Frühpensionierung
Die Freiheit, die ich meine…
…kann schnell zum Alptraum werden: Viele Frühpensionierte machen zuerst einmal eine Sinnkrise durch. Wer sich richtig auf den Ruhestand vorbereitet, kann ihn von Anfang an geniessen.
Karl Baschnagel arbeitete 33 Jahre lang als technisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bund, bis er sich im letzten Oktober mit 62 pensionieren liess: «Zuletzt wurde am Arbeitsplatz so viel umstrukturiert, dass ich mich entschied, früher zu gehen», sagt der gelernte Akustiker.
Umfragen zeigen es: Eine Mehrheit der Angestellten wünscht sich einen vorzeitigen Rückzug aus dem Berufsleben. Und immer mehr tun es auch: In den letzten 15 Jahren hat sich der Anteil der Frühpensionierungen fast verdoppelt – bald vier von zehn Pensionierungen erfolgen vor dem ordentlichen Rentenalter. Rund die Hälfte davon sind allerdings unfreiwillige Abgänge – infolge eines Stellenabbaus oder wegen Invalidität und Krankheit.
Baschnagel beschreibt die Entscheidung im Rückblick als «weit reichend und schwer wiegend». Ein Vorbereitungskurs zur Pensionierung hat ihm dabei geholfen: «So konnte ich diesen Schritt mit einiger Distanz zum Berufsalltag diskutieren und Ängste abbauen.» Als grösste Herausforderung erwies sich für Karl Baschnagel die Organisation der Zeit. Nach den Jahrzehnten in einer klaren Struktur war ihm die Aussicht auf die «grosse Freiheit» am Anfang nicht geheuer.
Peter Bachmann, der im Auftrag von Firmen und Verwaltungen Vorbereitungsseminare leitet, kann solche Ängste nachvollziehen: «Rasch zeigt sich, dass Hobbys, Reisen oder Grosselternpflichten den Tag nicht füllen. Dann braucht es Mut, auch Neues zu prüfen – Freiwilligenarbeit, Einsätze bei humanitären Organisationen oder Weiterbildung.» Als weitere Hürden nehmen Betroffene auch Veränderungen im Alltag wahr: «Es löst Angst aus, wenn es plötzlich keine eingeschliffenen Abläufe mehr gibt.» Deshalb rät Bachmann, ein Vorbereitungsseminar zu besuchen – mit der Partnerin oder dem Partner zusammen.
Den Gürtel enger schnallen
Experten sind sich einig, dass spätestens zwischen 54 und 56 ein Zwischenhalt eingelegt werden sollte, um eine Frühpensionierung zu planen. Dazu gehört vor allem eine genaue Finanzplanung, denn der vorzeitige Ruhestand ist teuer – selbst dann, wenn der Arbeitgeber ihn mitfinanziert: Pro Vorbezugsjahr wird die Pensionskassenrente etwa um sechs bis sieben Prozent gekürzt – lebenslang; bei der AHV sind es knapp sieben Prozent. Kein Wunder, geben sechs von zehn Frührentnern und -rentnerinnen in einer aktuellen Umfrage an, dass sich ihre finanzielle Situation nach der Pensionierung verschlechtert hat.
Vorab Angestellte mit mittlerer bis guter Ausbildung, die in der Finanzbranche oder im öffentlichen Dienst tätig sind, geben ihren Job aus freien Stücken früher auf. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch, ob der Partner oder die Partnerin schon pensioniert ist.
Karl Baschnagel zieht ein Jahr nach dem Berufsausstieg eine positive Bilanz. Er gründete eine Einzelfirma, die akustische Einrichtungen für Veranstaltungen anbietet: «Ich nutze den interessanten Teil meiner früheren Arbeit.» Überdies habe er so einen finanziellen Zustupf bis zum Bezug der AHV. Und: «Heute geniesse ich es, am Morgen ohne Wecker aufzustehen und manchmal ganz spontan etwas zu unternehmen.»
Pension: So gehen Sie richtig vor
- Klären Sie den frühesten Bezugstermin für die Pensionskassen- und für die AHV-Rente.
- Erstellen Sie ein genaues Budget für die Zeit zwischen Frühpensionierung und ordentlichem Rentenalter.
- Klären Sie mit dem Arbeitgeber, ob er Sie bei der Frühpensionierung unterstützt – beispielsweise mit einer Überbrückungsrente oder einer einmaligen Abfindung.
- Prüfen Sie alle Möglichkeiten, um die Einkommenslücke zu überbrücken (Guthaben aus der Säule 3a oder auf Freizügigkeitskonten, Wertschriften, Lebensversicherung).
- Besuchen Sie einen Kurs, um sich auf die Pensionierung vorzubereiten. Angebote der Pro Senectute gibt es unter www.pensionierungskurse.ch. Weitere Anbieter: www.w-a-b.ch
- Infos für einen eventuellen Nebenerwerb erhalten Sie bei den Arbeitsvermittlungszentren: www.rav.ch
Anzeige:
© Beobachter Ausgabe 20 vom 29. Sep 2005 - Alle Rechte vorbehalten






Früher in Rente?
Je früher die Frage der Finanzierung angegangen wird, umso realistischer ist die Umsetzung.