Bilsenkraut (Hyoscyamus), Tollkirsche (Atropa belladonna), Engelstrompete (Brugmansia); auch Tabak und Tomaten zählen zur Familie der Nachtschattengewächse.

Verbreitung
Europa, Nordafrika, Südwest- und Zentralasien, Südamerika

Wirkung
Der Rausch tritt nach 30 bis 45 Minuten ein und kann fünf Stunden, aber auch bis zu zehn Tage (!) andauern. Die Wirkung ist stark dosisabhängig und kann von leichten Wahrnehmungsverzerrungen bis hin zu totalem Realitätsverlust führen. Im Gegensatz zu anderen Psychedelika können Nachtschattengewächse sehr real wirkende Halluzinationen auslösen.

Gefahren
Nachtschattenpflanzen sind aufgrund natürlicher Wirkstoffschwankungen sehr schwierig zu dosieren. Die Grenze zwischen psychedelischer und toxischer Wirkung ist schmal, das Vergiftungsrisiko sehr hoch. Zu den Nebenwirkungen zählen geweitete Pupillen, Kribbeln auf der Haut, sehr starke Austrocknung der Schleimhäute, Lichtempfindlichkeit, Schwindel, Taumeln, zeitweilige Blindheit, Tobsuchtsanfälle; bei hoher Dosierung spätere Erinnerungslücken, Krampfanfälle, Atemprobleme.

Tollkirsche (Bild: H. Zell)

Quelle: Thinkstock Kollektion
Wahrsagesalbei

Verbreitung
tropische und gemässigte Zonen beider Hemisphären

Wirkung
Der halluzinogene Effekt setzt nach zehn Minuten rapide ein und hält etwa eine halbe Stunde an.

Gefahren
Bei dem Kraut sind keine Nebenwirkungen bekannt. Es gibt aber Berichte über heftige Angstzustände und Horrortrips bei Personen, die einen Extrakt der Pflanze konsumierten.

Wahrsagesalbei (Bild: Eric Hunt)

Quelle: Thinkstock Kollektion

Weitere Informationen

Buchtipps

  • Christian Rätsch: «Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen»; AT-Verlag, 2009, 944 Seiten, 129 Franken.

  • Alexander Ochse: «Naturdrogen und ihr Gebrauch»; Nachtschatten-Verlag, 2011, 2. korrigierte und ergänzte Auflage, 200 Seiten, Fr. 29.80.