Jungunternehmer Im Rollstuhl durchgestartet

«Ich bin ‹inkomplett› querschnitt­gelähmt»: Unternehmer und Landschafts­fotograf Patrick Mayer.

Patrick Mayer ist seit einem Unfall mit dem Snowboard gelähmt. Der Schicksals­schlag hat seine sportliche Laufbahn beendet. Und war Startschuss für seine neue Karriere.

Patrick Mayer fährt den Gabelstapler vors Regal und platziert die Träger unter die Holzpalette. «Ich muss vorsichtig sein.» Er will eine Bestellung für 20 Paar Kufen für Kinderwagen ausliefern, die er am Vortag gepackt hat. Den Stapler hat er bestens im Griff – wie alle anderen Geräte in seiner Firma.

Das ist für einen 38-Jährigen nichts Ungewöhnliches, nur: Mayer sitzt im Rollstuhl. Er ist querschnittgelähmt – «inkomplett». Mit anderen Worten: Er kann kurze Strecken mit Gehhilfen bewältigen. Etwa wenn er zum Fotografieren in die Berge fährt und dort mit dem Rollstuhl nicht weiterkommt.

Im Arbeitsalltag aber fährt Mayer ausschliesslich Rollstuhl. Viele Male täglich lädt er das 7,8 Kilo leichte, schnittige Gefährt in sein Auto und wieder aus. Mayer bewegt sich elegant und zügig, die Arme muskelbepackt wie die eines Bodybuilders.

Seine Einstellung kommt vom Freestyle im Snowboarden, der Sport dient ihm bis heute als Richtschnur. «Es geht um ‹free› und ‹style› – frei zu sein und den Stil zu wahren, in allem, was ich tue», sagt er. «Dieser Anspruch zieht sich durch mein Leben, daran hat auch der Unfall nichts geändert.»

Die Welt ein bisschen besser machen

Im Industriequartier von Maienfeld im Bündner Rheintal, einen Katzensprung von der Autobahn entfernt, hat sich Mayer auf rund 200 Quadrat­metern mit seiner Firma Wheelblades eingemietet. Seit sieben Jahren tüftelt der Psychologe an technischen Hilfsmitteln für Menschen mit Behinderung. Seine Firma ist Kreativzentrum, Produktionsstätte und Vertriebsort zugleich. Sein Ziel sind nicht bloss grosse Gewinne – er möchte mit seinen Erfindungen «die Welt ein bisschen besser machen». Und zwar für diejenigen, die mit körperlichen Einschränkungen leben.

Mayers Spezialaufsatz «SafetyFoot» macht Gehilfen rutschfest.

Sein erstes Produkt heisst wie seine Firma: Wheelblades. Die kurzen Skier werden an den Vorderrädern von Rollstühlen und Kinderwagen befestigt. «Schau, so schnell sind sie montiert», sagt Mayer. Er legt die Kufen auf den Boden, kippt den Rollstuhl leicht an, platziert die Vorderräder in der Bindung und schliesst den Klemmverschluss. Nun könnte er über schnee­bedeckten Untergrund flitzen.

Fürs Skifahren seien die Wheelblades nicht gemacht, «aber ich bin damit auch schon die Piste runtergefahren», sagt er lachend. «Ich muss doch testen, wo die Grenzen sind.» Die Variante für Kinderwagen funktioniert gleich. Damit schieben Eltern das Gefährt wie einen Schlitten über den Schnee. Seine Wheelblades verkauft Mayer weltweit. Für das Design hat er mit ­seiner Firma begehrte Preise eingeheimst, so den Red Dot Award, den Good Design Award, den German ­Design Award.

Verblüffend einfach, aber nicht minder effektiv ist Mayers jüngstes 
Erzeugnis, der SafetyFoot. Es ist ein Spezialaufsatz, mit dem Gehhilfen rutschfest und stabil gemacht werden. «Damit können sich Gehbehinderte auf jedem Terrain trittfest fortbewegen. Im Schnee, im Sand, auf einer weichen Wiese oder im Schwimmbad.» Es sei enorm, wie viele Stürze es mit Gehhilfen gebe und welche Kosten solche Unfälle verursachten, sagt der Tüftler. Dem könne der SafetyFoot vorbeugen.

Er nimmt das kleine x-förmige Gerät in die Hand und zeigt, dass es wie eine Kralle in den Untergrund greift. «Allein die Struktur verleiht Halt.» Jedes Detail ist genauestens durchdacht, unzählige Male erprobt und ­optimiert. Mayer ist ein Perfektionist.

Er hat sein ganzes Geld in seine Firma investiert. Seit fünf Jahren gönnt er sich kaum noch Freizeit, ­Ferien schon gar nicht. Das unternehmerische Know-how hat er sich fast gänzlich selbst beigebracht. «Ich bin pausenlos dabei, Erfahrungen zu ­sammeln.» Dazu zählen viele gute – etwa die beglückende Erkenntnis, dass ­seine Produkte gefragt sind; dass es sich gelohnt hat, für das Design mit Profis zusammenzuarbeiten und auf das Label «Swiss made» zu setzen.

Potente Partnerfirmen im Boot

Mayer hat den Stapler bestens im Griff – will alle anderen Geräte in seiner Firma.

Die Kehrseite der Medaille sind 
die Schwierigkeiten, mit denen ­jedes Start-up kämpfen muss, wenn es da­rum geht, das Geschäft zu finan­zieren und die Idee bis zur Marktreife voranzutreiben.

«Das Risiko liegt voll und ganz bei mir. Das ist der Preis für meine Unabhängigkeit», sagt Mayer. Doch er bereue nichts an seinem selbstbestimmten Weg. Es fühle sich super an, frei entscheiden zu können, ohne Rücksicht auf einen Partner oder Investor. «Ich treffe gute Entscheidungen, und ich habe ein Gefühl für die Produkte.»

Für den Vertrieb des SafetyFoot konnte er potente Partnerfirmen in mehreren Ländern gewinnen, darunter den Schweizer Gesundheitslogistiker Cosanum. «Das Produkt entspricht einem echten Bedürfnis», attestiert Cosanum-Verwaltungsratspräsident René Schefer. Was Mayer aus seinem Schicksal gemacht, wie er sich aus dem Tief gezogen und eine Existenz aufgebaut habe, sei «sensationell und bewundernswert».

Wenn der 38-Jährige seine Stärken hätte entfalten können, die ihm in die Wiege gelegt waren, wäre er heute wohl Profisportler – vielleicht auch Trainer oder Sportlehrer, auf jeden Fall hätte er etwas mit Sport zu tun. Denn Patrick Mayer, geboren im deutschen Tübingen, war in seiner Jugend ein Talent, einer, dem alles gelang, der ­eine gewaltige Sprungkraft besass und in allen Sportarten unter den Besten war. Von diesem früheren Ich erzählt er wie von einer anderen Person – distanziert und abgeklärt.

Sein Element sei schon immer der Schnee gewesen. Mit neun begann er mit Snowboarden, was ihn bald in die Schweizer Berge führte, ins Unterengadin, wo er das Hochalpine Institut Ftan besuchte. Mayer perfektionierte dort seinen Style mit Sprüngen, Drehungen in der Luft und zahllosen Tricks. Er wollte Profi werden.

Schicksalsschlag am 1. April

Dann kam der 1. April 2000, der das Leben des damals 20-Jährigen schlagartig ver­änderte. «Es war im Boardercross. Ein Rennen, bei dem mehrere Fahrer gleichzeitig gegeneinander starten.» Mayer war unkonzentriert, denn vor dem Start hatte es unter den Fahrern eine heftige Diskussion gegeben. «Dann kam eine Mulde mit einer Mega-Kompression, die dich in die Knie drückt. Du hast Mühe, diese Kompression überhaupt zu stehen, weil du sehr schnell unterwegs bist, und dann ging es direkt in eine Rechtskurve mit ­diesem Sprung.»

Eine kurze Unkonzentriertheit, und das Schicksal nahm seinen Lauf. Mayer flog über die Schanze hinaus, landete auf dem Rücken in einem vereisten Gegenhang und blieb bewusstlos liegen. Minuten später kam der Rettungshelikopter.

«Es geht um ‹free› und ‹style› – frei zu sein 
und den Stil zu wahren, in allem, was ich tue.»

Patrick Mayer

Vom Unfallort im Engadin wurde er ­direkt in die Klinik nach Innsbruck ge­flogen, wo er notoperiert wurde. Doch die härteste Prüfung stand ihm noch bevor: die Rehabilitation in seinem Heimatort Tübingen, wo Eltern und Schwester lebten. «Meine Familie litt schwer unter dem Schicksalsschlag», erzählt Mayer. Auch er selbst haderte. Er war querschnittgelähmt, sein Leben würde nie wieder das sein, wovon er einst geträumt hatte.

Die Rehazeit habe er nur dank seiner Familie und Freunden durchgestanden. «Sie hat mich härter und pragmatischer gemacht. Am Ende geht es schlichtweg ums Leben, um die Tatsache, noch immer hier zu sein und teilhaben zu können.» Ihm sei damals bewusst geworden, dass alles noch viel schlimmer hätte kommen können. Die Schicksale der höher gelähmten Patienten, die nur noch den Kopf bewegen können, beeindruckten ihn tief, machten ihn gar demütig. «Mit einem ­inkompletten Querschnitt war ich noch vergleichsweise gut dran.»

Heute sei er glücklich und dankbar: dass es ihm gelungen sei, aus dem Nichts eine Firma zu gründen und aus Hoffnungslosigkeit neue Perspektiven zu entwickeln. «Wenn ich sehe, wie manche Leute Privilegien verschleudern und Chancen vertun, sage ich mir: lieber mein Weg, lieber die harte Variante.»

Erkenntnis in der Schlafklinik

Es dauerte allerdings Jahre, bis Mayer zu dieser inneren Reife gelangte. Nach der Rehabilitation studierte er Psychologie und Soziologie – in den eigenen vier Wänden, via Fernuniversität. «Es war für mich undenkbar, eine reguläre Uni zu besuchen. Ich war 20 Jahre lang Sportler ge­wesen und musste mich nun damit ab­finden, als ­Behinderter wahrgenommen zu werden. Diese Umstellung forderte viel von mir.» Er brauchte Zeit.

«Das Risiko liegt voll bei mir. Das ist der Preis für meine Unabhängigkeit»: Patrick Mayer

Nach dem Bachelor erhielt er einen Job in der Schlafklinik Luzern. Dort betreute er Patienten mit schweren Atem- oder Schlafstörungen. Mayer erklärte den Betroffenen die Therapie mit einem Atem­gerät, das sie beim Schlafen einsetzen sollten. Durch diese Tätigkeit entwickelte er allmählich eine pragmatische Sicht auf seine eigene Lage. «Es war ein Reifungsprozess, der auf die Einsicht ­hinauslief: Wer unter Schlafapnoe leidet, benutzt ein Atemgerät, wer schlecht sieht, setzt sich eine Brille auf, und wer nicht gehen kann, fährt eben Rollstuhl. Punkt.»

Über Mayers Arbeitsfläche, wo er meistens am Laptop arbeitet, hängt eine überdimensionale Landschaftsaufnahme in Schwarzweiss. Sie zeigt eine schneebedeckte Bergflanke mit einem funkelnden See im Vordergrund. Ein beeindruckendes Bild. Mayer hat es auf dem Flüelapass aufgenommen.

Die Landschaftsfotografie ist sein ­gros­ses Hobby, das er ebenso leidenschaftlich betreibt wie sein Geschäft. Wahrscheinlich bedingt das eine sogar das andere – denn ohne den SafetyFoot, seine neue Gehhilfe, könnte er sich auf dem Schnee nicht fortbewegen, könnte keine felsigen Böden betreten oder sich nicht in matschiges Terrain vorwagen. Doch genau das will er. «Mein ganz gros­ser Traum sind Foto­reisen an Orte, die nur sehr schwer zu erreichen sind. Etwa in den ­Urwald in Neuseeland, wo das Moos von den Bäumen hängt», sagt er.

Mit seinen Fotos wolle er magische ­Momente festhalten und anderen zugänglich machen. «Das will ich unbedingt ­erreichen, dieses Ziel treibt mich an.»

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Menschen mit körperlichen Behinderungen überwinden Treppen in neuartigen Rollstühlen, hantieren mit modernsten Prothesen oder liefern sich Rennen in Exoskeletten: Der Cybathlon, ein Wettkampf für Athleten mit Behinderungen, fand Anfang Oktober 2016 erstmals statt. Organisiert wurde er von der ETH Zürich. Der Event will eine Plattform bieten für neue, alltagstaugliche Assistenzsysteme – und Barrieren abbauen für Menschen mit Behinderungen.

Der technische Fortschritt hält aber noch ganz andere Entwicklungen bereit. Das zeigt die neue Studie «Robotik und Behinderungen» des Gottlieb-Duttweiler-Instituts. «Die Rede ist von alltagstauglichen Exoskeletten, klugen wie auch empathischen Assistenzrobotern oder neuartigen Prothesen, die ihre natürlichen Vorbilder an Funktionalität weit übertreffen», schreibt Michael Harr von der Stiftung Cerebral, die die Studie in Auftrag gegeben hat. Selbst Nanoroboter solle es laut Harr dereinst geben, die mit den Gehirnzellen interagieren sowie Signale senden und empfangen können.

Robotik und technologische Innovationen können dafür sorgen, dass alle Menschen gleichermassen an der Welt teilhaben. Doch der Einbezug in die Gesellschaft ist nur die eine Seite der Medaille. Die Technik wirkt sich auch auf das Bild aus, das die Gesellschaft von Behinderungen zeichnet.

Der deutsche Psychologieprofessor Bertolt Meyer, der selber eine Handprothese trägt, schreibt in der Studie, Hightech habe das Potenzial, «die gesellschaftlichen Stereotype über Menschen mit Körperbehinderungen zu verändern». Statt als «hilfsbedürftig und inkompetent» werden die Betroffenen dank Technik als kompetent und eigenständig wahrgenommen.

Wenn man ihnen nicht mehr mit Mitleid begegne, gebe es für sie keinen Grund mehr, sich für ihren Körper zu schämen, argumentiert Meyer. Das könne enorm zum Selbstwertgefühl beitragen.

Der Psychologieprofessor macht aber auch ein Risiko aus. Wenn die Medien die Hilfsmitteltechnologie überzeichneten und – verknüpft mit Superkräften – als bedrohlich darstellten, würden die Benutzer als «Cyborgs» typisiert. Womit erneut eine Ausgrenzung drohe.

Autor:
  • Irène Dietschi
Bild:
  • Luxwerk  
03. Februar 2017, Beobachter 3/2017

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