Shopping: Plastikgeld regiert die Welt
Euro hin oder her – es ist das Plastikgeld, das die Welt verändert. Kredit-, Kunden-, Post- und EC-Karten treten immer häufiger an die Stelle von Noten oder Münzen. Zur Freude der Banken: Sie verdienen an jedem bargeldlosen Einkauf gutes Geld.

Der Euro kommt, die D-Mark geht, doch die neue Weltwährung bleibt: das Plastikgeld. Für den Finanzsoziologen Aldo Haesler hat das ganze Tamtam um die Euroumstellung deshalb etwas Unzeitgemässes: «Wir sind zwar in den Köpfen noch mit dem alten Geld verbunden, in der Realität bewegen wir uns aber längst in einer Welt der Plastikkarten», sagt er. Viel bedeutender als der Ersatz von Francs- oder Liremünzen durch Eurostücke sei das Verschwinden des greifbaren Geldes überhaupt.
Die Läden machen mit
Denn langsam, aber sicher verdrängen Kreditkarten in Gold oder Silber, blaue EC-Karten oder gelbe Postcards und ein Meer bunter Kunden- oder Telefonkarten die vertrauten Noten und Münzen. Fast neun Millionen Geldkarten stecken heute in Schweizer Portemonnaies doppelt so viele wie Anfang der Neunziger: 3,25 Millionen Kreditkarten, dazu 3,5 Millionen EC-Karten und 2 Millionen Postcards. Schon rund ein Viertel aller Geschäfte wird bargeldlos abgewickelt, 1990 war es lediglich ein Sechzehntel.
Den Banken, die am Bargeldverkehr nichts, am Plastikgeldgeschäft hingegen viel verdienen, kann das nur recht sein: «Goodbye Schilling, good buy (guter Einkauf) Maestro» werben sie derzeit in der österreichischen Presse für die Maestro-Karten. Nicht der Euro ersetzt den Schilling, sondern Maestro. Mit dieser Debitkarte, bei der kein Kontoüberzug möglich ist, lässt sich in 5,4 Millionen Geschäften auf der ganzen Welt bargeldlos einkaufen.
Allein in der Schweiz gibt es drei Millionen EC-Karten-Besitzer, die das blaurote Maestro-Zeichen auf ihrer Karte haben: EC-Funktion für den Einkauf in der Schweiz, Maestro fürs Ausland. Die EC/Maestro-Karte dient vor allem dem kleinen Einkauf von 125 Franken im Schnitt. Für grössere Beträge von durchschnittlich 200 Franken greifen Herr und Frau Schweizer zur Kreditkarte: Diese öffnet den Eurocard-, Visa-, American-Express- und Diners-Kunden selbst bei Ebbe auf dem Konto das Tor zur Wunderwelt des Konsums.
Ob im Euroland, in den USA oder in Indien, längst bieten die Karten mit den braunen Magnetstreifen praktisch uneingeschränkten Zugang zum weltweiten Selbstbedienungsladen Euros, Dollars oder Rupien tauchen nur noch als Randnotiz auf Monatsabrechnungen auf. Im Fachjargon der Firmen heisst das: Karten ermöglichen uns rund um den Globus «Spontankäufe», auch wenn uns die nötigen Devisen fehlen.
Kaum ein Kleinladen oder eine Boutique kann es sich da noch leisten, bargeldlose Zahlungen nicht zu akzeptieren: «Wenn von zehn Kunden einer oder zwei mit der Karte bezahlen wollen, sind die Geschäfte aus Konkurrenzgründen fast gezwungen, dies anzubieten», sagt Max Buholzer, Sekretär des Schweizer Detaillistenverbands. Gegen 100000 Geschäfte akzeptieren heute beispielsweise die Eurocard/Mastercard-Kreditkarte, 1992 waren es noch rund halb so viele. Und die Zahl der EC- oder Maestro-Terminals neben den Kassen steigt gar jedes Jahr um 20 bis 30 Prozent. Für Ladenbesitzer mit kleinen Umsätzen ist das Mitmachen kein Pappenstiel: Die Anschaffung der Geräte kostet mehrere tausend Franken.
Geht der Plastikgeldboom in diesem Tempo weiter, blühen uns schon bald amerikanische Verhältnisse. In den USA werden bereits drei Viertel aller Zahlungen über Kreditkarten abgewickelt. Solchen Dimensionen scheint auch in der Schweiz kaum etwas im Weg zu stehen. Glaubt man einer Umfrage der «Schweizer Familie» vom Mai, so finden 90 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer, dass Kredit- und Kundenkarten «das Leben erleichtern».
Sogar die Polizei empfiehlt die Karten als Zahlungsmittel. «Mit dem Abheben grosser Beträge am Bank- oder Postschalter steigt das Risiko, Opfer einer Straftat zu werden», schreibt die Kantonspolizei Bern. Dieses Risiko sei «durch bargeldloses Zahlen weitgehend ausgeschlossen». Auch die Kantonspolizei Luzern gibt den Tipp: «Verwenden Sie vermehrt Plastikgeld.»
Das Plastikgeld sitzt leicht
Ob der unbestrittenen Vorteile gerät der Nachteil schnell in Vergessenheit: Das Plastikgeld sitzt deutlich lockerer in der Tasche als die Banknote. «Der Handel macht dank den Karten einen Mehrumsatz», freut sich Reto Giudicetti von der Firma Europay, wo die meisten Fäden im bargeldlosen Zahlungsverkehr zusammenlaufen. Wer nicht zuerst den Barbetrag beschaffen müsse, leiste sich viel eher ein neues Möbel oder Kleidungsstück.
Von der Kehrseite der Kunststoffmedaille können die Schuldensanierer ein Lied singen. «Leute mit Geldsorgen haben häufig auch ihre Kreditkarte überzogen», sagt Gerda Haber von der Zürcher Fachstelle für Schuldenfragen. Die Karte verleite viel eher zu unüberlegten Einkäufen. Leidtragender dieser Entwicklung ist auch der Staat: «Viele unserer Kundinnen und Kunden haben nur deshalb so hohe Steuerschulden, weil sie die ganze Zeit brav die Kreditkartenrechnungen bezahlt haben», sagt Mario Roncoroni vom Verein Schuldensanierung Bern.
Ohne Karte kein Konsum
Erklärungen für den grosszügigeren Umgang mit dem Plastikgeld hat Aldo Haesler parat. Der Schweizer Professor im französischen Caen befasst sich seit Jahren mit den Auswirkungen der Geldkarten auf die Gesellschaft. «Die Karte gibt uns das Gefühl, über ein Portemonnaie mit unendlicher Reserve zu verfügen», sagt er. Ohne «das Hunderternötli, das man kaputtmacht», fehle uns beim Geldausgeben der innere Widerstand. Viele Menschen könnten deshalb den mächtigen Verheissungen der Werbung nicht mehr widerstehen.
«Das Verschwinden des Bargelds führt dazu, dass der Kaufakt weitgehend unbewusst geschieht», erläutert Haesler. Es gebe nur noch einen spannenden Moment, um die abstrakten Geldvorgänge im Hintergrund bewusst zu erleben: an der Kasse, wenn wir auf das Okay warten. «Funktionierts, ist genug Geld da?», lautet die bange Frage. Die Rechnung wird uns freilich erst später präsentiert. All das macht laut Haesler Geld zu etwas immer Abstrakterem. Die Folge sei der Anstieg der privaten Verschuldung in vielen Ländern.
Den Überschuldeten, aber auch Personen in Ausbildung oder mit unregelmässigem Einkommen bleibt der Zugang zur schönen neuen Plastikgeldwelt verschlossen. Für Mario Roncoroni, der auch den Dachverband Schuldenberatung präsidiert, ist das eine gefährliche Entwicklung: «Je verbreiteter die Karten sind, desto mehr Leute werden von Dienstleistungen ausgeschlossen.» Bereits ist für Einkäufe via Internet oder für Hotelreservationen der Besitz einer Kreditkarte Bedingung. Auch wer im Ausland ein Auto mieten will, muss meist eine Kreditkarte präsentieren.
«Falls sich der Trend zum Plastikgeld noch verstärkt, könnte es dramatisch werden. Einige Leute fallen dann aus dem Finanzkreislauf», befürchtet Roncoroni. Seine Schreckensvision: In ein paar Jahren könnten ein paar wenige Banken nach Gutdünken darüber entscheiden, wer Zugang zu Konsumgütern und Dienstleistungen habe und wer nicht. Schon heute teilen nur vier Anbieter den Schweizer Markt unter sich auf: Swisscard (gehört Credit Suisse und American Express), Viseca (das Unternehmen von Kantonalbanken, Raiffeisen, Coop-Bank und Migros-Bank), die UBS und die Cornèr-Bank.
Sie lassen sich allerlei Zückerchen einfallen, um die Leute zum Zahlen via Kreditkarte zu bewegen: Es gibt Punkte, Flugmeilen, Einkaufsrabatte und kostenlose Versicherungen bei Reisen. Und das mit gutem Grund: Während der Zahlungsverkehr via EC oder Postcard nichts abwirft, schenken Einkäufe mit Kreditkarte tüchtig ein. Ein Segen für die Finanzinstitute also, dass die Schweizerinnen und Schweizer mit der Kreditkarte zweieinhalbmal so viel umsetzen wie mit der EC-Karte: Bei einer Eurocard/Mastercard waren es im letzten Jahr im Schnitt 6600 Franken. Für die Banken, denen die Kreditkartenfirmen gehören, bedeutet das einen Umsatz von gut 20 Milliarden pro Jahr. Ein Riesengeschäft.
- Umsatzbeteiligung:
Beim Einkauf mit der Kreditkarte streicht die Bank zwischen anderthalb und sechs Prozent des Verkaufspreises ein je nach Branche und Ladenumsatz. Bei angenommenen drei Prozent Provision im Schnitt sind das rund 600 Millionen Franken.
- Kartengebühren:
Sie betragen zwischen 50 und 150 Franken pro Karte und Jahr. Bei gut drei Millionen Karten sind das noch einmal rund 200 Millionen.
- Schuldzinsen:
Die Kreditzinsen liegen in der Nähe der gesetzlichen Wuchergrenze von 15 Prozent pro Jahr.
- Devisenverkehr:
Bei einem Einkauf im Ausland zweigen die Kartenherausgeber beim Umrechnen in Schweizer Franken ein paar Prozente für sich ab.
Obwohl sie den Banken stattliche Einnahmen bescheren, werden die Kunden nicht wie Könige behandelt. Das zeigt ein Blick in die Kartenverträge. Die allgemeinen Geschäftsbedingungen der UBS etwa enthalten ein umfangreiches Pflichtenheft für den Karteninhaber: Er muss die «Belege kontrollieren» und sich bei «Unstimmigkeiten umgehend schriftlich melden». Zudem haftet er «vorbehaltlos und vollumfänglich», falls er eine Pflicht verletzt.
Die UBS hingegen kann «jederzeit und ohne Angabe von Gründen» die Kartenlimiten senken, die Karte sperren oder zurückfordern. Kunden, die sich mit einzelnen Punkten der Bedingungen wie beispielsweise mit der Aufzeichnung von Telefongesprächen nicht einverstanden erklären, werden von der UBS dazu aufgefordert, die Karte zurückzusenden. Wem das nicht passt, der soll es bleiben lassen, so die Botschaft. Sogar das Abhören des Telefons ist bei den Cardcentern längst üblich. «Big Brother total», kommentiert eine Beobachter-Leserin.
Die wenigsten Konsumentinnen und Konsumenten realisieren zudem, dass sie mit ihrer Unterschrift unter den Kartenvertrag den Banken praktisch einen Freipass für beliebige Gebührenerhöhungen ausstellen. So hat die Viseca kürzlich die Jahresgebühren für die silbernen Visa- und Eurocard-Karten von 50 auf 100 Franken verdoppelt. Wer sich damit nicht einverstanden erklärt, dem bleibt nur eines: seine Karte innert der Frist von 30 Tagen zurückzuschicken.
Trotzdem misstrauen nur wenige den Kartenfirmen und schauen sich die Abrechnungen genau an. Professor Haesler sieht darin einen zentralen Widerspruch: Einerseits nehme das Geld eine immer wichtigere Rolle in unserem Leben ein. Auf der anderen Seite verlassen wir uns darauf, dass sich im Plastikzeitalter die «etwas schäbigen Geldangelegenheiten hinter den Kulissen wie von selbst erledigen».
«Die meisten Leute denken: Es wird schon stimmen», sagt auch Samy Riger aus Zürich. Er ist allerdings einer, der sich nicht darauf verlässt. Riger ist als Geschäftsmann viel unterwegs und hat Visa, Diners und American Express in der Brieftasche. Er vergleicht seine Abrechnungen immer mit den Belegen. Wenn etwas nicht stimmt, reklamiert er lieber, «statt einfach die Faust im Sack zu machen».
Stossend findet er vor allem die Umrechnungspraxis der Kartenfirmen bei Einkäufen in Fremdwährungen. Samy Riger hat nachgerechnet und dabei festgestellt, dass ihm bei einigen Einkäufen sogar mehr belastet wird, als er bei einem Notenkauf am Bankschalter zahlen müsste. Das koste ihn jährlich einige hundert Franken. Riger findet das nicht in Ordnung: «Ich bezahle ja einen Jahresbeitrag für die Benützung der Karte, und die Ausgabefirma kassiert sowieso bei jedem meiner Einkäufe.»
Der Beobachter wollte es genau wissen und hat die Umtauschkonditionen der Kartenfirmen verglichen. Resultat: Bei einer Hotelrechnung in der Höhe von 2000 Dollar kann die Differenz fast 60 Franken ausmachen. Wer mit Travellers Cheques bezahlt, fährt unter Umständen sogar günstiger. Ob man eine Visa-, Eurocard- oder Amex-Karte besitzt, spielt dabei gar keine Rolle: Viel wichtiger ist, bei welcher Kartenfirma man einen Vertrag unterschreibt.
Den Kreditkartenfirmen erwächst in letzter Zeit vor allem von den grossen Detailhändlern Konkurrenz. Die Coop-Supercard oder die Migros-Cumulus-Karte sind zwar nur Bonussysteme für treue Kunden. Die Kärtchen von Globus, Möbel Pfister oder Manor funktionieren aber wie Kreditkarten bargeldlos einkaufen, Rechnung Ende Monat. Neben der Kundenbindung bezwecken die Warenhäuser damit vor allem eines: Sie sparen die Kommissionen an die Kreditkartenfirmen. Manor bietet den Karteninhabern inzwischen sogar Versicherungen an und denkt laut darüber nach, auch Hypotheken zu vermitteln.
Die Computer- und Mobilfunktechnik erschliesst dem bargeldlosen Zahlungsverkehr in den nächsten Jahren völlig neue Dimensionen. An Bedeutung gewinnen soll beispielsweise so genanntes elektronisches Geld für das Einkaufen im Internet. Private Firmen schaffen dieses Geld, Einkaufsguthaben werden nur noch auf Datenträgern im Internet gespeichert. Absehbar ist auch, dass ein Chip den Magnetstreifen auf den Kreditkarten ersetzt. Auf dem Chip lassen sich viel mehr Daten speichern. Rein technisch wird es bald möglich sein, die Karte im Warenhaus nur noch in die Nähe eines Lesegeräts zu halten, das den Kaufbetrag direkt verbucht. Der Chip könnte aber auch anderswo eingebaut werden in eine Uhr oder ein Handy.
Das Mobiltelefon gilt ohnehin als das Zahlungsmittel der Zukunft. Teilweise erfüllt es die Funktion heute schon. So stellten Swisscom und Coca-Cola unter dem Motto «bargeldlose Erfrischung» rund 100 neue Getränkeautomaten auf. Bezahlt wird via Handy: Der Kunde tippt die Codenummer des Automaten und wählt dann das Getränk. Der Betrag wird auf der nächsten Natelrechnung belastet. 2003 sollen Handygeschäfte weltweit bereits für einen Umsatz von 100 Milliarden Dollar sorgen, allein in Deutschland sollen sich die Einkäufe übers Handy bis 2003 verachtfachen. Bevor wir die Revolution vom Bar- zum Plastikgeld richtig verdaut haben, steht uns also mit dem so genannten M-Money schon der nächste Quantensprung bevor.
Mitarbeit: Michael Koller, Adrian Schmid
© Beobachter Ausgabe 1 vom 11. Jan 2002 - Alle Rechte vorbehalten
