Streitgespräch «Die 68er führen sich auf wie Kerkermeister»

Für den einen ist 1968 die Wurzel allen Übels, für den andern ein kreativer Aufbruch: Christoph Mörgeli (SVP) und Daniel Vischer (Grüne) kreuzen die Klingen.

Beobachter: Herr Mörgeli, unlängst haben Sie die 68er für die «verheerenden Tendenzen unserer Zeit» verantwortlich gemacht. Könnten Sie etwas konkreter werden?
Mörgeli: Die 68er Bewegung ist für viele Fehlentwicklungen verantwortlich. Sie war antimarktwirtschaftlich, antidemokratisch, antiwestlich und antizionistisch. Ein zerstörerisches Gebräu. Ausserdem war sie gewalttätig und teilweise terroristisch.
Vischer: Gewaltexzesse gab es oft nicht zuletzt, weil sich die Polizei bei den Demos sehr aggressiv verhalten hat. Insgesamt war die 68er Bewegung aber keine Chaotenbewegung, wie Sie das unterstellen. Nur eines stimmt: Die Bewegung hat die Gesellschaft so grundlegend verändert, wie es die SVP selbst gerne täte, aber bis jetzt zum Glück nicht geschafft hat.
Mörgeli: Die Wirkung der 68er ist verheerend. Im Bildungswesen etwa haben die 68er ihre eigene Faulheit zum Programm erhoben. Das Resultat: Leistungsverweigerung, Vernachlässigung von Tugenden wie Fleiss, Zuverlässigkeit oder Disziplin. Die Notengebung ist halt mühsam durchzusetzen, ebenso wie die Disziplin. Heute erleben die Lehrer ihre einstigen Gesellschaftsentwürfe in den Schulzimmern - nicht zu ihrer Freude.
Vischer: Ich weiss nicht, ob die 68er Professoren fauler oder schlechter sind als Professor Mörgeli. Die Bewegung wollte aufräumen mit den tatzen- und ohrfeigenschwingenden Lehrern. Dass sie Gewalt als Erziehungsmittel verpönte, erachte ich noch heute als eine der grossen Leistungen von damals. Und ich bestreite, dass die 68er nicht leistungswillig waren. Dagegen spricht ja schon der Leistungsausweis vieler 68er. Das Problem der heutigen Schule ist doch nicht generell mangelnde Disziplin!

Beobachter: Möchten Sie wieder den Lehrer mit dem Rohrstock, Herr Mörgeli?
Mörgeli: Nein, Gewalt ist immer falsch, ob sie von Lehrern, Schülern oder Demonstranten ausgeht. Die Schule war auch früher keine Schlägerinstitution. Mein Vater war Lehrer. Und obendrein noch Oberturner, Chordirigent und Bataillonskommandant...
Vischer: Das ist es ja, was ich meine, die Armee als Vorbild für das Klassenzimmer!
Mörgeli: So schlecht war das gar nicht. Die Lehrer förderten die Starken, bemühten sich aber auch um die Schwachen.

Beobachter: Eine kleine Lockerungsübung, bevor Sie sich ganz verkeilen. Sagen Sie uns doch je kurz, was Ihnen zu folgenden Stichworten einfällt.
Rolling Stones...
Mörgeli: Für mich keine entspannende Musik.
Vischer: Bis heute die Lieblingsband meiner Frau. Ich bin eher Beatles-Fan.

Beobachter:Marx...
Mörgeli: Ein Wirtschaftstheoretiker, dessen therapeutische Rezepte man genauso wenig ernst nehmen darf wie die Aderlass-Empfehlung eines Mediziners aus dem 19. Jahrhundert.
Vischer: Einer der grossen, noch heute lesenswerten Theoretiker des 19. Jahrhunderts. Aber einer neben andern, zum Beispiel Nietzsche.

Beobachter: Konkubinatsverbot...
Mörgeli: Das war zweifellos Teil einer etwas verstaubten Polizischt-Wäckerli-Schweiz.
Vischer: Zum Glück wurde es endlich aufgehoben.

Beobachter: Woodstock...
Mörgeli: Ich hätte Elvis vorgezogen.
Vischer: Eines der Highlights der damaligen Zeit.

Beobachter: In einem haben die 68er versagt: Sie haben es nicht geschafft, allen Schülern gleiche Chancen zu verschaffen. Ein Unterschichtskind hat heute immer noch oder wieder weit geringere Chancen, ein Gymnasium, geschweige denn eine Uni von innen zu sehen, als ein Akademikerkind.

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Christoph Mörgeli war 1968 acht Jahre alt. Er erinnert sich noch gut an einen Streit seiner Eltern anlässlich des Globus-Krawalls in Zürich. Später am Gymnasium und an der Universität fühlte er sich von 68ern umzingelt. Heute ist er Professor für Medizingeschichte, Vordenker der SVP und Zürcher Nationalrat.

Mörgeli: Das stimmt doppelt nicht. Die Chancengleichheit gibts - und das ist nicht das Verdienst der 68er. Unsere Volksschule hat es geschafft, alle Kinder zur Kletterstange hinzuführen. Aber klettern muss dann jedes selber. Auch das Arbeiterkind kann ans Gymi, wenn es die Leistung erbringt.
Vischer: Das bestreite ich. Natürlich gibt und gab es immer Ausnahmen, und sicher hat eine Öffnung stattgefunden für den Mittelstand. Aber wir haben heute eine Stagnation, eine neue Diskriminierung, die vor allem Ausländerkinder betrifft. Es stört mich, dass Sie die tatsächlichen Probleme in der Schule als Problem einer «Kuschelpädagogik» darstellen, die auf die 68er zurückgehe. Wir wollten die Fähigkeiten des Einzelnen fördern und, wie vorhin erwähnt, die Chancengleichheit erhöhen. Das Problem seit den neunziger Jahren ist ein zu sehr wirtschaftsorientiertes Effizienzdenken.
Mörgeli: Das Motto der 68er war: «Ich! - Alles! - Sofort!» Das ist der Grund für die Anspruchsmentalität, die heute unseren Staat überfordert. Sogar das schamlose Abzocken der Manager in den Chefetagen ist voll im Geist der 68er...
Vischer: Halt. Das ist das Resultat des kalvinistisch-neoliberalen Geistes, den Sie und Unternehmer Christoph Blocher ständig beschwören.
Mörgeli: Noch verheerender ist die Wissenschaftsfeindlichkeit der 68er. Sie vernachlässigten die Naturwissenschaften, weil sich diese Fächer nicht ideologisch aufpeppen lassen. Das Resultat: Heute fehlt es an Ingenieuren, Physikern, Chemikern und so weiter. Der ganze Kampf gegen Gentechnik und Atomkraftwerke entspringt dem Höhlenbewohner-Weltbild der Linken.
Vischer: Ich kann nur den Kopf schütteln. Gegen AKWs sein heisst doch nicht, technologiefeindlich zu sein. Da unterschätzen Sie uns, Herr Mörgeli. Man müsste mal schauen, ob Ihre theoretischen Ansätze als Medizinhistoriker so wahnsinnig auf der Höhe des modernen wissenschaftlichen Diskurses sind.

Beobachter: Wenn man Ihnen zuhört, Herr Mörgeli, müssen die 68er ja wahnsinnig erfolgreich gewesen sein. Überschätzen Sie sie nicht ein bisschen?
Mörgeli: Die Wirkung kann man gar nicht überschätzen. Das sehen Sie daran, dass der ausgeprägteste Anti-68er, Christoph Blocher, von 68ern abgewählt werden konnte. Es ist eindeutig, wer die Macht hat.
Vischer: Das ist Blödsinn. Seit wann sind CVPler und FDPler 68er?
Mörgeli: Der Kumbaya-Katholizismus ist reine 68er Bewegung.

Beobachter: Offensichtlich fühlen Sie sich, Herr Vischer, angegriffen als Teil dieser Gruppe, die damals die grosse 68er Party gefeiert hat. Warum denn?
Vischer: Ich identifiziere mich nicht pauschal mit der 68er Bewegung, weil es die als Einheit gar nicht gab. Es war eine vielfältige Bewegung. Ich kann nur für mich reden. Aber Herr Mörgeli macht einen Pauschalangriff. Ich wehre mich gegen
diese Pauschalabkanzelung, als sei 68 der Antichrist.
Mörgeli: Es ist eindeutig, dass den 68ern der Marsch durch die Institutionen gelungen ist, und zwar in Bildung, Medien, Kultur. Zu ihrem Programm gehörte, dass nichts privat sei. Alles ist öffentlich, ist politisch, auch das Privatleben, auch die Familie. Das hatte üble Folgen.

Beobachter: Die 68er haben selbst das Sexualverhalten für politisch erklärt. Wir zitieren nur den Spruch: «Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.» Wie hielten Sies denn damit, Herr Vischer?
Vischer: Ich lebte in diversen Wohngemeinschaften wie alle andern auch. Aber wenn man es nüchtern anschaut, muss man sagen, dieser Spruch hatte mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun, viel Mythos.
Mörgeli: Das Sexualverhalten ist Privatsache und soll es auch sein. Aber Privatsache waren früher auch Aufgaben, die heute immer mehr der Staat übernehmen muss: Kleinkinderbetreuung, Kindererziehung, Aufgabenhilfe, Mittagstische. Alles wird zur Staatssache erklärt. Und das hat mit den 68ern zu tun, mit diesem «Alles ist öffentlich und politisch».
Vischer: Diese Staatsfrage hat doch nichts mit 68 zu tun! Der bürgerliche Staat war im Gegenteil der Gegner der 68er. Herr Mörgeli tut so, als lebten wir in einem Staat mit einer linken Mehrheit; dabei werden wir immer noch bürgerlich regiert. Aber es gibt notwendige Errungenschaften, die über den Staat durchgesetzt werden konnten: die gute Gesundheitsversorgung zum Beispiel oder die ökologischen Rahmenbedingungen.
Mörgeli: Wegen der 68er ist der Staat zum scheinheiligen Moralapostel verkommen. Die als «Befreier» angetretenen 68er sind heute an der Macht und führen sich auf wie Kerkermeister: Sie unterbinden mit Maulkorbgesetzen die Meinungsäusserungsfreiheit. Das ist absurdes 68er Gedankengut.
Vischer: Ich war noch nie Anhänger des Staates als Moralinstanz!
Beobachter: Gibt es auch etwas, was an 68 positiv war?
Mörgeli: Ich kann nachvollziehen, dass das gesellschaftliche Klima der fünfziger und sechziger Jahre recht muffig war, was einen gewissen Aufbruch nötig machte. Aber dass die 68er gleichzeitig gute bürgerliche Tugenden wie Leistung, Heimat oder Familie als faschistisch erklärten, das kritisiere ich.
Vischer: Vielleicht hat man den Begriff «faschistisch» manchmal zu schnell hervorgeholt. Aber die 68er waren nicht einfach gegen Leistung.

Beobachter: Herr Mörgeli, anerkennen Sie die Aufhebung des Konkubinatsverbots als Leistung der 68er?
Mörgeli: Möglich, aber eine reine Emanzipationsbewegung war es nicht. Die sogenannte sexuelle Befreiung hiess doch im Klartext, dass die Frauen allzeit verfügbar sein mussten. Das machte den 68er Machos Spass.
Vischer: Einzelne 68er waren Machos, ja. Aber die 68er Bewegung, vor allem auch die Bewegung der Frauen, brachte eben auch den Anti-Macho-Diskurs hervor. Die neue Rolle der Frau ist sicher eine Errungenschaft von 68.
Mörgeli: Es spricht aber für sich, dass die Bewegung keine führenden Frauenfiguren hervorbrachte.
Vischer: Ach was! Und Simone de Beauvoir oder Alice Schwarzer, waren die nicht bedeutend?
Mörgeli: Gerade Beauvoirs Freund Sartre war machohaft und sie unterwürfig. Autoritäre Führerfiguren wie Lenin, Mao, Ho Chi Minh, Fidel Castro oder Che Guevara wurden angebetet.
Vischer: Ich betete niemanden an, hegte aber eine gewisse Bewunderung für Che Guevara. Der war ja das Gegenteil des autoritären Führers, der sich über den Staat an der Macht hält. Nur kurz Minister in Kuba, ist er dann in den Untergrund, den bolivianischen Busch gegangen.

Beobachter: Herr Vischer, braucht es heute ein neues 68?
Vischer: Aufbrüche und kreative Energien wie jene von 68 sind als Kontrapunkt zum Mainstream immer wieder nötig.

Beobachter: Herr Mörgeli, Sie träumen den Traum einer konservativen Revolution. Wie sähe das Land in 20 Jahren aus, wenn es nach Ihnen ginge?
Mörgeli: Wir würden wieder Grenzen setzen, sowohl im staatlichen Handeln wie im Strafrecht, wo die 68er jeden Verbrecher als therapierbar beurteilen und die Täter zu Opfern machen. Und wir würden die Leistungsbereitschaft fördern statt die Anspruchsmentalität, alles sofort und gratis zu wollen.

Autor:
  • Christoph Schilling
  •  und Dominique Strebel
Bild:
  • Dieter Seeger
23. Januar 2008, Beobachter 2/2008