Opfer von Zwangsmassnahmen «Das nötige Geld wäre da»

Thomas Huonker ist unabhängiger Historiker, Autor und Experte für die Geschichte fürsorgerischer Zwangsmassnahmen. Er lebt in Zürich.

Zahlungen an Opfer administrativer Zwangsmassnahmen dürften die Schweiz bis zu 1,5 Milliarden Franken kosten, schätzt Historiker Thomas Huonker. Es gehe um Gerechtigkeit.

Beobachter: Warum ist es wichtig, dass die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen finanziell entschädigt werden?
Huonker: Thomas Huonker: Weil der Staat die Grundrechte dieser Menschen krass verletzt hat. Dafür muss er sie entschädigen. Tut er das nicht, setzt er die Diskriminierung dieser Menschen fort.

Beobachter: Aber Geld kann erlittenes Leid nicht wiedergutmachen.
Huonker: Ja, leider. Wiedergutmachung ist auch das falsche Wort. Es geht um Gerechtigkeit. Diesen Leuten wurden als Kinder und Jugendliche ihre Würde, die körperliche Unversehrtheit und häufig auch ein guter Start ins Leben genommen. Nun muss man ihnen etwas zurückgeben. Zumal viele von ihnen heute unter prekären Bedingungen leben: Viele haben nie ihren Platz im Leben gefunden, auch beruflich nicht, weil sie nie oder nur eine schlechte Ausbildung machen konnten.

Beobachter: Wie hoch schätzen Sie die Summe der Entschädigungen, die in der Schweiz ausbezahlt werden müssten?
Huonker: Wahrscheinlich ungefähr so hoch wie in Irland. Eine oder anderthalb Milliarden Franken.

Beobachter: Viel Geld in wirtschaftlich angespannten Zeiten.
Huonker: Das Geld-Argument ist verlogen. Die Schweiz hat Geld. Sie hat für ein Vielfaches dieses Betrags eine Grossbank gerettet, und für die Grundstückbesitzer, die nun infolge des neuen Raumplanungsgesetztes Bauland verlieren, sind Entschädigungen bis zu 30 Milliarden vorgesehen. Es ist beschämend, wenn in einem reichen Land wie der Schweiz das Geldargument kommt. Die öffentliche Hand darf an den Verding- und Heimkindern nicht nochmals sparen, um das Budget zu sanieren.

Beobachter: Wie meinen Sie das?
Huonker: Gemeinden und Kantone platzierten Kinder und Jugendlich dort, wo es möglichst wenig kostete. Das Kindswohl war zweitrangig. In den meisten Heimen leisteten Kinder und Jugendliche unbezahlte Arbeit. Und der Chefökonom einer Grossbank rechnete kürzlich aus, dass die jahrhundertelange unbezahlte Arbeit der Verdingkinder für die Landwirtschaft nach heutiger Kaufkraft rund 20 Milliarden Franken wert war.

Autor:
  • Markus Föhn
Bild:
  • private Aufnahme
09. April 2013, Beobachter 7/2013

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