Der Fall Absturz ins Bodenlose

Ein Unfall mit Folgen: Lucius Arbenz stürzte in der Rekrutenschule mit dem Fallschirm ab.

In der Rekrutenschule stürzt Lucius Arbenz mit dem Fallschirm ab. Kurz vor der Pensionierung kämpft er noch immer mit den Folgen des Unfalls.

Es hätte nie passieren dürfen. Und wenn sich das welsche Fernsehen nicht zum Dreh angemeldet hätte, wären die vier jungen Fallschirmjäger an diesem gewitterhaften Apriltag 1972 wohl am Boden geblieben. Doch «hätte» und «wäre» hilft Lucius 
Arbenz nichts mehr.

«In der privaten Sportfliegerei achtet man in der Regel auf den gesunden Menschenverstand, ist vorsichtiger, und jeder entscheidet für sich. Im Militär entscheiden die Vorgesetzten.» So erklärt sich der heute 64-Jährige, wie es zu dem Unfall kommen konnte, der sein Leben für immer verändert hat.

Sein Traum ist auf einen Schlag zerstört

Die TV-Crew filmte den Absprung des ­Rekruten-Quartetts der Kleinfliegerkompanie 17 im Rahmen einer Dokumentation. Gut 100-mal war der damals 19-jährige Bündner zuvor bereits abgesprungen, einzeln und in Formationen mit Kollegen. Im Figurenspringen, wo man sich im freien Fall um die eigene Körperachse dreht, holte er sich gar mehrere Auszeichnungen. Arbenz war alles andere als ein Anfänger.

Vollgepackt mit Haupt- und Rettungs­fallschirm am Rücken, Rucksack am Bauch, Funkgerät, Pistole und umgeschnalltem Sturmgewehr – so stapfte er auf dem Militärflughafen Payerne zum Flugzeug. Hinter dem Hangar türmten sich bereits schwarze Wolken auf. Der Einsatzplan sah einen Absprung auf 2000 Meter über Boden vor, doch wegen starken Regens kam der Befehl zum Springen schon auf rund 600 Metern.

«Wir hatten zu wenig Höhe, zu viel Wind und konnten das Ziel unmöglich ansteuern», erzählt Arbenz. «Ich verliess das Flugzeug mit einem stabilen Abgang und öffnete den Fallschirm nach drei Sekunden.» Sofort wird er von einer Böe erfasst. Er schaukelt am offenen Schirm hin und her und verliert dabei kurz die Orientierung. Die Sicht ist miserabel.

Der Fallschirm verfängt sich im Geäst, unter dem Gewicht stürzt er mehrere Meter zu Boden.

Unter sich sieht er nur noch, wie der Wald rasch immer näher kommt. Er weiss nicht, wie er es über die Wipfel schaffen soll. Da ­entdeckt er eine kleine Waldlichtung, steuert darauf zu. Doch er ist bereits zu tief. Mit gros­ser Wucht knallt er gegen eine Tanne. Der Fallschirm verfängt sich zwar im Geäst, unter dem Gewicht seiner Ausrüstung stürzt er aber aus mehreren Metern zu Boden. Arbenz bleibt bewusstlos liegen.

Der Unfall sollte sein Leben für immer verändern. Mit stechenden Schmerzen im Rücken und an den Knien wacht er aus der Bewusstlosigkeit auf. Er spürt instinktiv, dass es Schluss ist mit seinem Traum vom Fallschirmspringen. Er hat sich gegen den Willen der Eltern dafür entschieden und auf die ­Eliteausbildung in der Armee gesetzt. Das geht ihm in diesem Moment durch den Kopf.

Die Versicherung weigert sich zu zahlen

Arbenz schleppt sich aus dem Wald, trifft auf seine Kameraden, die ihn ins Lazarett bringen. Die lädierten Knie entzünden sich, sie müssen mehrmals punktiert werden. Er beisst auf die Zähne, will die RS trotzdem beenden – ist er doch für die Unteroffiziersschule vorgemerkt. Doch dazu kommt es nicht mehr.

Wenige Wochen nach dem Absturz muss Arbenz erstmals operiert werden. Die Ärzte im Kreuzspital Chur ­diagnostizieren einen Hinterhornriss, einen Querriss und eine Vorderhornablösung am Meniskus samt Knorpelschädigungen am rechten Knie. Der Meniskus wird entfernt. Als ihm der Gipsverband abgenommen wird, erschrickt er. «Von meinem Bein war nur noch der Knochen übrig. Die Muskulatur hatte sich völlig zurückgebildet.»

Wegen einer Nachbehandlung fragt er bei der zuständigen Militärversicherung nach. Und erlebt die nächste grosse Enttäuschung: Die Versicherung weigert sich, die Therapie zu bezahlen. Die Schmerzen bleiben.

Er zieht sich immer mehr zurück

Ans Fallschirmspringen oder an Sport ist nicht mehr zu denken. Für den leidenschaftlichen Bewegungsmenschen Arbenz, der sich zur Vorbereitung auf die Rekrutenschule einen eigenen Trainings-Parcours im Wald angelegt hatte, ist die erzwungene Passivität schwer zu ertragen. Er zieht sich immer mehr zurück. Schlafen kann er nur noch mit Schmerzmitteln.

Darüber, was dann geschah, redet Arbenz nur ungern. Er schreibt lieber – zum Beispiel an seinem Manuskript «Fallschirmabsprung in ein sorgenvolles Leben». Seine Stimme ist brüchig, fast tonlos. Er wägt ab, wirkt gezeichnet. «Man kommt nicht an ihn heran, und er kommt nicht aus sich heraus», schreibt sein Psychiater, der ihn seit Jahren begleitet.

Der Sanitärinstallateur, der sich nach der Lehre zum Sanitärzeichner und zum technischen Kaufmann weitergebildet hat, muss sich umschulen lassen. Er wird Liegenschaftenchef ­einer Verwaltung. Später leitet er die Filiale einer Rohrreinigungsfirma.

Es wird noch schlimmer, als seine Tochter auf dem Weg zur Spielgruppe tödlich verunfallt.

Von aussen betrachtet geht es ihm in den 20 Jahren nach dem Absturz gut. Doch irgendwann ist Schluss. Die Unfallfolgen machen ihm zunehmend zu schaffen. Weitere belastende Operationen werden nötig. In den Fachgutachten aus dieser Zeit ist von schweren Knorpelschäden die Rede, von massiver Narbenbildung, einem Horizontalriss am Restmeniskus und freiliegenden Knochen. Es schmerzt schon, wenn man nur die Akten liest.

Karriere und Familie sind zerstört

Arbenz braucht regelmässig Therapien, ist nicht mehr voll arbeitsfähig. So kann er auch keine Führungsaufgabe mehr wahrnehmen. 1995 verliert er die Kaderstelle. Im Gutachten des Medizinischen Zentrums Bad Ragaz und des Kantonsspitals Chur heisst es: «Eine berufliche Tätigkeit ist nur noch in geschützten Räumen möglich, vorwiegend sitzend, teilweise stehend und gehend im Sinne von Wechselbelas­tungen. Sitzen mit gebeugtem Knie­gelenk ist nur eine Stunde möglich.»

Ein Teufelskreis. Weil ihn die Knie schmerzen, steht er nicht mehr harmonisch, was die Wirbelsäule belastet. Der Vater von zwei Kindern findet nur noch Kurzzeitanstellungen, Existenzängste plagen ihn. «Meine Laufbahn und mein familiäres Umfeld zerbrachen nach und nach. Die Unfallfolgen wurden zu einer unerträglichen Last.»

Seine Frau lässt sich scheiden – ­eine traumatische Erfahrung. Es wird noch schlimmer, als seine Tochter einige Monate nach der Scheidung auf dem Weg zur Spielgruppe tödlich verunfallt. Er heiratet ein zweites Mal, lebt aber heute von der Frau getrennt.

Er sei «in seiner Opferrolle gefangen», vereinsamt und lebe zurück­gezogen, schreibt sein Psychiater. Das mache ihn dauerdepressiv. Hinzu ­kämen der Verlust an Selbstvertrauen und des Selbstwertgefühls, Unentschlossenheit, Selbstmordgedanken, psychomotorische Hemmung und Schlafstörungen. Zudem habe er eine Abneigung gegen Antidepressiva, die er auch nur schlecht vertrage.

Daneben plagen ihn immer stär­kere finanzielle Sorgen. Die Situation verschärft sich, als beruflich nichts mehr geht. Arbenz stellt einen Rentenantrag bei der IV und der Militärversicherung. Es beginnt ein langwieriger Kampf bis vor die Gerichte. Das Verwaltungsgericht des Kantons Graubünden bescheinigt ihm 2001 eine 75-prozentige Invalidität, er erhält ­eine volle Rente zugesprochen. Das entscheidende Gutachten spricht von fortgeschrittenem Gelenkverschleiss an beiden Knien, chronischen Rückenschmerzen und einer mittelgradigen depressiven Störung.

Die Ärzte sprechen nur Spanisch

2004 wird ihm im rechten Knie eine Prothese eingesetzt. Mit mässigem Erfolg, die Schmerzen bleiben. Zu allem Übel entwickelt er auch noch eine Bauchhernie, eine Folge des unfall­bedingten Bewegungsmangels. 2007 zieht er nach Spanien, wo er jetzt die meiste Zeit verbringt. Das Klima bekomme ihm besser.

Wenigstens sind nun die finanziellen Sorgen vom Tisch. Mit der IV- und der Militärversicherungs-Rente ist er gut abgesichert. Aber nur bis im November 2010, als er von der IV zu einer Rentenrevision aufgeboten wird. Arbenz ist zu diesem Zeitpunkt 58, schon seit über zehn Jahren nicht mehr berufstätig. Wegen seiner physischen wie psychischen Einschränkungen und seines Alters ist er auf dem Arbeitsmarkt praktisch chancenlos. «Es wird immer wieder Benzin ins Feuer gegossen, mein Leben noch unerträglicher gemacht», sagt Arbenz.

Es geht alles schief. Die Begutachtung wird in Spanien von spanischen Ärzten durchgeführt. Sie sprechen überhaupt kein Deutsch, er lediglich ein paar Brocken Spanisch. Während der Untersuchung wird er im Com­putertomografen fixiert, bis ihm übel wird. Arbenz wendet sich an die zuständige IV-Stelle in Genf und schildert dort seine Erfahrungen. Er erhält keine Antwort. Einer der spanischen Gutachter kommt zum Schluss, sein gesundheitlicher Zustand habe sich verbessert.

Doch so ganz wohl ist es auch der IV nicht. Sie bietet Arbenz 2012 in die Schweiz auf. Ein Facharzt für Rheuma und innere Medizin und ein Psychiater führen die erneute Untersuchung durch. Der Psychiater bildet sich sein Urteil nach einem knapp halbstündigen Gespräch, bei dem er Arbenz vor allem das spanische Gutachten vorliest. Es bestehe weiterhin eine mittelschwere depressive Episode, die aber milder erscheine als 2001. Laut dem Rheumatologen geht es dem Rücken zwar schlechter, dem rechten Knie aber besser.

Arbenz ist frustriert. Die Abklärung erscheint ihm eher als IV-Prozentrechnen denn als seriöse Begutachtung. Das Resultat ist entsprechend. Die Gutachter kommen zum Schluss, dass Arbenz eine «leichtere, angepasste Tätigkeit» zu 45 Prozent zugemutet werden könne. Sein Anspruch wird auf eine Dreiviertelrente gekürzt. Ab 2013 erhält er deshalb monatlich 1300 Franken weniger. Zwei Revisionsgesuche werden abgelehnt.

«Es ist staatsbürgerlich beschämend»

«Wer stellt schon einen 64-Jährigen mit körperlichen und psychischen Problemen ein?», fragt Arbenz. Das Vorgehen der Invaliden- und der Militärversicherung kann er nicht akzeptieren. «Das sind doch selbstherrliche Apparate. Das einzelne Schicksal interessiert sie gar nicht.»

Sein Anwalt formuliert es in seiner Einsprache gegen die Rentenkürzung etwas differenzierter: «Die Beschwerden sind auf einen unverschuldet erlittenen Unfall bei einem risikoreichen Manöver während der Rekrutenschule zurückzuführen. Die Rente zu kürzen ist absolut unverständlich und staatsbürgerlich beschämend. Man sollte diesen Versicherten, der im Dienste der Schweiz verunfallt ist und deswegen ein jahrzehntelanges Martyrium hinter sich hat, endlich in Ruhe lassen.»

Autor:
  • Bernhard Raos
Bild:
  • Kornel Stadler
09. Dezember 2016, Beobachter 25/2016

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