Sterbehilfe: Exit-Spitze macht gute Geschäfte mit dem Tod

Text:
  • Martin Müller
Ausgabe:
6/01

Kaum sind die letzten Machtkämpfe innerhalb der Sterbehilfeorganisation Exit vorbei, kommt es schon zur nächsten Zerreissprobe: Die umstrittenen Honorare des Vereinsvorstands provozieren bei den Mitgliedern einen Aufstand.

Alle Mitglieder des Vorstands üben ihr Amt ehrenamtlich

aus», heisst es in den Exit-Statuten. Sie erlauben dem

Vorstand der «Vereinigung für humanes Sterben»

nur eine «angemessene Spesenentschädigung».

Ein dehnbarer Begriff: Fünf Vorstandsmitglieder kassieren

zusammen rund 330000 Franken pro Jahr – und bringen damit

eine gute Sache in Verruf.

  • Elke Baezner:
    Wirkt seit 1999 als nebenamtliche Präsidentin und bezieht pro Jahr 36000 Franken – je zur Hälfte als Spesen und als Lohn deklariert.

  • Michael Brücker:
    Der Buchhändler aus dem aargauischen Lenzburg amtet als Delegierter des Vorstands, Leiter der Administration und als Zweiter Vizepräsident. Sein 60-Prozent-Job wird mit 88000 Franken plus Spesen entschädigt.

  • Werner Kriesi:
    Der Erste Vizepräsident kommt auf jährlich 60000 bis 70000 Franken. Als Chef der Freitodbegleiter lässt er sich – im Gegensatz zu seinen ehrenamtlich tätigen Untergebenen – für die Betreuung der Sterbewilligen bezahlen. Manchmal führt er die Leute nicht nur in den Tod, sondern besorgt als pensionierter Pfarrer auch gleich noch die Abdankung – und kassiert auf diese Weise doppelt.

  • Ernst Haegi:
    Das Vorstandsmitglied bezieht rund 60000 Franken für ein 20-Prozent-Pensum. Etwa die Hälfte davon entfällt auf juristische Mandate, die Haegi als Exit-Anwalt betreut, die andere Hälfte auf seine Tätigkeit als Präsident der Stiftung für schweizerische Exit-Hospize.

  • Jacques Schaer:
    Das Vorstandsmitglied besorgt die Buchhaltung und kassiert dafür jährlich rund 80000 Franken.

Korrekt im Budget erscheinen aber nur die Löhne von Elke

Baezner und Michael Brücker; alle anderen Bezüge

werden hinter grösseren Ausgabenposten versteckt. Der

Vorstand könne laut Statuten die Geschäftsführung

delegieren, und damit seien auch die Löhne legal, argumentiert

Exit-Anwalt Ernst Haegi. Doch diese Auslegung entspricht kaum

dem Verständnis der Basis und vor allem nicht dem Willen

des verstorbenen Exit-Gründers Walter Baechi. Für

ihn und die spätere Exit-Galionsfigur Rolf Sigg war Ehrenamtlichkeit

Pflicht.

Exit kontrolliert sich selbst

Die Löhne seien sogar statutenwidrig, hält ein Rechtsanwalt

in einem Kurzgutachten zum Vertrag von Michael Brücker

fest. Der Vorstand könne nur Aufgaben delegieren und

entschädigen, die über die gewöhnliche Tätigkeit

eines Vorstandsmitglieds hinausgehen; eingeschlossen sei da

auch die Geschäftsführung.

Das ficht die Exit-Spitze nicht an: «Ich arbeite pro

Jahr 300 Stunden ehrenamtlich, nur den Rest lasse ich mir

bezahlen», sagt Werner Kriesi. «Ich habe in jeder

Hinsicht ein bestes Gewissen.»

Andere hatten dies nicht – und gingen: Unternehmer Rudolf

Syz, der 1999 nach nur einem Amtsjahr entnervt das Exit-Präsidium

niederlegte: «Ich bezog keinen Rappen, nicht mal Spesen.

Doch im Vorstand verlangten die Geldbezüger immer eindringlicher

von mir, doch auch abzukassieren. Das ärgerte mich sehr.»

Und Rechtsanwalt Manfred Kuhn, sechs Jahre als Exit-Vizepräsident

tätig, doppelt nach: «Das ist peinlich. Man sollte

der Generalversammlung endlich reinen Wein einschenken.»

Auch die offenkundige Interessenverflechtung macht der Exit-Spitze

kein Kopfzerbrechen. Die Vorstandsmitglieder sind faktisch

Exit-Angestellte und beaufsichtigen sich selber. «Dieses

Modell des operativen Vorstands ist effizient, das gibt es

auch in der Privatwirtschaft», sagt Michael Brücker.

Den Einwand, dort übe aber ein Verwaltungsrat die Kontrolle

aus, lässt er nicht gelten: «Dafür haben wir

die von der Generalversammlung gewählte Geschäftsprüfungskommission.»

Stimmt – aber das ist ein zahnloses Gremium; einzelne

Mitglieder beziehen selber Geld von Exit und profitieren damit

von diesem Regime.

Prall gefüllte Kassen

Dass die Exit-Spitze weiterhin derart viel Geld ausgeben kann,

hat sie gefüllten Kassen zu verdanken. Jährlich

zahlen die 50000 Mitglieder mindestens 25 Franken, dazu kommen

Spenden in sechsstelliger Höhe. Und gleichwohl weist

die Rechnung 1999 nur einen mageren Gewinn von 527 Franken

sowie ein Vermögen von knapp 150000 Franken aus.

Ein genauer Blick zeigt: Millionenbeträge sind versteckt,

um die Steuerbelastung tief zu halten. Mehr als drei Millionen

Franken figurieren als «Rückstellung lebenslange

Beiträge». Wer einmal 400 Franken einzahlt, bleibt

bis zum Tod Mitglied. 80 Prozent dieser Erträge werden

als Rückstellung deklariert. Lediglich die Zinsen fliessen

in die laufende Rechnung; die drei Millionen Franken sind

verkapptes Vermögen.

Daneben gibt es einen Baufonds und einen Bettenfonds mit zusammen

fast einer halben Million Franken, obwohl niemand bei Exit

mehr ernsthaft daran denkt, ein Sterbehaus zu eröffnen.

Zudem wäre – wenn schon – die zu Exit gehörende

Hospiz-Stiftung zuständig. Weshalb das Geld in der Vereinsrechnung

auftaucht, darauf weiss die Exit-Spitze keine Antwort.

Eine Erbschaft über mehr als eine halbe Million wurde

kurzerhand auf neue Fonds verteilt: je 260000 Franken für

«Werbung neue Mitglieder» sowie für «Weiterbildung

Freitodbegleiter»; dafür wurden im letzten Jahr

nicht einmal 28000 Franken ausgegeben. Insgesamt hat Exit

über fünf Millionen Franken auf der hohen Kante.

Dazu kommen weitere 3,6 Millionen, die bei der Stiftung für

schweizerische Exit-Hospize lagern. Seit der ursprüngliche

Zweck mit der Schliessung des Sterbehospizes in Burgdorf (aus

finanziellen Gründen) definitiv beerdigt wurde, steht

die Stiftung heute ziemlich orientierungslos da. Zwar wurde

der Zweckartikel gezwungenermassen erweitert: Neuerdings fällt

auch die Förderung schmerzlindernder Medizin darunter.

Letztes Jahr wurden aber zum Beispiel für die mit grossem

Pomp gefeierte Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Patientenorganisation

für eine Beratungsstelle gerade mal 80000 Franken ausgegeben

– wenig verglichen mit den Millionen, die unangetastet

und nutzlos auf der Bank schlummern.

Der Vorstand muss abspecken

Mehr noch: Der Exit-Verein überwies seiner Hospiz-Stiftung

sogar noch 1999 eine sechsstellige Summe als «Zuwendung»,

obwohl unklar ist, wofür das Geld je ausgegeben werden

kann; im Gegensatz zum Verein ist die Stiftung steuerbefreit.

Wegen Verdachts auf ungetreue Geschäftsführung ist

derzeit beim Amt für Gemeinden und berufliche Vorsorge

des Kantons Zürich eine Anzeige gegen die Hospiz-Stiftung

hängig; Resultate allerdings sind bis jetzt noch keine

bekannt.

Die Merkwürdigkeiten der Rechnungsführung haben

einen Namen: Jacques Schaer. Im Stiftungsrat der Exit-Hospiz-Stiftung

führt er die wohlklingende Bezeichnung «Quästor».

Das ist laut Fremdwörterduden der schweizerische Begriff

für den Kassenwart eines Vereins, tönt aber besser.

Weniger gut klingt, dass Schaer zwar eine kaufmännische

Ausbildung, aber keinen Abschluss als Buchhalter in der Tasche

hat. Jacques Schaer betreute die Exit-Buchhaltung bereits als Angestellter des Wohn- und

Bürozentrums für Körperbehinderte (WBZ) in

Reinach BL. Nach seiner Frühpensionierung 1997 erschlich

er sich den Exit-Auftrag – und kassiert seither doppelt

so viel wie zu seinen WBZ-Zeiten.

Ob dieser Missstände verwundert es kaum, dass die Freitodbegleiter

frustriert sind. Knapp ein Dutzend von ihnen gibt es, sie

arbeiten ehrenamtlich, müssen sogar kämpfen, dass

ihnen das Halbtaxabo oder andere Spesen bezahlt werden. «Wir

sind die Einzigen bei Exit, die noch gratis arbeiten»,

sagt einer von ihnen. Eine Helferin meint klipp und klar:

«Oben wird mit der grossen Kelle angerichtet, und wir

werden im Stich gelassen.» Obwohl Geld vorhanden wäre,

wird bei der Weiterbildung geknausert. Doch wer aufmuckt,

muss mit Konsequenzen rechnen: Der Exit-Vorstand diskutierte

vor zwei Wochen darüber, eine der «aufständischen»

Freitodbegleiterinnen kurzerhand aus dem Verein auszuschliessen.

Noch brodelt es in der Gerüchteküche, noch schwelt

der Konflikt vorwiegend unter der Oberfläche – doch

am 19. Mai wird er offen ausbrechen: An der Generalversammlung

muss der Vorstand statutengemäss von bisher elf auf neu

fünf bis sieben Mitglieder verkleinert werden. Geht es

nach der Exit-Spitze, so müssen die nicht vom Geldsegen

profitierenden Vorstandsmitglieder zurücktreten, während

die bezahlte Führungscrew am Ruder bleibt.

Rund um den Brienzer Unternehmer Heinz Egli stellt sich aber

ein Fünferteam als Kampfkandidaten zur Wahl. Der Vorteil:

Das Quintett liess durchsickern, dass es den Begriff «Ehrenamtlichkeit»

wieder beim Wort nehmen will. Der Nachteil: Die Leute sind

in Sterbehelferkreisen praktisch unbekannt, zum Teil sogar

erst seit wenigen Monaten Exit-Mitglieder.

Hüben wie drüben wird mit harten Bandagen gekämpft.

Aus dem Lager der Aufständischen kommen anonyme Faxschreiben

mit groben Vorwürfen. Der Vorstand wiederum sperrt die

Aufmüpfigen vor die Tür und preist im internen Infobulletin

seitenlang seine Verdienste.

Viele Exit-Mitglieder mögen dem Treiben schon lange nicht

mehr zuschauen. Scharenweise geben sie den Austritt. Vor drei

Jahren lag die Mitgliederzahl noch bei 63000; in diesen Tagen

dürfte die 50000er-Marke unterschritten werden.

Eine Arbeitsgruppe sollte den Mitgliederschwund stoppen

– ohne Erfolg. Nach sieben halbtägigen Sitzungen

resultierte ein magerer Fragebogen, und nur gerade drei Prozent

der Mitglieder machten bei der Umfrage mit. Klarer äusserte

sich die Basis erst, als sie nicht auf banale Fragen antworten

sollte: «Weniger Skandale, Querelen und finanzielle

Horrorstorys vom Vorstand» wurden etwa gefordert. Um

das ramponierte Image aufzupolieren, will jetzt der Vorstand

den früheren Radiodirektor Andreas Blum als Kommunikationsprofi

in die eigenen Reihen hieven.

Die neue Affäre schreibt ein weiteres unrühmliches

Kapitel in der Geschichte von Exit. Nach der Gründung

1982 kam es schon bald zu internen Machtkämpfen. Erstes

Opfer: Pfarrer Rolf Sigg; als Nächster musste der Arzt

Meinrad Schär über die Klinge springen. An der tumultartigen Generalversammlung

im Mai 1998 wurden der damalige Geschäftsführer

und der Vizepräsident abgesetzt. Ein Jahr später

trat der neue Präsident unter Protest zurück; er hatte genug vom «Schmierentheater». Wie sagte

doch ein Mitglied: «Es ist manchmal peinlich, bei Exit

dabei zu sein.»

© Beobachter Ausgabe 6 vom 16. Mär 2001 - Alle Rechte vorbehalten

created by snowflake productions gmbh