Wirtschafts-Skandal
Wo sind die Millionen? (2. Teil)
Der Fall um die Treuhandfirma Hauser in Rorschach zieht weitere Kreise. Einer der Geschäftspartner des Ehepaars Hauser soll der Millionenbetrüger Joachim «Brabham» Lüthi gewesen sein.
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Der Beobachter deckte den Skandal in der letzten Ausgabe auf: Die Ostschweizer Treuhänderin Rita Hauser soll über 1000 Privatanleger um rund 60 Millionen Franken erleichtert haben. Die Staatsanwaltschaft St. Gallen fordert für die Hauptangeklagte zehn Jahre Zuchthaus wegen gewerbsmässigen Betrugs, mehrfacher Urkundenfälschung und Geldwäscherei. Mitangeklagt sind ihr Mann sowie zwei Angestellte der Treuhandfirma.
Der Beobachter berichtete in ungewöhnlicher Form über den Wirtschaftsskandal: Schwarze Balken deckten alle Namen und Gesichter der Beschuldigten ab. Hausers hatten in letzter Sekunde beim Bezirksgericht Zürich eine superprovisorische Verfügung gegen den Beobachter erwirkt, die eine Namensnennung verbietet (siehe Artikel zum Thema «Gerichtsbeschluss: Was der Beobachter in seiner letzten Ausgabe nicht drucken durfte»).
Um eine Veröffentlichung des Artikels zu verhindern, tischten die Angeklagten dem Bezirksrichter eine unglaubliche Geschichte auf: Anlageverluste von total 29 Millionen Dollar seien nicht missbräuchlich durch neue Anlegergelder gestopft worden, wie es der Beobachter behaupte, sondern durch eine grosszügige Gabe ausgeglichen worden.
Geschichte, «die zum Himmel stinkt»
Dazu soll ihnen «eine vermögende Bekannte» – die Millionärstochter Anne Underberg aus Rorschacherberg – 29 Millionen Dollar geschenkt haben. Underberg habe den Betrag in Bregenz dem Direktor der Allied Banking Corporation (ABC), einer Firma auf den Seychellen, übergeben – in bar. Dies sei «eine Lügengeschichte, die zum Himmel stinkt», halten Richter des Fürstlichen Obergerichts von Liechtenstein fest. Ihnen war die Geschenkversion bereits im Vorjahr im Prozess gegen einen Geschäftspartner Rita Hausers aufgetischt worden.
«Der angebliche Bankdirektor war in Wahrheit ein paraguayischer Bordellbesitzer», sagt Alfons Dür, Richter des Fürstlichen Obergerichts. Die Quittung für die Geldübergabe sei fingiert, und die Millionärstochter Underberg zum Zeitpunkt der angeblichen Geldübergabe nicht in Bregenz gewesen.
Hohe Geldbeträge gehörten für Rita Hauser zum Alltag. Sie nahm in der Firma Hauser Treuhand am Rorschacher Marktplatz von Anlegern Hunderttausende von Franken in bar entgegen, die sie angeblich in Fonds investierte. Das meiste Geld verschwand. Unter den geprellten Anlegern sind Menschen aller Schichten: Rechtsanwälte, Ärzte, Schreiner. Hauser behauptete gegenüber dem Beobachter, nicht sie, sondern ihre Geschäftspartner hätten das Geld veruntreut. Betrugsvorwürfe weist das Ehepaar Hauser als «absolut haltlos» zurück: «Weder wir noch unsere Firmen sind Vertragspartner der Anleger. Wir haben uns nicht bereichert.» In der Region Ostschweiz ist die 64-jährige Rita Hauser eine schillernde Person, die sich gern spendabel zeigt: Mal macht sie Geld locker für die Renovation einer Friedhofskapelle, mal für den Männerchor Helvetia oder die Polizeimusik St. Gallen. Fussballklubs tragen Hauser-Leibchen. Und Rita Hauser sitzt zudem im Vorstand des Gewerbevereins Rorschach – als Kassiererin.
Bereits Ende der achtziger Jahre tauchte sie im Umfeld von Abzockern auf, etwa dem als «Brabham-Lüthi» bekannt gewordenen Joachim Lüthi. Darauf deutet ein von Hauser und Lüthi unterzeichneter Treuhandvertrag hin, der dem Beobachter vorliegt. Lüthi wurde 1994 wegen schwerer Wirtschaftsdelikte zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt – er hatte über 1700 Gläubiger um rund 200 Millionen Franken geprellt.
Mutter, Vater – und Sohn Hauser
Es bestehe der Verdacht, dass Rita Hauser als Treuhänderin Anlegergelder an Lüthis Firma Kingside Establishment weitergeleitet hat, sagen die Untersuchungsbehörden. Als Lüthi ins Visier der Polizei geriet und in den USA untertauchte, habe die Constantia Investment AG die Anlegerkonti von Lüthi übernommen – insgesamt über sechs Millionen Dollar. Als Generalbevollmächtigte zuständig für die Verwaltung der Gelder: Rita Hauser.
Ihr Sohn Oliver Hauser ist nicht angeklagt. Laut der Staatsanwaltschaft St. Gallen laufen gegen ihn keine Ermittlungen. Untersuchungsakten zeigen jedoch, dass Hauser junior immer mal wieder dabei war, wenn seine Eltern Geschäftspartner trafen. Darauf angesprochen, streitet Oliver Hauser nicht ab, Kontakte zu Geschäftsleuten gehabt zu haben, die später zu mehreren Jahren Zuchthaus verurteilt wurden. Vorwürfe, an betrügerischen Geschäften teilgenommen zu haben, weist er zurück. Es laufe «eine Schmutzkampagne» gegen seine Familie. Man habe von den Geschäftspartnern «nur beste Adressen und Referenzen» gehabt.
Oliver Hauser kam bereits 1992 in Kontakt mit Georg Rist, einem Geschäftspartner und Vertrauten seiner Mutter. Rist war zu dieser Zeit wegen wiederholter Veruntreuung vorbestraft und musste später wegen Betrugs in 38 Fällen für sieben Jahre ins Zuchthaus. Hauser junior gewährte ihm laut Untersuchungsbehörden ein Darlehen in Höhe von einer halben Million D-Mark. Darauf angesprochen, sagt Hauser, er habe «keinen blassen Schimmer», wann er einen solchen Vertrag unterzeichnet haben soll.
Offen war bisher die Frage, wohin das viele Geld verschwand. Eine Spur führt nach Celerina im Bündnerland, wo Oliver und Rita Hauser 1994 eine Fünfeinhalbzimmerwohnung für den privaten Gebrauch kauften. Die Wohnung befindet sich neben dem Viersternehotel Cresta Palace. Kostenpunkt: über eine Million Franken. Es bestehe «der dringende Verdacht», dass rund 238000 Franken, die Rita Hauser für die Wohnung als Anzahlung hinblätterte, aus «mutmasslich betrügerischen Anlagegeschäften» stammten, hält die Anklagekammer des Kantons St. Gallen fest.
Als die Untersuchungsbehörden die Wohnung beschlagnahmten und eine Grundbuchsperre verfügten, legten Rita Hauser und Sohn Oliver Beschwerde ein – blitzten jedoch am 28. August 2002 vor der Anklagekammer St. Gallen ab. Seine Eltern hätten die Wohnung gekauft, nicht er, sagt Oliver Hauser dazu. «Es wurde alles von ihnen bezahlt.»
Betreibungen in Millionenhöhe
Oliver Hauser profiliert sich in der Politik. Er wurde letztes Jahr zum Präsidenten der FDP Rorschach gewählt. Zudem ist er Direktor der Ostschweizer Brauerei Löwengarten. Sein von der Staatsanwaltschaft St. Gallen angeklagter Vater Ernst Hauser hat in der Brauerei das Amt des Verwaltungsratspräsidenten inne.
Ernst Hauser sagt, er habe sich nichts zuschulden kommen lassen. «Deshalb sehe ich keinen Anlass, das Mandat bei der Brauerei niederzulegen.» Doch Ernst Hauser steht im Verdacht, mit veruntreuten Anlegergeldern Steuern bezahlt zu haben: Dies bestätigen Anwälte, die Einsicht in die Akten der Untersuchungsbehörden hatten. Zudem wurde Hauser senior mehrmals in den Büros von Eugen Heeb in Mauren (FL) gesehen, der in den Augen der Liechtensteiner Landespolizei «eine Drehscheibe krimineller Machenschaften» war. Eine Mitarbeiterin von Heeb bestätigt: «Ernst Hauser war mindestens dreimal zu mehrstündigen Besprechungen bei uns, zusammen mit seiner Frau.» Heeb wurde später wegen schweren gewerbsmässigen Betrugs zu neun Jahren Zuchthaus verurteilt.
Für die Treuhänderin Hauser war Eugen Heeb ein wichtiger Mann: Er habe für sie die Gründung der Firma Allied Banking Corporation (ABC) auf den Seychellen in die Wege geleitet, folgern die Richter, die Heeb später verurteilten. Hauser empfahl Anlegern, ihr Kapital der ABC überschreiben zu lassen, und unterbreitete ihnen «ein Spezialangebot»: eine Rendite von jährlich 36 Prozent. Viele liessen ihr Geld zur ABC transferieren – insgesamt rund 33 Millionen Dollar – und verloren letztlich alles.
Rita Hauser hatte den Anlegern geschrieben, die Sicherheit der Anlage sei gewährleistet, denn «ich kenne die Leute der ABC als in höchstem Masse vertrauenswürdig und kompetent». Bei der Bank handelte es sich aber um eine Briefkastenfirma mit einem Stammkapital von 20 Dollar. Darauf angesprochen, sagt Rita Hauser: «Es bestanden keinerlei Hinweise, dass die ABC-Bank keine seriöse Geschäftspartnerin ist.»
Die Richter, die Heeb verurteilten, kommen zum Schluss: Mit dem ABC-Deal habe Hauser einen Verlust vertuschen wollen, der beim Finanzdienstleister Merrill Lynch in Lugano entstanden war. Hauser habe dort Geld von Anlegern einbezahlt, teils auf Konti, die auf ihren Namen lauteten. Letztlich entstand ein Loch von 29 Millionen Dollar.
Viele Anleger traf dies hart. Etwa den Bauern Hugo Wermelinger (Name geändert) aus Freiburg im Breisgau. Wermelinger hatte Hauser seine gesamte Altersvorsorge übergeben sowie Geld, das er für seine Kinder zurückgestellt hatte. Als der 67-Jährige merkte, dass das Geld verloren war, hängte er sich auf. «Er ertrug wahrscheinlich die Schmach nicht, dieser Frau auf den Leim gegangen zu sein», sagen seine Angehörigen.
Gegen das Treuhänderpaar Ernst und Rita Hauser soll im Frühling 2005 der Prozess eröffnet werden. Die Akten füllen 400 Ordner, die vorgeworfenen Straftaten reichen bis ins Jahr 2003. Hausers selbst, gegen die Betreibungen in Höhe von rund zwei Millionen Franken vorliegen, wollen nichts von betrügerischen Machenschaften wissen.
Präzisierung
Die Firma Constantia in Baar legt Wert auf die Feststellung, dass sie mit der genannten Firma Constantia Investment AG aus Rorschach nichts zu tun hat.
© Beobachter Ausgabe 20 vom 30. Sep 2004 - Alle Rechte vorbehalten



