Finanzkrise
Kollektive Flucht in die Sicherheit
Vor dem Absturz erwarteten alle Anleger endlos steigende Börsenkurse. Nach dem Absturz verlangen alle mehr Sicherheit. Etwas mehr Selbstverantwortung tut not.
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Wundersames spielte sich vergangene Woche an der Zürcher Bahnhofstrasse ab. In den Grossbanken verlangten Kunden subito ihr Geld zurück - um es auf eine sicherere oder wenigstens sympathischere Bank zu transferieren. Etlichen dauerte eine ordentliche Überweisung zu lange. Sie verlangten Barauszahlung. Mit Zehn- oder gar Hunderttausenden Franken im Sack hasteten sie dann durch die Bahnhofstrasse, viele Richtung Kantonalbank. Der Unmut über schlechte Anlageberater war schlicht grösser als die Angst, im Getümmel beraubt zu werden. So viel zum Vertrauen in die Banken.
Schöggeli in der Schalterhalle
Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) - mit Staatsgarantie und zehn Milliarden Franken mehr Kundengeldern seit Anfang Jahr - musste ihr Schalterhallenregime wegen des grossen Andrangs spontan ändern. «Wir verteilten Schokoherzchen und Getränke, um die Wartezeit erträglicher zu machen», sagt ZKB-Sprecher Urs Ackermann. Gemeinsam lassen sich Verluste zweifellos etwas erträglicher gestalten und wird der Ausstieg aus der Börse wenigstens zum Event. Einige Kunden wollten schlicht einen Safe mieten, um dort grössere Summen sicher zu deponieren. Andere interessierten sich nur noch für Gold. Sie alle wurden gleich beim Betreten der Bank von Angestellten abgefangen und auf Barbeträge angesprochen: Kein Franken sollte schon in der Schalterhalle verlorengehen.
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Eigeninitiative statt Experten
Etwas mehr Eigenverantwortung für das Geld, das man Dritten überlässt, wäre wohl tatsächlich eine heilsame Erkenntnis aus der Finanzkrise. Denn selbst an der Börse hat Eigeninitiative nicht zwingend eine schlechtere Performance zur Folge: Dass sogar zufällig gefällte Investitionsentscheide besser abschneiden als Tipps von Bankexperten, haben Experimente gezeigt. So verglich der «Kassensturz» vor einigen Jahren die Performance von Titeln, die zwölfjährige Kinder beim Pfeilewerfen auswählten, mit Empfehlungen von Anlageprofis. Die Schüler schnitten besser ab. Knapp erfolgreicher waren Anlageberater immerhin in einem anderen Vergleich: Diesmal mussten ihre Tipps gegen eine von Schimpansen getroffene Auswahl bestehen.
Den Glauben an die Beeinflussbarkeit der Dinge haben die Schweizer noch nicht ganz verloren. So wird derzeit kein Geld vom Börsen- ins Lotteriegeschäft transferiert, wie einzelne Medien berichteten. Zwar steuert Swisslos auf einen Rekordgewinn zu. «Das hat aber mit den hohen Summen in den Jackpots zu tun, nicht mit der Finanzkrise», sagt Swisslos-Sprecher Willy Mesmer. Ein Zusammenhang zwischen Konjunktur und Spielverhalten werde immer wieder kolportiert - zu Unrecht: «Nach 20 Jahren Erfahrung weiss ich, dass der Spieltrieb sehr konjunkturresistent ist.»
© Beobachter Ausgabe 21 vom 15. Okt 2008 - Alle Rechte vorbehalten



