Standpunkt
Kein Pardon für Superreiche
Die Bilanz nach 30 Jahren Neoliberalismus: Die Reichen sind noch reicher, der Mittelstand hat stagniert. Das kann so nicht weitergehen.
Diese Krise hat epochale Ausmasse. Anders als bei einer ganz normalen Rezession leiden diesmal auch die Superreichen. Letztes Jahr haben sie fast ihr halbes Vermögen verloren, wie das Wirtschaftsmagazin «Forbes» vorrechnete. Die Zahl der Milliardäre ist von 1125 auf 793 geschrumpft, jene der Millionäre von 9,2 auf 6,7 Millionen. Arme Superreiche, möchte man sagen. Immerhin müssen sie nicht auf ganz alles verzichten. Kaviar bleibt auf dem Speiseplan, die Rolex am Handgelenk – und nur ganz wenige müssen vom Privatjet in die First Class um- und absteigen. Warum eigentlich?
Dass die Superreichen so richtig Federn lassen mussten, geschah letztmals in der Grossen Depression der dreissiger Jahre. Zehn Jahre nach ihrem Beginn war die Zahl der Millionäre von 39'000 auf 11'800 gesunken. Davon erholte sich die Kaste der Ultrareichen nur sehr langsam. Denn vom Daueraufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg profitierten fast alle – zumindest in den Industrieländern. Jedenfalls ging die Einkommensschere zwischen Spitzen- und Durchschnittsverdienern bis Anfang der achtziger Jahre sogar etwas zu.
Die grosse Umverteilung
Doch seit Ronald Reagan die Zeit des Neoliberalismus eingeläutet hatte, lief die Entwicklung wieder zurück in Richtung 1929. Unter dem Deckmantel des «allgemeinen Wohlstands» kam es zu einer gewaltigen Umverteilung der Vermögen Richtung Reiche. So strich 1982 das reichste Prozent der US-Bevölkerung 40 Prozent der Kapitaleinkommen ein, 25 Jahre später waren es bereits 60 Prozent. 1980 verdienten Konzernchefs 40 Mal mehr als Durchschnittsverdienende, 2005 gar 411 Mal mehr. 1982 besassen die 400 reichsten Menschen der Welt zusammen 92 Milliarden Dollar; Ende letzten Jahres 1250 Milliarden.
Diese Entwicklung hat auch die Schweiz erfasst. Das belegen Zahlen des Bundesamts für Statistik: 1991 versteuerte das reichste Zehntelpromille in der Schweiz 66 Prozent der Vermögen, 2003 waren es 74 Prozent. Die Superreichen hatten ihren Besitz in zwölf Jahren praktisch verdoppelt, der Normalbürger hatte nur einen Fünftel dazugewonnen.
Noch krasser verlief die Entwicklung der Einkommen. Seit 1991 stiegen die Reallöhne nur um 4,6 Prozent; der Grossteil ging an die Topverdiener. In den letzten fünf Jahren betrug der Anstieg gar nur 0,2 Prozent. Eine völlig neue Entwicklung: Seit 1939 haben sich die Reallöhne im Schnitt um 1,53 Prozent pro Jahr erhöht. Das macht klar: Der Neoliberalismus war auch in der Schweiz die Zeit, in der der Raffgier der Reichen keine Grenzen gesetzt wurden. Die Globalisierungsgewinne landeten vor allem in deren Taschen. Doch die Rechnung für die schrankenlose Abzockerei wird nun uns allen präsentiert.
Diese Krise hat das Potential, eine Trendwende einzuläuten – damit sich die Einkommensschere langfristig wieder etwas verengt. Das ist auch unabdingbar für eine nachhaltige Erholung unserer Wirtschaft. Dafür gibt es klare Indizien: Laut dem Zürcher Wirtschaftsprofessor Ernst Fehr, dem Shootingstar seiner Zunft, wirken grosse Einkommensunterschiede motivationshemmend auf die Arbeitnehmer. Das senkt die Profitabilität der Unternehmen. Was sich wiederum negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirkt.
Wer mehr hat, soll mehr geben
Das Gleiche gilt für die Steuern, auch hier ist eine Trendwende angesagt. Denn von den neoliberalen Steuererleichterungen hat in erster Linie die kleine Minderheit der Reichen profitiert. Steuern sollten wieder nach dem Grundsatz der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit bemessen werden, Reiche sollten mehr zahlen müssen. Weil sie es sich leisten können.
Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie damals US-Präsident Franklin D. Roosevelt: Nach der Grossen Depression verdoppelte er kurzerhand die Staatssteuern für die Reichen. Auch damals musste der Staat die Suppe auslöffeln. Zur Kasse gebeten hat Roosevelt damals die reiche Oberschicht. Warum soll das heute anders sein?
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© Beobachter Ausgabe 15 vom 22. Jul 2009 - Alle Rechte vorbehalten




