Solidarität Drei Kämpfer für die kleinen Leute

Schmerzpatienten und psychisch Kranke fallen bei der IV immer öfter durch die Maschen. Eine Lobby haben sie nicht. Nur ein paar Idealisten setzen sich für sie ein: Drei Porträts.

David Husmann, Rechtsanwalt


David Husmanns Kanzlei liegt im ­teuren Zürcher Seefeld. So sieht sie auch aus: edler Holzboden, sorgfältig gewählte Möbel. Husmann, Anwalt für Versicherungsrecht, lädt ins Sitzungszimmer mit Aussicht. An machtlose Unfallopfer und IV-Bezüger denkt man nicht als Erstes, wenn man den Blick über die Hausdächer schweifen lässt. Und doch sind sie es, für die sich der Anwalt starkmacht.

«Ich habe schon immer eine soziale Ader gehabt», sagt der Bündner. Und wie das laufe mit der Verteilung der Ressourcen in einer Gesellschaft, das habe ihn bereits im Gymnasium inte­ressiert. Dann kam Husmann nach ­Zürich, in die Jugendbewegung der achtziger Jahre. Er politisierte und ­studierte Ethnologie, «wie alle anderen auch». Weil er «keinen Papi hatte, der mich finanzierte», beschloss er später, «noch etwas zu lernen, von dem man leben kann»: die Juristerei.

Ein Zampano im positiven Sinn

Als junger Anwalt widmete sich David Husmann dem Mietrecht, verteidigte in Ausländerfragen und begleitete Drogenabhängige vors Gericht. 1997 entdeckte er einen lukrativeren Bereich: das Haftpflichtrecht. «Bei den Versicherungen war damals Geld da, die Sozialversicherungen waren grosszügig. Vielleicht in einigen Fällen sogar zu grosszügig.» Renten seien schnell gesprochen worden, eine Korrektur sicher angebracht gewesen. Aber was jetzt laufe, habe damit nichts mehr zu tun: «Das Pendel hat auf die andere Seite ausgeschlagen und ist an der Decke kleben geblieben.»

Husmann steht auf, streckt sich symbolisch zur Decke. Der Mann kann sich in Szene setzen. Ein Zampano. Es wundert nicht, dass ihm immer wieder grosse Coups gelingen: 2014 zog er den Fall eines Asbestopfers bis an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte – und gewann. Dieses Urteil zwang die Schweiz zur Revision des Verjährungsrechts und führte zu einem mit über 100 Millionen Franken dotierten Fonds für Asbestopfer.

«Huerä Entsolidarisierig!»

«Diese Leute haben Beiträge gezahlt, sie haben zu unserem Wirtschaftswunder beigetragen. Sie haben ein Recht auf Unterstützung, wenn sie vom jahrelangen Krüppeln krank geworden sind.» Ein Jahr nach dem Sieg in Strassburg zwang der umtriebige Anwalt das Bundesgericht in die Knie. Dank ihm gelten Schmerzpatienten heute in der Schweiz nicht mehr grundsätzlich als arbeitsfähig.

Der 56-Jährige sagt, was er denkt. So, wie er es denkt: «Verdammti huerä Entsolidarisierig!» Er sei kein Superlinker, aber man müsse schon sehen, dass die Versicherungswirtschaft in der Schweiz eine riesige Lobby habe, «die kommen grad nach den Bauern». «Vor Gericht bringen sie fast alles durch, und da bei den Privaten vor allem der Shareholder-Value zählt, fallen die Urteile selten zugunsten der Versicherten aus.»

«Die Leute ­werden ­aus­gebeutet. Macht der Rücken nicht mehr mit, spuckt man sie aus.»

David Husmann, Rechtsanwalt

Die IV schwimme dann im Kielwasser mit, sagt er. «Das ist purer Neoliberalismus. Die Leute werden ausgebeutet. Und wenn der Rücken nicht mehr mitmacht, spuckt man sie aus. So was macht mich fuchsteufelswild.» Sagts und zieht an seiner Krawatte, als ­müsse er sich Luft verschaffen.

Vor 15 Jahren lag Husmann selber mit gebrochenem Rücken im Spital. Zwei Monate später sass er wieder in der Kanzlei. Den Rücken spürt er bis heute, zum Beispiel wenn er in der Werkstatt der Hausgemeinschaft steht, in der er mit Familie und Freunden lebt. «Daran darf man andere nicht messen. Die Ressourcen der Menschen sind unterschiedlich», sagt er. «Und ganz ehrlich: Wenn ich für 3500 Franken einen Scheissjob machen müsste, wäre ich wohl auch länger in der Reha geblieben.»

Von Integrationszwang hält Husmann wenig: «Wer stellt jemanden ein, der schlecht qualifiziert ist, über 50 und krank?» Wer die Integration in den Arbeitsmarkt schaffe, mache dies freiwillig. Bei den anderen helfe auch Zwang nicht. «Der Arbeitsmarkt schluckt diese Leute nicht.»

Die Grossen in die Pflicht nehmen

Wenn man diesen Menschen die Rente verweigere, landeten sie bei der Sozial­hilfe. Und das mache sie und ihre Chance auf einen Job endgültig kaputt. «Ich kann damit leben, dass man strenger wird. Aber dann muss man das flankieren mit Quoten, die Grossunternehmen zwingen, Handicapierte einzustellen. Alles andere ist ein Witz.»

Die Grossen. Sie sind aktuell im Visier von Rechtsanwalt David Husmann. Erst kürzlich hat er zusammen mit Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen die Fifa angezeigt – wegen der Arbeitsbedingungen auf deren Baustellen in Katar. «Muss eine Schweizer Vereinigung, die gegen aussen verkündet, Menschenrechte einzuhalten, darauf behaftet werden können?», fragt Husmann. Er meine, ja. So von wegen «verdammti huerä Entsolidarisierig» wahrscheinlich.

Werner A. Disler, 
Psychotherapeut


Nein, eine Couch steht nicht im Büro des Psychotherapeuten und Psychoanalytikers Werner A. Disler. Sie fände auch schwer Platz bei all den Büchern, die sich da in der Zürcher Gemeinschaftspraxis stapeln. Seit mehr als 
40 Jahren ist Disler Therapeut, ans Aufhören denkt der 70-Jäh­rige nicht. Er hat einen Kampf zu ­führen – für 
seine Patienten, gegen die «Entmündigung der Medizin durch die Justiz» und für faire Verfahren für Invalide.

Disler schlängelt sich geschickt zwischen all den Bücherstapeln hindurch, setzt sich an den Schreibtisch, verschränkt die Finger, an denen er Siegelringe trägt, und schiesst los: «Früher konnten wir Gutachten erstellen für diejenigen ­Patienten, die eine Rente benötigen. Meist klappte das dann innerhalb ­weniger ­Wochen.»

In vier Stunden 100 Prozent gesund?

Dann wird er lauter. «Aber plötzlich war da Christoph Blocher, der von ‹Scheininvaliden› sprach. Er machte aus uns anerkannten Fachleuten plötzlich Komplizen von Betrügern», sagt Disler. Dieser politische Umschwung bedeute für seine Patienten «Demütigung, Kränkung und unermessliches Leid».

Disler spricht von der Er­findung ­einer «Versicherungsrechts­medizin», die sich etabliert habe. Will heissen: Juristen, die Krankheiten beurteilten, von denen sie keine Ahnung hätten. Und er findet es unerträglich, dass die Gerichte immer häufiger auf Gutachten von Ärzten abstellten, die von der IV bezahlt würden. «Gerade eben ­wurde eine meiner Patientinnen, die am Rollator geht und seit 21 Jahren ­berentet ist, zu 100 Prozent gesund­geschrieben: von zwei ausländischen Ärzten, die sie gerade mal vier Stunden gesehen haben.»

«Ich bin hoch motiviert, 
den falschen Ärzten und den Richtern ihre Rechtlosigkeit nachzuweisen.»

Werner A. Disler, Psychotherapeut

«So ist das heute!», sagt Disler. ­Resigniert klingt er dabei nicht. Eher angriffslustig. Der Therapeut, der zwischen dem Tessin und Zürich pendelt, versendet regelmässig Bulletins, in d­enen er die politische Situation analysiert und die gängige Gerichtspraxis kritisiert. Er schickt sie an Politiker und an eine steigende Zahl interessierter Fachleute. Vor kurzem hat er eine Fachgruppe gleichgesinnter Anwälte, Therapeuten und Ärzte zusammengetrommelt. Wenn er mal nicht arbeitet, malt er leidenschaftlich gern oder spielt Klavier.

Ohnmächtig fühle er sich eigentlich nie, trotz allem. Man glaubt ihm aufs Wort. «Im Gegenteil! Diese ganze Misere gibt mir Energie!» Er, der als Kind unter seinem gewalttätigen Vater gelitten hat, sich erst als Jugendlicher zur Wehr setzen konnte, kämpft seit langem für diejenigen, die weniger Glück hatten. «Ich habe mehr ­Widerstandskraft mitbekommen als andere», sagt er. «Das verpflichtet.»

Wenn er sehe, was Bürokraten seinen Patienten antäten, peitsche ihn das regelrecht auf. «Ich bin hoch motiviert, den falschen Ärzten, aber auch den sie unter­stützenden Bundesrichtern ihre Rechtlosigkeit nachzuweisen.»

Vom Kämpfer Werner A. Disler wird man auch in Zukunft hören.

Doris Brühlmeier, Psychiaterin


«Es ist ein Drama», sagt Doris Brühlmeier. Seit 27 Jahren arbeitet sie als Psychiaterin im Zürcher Limmattal. Jetzt hat sie genug – nicht von ihrem Job, aber von dem, was aktuell mit psychisch kranken Menschen passiert. Immer mehr Invalide verlieren ihre Rente, andere kämpfen jahrelang vergeblich dafür. «Das muss gestoppt werden!» Ein Aufschrei.

Die Ärztin wirbelt durch die Praxis, setzt sich in einen kuhfellbezogenen Sessel und sagt: «Rentenverweigerung führt zu Rückfällen.» Dann brauchten Patienten mehr Medikamente oder müssten in die Klinik. «Man kann Menschen nicht durch den Entzug der Lebensgrundlage arbeitsfähig machen. Diese Idee ist gescheitert. Und das kann ich beweisen.»

«Man kann Menschen nicht durch den Entzug der Lebens­grund­lage arbeits­fähig machen.»

Doris Brühlmeier, Psychiaterin

Doris Brühlmeier liebt ihren Beruf. Doch seit ein paar Jahren überschattet die Politik ihre Arbeit. Zeitungsberichte über erfolgreiche Sparrunden der Invalidenversicherung tun ihr weh. Patienten, denen eine Rente verweigert oder weggenommen werde, landeten fast ausnahmslos bei der Sozialhilfe, sagt Brühlmeier. Und da gehe es ihnen schlechter als je zuvor. «Liegt es an mir? Bin ich eine so schlechte Ärztin?», habe sie sich gefragt.

Die Frau mit den lebhaften Augen lehnt sich vor. Dann flüstert sie konspirativ: «Ich hatte zwei Möglichkeiten: die Faust machen und eine frustrierte alte Tante werden – oder etwas tun.» Jetzt lacht sie, ihre Gesichtszüge entspannen sich. Die 63-Jährige handelte: Sie erarbeitete einen Fragebogen und schrieb 50 Kollegen an. Sie wollte wissen, was in anderen Praxen mit den­jenigen passiert, die bei der IV durch die Maschen fallen.

Ohne Rente bleibt nur die Sozialhilfe

Das Resultat ihrer Umfrage ist klar: Fast alle, denen die Rente gestrichen wurde, beziehen heute Sozialhilfe. Bei denjenigen, die um eine Rente kämpfen, sind es 60 Prozent. Was Brühl­meier nicht überrascht: Wer eine IV-Rente bezieht, arbeitet oft Teilzeit. «Es geht ihnen nicht besser, wenn man sie ­unter Druck setzt. Im Gegenteil.» Die Aussagen ihrer Kollegen deckten sich eins zu eins mit ihren Erfahrungen. Das zeige doch deutlich, dass hier ­etwas schieflaufe.

Sie wolle nicht ruhen, bis sich die Situation von psychisch Kranken verbessere, sagt Brühlmeier. Und erzählt dann von den Menschen, die sie begleitet: von den Eltern, die für ­ihre an Schizophrenie erkrankte Tochter keinen Antrag auf eine IV-Rente stellen, weil sie Angst haben, dass die junge Frau das «Begutachtungskarussell» nicht durchhält. Oder von Familien­vätern, die mit höllischen Schmerzen zur ­Arbeit gehen, nur um nicht auf ­Sozialhilfe angewiesen zu sein.

«Wir werden alle unterschiedlich gesund, intelligent, reich oder arm ­geboren», sagt Doris Brühlmeier. «Die Leute, die eine IV-Rente haben, stehen ganz sicher nicht auf der Sonnenseite. Ausgerechnet ihnen das wenige zu nehmen, was sie haben, ist unseres Landes einfach nicht würdig. Punkt.»

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Autor:
  • Tanja Polli
Bild:
  • Manuel Rickenbacher
03. Februar 2017, Beobachter 3/2017

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