Schuldensanierung «Unsere Verfahren sind nur auf Firmen zugeschnitten»

Mario Roncoroni, Geschäftsleiter der Berner Schuldenberatung

Wer privat Schulden hat, steht schlechter da als mit einer konkursiten Firma. Das muss sich ändern, fordert Mario Roncoroni von der Berner Schuldenberatung.

Beobachter: Haben nur Leute Schulden, die nicht mit Geld umgehen können?
Mario Roncoroni: Nicht nur. Es sind meist Menschen, die schon länger am Limit leben. Das Budget geht knapp auf. Dann passiert etwas – ein Stellenverlust, eine Scheidung. Das bringt das Budget dann total aus dem Gleichgewicht. Ohne fremde Hilfe lässt sich die Balance kaum wiederherstellen.

Beobachter: Wie lange dauert es im Schnitt, bis Ihre Klienten die Schulden los sind?
Roncoroni: Eine Schuldensanierung dauert in der Regel drei Jahre. In dieser Zeit muss der Schuldner alles abgeben, was über seinem Existenzminimum liegt. Wir suchen mit den Gläubigern eine Lösung, in der sie auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Wie viel, hängt von Lohnhöhe und persönlichen Umständen des Klienten ab.

Beobachter: Ist bei allen eine Sanierung möglich?
Roncoroni: Nein, nur bei etwa einem Fünftel aller, die sich bei uns melden. Bei den meisten sind die Schulden zu hoch und das Einkommen zu tief. Diese Leute können wir nur beraten, wie sie mit ihren Schulden leben können. Selbstverständlich prüfen wir jeweils, ob ein Konkurs sinnvoll ist. Der Vorteil beim Konkurs ist, dass die Lohnpfändungen wegfallen und der Klient wieder mehr Luft im Budget hat. Die Verschuldensspirale dreht dann nicht weiter. Bei Leuten mit sehr tiefen Einkommen bringt aber auch ein Privatkonkurs nichts.

Beobachter: Nach einem Konkurs können Firmen munter ­weitergeschäften. Private dagegen werden ihre Schulden auch dann nicht los. Ist das fair?
Roncoroni: Nein. Mit der Besserstellung der Firmen wollte der Gesetzgeber vermutlich die Wirtschaft ankurbeln. Ein Unternehmer sollte möglichst rasch wieder von vorne anfangen können. Bei den Privaten hat möglicherweise die Moral eine Rolle gespielt. Private haben keine Schulden zu machen; wenn sie es doch tun, sollen sie diese gefälligst zurückzahlen. Zu sagen ist allerdings, dass Konsumenten erst seit etwa 25 Jahren ernsthaft auf Pump leben. Zuvor war Verschuldung kaum ein Thema. Man hat tugendhaft gespart und nur ausgegeben, was man auch hatte.

Anzeige:

Beobachter: In Deutschland, England und Frankreich muss ein Schuldner nach einem Privatkonkurs ein paar Jahre untendurch. Dann ist er schuldenfrei und kann von vorn anfangen. Ist das nicht besser?
Roncoroni: Das wäre bestimmt auch für die Schweiz vernünftig. Der Schuldner zahlt während einer bestimmten Zeit monatlich einen vom Gericht bestimmten Betrag ab, danach werden ihm die restlichen Schulden erlassen. Allerdings finde ich die sechsjährige Sanierungsfrist in Deutschland eindeutig zu lang.

Beobachter: Was ist bei uns besonders stossend?
Roncoroni: Ich ärgere mich immer, wenn sich einzelne Gläubiger querlegen und damit eine Sanierung verhindern. Damit ist niemandem gedient. Es wäre sinnvoll, dem Richter hier mehr Kompetenz zu geben. Zudem müsste unser Verfahren auf Konsumenten angepasst werden. Nach heutiger Gesetzeslage muss bei Privaten eine Gläubigerversammlung durchgeführt werden wie bei einer Firma. Dabei kommt kaum je ein Gläubiger an eine solche Versammlung. Unsere Verfahren sind einfach nicht auf Privatpersonen, sondern auf Firmen zugeschnitten.

Beobachter: Dann wären mit einem neuen Konkursverfahren alle Probleme bei der Schuldensanierung gelöst?
Roncoroni: Leider nein. Ein grosses Problem in der Schweiz sind die hohen Ausgaben für ­Steuern und Krankenkassen, besonders für Menschen mit kleinem Budget. Deshalb plädiere ich dafür, dass man die Steuern direkt vom Lohn abziehen soll. So lässt sich verhin­dern, dass Steuerschulden entstehen. Das bringt allerdings nur etwas, wenn bei kleinen Einkommen die Steuerbelastung sinken würde. Bei den Krankenkassen sind die Kopfprämien unverhältnismässig hoch.

Informationen für Betroffene und Fachleute: www.schuldeninfo.ch

Text:
  • Michael Krampf
  •  und Gabriela Baumgartner
Bild:
  • Thinkstock Kollektion
12. Oktober 2011, Beobachter 21/2011