Krankentaggeld Viel Unwissen und Fallstricke

Krankentaggeld
Es reicht nicht, nur die Höhe von Prämien und Taggeld anzusehen – zu beachten sind darüber hinaus zahlreiche andere Faktoren. Das gilt sowohl für Arbeitnehmer wie auch für Arbeitgeber.

«Die Schweizer – eine Nation von rundum Versicherten», so lautet das Klischee. Bei der Deckung von krankheitsbedingtem Lohnausfall ist es damit aber nicht weit her. Und selbst wer gut versichert ist, muss aufpassen. Sonst geht der Versicherungsschutz beim Stellenwechsel verloren.

aktualisiert am 10. Feb 2016 12:07

«Zwei Monate nach einem Stellenwechsel bin ich krank geworden. Der neue Arbeitgeber will mir für die Dauer der Krankheit keinen Lohn zahlen», klagt eine Beobachter-Leserin an der Hotline des Beratungszentrums. «Wovon soll ich denn leben?» Ein typischer Fall. Oft lautet die Antwort leider: Dauert die Krankheit länger und sind die Reserven aufgebraucht, bleibt nur der Gang zum Sozialamt.

Denn nach den Regeln des Obligationenrechts (OR) schuldet der Arbeitgeber erkrankten Arbeitnehmenden in den ersten drei Anstellungsmonaten keinen Lohn (ausser der Vertrag wäre befristet und für länger als drei Monate geschlossen). Für den Rest des Dienstjahrs besteht der Anspruch auf drei Wochen Lohnfortzahlung bei Krankheit. In den folgenden Jahren gilt er «für eine angemessene längere Zeit», je nach Dauer des Arbeitsverhältnisses und den besonderen Umständen. Auf der Basis des Gesetzes hat die Gerichtspraxis regional verschiedene Skalen entwickelt. So ist bei Krankheit der Lohn nach der Basler Skala beispielsweise im dritten Dienstjahr zwei Monate lang zu zahlen, nach der Berner Skala ebenso und nach der Zürcher Skala für neun Wochen.

Alternativ lässt das Gesetz «eine von den vorstehenden Bestimmungen abweichende Regelung» zu, sofern sie «für den Arbeitnehmer mindestens gleichwertig ist». Solche Alternativen kennen viele Unternehmen, und die meisten Gesamtarbeitsverträge schreiben Besseres statt nur Gleichwertiges vor. Verbreitet sind Kollektiv-Krankentaggeldversicherungen für alle im Unternehmen Beschäftigten mit einer Leistungsdauer von 720 Tagen und einer Deckung von meist 80 Prozent des Lohnausfalls. Bei einer Wartefrist von mehr als drei Tagen bleibt der Arbeitgeber zur Lohnfortzahlung verpflichtet, bis das Taggeld fliesst.

Doch auch wenn der Arbeitgeber eine Taggeldversicherung abgeschlossen hat, ist der Schutz nicht immer besser als das gesetzliche Minimum. Das gilt umso mehr, als es unterschiedlichste Varianten von Versicherungslösungen gibt. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollten daher den aktuellen oder künftigen Arbeitgeber genau fragen, unter welchen Voraussetzungen und wie lange die Taggelder den Lohnausfall bei Krankheit decken. So sind zum Beispiel bei allen Taggeldversicherungen Vorbehalte (Leistungsausschlüsse) für Krankheiten erlaubt, die einmal aufgetreten sind und wieder auftreten können. Die Lohnzahlung ist in diesen Fällen meist auf das gesetzliche Minimum begrenzt.

Nicht selten stolpern auch Arbeitgeber über derartige Regeln – und sind dann bass erstaunt, wenn sie trotz der abgeschlossenen Versicherung im Einzelfall doch Lohn zahlen müssen, weil das Taggeld nicht fliesst. Allerdings bieten die Versicherer – gegen eine höhere Prämie – durchaus auch Verträge an, die eine volle Deckung gewähren.

Fazit: Es reicht nicht, nur die Höhe von Prämien und Taggeld anzusehen – zu beachten sind darüber hinaus zahlreiche andere Faktoren. Das gilt sowohl für Arbeitnehmer wie auch für Arbeitgeber. Der Beobachter-Leserin hätte das allerdings auch nichts genützt, denn ihr Arbeitgeber hatte nicht einmal eine Taggeldversicherung.

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Nach VVG oder nach KVG versichert?

Taggeldversicherungen gibt es auf der Basis zweier verschiedener Rechte: Nach privatem Versicherungsrecht, also nach Versicherungsvertragsgesetz (VVG), und nach dem Krankenversicherungsgesetz (KVG). Einige der Unterschiede:

  • Für die KVG-Versicherung regelt das Gesetz (KVG) fast alles Wichtige. Bei Versicherungen nach VVG dagegen sind die abgeschlossene Police und die allgemeinen Versicherungsbedingungen (AVB) für fast alles massgebend.

  • Vorbehalte (Leistungsausschlüsse für früher schon aufgetretene Krankheiten, die wieder ausbrechen können) sind zwar in beiden Versicherungssystemen erlaubt. Aber beim KVG-Taggeld ist deren Dauer auf fünf Jahre begrenzt, in VVG-Verträgen können sie zeitlich begrenzt oder lebenslänglich gelten.

  • Bei KVG-Versicherungen sagt das Gesetz, was bei einer Kürzung des Taggelds wegen teilweiser Arbeitsunfähigkeit oder Überentschädigung gilt. Die VVG-Versicherer regeln diese Themen in den Versicherungsbedingungen.

Was beim Stellenwechsel zu beachten ist

  • Klären Sie, ob Sie auch nach dem Stellenwechsel in einer Kollektivversicherung bleiben oder ob Sie in die Einzelversicherung der Gesellschaft, mit der der alte Arbeitgeber einen Vertrag geschlossen hat, übertreten können. Beachten Sie die Übertrittsfristen (nach KVG drei Monate, nach VVG meist 30 Tage). Für Arbeitslose besteht immer ein gesetzlicher Anspruch auf Übertritt innert drei Monaten, und der Beginn der Taggeldzahlungen kann auf den 31. Tag gelegt werden (auch wenn die Kollektivversicherung später zahlt). Andere Versicherte können meist ebenfalls übertreten.

  • Wer in die Einzelversicherung übertreten kann, verlangt eine Offerte. Das KVG gibt einen gesetzlichen Übertrittsanspruch, die meisten VVG-Versicherer räumen ihn im Vertrag ein. Neue Vorbehalte für gleiche Leistungen wie im Kollektiv verbietet das KVG, anders können VVG-Verträge lauten. Einzelversicherungsprämien sind höher als Kollektivprämien.

  • Wer will, kann auch andere Offerten einholen. Nur: Kein anderer VVG-Versicherer muss mit ihm einen Vertrag schliessen. Auf KVG-Einzeltaggeldversicherungen besteht zwar ein Anspruch, aber die Versicherer bieten meist nur eher kleine Taggelder an, und die Prämien sind hoch.

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Autor:
  • Walter Ilg
  •  und Beobachter Beratungsteam
Bild:
  • Thinkstock Kollektion