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Interview: «Die Karte ist der Passierschein in den globalen Selbstbedienungsladen»

Ausgabe:
1/02

Für den Finanzsoziologen Aldo Haesler ändert mit dem Plastikgeld nicht nur die Art, wie wir unsere Rechnungen begleichen. «Kreditkarten sind der Ausdruck einer Welt, die hektischer und beziehungsärmer geworden ist.»

Aldo Haesler, 47, arbeitet als Professor für Soziologie an der Universität Caen in Frankreich. Er erforscht die gesellschaftlichen Risiken des Geldes.

Beobachter: Mit dem Euro verschwinden Münzen von zwölf Nationen. Euro hin oder her, besteht die neue Weltwährung nicht längst aus Plastikkarten in Gold oder Silber?

Aldo Haesler: Es stimmt, das Getue um den Euro hat etwas Unzeitgemässes. Wir hängen alle noch am herkömmlichen Geld. Nicht aus Nostalgie – sondern weil wir es anfassen, weil wir damit hantieren können. In Wirklichkeit leben wir längst in einer Welt des Plastikgeldes. Das Verschwinden des alten Geldes hat aber auch etwas Bedrohliches: Wir können es nicht mehr direkt kontrollieren, müssen darauf vertrauen, dass die komplizierten Zahlungsabläufe hinter den Kulissen fehlerfrei funktionieren.

Beobachter: Wie halten Sie es selbst mit dem neuen Weltgeld? Wann zahlen Sie eher mit Cash, wann mit Karte?

Haesler: Da ist einmal die Bequemlichkeit, wenn man zum Beispiel im Ausland ist, grössere Beträge begleichen oder schnell bezahlen muss wie bei Autobahnzahlstellen. Abgesehen davon habe ich aber auch beobachtet, dass ich generell dann die Karte zücke, wenn ich weiss, dass ich mir eine nicht ganz vernünftige Ausgabe leiste. Mit dem alten Geld würde ich mir oft die Sache zweimal überlegen. Wie man im Volksmund sagt, würde einen «das Geld reuen». Ein seltsamer Ausdruck, nicht? Reut einen das Geld noch, wenn man mit der Karte bezahlt?

Beobachter: Vermutlich weniger. Glänzende Münzen und knisternde Noten haben etwas Sinnliches…

Haesler: Die Marketingexperten sagen, die Karte verleite zu spontanen Käufen. Aber dahinter steckt mehr. Was verschwindet, ist der Opfercharakter des Geldes und damit etwas Grundsätzliches, das zutiefst in unserer Kultur verankert war: dass nämlich, um etwas zu bekommen, etwas hergegeben werden muss. Die Karte hingegen betrachten wir nur noch als Passierschein für den Eintritt in den weltweiten Selbstbedienungsladen. Der einzige spannende Moment ist, wenn die Maschine an der Kasse uns erkennt und uns mit unserer Ware passieren lässt. Ist es da ein Wunder, wenn uns die Preise nicht mehr so interessieren?

Beobachter: Sind wir uns der Veränderungen überhaupt bewusst?

Haesler: Wir haben vor einigen Jahren eine Untersuchung im Wallis durchgeführt, als bei der Migros die elektronischen Kassen eingeführt wurden. Zahlreiche, meist ältere Menschen gaben an, dass sie der Karte misstrauten, weil sie die Kontrolle über ihr Geld verlieren würden. Für viele war die Karte zudem etwas Unpersönliches. Das war für uns überraschend. Wir wollten wissen, worin diese Entpersönlichung besteht. Es ging um den kleinen Schwatz mit der Verkäuferin, der wegen der Kartenzahlung verloren geht. Die Karte steht für eine Welt, in der die Menschen immer weniger Zeit füreinander haben, wo es keine Stockungen geben darf. Devise: ex und hopp.

Beobachter:

Der Franken ist ein nationales Symbol. Er verbindet uns Schweizerinnen und Schweizer über die Sprachgrenzen hinweg. Hat das im Zeitalter des Plastikgeldes überhaupt noch eine Bedeutung?

Haesler: Selbstverständlich nicht. Geld hat immer Grenzen aufgelöst. Es ist wie Wasser, das durch alle Fugen und Ritzen fliesst. Staatsgrenzen geboten dem früher Einhalt. Mit der Globalisierung ist das jedoch Geschichte, und das Geld hat seine Funktion nationaler Identifikation weitgehend verloren.

Beobachter: Wird das Plastikgeld unsere Gesellschaft verändern?

Haesler: Veränderungen der Geldform gingen in der Geschichte immer mit Umwälzungen der Gesellschaft einher. Die Frage ist: Sind die Veränderungen beim Geld nur die Folge des gesellschaftlichen Wandels oder die Ursache? Als Folge ist das Plastikgeld unproblematisch. In einer Welt, wo sich alles immer mehr beschleunigt, ist es ein ideales Medium. Ruft ein Wechsel beim Geld aber selbst gesellschaftliche Veränderungen hervor, dann befinden wir uns in einem Umbruch, dessen Ausmasse wir nicht in geringster Weise erfassen können.

Beobachter: Was geschieht dann?

Haesler: Das Ich-gebe-damit-du-gibst als elementares Prinzip menschlichen Zusammenlebens würde sich auf allen Ebenen allmählich auflösen. Man gibt nicht mehr, um zu erhalten. Im gleichen Sinn stehen den Rechten keine Pflichten mehr gegenüber oder einer Leistung ein einigermassen gerechter Lohn. Vielleicht sind die menschlichen Beziehungen deshalb so brüchig geworden: Wie beim Plastikgeld muss alles reibungslos laufen. Es lohnt sich, darüber nachzudenken...

© Beobachter Ausgabe 1 vom 11. Jan 2002 - Alle Rechte vorbehalten

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