Sterbehilfe: Exit-Spitze macht gute Geschäfte mit dem Tod
Kaum sind die letzten Machtkämpfe innerhalb der Sterbehilfeorganisation Exit vorbei, kommt es schon zur nächsten Zerreissprobe: Die umstrittenen Honorare des Vereinsvorstands provozieren bei den Mitgliedern einen Aufstand.
Nebenartikel
Alle Mitglieder des Vorstands üben ihr Amt ehrenamtlich
aus», heisst es in den Exit-Statuten. Sie erlauben dem
Vorstand der «Vereinigung für humanes Sterben»
nur eine «angemessene Spesenentschädigung».
Ein dehnbarer Begriff: Fünf Vorstandsmitglieder kassieren
zusammen rund 330000 Franken pro Jahr und bringen damit
eine gute Sache in Verruf.
- Elke Baezner:
Wirkt seit 1999 als nebenamtliche Präsidentin und bezieht pro Jahr 36000 Franken je zur Hälfte als Spesen und als Lohn deklariert.
- Michael Brücker:
Der Buchhändler aus dem aargauischen Lenzburg amtet als Delegierter des Vorstands, Leiter der Administration und als Zweiter Vizepräsident. Sein 60-Prozent-Job wird mit 88000 Franken plus Spesen entschädigt.
- Werner Kriesi:
Der Erste Vizepräsident kommt auf jährlich 60000 bis 70000 Franken. Als Chef der Freitodbegleiter lässt er sich im Gegensatz zu seinen ehrenamtlich tätigen Untergebenen für die Betreuung der Sterbewilligen bezahlen. Manchmal führt er die Leute nicht nur in den Tod, sondern besorgt als pensionierter Pfarrer auch gleich noch die Abdankung und kassiert auf diese Weise doppelt.
- Ernst Haegi:
Das Vorstandsmitglied bezieht rund 60000 Franken für ein 20-Prozent-Pensum. Etwa die Hälfte davon entfällt auf juristische Mandate, die Haegi als Exit-Anwalt betreut, die andere Hälfte auf seine Tätigkeit als Präsident der Stiftung für schweizerische Exit-Hospize.
- Jacques Schaer:
Das Vorstandsmitglied besorgt die Buchhaltung und kassiert dafür jährlich rund 80000 Franken.
Korrekt im Budget erscheinen aber nur die Löhne von Elke
Baezner und Michael Brücker; alle anderen Bezüge
werden hinter grösseren Ausgabenposten versteckt. Der
Vorstand könne laut Statuten die Geschäftsführung
delegieren, und damit seien auch die Löhne legal, argumentiert
Exit-Anwalt Ernst Haegi. Doch diese Auslegung entspricht kaum
dem Verständnis der Basis und vor allem nicht dem Willen
des verstorbenen Exit-Gründers Walter Baechi. Für
ihn und die spätere Exit-Galionsfigur Rolf Sigg war Ehrenamtlichkeit
Pflicht.
Exit kontrolliert sich selbst
Die Löhne seien sogar statutenwidrig, hält ein Rechtsanwalt
in einem Kurzgutachten zum Vertrag von Michael Brücker
fest. Der Vorstand könne nur Aufgaben delegieren und
entschädigen, die über die gewöhnliche Tätigkeit
eines Vorstandsmitglieds hinausgehen; eingeschlossen sei da
auch die Geschäftsführung.
Das ficht die Exit-Spitze nicht an: «Ich arbeite pro
Jahr 300 Stunden ehrenamtlich, nur den Rest lasse ich mir
bezahlen», sagt Werner Kriesi. «Ich habe in jeder
Hinsicht ein bestes Gewissen.»
Andere hatten dies nicht und gingen: Unternehmer Rudolf
Syz, der 1999 nach nur einem Amtsjahr entnervt das Exit-Präsidium
niederlegte: «Ich bezog keinen Rappen, nicht mal Spesen.
Doch im Vorstand verlangten die Geldbezüger immer eindringlicher
von mir, doch auch abzukassieren. Das ärgerte mich sehr.»
Und Rechtsanwalt Manfred Kuhn, sechs Jahre als Exit-Vizepräsident
tätig, doppelt nach: «Das ist peinlich. Man sollte
der Generalversammlung endlich reinen Wein einschenken.»
Auch die offenkundige Interessenverflechtung macht der Exit-Spitze
kein Kopfzerbrechen. Die Vorstandsmitglieder sind faktisch
Exit-Angestellte und beaufsichtigen sich selber. «Dieses
Modell des operativen Vorstands ist effizient, das gibt es
auch in der Privatwirtschaft», sagt Michael Brücker.
Den Einwand, dort übe aber ein Verwaltungsrat die Kontrolle
aus, lässt er nicht gelten: «Dafür haben wir
die von der Generalversammlung gewählte Geschäftsprüfungskommission.»
Stimmt aber das ist ein zahnloses Gremium; einzelne
Mitglieder beziehen selber Geld von Exit und profitieren damit
von diesem Regime.
Prall gefüllte Kassen
Dass die Exit-Spitze weiterhin derart viel Geld ausgeben kann,
hat sie gefüllten Kassen zu verdanken. Jährlich
zahlen die 50000 Mitglieder mindestens 25 Franken, dazu kommen
Spenden in sechsstelliger Höhe. Und gleichwohl weist
die Rechnung 1999 nur einen mageren Gewinn von 527 Franken
sowie ein Vermögen von knapp 150000 Franken aus.
Ein genauer Blick zeigt: Millionenbeträge sind versteckt,
um die Steuerbelastung tief zu halten. Mehr als drei Millionen
Franken figurieren als «Rückstellung lebenslange
Beiträge». Wer einmal 400 Franken einzahlt, bleibt
bis zum Tod Mitglied. 80 Prozent dieser Erträge werden
als Rückstellung deklariert. Lediglich die Zinsen fliessen
in die laufende Rechnung; die drei Millionen Franken sind
verkapptes Vermögen.
Daneben gibt es einen Baufonds und einen Bettenfonds mit zusammen
fast einer halben Million Franken, obwohl niemand bei Exit
mehr ernsthaft daran denkt, ein Sterbehaus zu eröffnen.
Zudem wäre wenn schon die zu Exit gehörende
Hospiz-Stiftung zuständig. Weshalb das Geld in der Vereinsrechnung
auftaucht, darauf weiss die Exit-Spitze keine Antwort.
Eine Erbschaft über mehr als eine halbe Million wurde
kurzerhand auf neue Fonds verteilt: je 260000 Franken für
«Werbung neue Mitglieder» sowie für «Weiterbildung
Freitodbegleiter»; dafür wurden im letzten Jahr
nicht einmal 28000 Franken ausgegeben. Insgesamt hat Exit
über fünf Millionen Franken auf der hohen Kante.
Dazu kommen weitere 3,6 Millionen, die bei der Stiftung für
schweizerische Exit-Hospize lagern. Seit der ursprüngliche
Zweck mit der Schliessung des Sterbehospizes in Burgdorf (aus
finanziellen Gründen) definitiv beerdigt wurde, steht
die Stiftung heute ziemlich orientierungslos da. Zwar wurde
der Zweckartikel gezwungenermassen erweitert: Neuerdings fällt
auch die Förderung schmerzlindernder Medizin darunter.
Letztes Jahr wurden aber zum Beispiel für die mit grossem
Pomp gefeierte Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Patientenorganisation
für eine Beratungsstelle gerade mal 80000 Franken ausgegeben
wenig verglichen mit den Millionen, die unangetastet
und nutzlos auf der Bank schlummern.
Der Vorstand muss abspecken
Mehr noch: Der Exit-Verein überwies seiner Hospiz-Stiftung
sogar noch 1999 eine sechsstellige Summe als «Zuwendung»,
obwohl unklar ist, wofür das Geld je ausgegeben werden
kann; im Gegensatz zum Verein ist die Stiftung steuerbefreit.
Wegen Verdachts auf ungetreue Geschäftsführung ist
derzeit beim Amt für Gemeinden und berufliche Vorsorge
des Kantons Zürich eine Anzeige gegen die Hospiz-Stiftung
hängig; Resultate allerdings sind bis jetzt noch keine
bekannt.
Die Merkwürdigkeiten der Rechnungsführung haben
einen Namen: Jacques Schaer. Im Stiftungsrat der Exit-Hospiz-Stiftung
führt er die wohlklingende Bezeichnung «Quästor».
Das ist laut Fremdwörterduden der schweizerische Begriff
für den Kassenwart eines Vereins, tönt aber besser.
Weniger gut klingt, dass Schaer zwar eine kaufmännische
Ausbildung, aber keinen Abschluss als Buchhalter in der Tasche
hat. Jacques Schaer betreute die Exit-Buchhaltung bereits als Angestellter des Wohn- und
Bürozentrums für Körperbehinderte (WBZ) in
Reinach BL. Nach seiner Frühpensionierung 1997 erschlich
er sich den Exit-Auftrag und kassiert seither doppelt
so viel wie zu seinen WBZ-Zeiten.
Ob dieser Missstände verwundert es kaum, dass die Freitodbegleiter
frustriert sind. Knapp ein Dutzend von ihnen gibt es, sie
arbeiten ehrenamtlich, müssen sogar kämpfen, dass
ihnen das Halbtaxabo oder andere Spesen bezahlt werden. «Wir
sind die Einzigen bei Exit, die noch gratis arbeiten»,
sagt einer von ihnen. Eine Helferin meint klipp und klar:
«Oben wird mit der grossen Kelle angerichtet, und wir
werden im Stich gelassen.» Obwohl Geld vorhanden wäre,
wird bei der Weiterbildung geknausert. Doch wer aufmuckt,
muss mit Konsequenzen rechnen: Der Exit-Vorstand diskutierte
vor zwei Wochen darüber, eine der «aufständischen»
Freitodbegleiterinnen kurzerhand aus dem Verein auszuschliessen.
Noch brodelt es in der Gerüchteküche, noch schwelt
der Konflikt vorwiegend unter der Oberfläche doch
am 19. Mai wird er offen ausbrechen: An der Generalversammlung
muss der Vorstand statutengemäss von bisher elf auf neu
fünf bis sieben Mitglieder verkleinert werden. Geht es
nach der Exit-Spitze, so müssen die nicht vom Geldsegen
profitierenden Vorstandsmitglieder zurücktreten, während
die bezahlte Führungscrew am Ruder bleibt.
Rund um den Brienzer Unternehmer Heinz Egli stellt sich aber
ein Fünferteam als Kampfkandidaten zur Wahl. Der Vorteil:
Das Quintett liess durchsickern, dass es den Begriff «Ehrenamtlichkeit»
wieder beim Wort nehmen will. Der Nachteil: Die Leute sind
in Sterbehelferkreisen praktisch unbekannt, zum Teil sogar
erst seit wenigen Monaten Exit-Mitglieder.
Hüben wie drüben wird mit harten Bandagen gekämpft.
Aus dem Lager der Aufständischen kommen anonyme Faxschreiben
mit groben Vorwürfen. Der Vorstand wiederum sperrt die
Aufmüpfigen vor die Tür und preist im internen Infobulletin
seitenlang seine Verdienste.
Viele Exit-Mitglieder mögen dem Treiben schon lange nicht
mehr zuschauen. Scharenweise geben sie den Austritt. Vor drei
Jahren lag die Mitgliederzahl noch bei 63000; in diesen Tagen
dürfte die 50000er-Marke unterschritten werden.
Eine Arbeitsgruppe sollte den Mitgliederschwund stoppen
ohne Erfolg. Nach sieben halbtägigen Sitzungen
resultierte ein magerer Fragebogen, und nur gerade drei Prozent
der Mitglieder machten bei der Umfrage mit. Klarer äusserte
sich die Basis erst, als sie nicht auf banale Fragen antworten
sollte: «Weniger Skandale, Querelen und finanzielle
Horrorstorys vom Vorstand» wurden etwa gefordert. Um
das ramponierte Image aufzupolieren, will jetzt der Vorstand
den früheren Radiodirektor Andreas Blum als Kommunikationsprofi
in die eigenen Reihen hieven.
Die neue Affäre schreibt ein weiteres unrühmliches
Kapitel in der Geschichte von Exit. Nach der Gründung
1982 kam es schon bald zu internen Machtkämpfen. Erstes
Opfer: Pfarrer Rolf Sigg; als Nächster musste der Arzt
Meinrad Schär über die Klinge springen. An der tumultartigen Generalversammlung
im Mai 1998 wurden der damalige Geschäftsführer
und der Vizepräsident abgesetzt. Ein Jahr später
trat der neue Präsident unter Protest zurück; er hatte genug vom «Schmierentheater». Wie sagte
doch ein Mitglied: «Es ist manchmal peinlich, bei Exit
dabei zu sein.»
© Beobachter Ausgabe 6 vom 16. Mär 2001 - Alle Rechte vorbehalten













