aktualisiert am 15. Nov 2011 11:32Alkohol
Allerlei Schnapsideen
- Text:
- Vera Sohmer
- Bild:
- Jupiterimages Stock-Kollektion
Wer fettig isst, kann länger trinken, Glühwein wärmt, ein «Chrüter» hilft bei der Verdauung. Über Alkohol existieren viele Stammtischweisheiten, von denen die meisten schlicht falsch sind. Zehn ernüchternde Wahrheiten von Fachleuten.
Schnaps hilft bei der Verdauung
Falsch. Eine verdauungsfördernde Wirkung hat Alkohol grundsätzlich nicht. Im Gegenteil: «Essen wird eher langsamer verdaut», sagt Marion Wäfler von der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung. Schliesslich ist der Körper damit beschäftigt, den Alkohol zu verarbeiten, und das verzögert Stoffwechselprozesse wie den Fettabbau. Viele der hochprozentigen «Verdauungshelfer» enthalten zwar Kräuterzusätze, durch die mehr Verdauungssäfte produziert werden. Statt Kräuterschnaps kann man aber auch Kräutertee trinken.
Wenn ich viel und fettig esse, kann ich mehr Alkohol trinken
Falsch. Eine üppige Mahlzeit bewirkt lediglich, dass Alkohol nicht so rasch ins Blut gelangt und man nicht so schnell betrunken wird. Das heisst aber nicht, dass man insgesamt mehr Alkohol verträgt.
Süsse und prickelnde Alkoholika machen schneller betrunken
Richtig. Zucker und Kohlensäure befördern den Alkohol schneller ins Blut. Tückisch: Süsse Getränke wie die bei Jugendlichen angesagten Alkopops sind süffig und schmecken nicht so bitter wie Bier. «Das Risiko besteht, mehr und schneller zu trinken», warnt Monique Helfer von der Schweizerischen Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme.
Alkohol wärmt
Falsch. Durch Alkohol erweitern sich die Blutgefässe unter der Haut, was ein trügerisches Wärmegefühl vermittelt. Die Wärme wird jedoch über die Haut schneller an die Umgebung abgegeben. Dadurch sinkt die Körpertemperatur, und zwar um ein halbes Grad pro 50 Gramm Alkohol. Das entspricht etwa einer halben Flasche Wein. Skifahrer aufgepasst: Sich mit Glühwein oder «Kaffee Schnaps» aufwärmen zu wollen ist ein Trugschluss - und alkoholisiert gehört man sowieso nicht auf die Piste.
Eine Runde joggen oder tanzen, dann schwitzt man den Alkohol raus
Falsch. Nur ein winziger Teil des Alkohols wird über Haut, Lunge und Niere ausgeschieden. 90 bis 95 Prozent des Abbaus übernimmt die Leber, und die lässt sich Zeit: Sie schafft pro Stunde 0,15 Promille. Diesen Prozess zu beschleunigen oder zu beeinflussen ist unmöglich. Es hilft also weder Bewegung noch eine kalte Dusche. Auch der doppelte Espresso oder das Nickerchen nützen nichts. Zwar kann es sein, dass man sich wacher fühlt, nüchterner oder gar fahrtüchtig ist man deshalb aber noch lange nicht. Vorsicht: Sogar nach dem Alkoholabbau kann die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigt bleiben. Sich am Tag danach also besser nicht ans Steuer setzen.
Wein ist gut für den Schlaf
Jein: Tatsächlich fanden Wissenschaftler geringe Mengen des Schlafhormons Melatonin in Weinsorten. «Der Befund würde erklären, warum so viele Menschen nach Rotwein schläfrig werden», sagt Marion Wäfler. Sie wie auch Monique Helfer raten von Wein und anderen Alkoholika als Schlafmittel jedoch ab. Alkohol erleichtert zwar das Einschlafen, der Schlaf wird aber oberflächlicher. Man fühlt sich am nächsten Morgen unausgeruhter. Schlafprobleme deshalb nie mit Alkohol bekämpfen, zumal man damit riskiert, süchtig zu werden.
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Rotwein schützt vor Herz-Kreislauf-Krankheiten
Jein. Es gibt tatsächlich Hinweise darauf, dass ein Gläschen Rotwein am Tag einen herzschützenden Effekt haben kann, vor allem ab dem 45. Lebensjahr. «Das heisst aber keinesfalls, dass abstinente Personen aus gesundheitlichen Gründen Alkohol trinken sollten», sagt Monique Helfer. Wer gesund bleiben will, braucht keinen Alkohol. Für den Rotweinliebhaber gilt: Immer schön Mass halten, denn wer zu viel trinkt, erhöht das Risiko für Herzprobleme und für Krebs. Aufpassen müssen vor allem Frauen (siehe «Alkoholkonsum: Die Menge macht das Gift»).
Frauen vertragen weniger als Männer
Stimmt. Frauenkörper bestehen aus mehr Fett und weniger Wasser als Männerkörper. Alkohol löst sich in Wasser jedoch besser als in Fett. Trinken Frauen die gleiche Menge wie Männer, bleibt ihr Alkoholspiegel im Blut höher. Hinzu kommt, dass der Stoffwechsel von Frauen Alkohol schlechter verarbeitet.
Schwangere und stillende Frauen dürfen sich ab und an durchaus ein Gläschen Wein genehmigen
Besser nicht. Alkohol gelangt über die Nabelschnur in den Blutkreislauf des ungeborenen Kindes und wird beim Stillen vom Baby über die Muttermilch aufgenommen. Beides kann der Entwicklung des Kindes schaden.
Wer trinkt, schnarcht
Stimmt. Alkohol entspannt in der Tat die Muskeln im Gaumenbereich. Deshalb beginnen viele Menschen in der Nacht zu schnarchen, wenn sie am Abend viel getrunken haben.
Alkoholkonsum: Die Menge macht das Gift
Alkohol ist unbedenklich - wenn man massvoll damit umgeht. Männern wird empfohlen, nicht mehr als 20 Gramm Alkohol am Tag zu konsumieren, das entspricht 2,5 Deziliter Wein, fünf Deziliter Bier oder zwei Deziliter Champagner. Frauen vertragen erheblich weniger, nämlich etwa halb so viel wie die Männer. Frauen, die regelmässig mehr als zehn Gramm Alkohol pro Tag trinken, haben ein erhöhtes Risiko, an Brust- oder Dickdarmkrebs zu erkranken oder einen Schlaganfall zu bekommen.
Wichtig für Männer wie für Frauen:
- Legen Sie zwischendurch immer wieder alkoholfreie Tage ein.
- Trinken Sie Alkohol nicht auf leeren Magen, das macht in Rekordzeit betrunken. Essen Sie etwas dazu, am besten eine richtige Mahlzeit, keine Knabbereien wie Chips oder Cracker. Sie liefern unnötiges Fett und machen durstig.
- Wer Gewichtsprobleme hat, sollte weniger oder gar keinen Alkohol trinken. Er liefert viele Kalorien und hemmt den Fettabbau. Für jemanden, der zu viel auf der Hüfte hat, ist die Kombination von fettigem Essen und Alkohol also besonders schlecht.
- Neigen Sie dazu, in geselligen Runden über die Stränge zu schlagen? Bestimmen Sie vorher, wie viele Gläser Sie trinken wollen, und halten Sie sich daran. Ein Standardglas entspricht drei Deziliter Normalbier oder einem Deziliter Wein. Machen Sie nicht mit, wenn Runden bestellt werden, oder weichen Sie auf alkoholfreie Getränke aus. Sagen Sie stopp, wenn es genug ist - gute Freunde respektieren ein «Nein, danke». Lassen Sie sich nicht vom Trinktempo anderer anstecken. Trinken Sie langsam und mit Genuss, am besten nur ein Glas pro Stunde. Bei ausufernden Tafelrunden empfiehlt sich zwischendurch Alkoholfreies, und zum Wein gehört immer Wasser.
- Ernüchternde Erkenntnis: Vergessen Sie Alka-Seltzer, Bouillon, Tomatensaft oder das rohe Ei. Ein wirksames Anti-Kater-Rezept gibt es nicht, hält die Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme fest. Der beste Tipp gegen den Brummschädel und das flaue Magengefühl am Morgen danach lautet also: vorher überlegen und den Alkohol mit Mass geniessen.
Beratung
- Schweizerische Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme: www.sfa-ispa.ch
- Schweizerische Gesellschaft für Ernährung: www.sge-ssn.ch
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Alkohol
Die Grenze zwischen Genuss und Sucht – nüchtern betrachtet.