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Geldanlage

Schlechte Zeit für hohe Risiken

Text:
  • Marcel Weigele
Bild:
  • Thinkstock Kollektion
Ausgabe:
24/11

An den Finanzmärkten jagt eine Krise die andere. Das spüren neben Anlegern auch die Vorsorgewerke. Gibt es überhaupt noch Strategien, um sicher zu sparen?

Geldanlage: Schlechte Zeit für hohe Risiken

Die Altersvorsorge in der Schweiz ist gefährdeter denn je. Nicht nur AHV und Pensionskassen kämpfen mit Finanzierungsproblemen. Auch die private Vorsorge, die dritte Säule, leidet unter den Unsicherheiten an den Finanzmärkten. Zu Recht fragen sich viele Beitragszahler, was sie im Ruhestand von den Vorsorgewerken erwarten dürfen: ­lebenslanges Zwangssparen mit der Aussicht, immer weniger zu bekommen? Auch beim privaten Sparen gibt es für sichere Anlagen nur noch wenig Zins. Wer mit risikoreicheren An­lagen mehr wagt, wird seit Jahren mit Verlusten bestraft. Dennoch müssen wir weiter sparen, wenn wir uns nach der Pensionierung nicht markant einschränken wollen.

Dass man mit Aktien über eine längere Zeit mehr Rendite erzielt als mit Obligationen, stimmte für die letzten zehn Jahre nicht mehr. Wer damals in Bundesobligationen investierte, hat heute fast 30 Prozent mehr. Wer hingegen auf den Schweizer Aktienindex SMI setzte, verdiente nur die Hälfte davon. Und wer auf den weltweiten Aktienindex MSCI World wettete, verlor gar 15 Prozent.

Krisen gab es auch früher, doch meist haben sich die Märkte schnell erholt. «Märkte bewegen sich in langfris­tigen Zyklen, die oft mehrere Jahrzehnte umspannen können», sagt Joachim Klement, Chefstratege bei Wellershoff & Partners in Zürich. «Seit dem Anfang des letzten Jahrzehnts befinden wir uns in einer Phase, in der die kreditfinanzierten Exzesse der achtziger und neunziger Jahre abgebaut werden. In solchen Zeiten kommt es häufiger zu Krisen, und diese dauern oft auch länger. Aktien liefern dann auch über lange Zeiträume kaum Überrenditen», so Klement. Niemand weiss, wie es mit der Wirtschaft und den Aktienmärkten, den hochverschulde­ten Staaten, dem Zerfall der Währungen und den Zinsen weitergeht. Viele Experten wagen zwar Prognosen, doch sie müssen sie laufend revidieren, weil sich die Bedingungen nicht wie erwartet entwickeln.

Diese Unsicherheiten machen es fast unmöglich, sich auf eine Anlagestrategie festzulegen. Anleger haben enorme Verluste auf ihrem investierten Vermögen. Sie fragen sich, ob sie diese je wieder wettmachen. Bleiben sie in Aktien engagiert, riskieren sie, noch mehr zu verlieren. Verkaufen sie aber jetzt, um wenigstens den momentanen Stand zu sichern, holen sie das verlorene Kapital nie mehr herein. Denn die Alternative hiesse Sparkonto oder sichere Obligationen, und dort sind die Zinsen so tief, dass sie mit dem Ertrag kaum die Spesen decken oder durch die Inflation sogar weiter Geld verlieren. Im Übrigen geht das Gespenst Hyper­inflation um, seit die Nationalbank die Zinsen auf beinahe null Prozent gesenkt hat und den Markt mit Franken flutet, um die einheimische Wirtschaft und den serbelnden Euro zu stützen. Joachim Klement erwartet jedoch keine Hyper­inflation, «aber eine spürbar höhere Inflation als in den letzten zehn Jahren».

Kein sicherer Hafen in Sicht

Neben Aktien und Obligationen könnte man auch auf andere Anlagevehikel setzen. Rohstoffe wie etwa Gold oder weitere Edelmetalle eignen sich aber höchstens als Beimischung zu anderen Anlagen. Man sollte keinesfalls einen zu grossen Anteil seines Vermögens darin inves­tieren. Wer über fünf bis zehn Prozent des Kapitals in Gold anlegt, verlagert nur das Risiko. Gold ist mittlerweile so stark gestiegen, dass man jederzeit mit einer Korrektur rechnen muss.

Klumpenrisiken sollte man vermeiden – dies gilt für alle Anlagearten. Gold ist seit je in Krisen gefragt. Weil das Angebot knapp ist, steigt der Preis bei hoher Nachfrage an. Sobald Krisen ausgestanden sind, suchen die Investoren aber wieder andere Anlagemöglichkeiten und verkaufen ihre Bestände. Das grössere Angebot lässt dann den Preis purzeln. Auch sind die hohen Kurse von Rohstoffen teilweise durch Spekulation entstanden. Das macht diese Art von Anlagen ebenfalls anfällig für Kurskorrekturen.

Immobilien eignen sich für die Altersvor­sorge, aber auch nur bedingt. Eine Liegenschaft kaufen kann nur, wer das nötige Kleingeld zusammenhat. Eine solche Investition bindet viel Kapital, und wer es im Alter für den Lebens­unterhalt benötigt, muss das Eigenheim wieder verkaufen, um flüssig zu sein (siehe Artikel zum Thema «Wer in ­Immobilien investiert, muss Hausaufgaben ­machen»). Auch im Immobiliensektor warnen Experten vor einer Blase, die platzen könnte, sobald die Zinsen wieder ansteigen. Welchen Preis eine Immobilie in 20 Jahren erzielt, kann heute niemand vor­aussagen.

Kleinanleger haben die Möglichkeit, mit Immobilienfonds in diesem Bereich zu inves­tieren. Allerdings haben diese Fonds traditionell einen hohen Aufpreis gegenüber dem inneren Wert. Das sogenannte Agio beträgt wegen der hohen Nachfrage 20 bis 30 Prozent. Der Anleger zahlt für einen Fondsanteil also über einen Fünftel mehr, als die Liegenschaften darin eigentlich wert sind. Steigen die Zinsen stark an oder gibt es eine Immobilienkrise, löst sich dieser Teil in Luft auf, und der effektive Wert der Immobilien sinkt zusätzlich. Wer jetzt einsteigt, riskiert Verluste. Deshalb darf man auch hier nur einen kleinen Teil des Vermögens investieren.

Wie geht es weiter mit der AHV?

Auch an unseren Vorsorgewerken gehen die Krisen nicht spurlos vorbei. Bei der AHV schwankten die Kapitalerträge wegen der Wirren an den Finanzmärkten enorm. Und schon lange spricht man davon, dass sie wegen der ­Bevölkerungsentwicklung ein grundsätzliches Finanzierungsproblem haben werde: Immer weniger Beitragszahler kommen für immer mehr Rentenbezüger auf, die dank höherer Lebens­erwartung immer länger Renten beziehen. Umstritten ist, ab wann die AHV so nicht mehr finanzierbar sein wird. Dank der Personenfreizügigkeit konnten in den letzten Jahren viele neue Stellen geschaffen werden. So stiegen auch die Beitragszahlungen der Arbeitnehmer markant an. Das Problem ist damit jedoch einfach verschoben worden. Bislang gibt es keine mehrheitsfähige Lösung. Manche Politiker wollen die Leistungen verschlechtern, zum Beispiel durch ein höheres Rentenalter. Für andere stehen neue Geldquellen im Vordergrund. So soll eine neue Erbschafts- und Schenkungssteuer zu zwei Dritteln in die AHV fliessen.

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Tiefzinsen bei den Pensionskassen

Auch die berufliche Vorsorge steht auf wackligen Beinen. Betrug der Mindestzins für Pen­sionskassenguthaben von 1985 bis Ende 2002 vier Prozent, liegt er seither deutlich darunter. Derzeit erhalten Versicherte noch die Hälfte gutgeschrieben, ab 2012 gibt es gar nur noch 
1,5 Prozent Zins. Wegen der tieferen Rendite ­erzielen die Versicherten bis zur Pensionierung ein massiv tieferes Alterskapital und dadurch ­eine tiefere Rente. Seit 2006 sinkt auch noch 
der Umwandlungssatz im BVG. Mit diesem wird das vorhandene Alterskapital des Versicherten in die Altersrente umgerechnet. Je tiefer er ist, ­desto weniger Rente erhält man. Eine zweite Senkung des Umwandlungssatzes hat das Volk letztes Jahr abgelehnt. Mindestzins und Umwandlungssatz sind nur für den obligatorischen Teil des BVG gültig. Darunter fallen Jahreslöhne von derzeit maximal 83'520 Franken.

Für den überobligatorischen Teil können die Kassen tiefere Zinsen und Umwandlungssätze anwenden, was viele auch tun. Die Kassen, allen voran die in der beruflichen Vorsorge tätigen Versicherungen, fordern noch tiefere Sätze, weil sie seit Jahren Mühe haben, die erforderlichen Renditen zu erzielen. Sie leiden unter den Börsenschwankungen – Kassen dürfen bis zu 50 Prozent Aktien halten – und den tiefen Zinsen. Wegen Verlusten auf Kapitalanlagen weisen etliche autonome Kassen eine Unterdeckung auf. Saniert wird oft zulasten der Arbeitnehmer. Auch die berufliche Vorsorge leidet zudem darunter, dass die Rentenbezüger immer älter werden. Sie muss mit dem vorhandenen Alters­kapital länger Rente zahlen. Über mögliche ­Lösungen streiten sich auch hier die Politiker. Kritisiert wird von Gegnern eines weiteren Leistungsabbaus unter anderem, dass die Verwaltung der Vermögen der Versicherten Milliarden kostet, von denen die Finanzindustrie profitiert.

Früh beginnen und lange durchhalten

Die Probleme an den Finanzmärkten betreffen also uns alle. Auch wenn sie für viele Menschen in der Schweiz bislang noch keine direkten ­finanziellen Auswirkungen hatten: Irgendwann werden sie zu spüren sein. Was kann der Ein­zelne dagegen tun? Bei AHV und BVG haben Versicherte über Wahlen und Abstimmungen nur indirekt Einfluss. Die Renten der AHV und der beruflichen Vorsorge sollten im Ruhestand etwa 60 Prozent des bisherigen Einkommens betragen. Die Differenz zum Ausgabenbudget muss man selber decken können. Wer heute nichts auf die hohe Kante legt, kann später auch keine Lücken stopfen. Daher ist es wichtig, möglichst früh für die eigene Vorsorge zu sparen. Wem es finanziell möglich ist, Ersparnisse zu bilden, sollte seine Strategie sorgfältig festlegen.

Man muss sich für die Vorsorgeplanung ­genug Zeit nehmen. Es gibt viele Möglichkeiten, Rücklagen für den Ruhestand anzusparen. Wer sich nicht gern mit Geldanlagen auseinandersetzt, kann etwa Einkäufe in die Pensionskasse tätigen. Das empfiehlt sich aber nur, wenn man später die Rente beziehen will, wenn die Kasse solide finanziert ist und die Leistungen auch im Überobligatorium attraktiv sind.

Wer selber sparen will, kann dies in der gebundenen oder der freien Vorsorge tun. Fürs Alter sehr geeignet ist die gebundene Säule 3a. Sie ist erwerbstätigen Personen vorbehalten. Die Beiträge sind limitiert, dafür kann man sie von der Steuer absetzen. Dies ergibt einen Renditevorteil gegenüber der freien Vorsorge mit allen anderen Spar- und Anlagemöglichkeiten.

Das beste Rezept heisst diversifizieren

Einfacher sparen lässt sich, wenn man sich Sparziele setzt. Man überlegt, wann man wie viel Kapital braucht, und spart darauf. Welche Sparform man wählt, ist individuell. Ob Sparkonto, Fondssparplan oder andere Wertpapiere, das hängt von der Sparzeit, dem zur Verfügung stehenden Betrag und nicht zuletzt von der ­persönlichen Risikoneigung ab. Die meisten ­benötigen dafür eine Beratung durch eine ­Fachperson. Doch aufgepasst: Wer sich allein auf die Berater verlässt und deren Vorschläge nicht kritisch hinterfragt, wird möglicherweise enttäuscht. Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er für das Ersparte grosse Sicherheit will und dafür eine tiefe Rendite in Kauf nimmt. Wer langfristig mehr Ertrag will, muss bereit sein, ­Risiken einzugehen. Ausserdem ist es wichtig, die Anlageinstrumente zu verstehen.

Die unsicheren Aussichten machen den ­Anlageentscheid schwierig. Immer noch das 
am besten bewährte Rezept ist, konsequent zu ­diversifizieren. Das heisst, das Vermögen und damit das Risiko möglichst breit auf viele An­lagen zu verteilen. Wie sich zeigte, gibt es keine Garantie, dass man mit höheren Risiken besser fährt. Wichtig ist eine kritische Beurteilung der eigenen Risikofähigkeit und -bereitschaft. Viele Anleger haben sich bisher falsch eingeschätzt. Sie mussten teils hohe Verluste hinnehmen, weil sie zu waghalsig waren. «Bei Geld­anlagen sollte man sich nie von kurzfristigen Ent­wicklungen oder Trends an den Finanz­märkten leiten lassen», sagt Giulio Vitarelli, Geldexperte beim VZ Vermögenszentrum. «Auch Gier und Panik sind schlechte Ratgeber.» Teilweise liegen auch Beratungsfehler vor, doch sind diese meist kaum zu beweisen. Daher sollten Anleger konsequent Beratungsprotokolle verlangen oder selbst erstellen. Damit steigen die Chancen, im Streitfall recht zu bekommen.

Weitere Infos

Anlagen im Vergleich (PDF, 45 kb) wie sich 10'000 Franken je nach Anlageform in den letzten
20 Jahren entwickelt haben
Checkliste für Beratungsprotokolle (für Beobachter-Mitglieder)

© Beobachter Ausgabe 24 vom 23. Nov 2011 - Alle Rechte vorbehalten

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