Editorial
Die Alphatiere an die Kandare nehmen
«Es darf nie mehr vorkommen, dass der Staat für waghalsige Bankgeschäfte die Zeche zahlt.»
Wir erleben eine Kreditkrise im wahrsten Sinn: Unser Vertrauen in das Funktionieren des globalen Wirtschaftssystems ist erschüttert.
Aber in jeder Krise liegt eine Chance. Bereits ist der Tenor zu hören, aus bösen Banken müssten jetzt bessere Banken werden (siehe Artikel zum Thema). Dabei ist es hilfreich, den Fokus auf die wesentliche Ursache der gegenwärtigen Krise zu lenken: den Herdentrieb.
Der Herdentrieb steckt in uns allen. Wie es Rinder stets dorthin treibt, wo das saftigste Gras wächst, wird jeder Spekulant stets dort sein Geld anlegen wollen, wo ihm die höchste Rendite winkt. Je grösser die Herde wird, je verlockender die fernen Weiden, desto ungestümer der Kampf um die besten Plätze – bis nichts mehr zu holen ist. Es ist ein Naturgesetz, das sich spiegelt in sich immer schneller folgenden und immer lauter platzenden Blasen an der Börse.
Die Kunst besteht darin, früh dabei zu sein und sich rechtzeitig wieder abzusetzen. Die Ersten gewinnen, die Letzten zahlen. Ein anderes Spiel wird es nie geben.
Artikel zum Thema
Gefährlich für die ganze Herde wirds, wenn die Leittiere versagen. Genau das ist hier passiert. Auf der Jagd nach immer fetteren Gewinnen vergassen die verwegensten Banker alle Vorsichtsregeln und stoben mit Produkten voran, die sie selbst kaum mehr verstanden. Weil sie dafür noch belohnt wurden, folgten ihnen andere nach, bis die Stampede in den Abgrund führte.
Das Vertrauen der Kunden können die Banken nur wiedergewinnen, wenn sie ihre Alphatiere an die Kandare nehmen. Die «Alles geht»-Ideologie der letzten Jahre ist widerlegt. Boni müssen durch nachhaltige Leistung verdient werden, erfolgreiche Hochrisikospekulationen gehören nicht dazu. Das Gebot heisst: «Zurück zum bodenständigen Banking», wie Finanzprofessor Teodoro Cocca sagt. Zudem müssen die Geldinstitute ihre Eigenmittel massiv erhöhen und, so fordert etwa der ehemalige Preisüberwacher Rudolf Strahm, «ihre Geschäfte mit genügend Kapital unterlegen». Es darf nie mehr vorkommen, dass der Staat für waghalsige Bankgeschäfte die Zeche zahlt.
Das alles wird die Regeln des Spiels nicht ändern. Die Jagd nach Gewinnen und die Masse der Anleger werden die Börsen auch in Zukunft rauf- und runtertreiben wie eine gigantische Wellenmaschine. Doch wenn die Banken ihre Rolle enger reguliert wahrnehmen müssen, dürften die Wogen bald geglättet werden, so dass möglichst nie mehr ein Tsunami kommt.
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© Beobachter Ausgabe 7 vom 01. Apr 2009 - Alle Rechte vorbehalten



